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Wachstums- vs. Leistungs-Mindset

Jeder Mensch hat bestimmte Denkweisen oder Glaubenssätze, die grundlegend für seine Sicht auf die Welt sind und das eigene Selbstbild prägen. Intensiv mit solchen Mindsets hat sich die Psychologin Carol Dweck bereits Mitte des letzten Jahrhunderts anhand von Schulsituationen beschäftigt. Manche Schüler verzweifelten nicht angesichts unlösbarer Aufgaben, sondern sagten zu sich etwas wie: „Ich liebe kniffelige Rätsel.“ Oder: „Wissen Sie, genau das hatte ich gehofft: dass ich hier was lerne.“ Sie hatten also einen inneren Ansporn des Wachtums,, während andere schneller aufgaben.

Es liegt auf der Hand, dass gerade in einer Zeit des ständigen Wandels ein Mindset, das auf Lernen und Wachstum ausgerichtet ist dabei hilft, sich stetig weiterzuentwickeln. In manchen Jobs mag zwar ein Mindset sinnvoll sein, das sich stark an Regeln und weniger am persönlichen Wachstum orientiert. Denken wir an Flugzeugkapitäne oder Chirurgen. Doch auch hier ist es wichtig, dass Menschen an Fehlern, die im Leben passieren lernen und sich weiter entwickeln.

In der Praxis ist es daher nicht so einfach, sich lediglich an einem Wachstumsmindest zu orientieren. Denn in manchen Situationen geht es nicht um Wachstum und Entwicklung, sondern um Leistung, insbesondere in der Arbeit.

Aus diesem Grund ist es sinnvoll dem Wachstums- ein ergänzendes Leistungsmindset gegenüber zu stellen. Laut der Psychologin Dorette Lochner und dem Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler Georg Berkel haben Menschen mit einem Leistungsmindset folgende Einstellungen:

  • Sie kennen ihre Stärken und Schwächen und wissen, wann sie sie erfolgreich einsetzen können.
  • Wettbewerb motiviert sie.
  • Sie vergleichen sich mit Kollegen, die besser sind.

Diese Einstellungen bringen sie dazu,

  • sich an anspruchsvollen Zielen zu orientieren.
  • Sie wissen, wann es Zeit ist, abzuliefern und zeigen beispielsweise vor Kunden eine professionelle Leistung.
  • Sie versuchen Fehler nur dann zu machen, wenn kein großer Schaden passiert und vermeiden Fehler, wenn dies der Fall wäre.
  • Sie treiben sich selbst und andere zu Höchstleistungen an.

Menschen mit einem Growth-Mindset hingegen …

  • sind überzeugt davon, eigene Fähigkeiten weiterentwickeln zu können,
  • sehen Fehler als Lernchance.
  • schreiben ihre Erfolgsaussichten NICHT ihrer Herkunft oder ihren natürlichen Talenten zu.
  • glauben daran, dass sie fast alles erreichen und lernen können, wenn sie sich durchbeißen, wenn sie üben und genügend anstrengen.

Diese Unterscheidung ist nicht nur in der Arbeit wichtig, sondern auch für mich als Seminarleiter. Denn in Seminaren, bspw. in Rollenspielen geht es nicht darum, abzuliefern, sondern auszuprobieren und zu wachsen. Es kann also in Trainings nicht schaden, darauf zu Beginn eines Seminars hinzuweisen.

Mehr dazu im Audiobook Wachstums- vs. Leistungsmindset (externer Link).

Hybridseminare

Hybridseminare, d.h. eine Mischung aus digitalen und analogen Seminarbausteinen, entstanden in der Pandemie aus der Not heraus. Mittlerweile haben jedoch viele Firmen verstanden, dass solche Konzepte auch über die Krise hinaus eine Zukunft haben. Die Gründe liegen auf der Hand:

  1. Der Faktor Geld: Hybridseminare sparen Geld, weil Reise- und Unterkunftskosten teilweise wegfallen.
  2. Der Faktor Verfügbarkeit: Manche Seminarteilnehmer*innen könnten sich keine zwei Tage am Stück freinehmen. Mehrere kleine Bausteine gehen jedoch. Eine Teilnahme ist noch dazu auch während einer Dienstreise möglich.
  3. Der Faktor Nachhaltigkeit: Da Hybridseminare nicht am Stück stattfinden, sondern in kleinen Bausteinen über mehrere Wochen hinweg, wird Wissen nicht am Stück vermittelt, sondern in „mundgerechten“ Portionen. Damit wird der Arbeitsweltbezug und die Nachhaltigkeit des Seminars erhöht.

Ich gebe zu, als Trainer, der gerne Improtheater-Elemente in seine Seminare einbaut und als Mediator, der am liebsten Konfliktmanagementtrainings gibt, habe ich mir Anfang 2020 ungläubig die Augen gerieben, als viele meiner Kolleg*innen sofort auf reine digitale Seminare umstiegen. Stattdessen nutzte ich die Zeit, um massenhaft Audiobooks für Bookboon zu erstellen (externer Link), ein angefangenes Buch für den Springer-Verlag fertig zu stellen, für Audible zwei Audiobook-Skripte zu erstellen (externer Link) und für meinen Regensburger Hausverlag Artikel zu verfassen (externer Link) und einen demnächst erscheinenden Hybriden aus Ebook und Audiobook zum Thema Streitkultur fertig zu stellen. Es gab also genügend zu tun.

Reine Online-Seminare

Reinen digitalen Seminaren stehe ich nach wie vor skeptisch gegenüber. Hier gibt es nur wenige Konzepte, die aus meiner Sicht richtig gut funktionieren. Ein solches Konzept biete ich mit meinem Online-Achtsamkeitstraining an, derzeit für die Universität Dresden und Führungskräfte der Arbeiterwohlfahrt. Zwischen den 4-5 wöchentlichen eineinhalbstündigen Online-Treffen bekommen die Teilnehmer*innen von mir ausgewählte Reflexionen, Übungen und mentale Kurzentspannungen auf MP3 (Beispiel), um die Nachhaltigkeit des Seminars zu erhöhen und damit die Seminarinhalte direkt in den Alltag zu integrieren. Ergänzt werden die Online-Präsenzzeiten durch Coaching-Elemente per Telefon oder Videotelefonie.

Die Rückmeldungen sind grandios.

Bei Achtsamkeit handelt es sich allerdings um ein sehr persönliches Thema. Die Teilnehmer*innen fühlen sich zuhause in ihren 4 Wänden sicher, was die Anleitung von Achtsamkeitsreflexionen unterstützt.

Gleichzeitig spart ein solches Seminar Unternehmen eine Menge Geld. Während für ein Zwei-Tages-Training durchschnittlich 2000 € ausgegeben wird, kosten die Online-Präsenz-Termine zzgl. der optionalen Einzel-Coaching-Einheiten lediglich etwa 1000 €. Die Zeiten zwischen den Seminareinheiten wurde zwar auch gelernt. Für meine MP3s und Reflexionsaufgaben verlange ich jedoch keine extra Gebühr. So können sich auch Organisationen ein Seminar leisten, deren Budget normalerweise eher schmal ausfällt.

Und gerade die Teilnehmer*innen, die ein Achtsamkeitstraining besonders nötig hätten, würden sich nie für ein Zwei-Tages-Seminar anmelden.

Wenn es also um reflexive Themen geht, ist es nicht nur möglich, rein digital zu arbeiten, sondern oft auch sehr passend. Dies kann beispielsweise auch bei Zeit-, Selbst- oder Stressmanagement-Seminaren der Fall sein.

Sequentiell-hybride Seminare bieten das Beste aus beiden Welten

Sobald jedoch kommunikative Elemente hinzukommen, ist es aus meiner Sicht unabdingbar, hybrid zu arbeiten. Ein Auftraggeber von mir fragte mich vor kurzem, ob ich mir vorstellen könne, ein Seminar mit dem Titel „Mitarbeitergespräche“ online durchzuführen. Wie jedoch lassen sich Mitarbeitergespräche online simulieren, bspw. in Rollenspielen? Ein Blick in meine Agenda brachte die Lösung:

  • Ob ein Gespräch zum erwünschten Ziel führt, entscheidet sich nicht nur an Gesprächsmethoden, insbesondere Fragetechniken, sondern auch an der inneren Haltung.
  • Verschiedene Gesprächsarten (Feedback, Konflikte, Mitarbeiterentwicklung) erfordern verschiedene Ziele.
  • Für ein produktives Feedback gibt es Regeln.
  • Der Umgang mit Kritik an der eigenen Führung ist etwas sehr Persönliches.

Über all diese Bausteine lässt sich sehr gut online (an zwei halben Tagen) anhand von Fallbeispielen philosophieren, diskutieren und reflektieren.

Alles andere (Rollenspiele, Auftritt und Wirkung, Körpersprache, Statusspiele, Konfliktgespräche) fand mit eigenen Beispielen der Teilnehmer*innen einen Monat später an einem Präsenz-Tag statt.

So konnte sich das vermittelte Wissen setzen und die Teilnehmer*innen hatten die Möglichkeit, Haltungen, Feedbackregeln und Fragetechniken in den folgenden Wochen auszuprobieren und mussten nicht, wie es oft bei Zwei-Tages-Trainings der Fall ist, sofort nach der Wissensvermittlung ins kalte Wasser springen.

Eine solche Mischung nenne ich sequentiell-hybride Seminare.

Paralelle-hybride Seminare sind eine Teamleistung

Sollte das Seminar durchgehend vor Ort stattfinden, jedoch andere Teilnehmer remote zugeschaltet werden, spreche ich von einem parallel-hybriden Format. Die Ansprüche an den Referenten sind hier enorm, da er sich nicht auf ein Format konzentrieren kann. Ich persönlich arbeite daher nur in Ausnahmefällen mit solchen Formaten.

Zu beachten sind v.a. folgende technische und kommunikative Aspekte:

  • Die Technik (Zugang, Kamera, Mikrofon, Onlinetools, …) für die Remote-Teilnehmer*innen wird am besten am Abend zuvor getestet, damit am Seminartag keine Hektik aufkommt.
  • Der Konferenzraum sollte technisch gut ausgestattet sein, am besten mit Mikrofonen auf den Tischen, guten Lautsprechern und einer extra Kamera für den Referenten.
  • Der Referent sollte unter den vor Ort Anwesenden Rollen verteilen, bspw. die Betreuung des Chats, um sich zu entlasten.
  • Die Aufgabenbeschreibungen für Breakout-Rooms sollten sehr genau sein, da der Referent evtl. nicht in alle Breakout-Rooms kommt.
  • Der Referent sollte sich klar darüber sein, wo sein Kameraspielraum liegt.

Die Rolle der Personalabteilung in Konflikten

Personalabteilungen im Spannungsfeld von Konflikten

Die Funktion von Personalabteilungen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Gerade mit Blick auf New Work und digitalisierte Arbeitswelten kamen und kommen neue Herausforderungen auf Unternehmen und Teams zu. Und damit auch neue Konflikte, sei es wegen einem erhöhten Stress und Zeitdruck oder aufgrund der Kommunikation über Distanz.

Bei Konflikten zwischen Mitarbeiter*innen und Vorgesetzten sind Personalverantwortliche (neben dem Betriebsrat) oft die erste Anlaufstelle. Doch was passiert, wenn beide Parteien eine Art Richterspruch erwarten, wie es häufig in Konflikten passiert?

Ein Beispiel: Mitarbeiterin Schubert fühlt sich mit dem steigenden Arbeitsvolumen durch ihren Vorgesetzten überfordert, klärenden Gesprächen geht er aus dem Weg, die schriftliche Kommunikation, insbesondere im Homeoffice verläuft zunehmend angespannter. Auf ihrer Seite häufen sich Fehler mit entsprechend negativen Feedbacks. Frau Schubert denkt, man könnte aus dem Teufelskreis leicht aussteigen, wenn ihr Chef sie nicht so abblocken würde. So jedoch weiß sie oft nicht, was zu tun ist und arbeitet auf Verdacht. Kein Wunder, dass es dann zu Fehlern kommt. Da ihr Chef vorgibt, keine Zeit für Klärungsgespräche zu haben, sucht sie den Weg zur Personalabteilung.

Als erstes gilt es nun zu klären, worum es Frau Schubert in geht und welche nächsten Schritte anstehen. Frau Schubert könnte ihre Führungskraft darüber informieren, dass sie den gemeinsamen Konflikt gerne mit Unterstützung der Personalabteilung angehen möchte. Je nachdem, wie verfahren die Situation ist, ist dies jedoch ein heikles Unterfangen. Konflikte werden auch daher immer noch nicht so häufig angegangen, weil die beteiligte Führungskraft einen Gesichts- und/oder Kontrollverlust befürchtet. Alternativ kann die Personalabteilung direkt tätig werden.

Nun gilt es zu entscheiden, ob eine externe Moderation notwendig ist oder nicht.

Für eine externe Moderation spricht:

  • Der Konflikt ist bereits eskaliert, die Fronten sind verhärtet.
  • Es gibt ein klares Misstrauensvotum von mindestens einer Seite gegenüber der Unparteilichkeit des Personalabteilung.
  • Die Personalabteilung hat Sympathien oder Antipathien für bzw. gegen eine Seite.
  • Es besteht ein zu hoher Grad an Vertrautheit, was oft in kleinen Organisationen anzutreffen.
  • Bisherige Lösungsversuche waren erfolglos.
  • Es bestehen Interessenkonflikte aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen, bspw. aufgrund langjähriger persönlicher Beziehungen zwischen zwei Parteien.
  • Die Personalabteilung verfügt nicht über das notwendige Know-how zur Moderation von Konflikten.
  • Es fehlen zeitliche Ressourcen zur Bearbeitung des Konflikts.

Es gibt also eine ganze Menge Gründe, eine externe Moderation zu beauftragen, die zum einen die nötige Erfahrung mit bringt und sich zum anderen leichter damit tut, heikle Themen offen anzusprechen.

Aufgaben für Personalabteilungen in Konflikten

1. Klären, worum es geht

Nachdem die leidendere Seite sich bereits äußerte, sollte die Personalabteilung mit einem noch nicht eskalierten Konflikt zumindest erste Klärungsgespräche führen und dann entscheiden, wie es weiter geht. Als Mediator weiß ich auch oft nicht, wo die Reise hingeht und wie groß der Konflikt bereits ist. Das erfahre ich idR erst im Laufe der ersten Sitzung.

2. Klären, wie der Prozess abläuft

Der oder die Personalabteilungsverantwortliche sollte nun den Prozess verdeutlichen, der auf die beiden Parteien zukommt. Dies kann je nach Konfliktkultur im Unternehmen unterschiedlich sein. Manche Unternehmen engagieren sofort eine/n externe/n Mediator*in. Andere – insbesondere wenn die Kompetenzen vorhanden sind – versuchen den Fall zumindest inhaltlich so zu klären, dass ein/e externe/r Mediator*in schnell loslegen kann.

Mögliche Aufgaben der Personalabteilung im Sinne einer höheren Verantwortung zu Beginn und auch während einer Mediation können sein:

  • Unterstützung bei der Konflikt-Analyse
  • Ansprechpartner*in für Führungskraft, wenn es um eine Reflexion der eigenen Führungsrolle geht
  • Klärung möglicher Anschlussmaßnahmen, beispielsweise Teamentwicklungen oder Coachings
  • Klärung möglicher Konsequenzen bei einer Nichtlösung, beispielsweise Versetzung oder Entlassung

3. Zusammenarbeit mit externen Mediator*innen

Der Erstkontakt mit externen Konfliktmoderator*innen wird zum einen genutzt, um die Ausgangslage und das Anliegen zu schildern. Gleichzeitig agieren Personalveranwortliche auch als Kulturvermittler*innen: Sie geben wichtige Hinweise zur Konfliktkultur im Unternehmen und helfen zu verstehen, wie die Probleme im speziellen und allgemeinen entstehen oder eskalieren konnten, wie üblicherlicherweise vorgegangen wird und welche Hindernisse im speziellen und allgemeinen auftreten könnten.

Darüber hinaus werden die Rollen im weiteren Prozess sowie Form, Inhalt und Umfang der Rückmeldungen definiert. Insbesondere ist die Klärung von Verschwiegenheiten bzw. deren Grenzen wichtig. In der Regel wird vereinbart, dass in der Mediation besprochene Inhalte vertraulich behandelt werden, die Personalabteilung am Schluss jedoch eine Kopie der vereinbarten Massnahmen sowie ein Feedback zum Verlauf des Prozesses und der Mitarbeit der Beteiligten erhält.

Basierend auf den Vereinbarungen zwischen Personalabteilung und Mediator*in wird den Konfliktparteien der weitere Verlauf der Mediation vorgestellt. Die Personalabteilung und der oder die Mediator*in arbeiten sozusagen als perfektes Team auf Zeit zusammen. Dies spart dem Unternehmen Zeit und Geld, Mediator*innen Nerven und erhöht die Erfolgschancen enorm.

In der nächsten Phase tritt die Personalabteilung in den Hintergrund. Die Verantwortung für die eigentliche Konfliktbearbeitung liegt nun bei den Parteien und der externen Moderation.

4. Präventionsarbeit

Jenseits des aktuellen Konflikts sollte die Personalabteilung zusammen mit der Geschäftsleitung bzw. dem Topmanagement die Konfliktkultur aktiv gestalten. Konflikte sollten etwas Normales sein, das sich lösen lässt und das man nicht verdrängen oder verschweigen sollte. Dazu braucht es das Vertrauen der Mitarbeiter*innen, Konflikte bei Führungskräften und der Personalabteilung anzusprechen. Wer Konflikte anspricht ist also kein Nestbeschmutzer, sondern sucht nach Lösungen für einen reibungsfreieren Arbeitsablauf. Hierzu ist es auch hilfreich, den Betriebsrat ins Boot zu holen, da auch dieser häufig als Anlaufstelle für Konflikte genutzt wird.

Kompetenzen der Personaler*innen

Damit Personaler*innen diese Aufgaben erfüllen können, braucht es ein Basiswissen in drei Bereichen:

  1. Konfliktmanagement-Basiswissen: Natürlich wäre eine Grundausbildung in Mediation sehr hilfreich. Grundsätzlich reicht es jedoch aus, den
  • Prozess einer Mediation, beispielsweise das Harvard-Modell,
  • Gesprächs-, insbesondere Fragetechniken für das Klärungsgespräch und
  • Eskalationsstufen (Ab wann kann ich als Personaler*in nichts mehr tun?) zu kennen.

Ein solches Wissen lässt sich, ohne zu tief in Konflikte einzusteigen, in 1-2 Tagen vermitteln.

  1. Auswahl des Mediators / der Mediatorin: Wie finde ich eine/n geeignete/n externe/n Konfliktmoderator*in? Welche Kriterien sind mir wichtig? Was passt zu unserem Unternehmen? Darf es beispielsweise emotional werden oder sollte die Mediation lieber sachlich ablaufen?
  2. Trennungsmanagement: Ähnlich wie in privaten Beziehungen werden Konflikte aufgrund von Ängsten vor möglichen negativen Konsequenzen lieber ausgehalten. Am Ende könnte sich herausstellen, dass Führungskräfte nicht führen können oder dass es für einen Mitarbeiter einfach nicht mehr passt im Unternehmen. Die Führungskraft könnte notfalls gecoacht werden. Doch eine Kündigung ist entgültig. Wenn sich das Personalmanagement darauf vorbereitet, sich ethisch sauber von Mitarbeiter*innen zu trennen, kann dies viel Angst vor Konflikten nehmen.

Mit Algorithmen-Ethik gegen Kontrollverlust

Es ist paradox: Je komplexer Probleme werden, desto eher müssen wir auf Algorithmen zurückgreifen, die wir nicht mehr verstehen, erleiden damit jedoch indirekt einen Kontrollverlust, was unseren Stress wiederum erhöht. Außer wir vertrauen blind auf Algorithmen. Dafür bräuchte es allerdings eine intensive Beschäftigung mit Algorithmen-Ethik. Denn die Vorbehalte gerade in Deutschland gegen die Digitalisierung und die Macht künstlicher Intelligenzen sind groß.

Wer sich mit Algorithmen-Ethik beschäftigt kommt an der Bertelsmann-Stiftung und der Webseite https://algorithmenethik.de und dem Buch von Jörg Dräger und Mark Müller-Eiselt „Wir und die intelligenten Machinen“ nicht vorbei.

Die folgenden Prinzipien im Umgang mit Algorithmen – inspiriert durch die genannten Quellen – zeigen Ihnen, wie eine Algorithmen-Diskussion in Ihrem Unternehmen stattfinden kann:

Vertrauen in die Technik

Algorithmen erleichtern nicht nur unser Leben. Viele Probleme in einer komplexen Welt ließen sich nicht mehr ohne Künstliche Intelligenz lösen. Umso wichtiger ist es, transparent mit dem Einsatz von KI umzugehen. Algorithmen sollten nicht dafür da sein, Mitarbeiter:innen zu überwachen und zu Höchstleistungen anzutreiben, sondern zur Unterstützung in der Arbeit. Die Mitarbeiter:innen müssen nicht verstehen, wie Algorithmen funktionieren. Es sollte jedoch transparent sein, was der Sinn und Zweck eines Algorithmus ist.

Zeit für das Wesentliche vs. Erhöhung der Effizienz

Chatbots oder Roboter-Assistenten können uns dabei helfen, uns auf das zu konzentrieren, was uns wirklich am Herzen liegt. KI-Systeme können Spammails aussortieren, automatische Programme verfassen Standardpressemitteilungen und Ärzte und Pfleger haben dank Versorgungsrobotern mehr Zeit für die Patienten. Dabei müssen wir jedoch aufpassen, dass damit keine neuen Standards gesetzt werden und die frei gewordene Zeit langfristig nicht für andere Tätigkeiten verbucht wird. Die Gefahr ist groß, denn die vergangenen technischen Revolutionen führten häufig zu Entlassungen, anstatt den Berufsalltag sinnvoller und menschenfreundlicher zu gestalten.

Faire Unternehmensentscheidungen

Was wäre, wenn in Bewerbungsgesprächen in Zukunft nicht der Bauch oder die Noten entscheiden würden, sondern eine Mischung aus logisch nachvollziehbaren Faktoren? Vor einigen Jahren entwickelte Amazon einen Algorithmus, der die Bewerbungsunterlagen mit den ausgewählten Kandidaten abglich, um herauszufinden, inwiefern man bereits aus den Unterlagen eine Entscheidung ableiten kann. Das Ergebnis stellte sich als zutiefst frauenfeindlich heraus, da die Bewerber der letzten 10 Jahre mehrheitlich männlich waren und damit alle anderen Kriterien überschatteten. Daraus folgt zweierlei: 1. Augen auf bei der Auswahl der Daten. Und 2. Faire Entscheidungen sollten sich nicht nur auf die Vergangenheit beziehen, sondern auch in die Zukunft gerichtet sein. Dies gilt selbstredend nicht nur für das vermeintlich einfache Beispiel der Personalentscheidungen, sondern ebenso für komplexe Unternehmensentscheidungen. Wollen wir die Zukunft fairer gestalten als die Vergangenheit müssen entsprechende Kriterien im Unternehmenskonsens erarbeitet und in Algorithmen eingearbeitet werden.

Eng mit den Unternehmensentscheidungen ist die Verteilung von Ressourcen verbunden. Wie oft passiert es, dass am Jahresende schnell noch ein paar 1000 € ausgegeben werden müssen, oftmals sinnlos, während dasselbe Geld an anderer Stelle fehlt? Oder dass ein Projekt besonders unterstützt wird, weil es von namhaften oder rhetorisch gut geschulten Unterstützern gefördert wird, während andere Projekte vor sich hin dümpeln? Ein Algorithmus, der das gesamte Unternehmen im Blick hat und ebenso weiß, welche Potentiale in einem Projekt schlummern, könnte dem ein Ende setzen. Damit würden nicht mehr Beziehungen oder Präsentationskompetenzen über den Zugang zu Ressourcen bestimmen, sondern leicht nachvollziehbare Fakten.

Diversität: Teilhabe an sozialen Prozessen vs. erzwungene Gleichheit

Eine Teilhabe am Leben bzw. in Firmen an den täglichen sozialen Prozessen ist für jene interessant, die sich aufgrund eines Handicaps schwer tun, mit den Kolleg:innen mitzuhalten. Menschen mit autistischen Zügen könnte beispielsweise eine App dabei helfen, schwierig zu deutende Situationen besser einzuordnen. Dabei sollten wir jedoch aufpassen, Handicaps nicht überzukompensieren, im Sinne von: Wenn du schon diese App hast, musst du auch angemessen an sozialen Prozessen teilhaben. Damit würde sich der Stress, unter dem diese Menschen leiden vielleicht sogar potenzieren. Andererseits macht gerade die Ungleichheit soziale Prozesse spannend und kreativ, wenn verschiedene Sichtweisen in einem Projekt berücksichtigt werden. Denn auch die Kunden haben oft extrem unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse.

Prävention versus Erkennung von Problemen

Reicht es für die Gesundheitsvorsorge in einem Unternehmen aus, eine App zu haben, die Krankheiten, bspw. Depressionen, an der Stimme erkennt? Dies kann sicherlich hilfreich sein, auch wenn man hier darauf achten sollte, Stigmata zu verhindern. Dennoch ist eine Gesundheitsapp nach wie vor weniger wert als ein präventiv arbeitendes Gesundheitsprogramm im Unternehmen. Die KI kann ergänzend, nicht jedoch ersetzend wirken. Das gleiche gilt für die Fehlererkennung auf Organisationsebene.

Personalisierte Weiterentwicklungen

Die Weiterbildung wird in der Zukunft ebenso KI-unterstützt stattfinden. Während sich früher meist die üblichen Verdächtigen in Seminaren fortbildeten oder coachen ließen, können in der Zukunft viele E-Learning-Trainings erschwinglich für alle Mitarbeiter angeboten werden, inklusive persönlichem KI-Lerncoach. Algorithmen werden jedoch auch hier immer aus den Daten der Vergangenheit gespeist. Die Entscheidung für eine Fortbildung, die vielleicht nicht auf den ersten Blick ins Bild passt, jedoch entscheidend für die persönliche Weiterbildung ist, sollte nach wie vor erlaubt sein.

Ein Unternehmensfahrplan für Algorithmenethik

Jörg Dräger und Mark Müller-Eiselt empfehlen einen klaren Fahrplanung im Umgang mit Algorithmen im Unternehmen:

  1. Transparenz im Rahmen einer breiten Debatte. Werden im Hintergrund bzw. der Dunkelverarbeitung Entscheidungen getroffen, die kein Mitarbeiter nachvollziehen kann, ist die Ablehnung groß.
  2. Fortlaufende Transparenz und Kontrolle. Algorithmische Entscheidungen müssen klar erkennbar und für Nutzer oder unabhängige Dritte überprüfbar, nachvollziehbar und im Zweifel anfechtbar sein. Stellt sich heraus, dass ein Algorithmus den sozialen Frieden in einem Unternehmen bedroht, sollte sein Einsatz rückgängig gemacht werden.
  3. Vermittlung von Algorithmen-Kompetenz. Jeder Mitarbeiter sollte die Relevanz der Entscheidungen von Algorithmen für ihn einschätzen können. Wer Software beauftragt, entwickelt und anwendet, muss deren psychologische und soziale Konsequenzen für das Unternehmen mitdenken.

Wenn von KI die Rede ist scheint nur der Himmel die Grenze zu sein. Wir haben es selbst in der Hand, dass die Reise in die Zukunft nicht wie bei Ikarus endet.

Das Leben in einer unperfekten Welt

Als ich noch jünger war, dachte ich Probleme waren dafür da, gelöst zu werden:

  • Du willst einen Job? Mach eine Ausbildung oder studiere.
  • Du kommst in deinem Beruf nicht klar? Mach eine Fortbildung oder bewirb dich woanders.
  • Die Wohnung wird für die 4-köpfige Familie zu klein? Sucht euch nach etwas Neuem um. Usw.

Doch dann, bei mir war das mit etwa 35, gab es eine Wende in meinem Leben. Nichts Dramatisches. Stattdessen viele kleine Anzeichen, dass dieses Problemlöse-Mindset nicht mehr funktioniert:

  • Die Zerrung vom Sport spürte ich noch Monate später.
  • Der erste verlorene Zahn wollte einfach nicht mehr nachwachsen.
  • Die Kinder taten sich nicht so leicht in der Schule, wie man sich das als Vater wünscht.

Bei anderen Menschen könnten weitere Punkte hinzu kommen:

  • Die Partnerschaft geht in die Brüche, aber wegen der Kinder muss ich mich irgendwie mit meinem Partner arrangieren.
  • Der Job passt doch nicht so perfekt zu mir, wie ich mir das gedacht hatte. Eine Kündigung ist dennoch nicht so einfach, weil das Haus noch abbezahlt werden muss.

Probleme aushalten als Lebenskompetenz gegen den Zeitgeist

Sich klar zu machen, dass das Leben nicht nur aus dem Lösen von Problemen besteht, wie uns das die Welt, insbesondere das Marketing, vormachen will, sondern auch auf dem Aushalten von Problemen basiert, war zumindest bei mir ein Prozess. Es fiel mir schwer, den eigenen schrittweisen, wenn auch langsamen Zerfall anzunehmen. Es fiel mir schwer, zu akzeptieren, dass ich Jahre brauchte mit meiner Selbständigkeit durchzustarten. Dass meine Kinder nicht so perfekt in der Schule waren (und teilweise noch sind), fiel mir nicht schwer. Ich war selber damals nicht der Beste.

Dennoch: Das Aushalten von Problemen in einer unperfekten Welt widerspricht dem, was uns allerorten beigebracht wird: „Mach was aus deinem Leben! Probleme sind dafür da, gelöst zu werden!“ Dabei wird unterschlagen, dass sich manche Probleme nicht ohne Weiteres lösen lassen:

  • Ich kann mir ein Implantat machen lassen. Aber der Zahn kommt nicht zurück. Ich werde also mit einer zweitbesten Lösung leben müssen.
  • Es gibt Kinder, die einen Text einmal lesen und sofort verstehen. Und es gibt Kinder, die den Text dreimal lesen und immer noch nicht verstanden haben. Manchmal hilft da auch keine viertes oder fünftes mal lesen. Manchmal hilft nur, die 4 im Zeugnis auszuhalten und nach anderen Begabungen zu suchen.
  • Und an einen Jobwechsel kann ich erst in ein paar Jahren denken, wenn das Haus abbezahlt ist. Bis dahin gilt es, das Beste daraus zu machen, durchzuhalten und sich ein paar ausgleichende Hobbys zu suchen.

Beruflich ergibt sich ein ähnliches Bild. Chefs, Kolleg:innen oder Kund:innen müssen manchmal einfach ausgehalten werden. Und die großen und kleinen Probleme in der Welt können wir auch nicht so einfach lösen. Dabei ergibt sich häufig ein Paradoxon: Je komplexer Probleme werden, desto eher müssen wir auf Algorithmen zurückgreifen, die wir nicht mehr verstehen und damit indirekt einen Kontrollverlust erleiden. Wir kommen dann zu Lösungen, die wir zwar nicht verstehen, aber bspw. Kund:innen erklären müssen. Auch daher kommt ein Teil des aktuellen Stresses und der Gereiztheit. Außer wir vertrauen blind auf Algorithmen. Dafür jedoch bräuchte es eine intensive Beschäftigung mit Algorithmen-Ethik. Hier soll es jedoch erst einmal und das Zwischenmenschliche gehen.

Vom Aushalten von Problemen zur Toleranz in Gesprächen

Manche Probleme müssen oder können nicht sofort gelöst werden, sondern brauchen Zeit. Haben wir es verlernt, Probleme auszuhalten? Wurden wir zu ungeduldig?

Und wie sieht es mit unserer Toleranz gegenüber anderen aus, also dem Aushalten anderer Meinungen? Probleme lösen zu wollen, bei denen andere Menschen beteiligt sind, führt logischerweise zu Kontrollversuchen.

Dabei ist das Aushalten anderer Meinungen eine Grundbedingung für eine echte Resonanz mit meinem Gegenüber. Für eine Resonanz in einer Situation muss mich die Situation laut dem Soziologen Hartmut Rosa berühren, positiv oder negativ. Ich muss das Gefühl haben, einen Einfluss auf den Verlauf der Situation nehmen zu können. Die Situation sollte mich verändern können. Und sie sollte teilverfügbar sein. D.h. ich kann einen Einfluss nehmen, ich kann sie jedoch nicht kontrollieren. Ohne diese Rest-Unverfügbarkeit würde kein echter Kontakt zu meinem Gegenüber entstehen.

Deshalb ist es sinnvoll, zu den vier Aspekten von Rosa noch den Aspekt des Aushaltens hinzuzufügen, um gute Gespräche zu führen und sich persönlich weiter zu entwickeln:

  1. Von einer Situation betroffen sein.
  2. Ein Problem oder einen Konflikt aushalten können.
  3. Einen Einfluss auf den Verlauf des Gesprächs nehmen können.
  4. Die Möglichkeit sehen, durch das Gespräch transformiert zu werden.
  5. Das Problem und den Konflikt nur teilweise kontrollieren können. Andernfalls wäre eine Transformation nicht möglich.