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Wer kümmert sich eigentlich um die Führungskräfte in Krisenzeiten?

Gestern hatte ich ein Coaching-Gespräch mit zwei Geschäftsführer:innen aus einem kleinen, mittelständischen Unternehmen, für die ich schon länger als Coach und Mediator arbeite. Vor dem Termin fragte ich, ob ich mich vorbereiten soll. Die Antwort lautete: Nein.

Also unterhielten wir uns eineinhalb Stunden über alle Baustellen, die aktuell vorhanden sind. Die Überlastung mancher Mitarbeiter:innen hat sich durch Corona und die Maßnahmen dramatisch gesteigert. Mitarbeiter:innen sehen sich kaum noch. Konflikte verschieben sich oder spitzen sich zu. Manche Mitarbeiter:innen sind im Homeoffice überfordert. Eine Studie (externer Link) der Friedrich-Mohn-Stiftung ergab, dass v.a. junge Führungskräfte unter der Distanz leiden. Eventuell, weil sie noch mitten in ihrer Work-Life-Balance stecken, mit Kind und Familie. Manche Mitarbeiter:innen drohen mit Kündigung in einem Bereich, in dem ein eklatanter Fachkräftemangel herrscht. Andere sind dauerhaft in Quarantäne und müssen ersetzt werden.

Kurzum: Bei so vielen Baustellen weiß man nicht, wo man anfangen soll. Der derzeit ganze normale Corona-Wahnsinn?

Wie lautete nun die Erwartung an mich als Coach?

Wie gesagt: Wir unterhielten uns. Ich gab ein paar Rückmeldungen. Wir setzten Prioritäten zwischen wichtig und dringend. Dachten über verschiedene Zukunftsszenarien nach und kamen auf kleine Lösungen. Der große Wurf war nicht dabei. Das Ganze ist ein Prozess und ein großer Wurf wäre weder möglich noch in Anbetracht der Schwere der Probleme respektvoll gewesen.

Am Ende stellte ich ein paar Fragen zur Selbstfürsorge: Was tun Sie bei all dem Stress für sich? Worauf können Sie vertrauen? Was gibt Ihnen Stabilität und Halt?

Vielleicht sind das die wichtigsten Fragen an Führungskräfte in Krisenzeiten: Was können Sie für sich tun? Denn um alle anderen kümmern sich Führungskräfte, sofern sie ihren Job ernst nehmen. Nur nicht um sich selbst. Wenn jedoch der Kopf fällt, fällt auch alles andere.

Möglichkeiten und Folgen eines Gleichheitsansatzes

Ungleichheit als natürlicher Zustand

Seit jeher werden soziale Gebilde durch das Prinzip der Ungleichheit bestimmt, aufgrund der Größe, Stärke, des Wissens, der Intelligenz oder der Herkunft. Zwar gab es immer wieder das Bestreben, eine Art Gleichheit einzuführen, beispielsweise bei den Griechen. Diese war jedoch auf eine Gruppe von Privilegierten gemünzt, während sich andernorts die Ungleichheit fortsetzte. Oder die Ungleichheit wurde in andere Länder exportiert, um vor Ort mit ähnlichen Privilegien zu leben.

Der Startschuss zu einer umfassenderen Einführung des Gleichheitsgedankens fiel wohl bei einer Rede des damaligen Präsidenten Lyndon B. Johnson zur Gleichberechtigung der schwarzen Minderheit in den USA. Seitdem wird deutlich, dass eine vollkommene Gleichberechtigung schwerer zu erreichen ist als gedacht. Sobald eine ehemals benachteiligte Gruppe in der Bevölkerung durch eine positive Diskriminierung den Anschluss an die Mehrgesellschaft erreichen soll, wird beinahe automatisch eine andere Gruppe, meist diejenige der bisherigen Privilegierten negativ diskriminiert. Als Beispiel können in diesem Zusammenhang die Studienzugangsbestimmungen von Schweden gelten. Um mehr Frauen in Männerberufe zu bekommen, wurde für typische männliche Fächer eine Frauenquote eingeführt. Für ehemals weiblich dominierte Fächer wurde eine Männerquote eingeführt. Daraufhin klagten einige Frauen aufgrund der Benachteiligung, worauf die Männerquote wieder rückgängig gemacht wurde. Die Frauenquote wurde hingegen nicht zurückgenommen.

Wie komplex das Thema der Gleichberechtigung und Chancengleichheit ist, zeigt auf amüsante Weise die Serie „Frau Jordan stellt gleich“. Katrin Bauerfeind spielt darin Eva Jordan, eine Gleichstellungsbeauftragte in einer Kleinstadt. Dass sie es niemandem Recht machen kann, zieht sich als Prinzip durch die Serie. In einer Folge will ein ehemaliger Soldat, der in Afghanistan im Einsatz war, in einem Kindergarten arbeiten und bringt die Frauen dort auf die Palme, weil er den Kindern beibringt, auf Bäume zu klettern, Schrammen inklusive. Fazit der Eltern: Wir wollen mehr Männer in unserem Kindergarten, aber so einen nicht. In einer anderen Folge soll ein IT-Projekt von Frauen geleitet werden, worauf sich ein Ostdeutscher in der Verwaltung diskriminiert fühlt, weil er extra seinen Akzent unterdrückt, um nicht als Sachse erkannt zu werden. Die Arbeit in der Gleichstellung gleicht einer Sisyphosarbeit.

Die mittelfristigen Folgen einer Gleichbehandlung sind zudem oftmals unkalkulierbar. Als in den USA die Rassentrennung aufgehoben wurde, führte dies nicht automatisch zu einem besseren Umgang miteinander, sondern ganz häufig zu einer erneuten Trennung. Die reichen Weißen schickten daraufhin ihre Kinder in Privatschulen, worauf sich die vorhandene Ungleichheit weiter verstärkte. Auch wenn es aus moralischen Gründen ein sinnvoller Ansatz war, muss dennoch mit einem Rückschlag in eine Richtung gerechnet werden, der so nicht eingeplant war.

Die langfristigen Folgen wiederum sind noch weniger absehbar. Wird die vorhandene Ungleichheit der Menschen, die nun einmal da ist, nicht akzeptiert oder zumindest so abgefedert, sodass die weniger privilegierten zwar nicht den Anteil am Leben haben, den die Schnelleren, Klügeren, Durchsetzungsfähigeren, Mächtigeren oder Reicheren haben, aber dennoch gut leben können, besteht die Gefahr einer Fragmentierung der Gesellschaft. Mit einem mal könnte es dann das Volk als soziale Einheit nicht mehr geben, sondern lediglich Zugehörigkeiten zu einer Vielzahl schützenswerter Minderheiten. Einen Eindruck, wie weit dieser Minderheitengedanke gehen kann, haben wir bereits heute durch die Parzellierung im Internet. Jeder noch so obskure Gedanke findet einen Fürsprecher samt der Person dahinter. Der Ruf nach einer freien Meinungsäußerung geht auch in die Richtung, dass jede Meinung und damit Lebensphilosophie geäußert werden darf und damit schützenswert ist. Doch wo hört diese Schonzone auf? Der Amoklauf aufgrund der Karikaturen von Charlie Hebdo zeigt nur die Spitze des Eisbergs, auf dem wir alle stehen. Dass die Karikaturen von Charlie Hebdo verletzend sind und diskutiert wird, wie viele antiislamische Züge darin enthalten sind, ist die eine Seite. Aber wo hört die Freiheit nicht nur von Satire, sondern vor allem von Einzelpersonen und deren Meinungsäußerungen auf? Und wo beginnt das Recht aller anderen auf Gleichheit, Schutz und Unbehelligung? Wie viel Recht auf Freizügigkeit hat jeder von uns, ohne den Spott anderer auf sich zu ziehen? Darf ich im Internet meine Meinung sagen, ohne behelligt zu werden? Darf ich auf eine Demonstration gegen Corona-Maßnahmen gehen, ohne gekündigt zu werden? Darf ich Impfungen gegen Masern oder Corona verweigern?

Hier befinden wir uns wieder im Bereich der Ethik, wo Verstöße gegen vorherrschende Moralvorstellungen nicht per Gesetz geahndet werden, sondern per sozialer Ächtung.

Wie Gleichheit neue Ungleichheiten fördert

Gleichzeitig beginnt bei einer verordneten Gleichheit ein neues Rennen um Ungleichheit, als möchte sich der Mensch um alles in der Welt von anderen abgrenzen. So beginnt ein Rennen um das dauerhafte Bestreben zur Selbstoptimierung. Wir wollen eben doch besser als die anderen sein. Eine fundiertere Ausbildung genossen haben. Überhaupt gebildeter sein. Ein wenig mehr verdienen als der Nachbar. Ein schickeres Auto fahren. Ein Haus in einer ruhigeren Lage besitzen. Ein spannenderen Job ausüben. Freier sein, in dem was ich tue. Die eigenen Kinder besser erziehen, was auch immer das heißt. Moralisch gefestigter sein. Sich besser im Griff haben. Sich gesünder und umweltverträglicher ernähren. Ein E-Auto anstatt einen Diesel fahren. Eine schickere Nase haben. Einen teureren Anzug tragen. Sich schminken und auf Instagramm die spannenderen Geschichten erzählen. Bis hin zum Designerbaby, damit wenigstens die Kinder es einmal besser haben, indem sie sich von anderen abgrenzen. Abgrenzungen haben nicht automatisch mit Macht zu tun. Die Thematik der Besonderheit und damit Ungleichheit ist vielfältig. Aber der Mensch vergleicht sich gerne mit anderen, um zu verorten wie gut er ist.

Wer jedoch nicht imstande ist, dieses Rennen mitzumachen und am Ende noch alte Privilegien einbüßt, könnte die Wut über seine neue Unterprivilegierung in andere Richtungen verschieben. An die Urheber der sogenannten umgekehrten Diskriminierung, in der Regel den Staat oder die Medien als Vermittler neuer Moralvorstellungen, kommt er nicht heran. Also agiert er seine Wut anderweitig aus, beispielsweise im Internet mit Hasskommentaren oder mittels Gewalt in der Familie. Tatsächlich hat die Gewalt von Männern gegen die eigenen Ehe-Frauen stark zugenommen.

Möglichkeiten des Ausgleichs bei Ungleichheiten

Gewalttaten sollen damit selbstredend nicht gut geheißen werden. Das Phänomen der Aggressionsverschiebung soll lediglich verdeutlichen, welche langfristigen Folgen ein umfassender Gleichheitsanspruch nach sich ziehen kann. Wir sollten uns folglich gut überlegen, wie ein Gleichheitsansatz umgesetzt werden kann und welche negativen Folgen er nach sich ziehen könnte. So könnte der Gleichheitsansatz in Konflikten durchaus zu ungeplanten Verschiebungen von Aggressionen führen oder den Fokus auf dem Beharren der eigenen Rechte setzen. Streitet sich ein geschiedenes Paar um jede Minute, die sie mit dem eigenen Kind verbringen können, geht es lediglich um die Quantität, nicht jedoch um die Qualität der Zeit. Die Quantität mag gleich sein, die Qualität gerät dabei jedoch aus dem Fokus. Zudem stellt sich in solchen Fällen grundsätzlich die Frage, wie Gleichheit bemessen wird. In Konflikten Gleiches mit Gleichem zu verrechnen ist in der Regel nicht möglich. Das Elternteil, dass ein Kind unter der Woche betreut, erlebt die Zeit mit dem Kind anders als das Elternteil, das sein Kind am Wochenende hat. Und wie sieht es mit dem ganz normalen Kommunikationsaustausch aus? Wer hört besser zu? Wer schenkt dem anderen mehr Aufmerksamkeit?

Wir werden eine vollkommene Gleichheit niemals erreichen. In Konfliktparteien gibt es immer eine Person, die schneller denkt, spricht und handelt. Deshalb ist es wichtig, über Möglichkeiten nachzudenken, vorhandene Ungleichheiten annähernd auszugleichen:

  • Ein Ausgleich im Sinne einer 1 zu 1-Aufrechnung sollte verhindert werden.
  • Auch Racheakte sollten vermieden werden.
  • Wer sich benachteiligt fühlt, hat das Recht und die Pflicht, dies anzusprechen. Er sollte nicht darauf hoffen, dass der andere die Ungleichheit bemerkt, sondern selbst aktiv werden.
  • Der Schuldner sollte einen Ausgleich anbieten. Der Benachteiligte bestimmt jedoch, ob er diese Art der Wiedergutmachung annehmen möchte oder nicht. Eine dauerhafte Ablehnung sollte jedoch vermieden werden, um nicht in ein Machtspiel zu kommen.
  • Der Ausgleich sollte ernst gemeint sein und auf der Basis der Bedürfnisse geschehen. Es ist sinnlos, sich darüber zu streiten, wer wem länger oder besser zuhört. Sinnvoll ist jedoch zu klären, warum wir einander zuhören sollten. So könnte das Bedürfnis von Person A sein, logisch verstanden zu werden, während Person B emotional wertgeschätzt werden möchte.

Literatur: Van Creveld, Martin (2018): Gleichheit – Das falsche Versprechen. Manuscriptum Verlagsbuchhandlung

Moralische Dimensionen in Konflikten

Der Moralpsychologe Jonathan Haidt schreibt auf seiner Webseite: „Wir sind nicht gut darin, offen über moralische Fragen nachzudenken, so dass rationalistische Modelle letztlich schlechte Beschreibungen der tatsächlichen moralischen Psychologie sind.“

Haidt nutzt die Metapher des Elefantenreiters, um zu erklären, warum es so schwer ist, über Moral zu diskutieren. Die Metapher beschreibt, wie unser Unbewusstes unser bewusstes Denken lenkt. Unser Geist ist in Teile untergliedert, die manchmal in Konflikt geraten. Der Reiter auf dem Rücken eines Elefanten hat als bewusster Teil nur eine begrenzte Kontrolle darüber, was sein Elefant tut. In vielen Fällen ist der Reiter seinem Elefanten geradezu ausgeliefert, bietet jedoch im Nachhinein Post-hoc-Erklärungen für das, was der Elefant getan hat, sucht nach Gründen, um diese zu rechtfertigen und agiert damit wie ein Anwalt oder Pressesprecher.1

Zumindest für unser Denken gilt also der Spruch von Pipi Langstrumpf: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Der Elefant erinnert an Platons Wagenlenker oder Sigmund Freuds Über-Ich. Auch dieses wurde uns im Laufe unserer Sozialisation vermittelt und wanderte schließlich in unser Unbewusstes. In früheren Zeiten galt das Unbewusste jedoch eher als etwas Böses, dass entweder unterdrückt oder aufgearbeitet werden sollte. Durch die Erkenntnisse aus der Gehirnforschung wissen wir jedoch, wie klug unser Unbewusstes uns durch das Leben leitet. Während man sich als Führungstrainer vor 15 Jahren noch den Mund auswaschen musste, wenn man das Wort Intuition in den Mund nahm, gilt es mittlerweile als Führungskunst, auf sein Bauchgefühl zu hören.

Haidt erklärt mit Hilfe der Moralpsychologie, wie politische Spaltungen zwischen Demokraten und Republikanern in den USA funktionieren. Jede dieser Welten bietet eine vollständige und emotional überzeugende Weltanschauung, die durch beobachtbare Beweise gerechtfertigt und nahezu uneinnehmbar ist, um durch Argumente von Außenstehenden angegriffen zu werden. Haidt sagt dazu: Moral sorgt einerseits dafür, dass wir uns einer Gemeinschaft verbunden fühlen. Gleichzeitig macht sie uns blind. Haidt nutzt dazu eine weitere Metapher. Er meint, wie wären zu 90 Prozent Schimpansen und zu 10 Prozent Bienen: Wir sind von Natur aus egoistisch, besitzen jedoch die Fähigkeit, unsere eigenen Interessen im Wettbewerb mit anderen zu fördern oder mittels Kooperationen mehr zu erreichen als alleine.2

Moralisches Urteilen ist also kein rein logischer Prozess, in dem wir Bedenken hinsichtlich möglichen Schäden, Rechten oder Gerechtigkeit abwägen, sondern ein schneller, automatischer Prozess, der eher den Urteilen ähnelt, die Tiere treffen, wenn sie sich wendig durch die Natur bewegen. Das moralische Urteil ist die Domäne des Elefanten. Wenn Sie versuchen, jemandes Meinung zu ändern, sollten Sie mit dem Elefanten sprechen und nicht mit dem Reiter.3

Seine Überlegungen gelten zwar zuerst einmal für die Politik, insbesondere die Dualität in den USA. Sie lassen sich jedoch wunderbar auf andere duale Konflikte wie beispielsweise in der Corona-Krise übertragen. Haidt beschreibt diese Weltanschauungen als moralische Matrizen, die uns helfen, zu verstehen, warum manche Menschen alles aggressiv abwehren, was ihr Weltbild infrage stellt.

Er geht von sechs universellen moralischen Modulen aus, die in unterschiedlichem Maße über Kultur und Zeit hinweg aufgebaut werden:4

  1. Fürsorge vs. Schaden: Diese moralische Basisgrundlage hängen mit unserer langen Entwicklung als Säugetiere mit Bindungssystemen und der Fähigkeit zu Empathie zusammen. Zugrunde liegende Tugenden lauten Güte, Geduld, Sanftmut und Fürsorge.
  2. Fairness vs. Betrug: Diese moralische Weltsicht bezieht sich auf den Evolutionsprozess des wechselseitigen Altruismus. Zugrunde liegende Tugenden lauten Gleichheit, Gerechtigkeit und die autonome Gestaltung eines guten Lebens.
  3. Loyalität vs. Verrat: Diese Grundlage hängt mit unserer Ur-Geschichte als Stammeswesen zusammen, die in der Lage sind, wechselnde Koalitionen zu bilden. Zugrunde liegende Tugenden lauten Patriotismus und einseitiger Altruismus. Wer sich in diesem System befindet geht nach dem Musketierslogan aus: Einer für alle und alle für einen!
  4. Autorität vs. Subversion: Diese moralische Grundlage wurde durch unsere lange Primatengeschichte hierarchischer sozialer Interaktionen geprägt. Die zugrunde liegenden Tugenden lauten Führung und Gefolgschaft, Respekt gegenüber Autoritäten, Orientierung an Experten und Traditionen.
  5. Heiligkeit vs. Erniedrigung: Diese Grundlage wurde von der Psychologie der Entwicklung von Ekels und der „Sauber-Werdung“ geprägt. Wichtig sind dabei die kulturellen und religiösen Ideen einer erhöhten, weniger fleischlichen, zivilisierten Art zu leben. Der Mensch sollte sich nicht von seinen Instinkten leiten lassen. Der Körper ist ein Tempel, der nicht durch unmoralische Gedanken und Aktivitäten entweiht werden sollte. Die zugrunde liegenden Tugenden sind ein guter Zugang zum eigenen Körper, der Gesundheit und den eigenen Bedürfnissen bzw. den Bedürfnissen anderer Menschen.
  6. Freiheit vs. Unterdrückung: In dieser moralischen Basisdimension geht es um die Gefühle der Reaktanz gegenüber der Beschränkung persönlicher Freiheitsrechte. Der Impuls zur Gegenwehr kann darauf fußen, sich selbst zu verteidigen oder andere in Schutz zu nehmen, die gemobbt werden bzw. sich gegen Unterdrücker zu widersetzen. Zugrunde liegende Tugenden sind ein gutes Gespür für Unterdrückung und die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, wenn es schwierig wird.

Ordnen wir die sechs moralischen Dimensionen in eine politische Links-Rechts-Matrix ein, ergeben vier große Gruppen:

Kollektiv LinksKollektiv Rechts
Fürsorge: Den Schwachen muss geholfen werden. Schädigung: Wer Hilfsbedürftige durch sein Verhalten bedroht, muss bestraft werden. Fairness: Alle sollten das gleiche Recht auf gesellschaftliche Anteilnahme und Ressourcen haben. Betrug: Trittbrettfahrer müssen bestraft werden.Loyalität: Verhalte dich loyal zu jemandem, der dich schützt. Bilde Koalitionen, damit die Ordnung gewahrt bleibt. Verrat: Wir gegen die anderen. Autorität: Vertraue Experten und Autoritäten. Subversion / Umsturz: Mächtige sollten in Koalitionen eingebunden werden, um deren Macht zu bändigen.
Individuell LinksIndividuell Rechts
Freiheit / Unabhängigkeit: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Niemand wird zu seinem Glück gezwungen. Unterdrückung: Angst vor einem Kontrollstaat oder der Entmündigung des eigenen Lebens mittels Algorithmen.Heiligkeit: Ich kümmere mich um meinen Körper und meine Gesundheit selbst. Entweihung: Ich habe ein Recht auf die Unverletzlichkeit meines Körpers, meiner Wohnung oder meiner Religion.

Auch wenn niemand in einem der vier Kästen dauerhaft zu verorten ist und es stetige situative Wechsel gibt, lassen sich damit die Grundlagen von Konflikten gut erklären, insbesondere wenn besonders aggressiv gekämpft wird.

Haidt vergleicht die sechs moralischen Dimensionen mit einer Küche. Die Gewürze und Zutaten müssen vorhanden sein. Gleichzeitig bringt jede Küche genauso wie jeder Koch eine Geschichte mit. Welche Erfahrungen sind bereits vorhanden? Ist die Küche eingefahren Deutsch? Oder wird stetig etwas Neues ausprobiert? Die Küche bringt genau wie ein Land, eine Partei, ein Unternehmen, ein Team, eine Familie oder ein Paar bereits eine Kultur mit. Doch auch, wenn alle Rezepte, Gewürze und Zutaten der Welt vorhanden sind, müssen diese auch genutzt werden.5

Es geht also darum, sich sowohl den eigenen Elefanten als auch in Konflikten das Verhältnis zwischen Schimpanse und Biene bewusst zu machen und stetig auf der Suche nach den 10% Verbindungen zu sein, die mir wiederum helfen, mein 90% Schimpansen-Leben zu ermöglichen.

1Vgl. https://fee.org/articles/escape-the-moral-matrix-with-the-red-pill-of-intellectual-diversity

2Vgl. https://blogs.scientificamerican.com/guest-blog/jonathan-haidt-the-moral-matrix-breaking-out-of-our-righteous-minds

3Vgl. https://fee.org/articles/escape-the-moral-matrix-with-the-red-pill-of-intellectual-diversity

4Vgl. https://moralfoundations.org

5Vgl. https://blogs.scientificamerican.com/guest-blog/jonathan-haidt-the-moral-matrix-breaking-out-of-our-righteous-minds

Analoge Phänomene in einer digitalen Welt

Wenn wir zeitlich und gedanklich immer mehr in einer digitalen Welt leben, stellt sich die Frage, welche Phänomene des Lebens sich digital überhaupt ablichten lassen? Während manche Menschen im realen Leben die Erfahrung machten, dass Homöopathie genauso wirkt, wie wenn in Südamerika ein Huhn geschlachtet wird, damit die Migräne verschwindet, lässt sich dies mit reiner, messbarer Vernunft nicht nachvollziehen. In beiden Fällen wirken der Glaube, Placebo-Effekte und Selbstheilungskräfte. Der Besuch bei einem Homöopathen, für den ich 80 € pro Stunde zahle wirkt genauso wie der rituelle Aufwand einer südamerikanischen Huhnzeremonie. Nebenbei bemerkt wirken auch teure Kopfschmerztabletten trotz gleicher Inhalte besser als billige. Eins zu Null für eine Aspirin. In der analogen Welt könnte es uns egal sein, wie etwas funktioniert. Ob ich mich an Kräutern orientiere oder mich an die Schulmedizin halte: Hauptsache es wirkt. Aber lässt sich dies in der digitalen Welt ablichten?

Ein solcher Versuch erinnert an den Mann, der betrunken in der Nacht auf einem Gehsteig unter einer Laterne nach seinem Hausschlüssel sucht. Auf die Frage, wo genau er ihn verloren habe, entgegnet er: „Dort drüben. Aber hier ist das Licht besser.“

Glaube, Emotionen oder Mystik lassen sich nicht digital ablichten. Solche analogen Phänomene sind ungenau und unscharf. Sie lassen sich nicht messen oder logisch analysieren. Die digitale Welt hingegen unterscheidet zwischen Nullen und Einsen. Entweder es funktioniert oder ist kaputt. Entweder es ist wahr oder falsch. Deshalb ist es eher sinnlos oder mindestens unzureichend, sich bei Wikipedia über alternative Medizin zu erkundigen. Denn die Digitalisierung ist tatsächlich sinn-entleert. Der Algorithmus als Fake-News-Kontrolle hat kein Gespür für Glaube, Emotionen oder Mystik. Er erschaudert nicht im Angesicht einer Offenbarung. Er kennt keine Schmetterlinge im Bauch, wenn er verliebt ist oder bekommt zitterige Beine vor einer wichtigen Rede. Manche Wirkungen kann ich nur erspüren, erhoffen oder erahnen. Ich kann vielleicht nicht einmal darüber schreiben. In diesem Sinne hatte Ludwig Wittgenstein recht, als er schrieb: Worüber ich nicht sprechen kann, darüber sollte ich schweigen. Die analoge Welt ist jedoch voller Mysterien, die in der digitalen Welt nicht abgelichtet werden können.

Wir sollten daher nicht den Fehler machen, die digitale Welt für die Realität zu halten. Denn glücklicherweise bietet die Wirklichkeit so viel mehr an unerklärlichen Nuancen, die sich vermutlich niemals digital wiedergeben lassen werden. Vielleicht sollten wir es nicht einmal versuchen, um dem Leben nicht seine Mystik rauben. Vielleicht sollten wir die analogen Unerklärlichkeiten demütig akzeptieren oder sie sogar in Schutz nehmen vor dem Zugriff des Internets.

Es ist also kein Wunder, dass das Internet prädestiniert dafür ist, die Erkenntnisse messbarer Wissenschaften abzulichten, auch wenn das wirkliche Leben woanders stattfindet.

Vor kurzem las ich einen Artikel über drei Gruppen von Menschen und ihren Einstellungen zu den Corona-Maßnahmen der Regierung. Die Gruppe eins wurde mindestens als Kritiker, wenn nicht sogar als Leugner dargestellt. Die Gruppe zwei füllte das andere Ende der Skala aus. Hierbei handelte es sich um Menschen, die das Virus im Sinne des Zero-Covid-Gedankens am liebsten ausrotten würden. Die dritte Gruppe befand sich dazwischen. Menschen, die die Maßnahmen offiziell akzeptierten, weil sie erkannt haben, dass das Virus gefährlich ist, sich jedoch in ihrem persönlichen Umfeld Freiräume erlauben, die mit den offiziellen Regeln brechen. Hier ein Treffen mit Freunden über der erlaubten Personenanzahl. Dort eine Umarmung. Nichts Dramatisches. Nichts wirklich Verbrecherisches. Sondern lediglich das Ausnutzen der kleinen Freiheiten, wenn die Staatsmacht gerade nicht hinsieht.

Mir scheint, im Internet treffen die beiden ersten Gruppen mit ihren digitalen Weltbildern aufeinander und spielen das große Highlander-Spiel, in dem es nur einen geben kann. Die dritte Gruppe hingegen schweigt und lebt.

Mit der Traditionellen Chinesischen Medizin durch Krisenzeiten

1 Die fünf Elemente der TCM

Vor ein paar Tagen erzählte mir eine gute Bekannte von ihrem Aufenthalt in einer TCM-Klinik. Ich hatte natürlich schon einmal von den fünf Elementen aus der TCM gehört. Immerhin steht bei uns zuhause ein 5-Elemente-Kochbuch im Regal. Mir war jedoch nicht bekannt, welche Wirkung diese Elemente auf den Umgang mit Veränderungen und Krisen haben. Meine Bekannte berichtete, dass es aktuell eine große Zahl von Leberproblemen gibt. Offensichtlich führten die Anti-Coronamaßnahmen bei vielen Menschen zu einem Energiestau in der Leber, der schwer abzubauen ist, wenn das Leben still steht. Dieser Satz weckte meine Neugier. Und da die TCM trotz einer Verwendung in manchen esoterischen Kreisen auf einer sehr alten und weisen Philosophie beruht, reizte es mich, mich in deren Hintergründe zu vertiefen.

2 Die fünf Elemente als Persönlichkeitstypen

Wer sich im Internet umschaut, findet eine Menge 5-Elemente-Coachings. Die Einschätzung, welcher Typ ich bin, ist freilich nicht so wissenschaftlich validiert wie beispielsweise die Big 5-Dimensionen oder das System der DISG-Typen. Die fünf Elemente umweht dagegen ein Hauch von Mystik, so ähnlich wie die Enneagramm-Typen. Auch diese wurden nie wissenschaftlich unter dem soziologisch-psychologischen Mikroskop seziert. Zum einen ist dies evtl. auch gar nicht möglich, weil solche Systeme eher erfühl- als messbar sind. Zum anderen ist es aus meiner Sicht auch nicht nötig, weil sie einfach als Gedankenanstoß dienen können. Wird ein solches Coaching nicht allzu ernst genommen – das soll in esoterischen Kreisen durchaus passieren – sondern lediglich als Orientierung für schwierige Situationen genutzt oder als Metapher zum Nachdenken, kann meines Erachtens wenig schief gehen. Das Problem an der Esoterik ist nicht, dass das darin vermittelte Wissen falsch wäre, sondern dass die Informationen genutzt werden, als würde es sich dabei um das Wissen aus einem naturwissenschaftlichen Labor handeln. Gieße ich zwei Stoffe zusammen und es macht „Bumm!“, weiß ich, wie viele Milliliter ich von dem einen und dem anderen Stoff brauche, um zu einem Bumm zu kommen. Esoterisches Wissen ist jedoch unscharf, weil es sich mit unscharfen Phänomenen auseinandersetzt. Der Mensch, seine Psyche und sein Verhalten lässt sich nur bedingt berechnen und vorhersagen. Es lassen sich lediglich Wahrscheinlichkeiten bestimmen.

In diesem Sinne dienen auch die folgenden Aussagen über die fünf Elemente aus der TCM als Reflexionsansatz über sich selbst, was wir später in den Kontext von Veränderungsphasen übertragen werden:

  1. Ein Holz-Typ gilt als Pionier. Er bahnt neue Wege, bringt Dinge in Bewegung, ist neugierig und engagiert.
  2. Ein Feuer-Typ übernimmt die Führung, überschreitet Grenzen, testet sich in der Rolle, die er in der Weklt einnehmen möchte gerne aus, begeistert andere Menschen, ist herzlich, offen und direkt.
  3. Einem Erde-Typ ist Stabilität wichtig, Sicherheit, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Er hat seinen Platz in der Welt gefunden, was man ihm auch anmerkt. Während die Holz- und Feuer-Typen zwar mitreißend sind, aber auch unruhig wirken können, strahlt ein geerdeter Typ Ruhe aus.
  4. Ein Metall-Typ agiert häufig als Lehrer oder Mentor. Er zeichnet sich durch eine innere Klarheit und Struktur aus. Er reflektiert, verfeinert und optimiert Prozesse. Er lässt anderen den Raum zur Entwicklung.
  5. Der Wasser-Typ wird geprägt von einer inneren BeraterIn. Er lässt den Dingen ihren Lauf und blickt wohlwollend auf ihren Fluss. Wenn er gefragt wird, steht er beratend zur Seite. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Diese Typen bezeichnen Tendenzen. In meiner langjährigen Karriere als Coach habe ich es noch nie erlebt, dass ein Mensch nur einen Typen in Reinkultur verkörpert. In der Regel, so ist dies auch in vielen anderen Persönlichkeitstypologien, werden wir von einem Typen am stärksten geprägt. Wir fangen zum Beispiel als Holz-Typ schnell Feuer, reißen als feuriger Typ andere mit, lassen uns als geerdeter Typ selten aus der Ruhe bringen, sind als metallischer Typ eher nachdenklich oder stehen als wäss’riger Typ über den Dingen. Andere Typen können jedoch insbesondere in Phasen von Stress, Veränderungen und Krisen ebenso zum Tragen kommen. Oder aber unser Haupttyp erscheint in normalen Phasen in einem positiven Licht und tendiert in Krisenzeiten zu extremen Ausformungen:

  • So könnte ein Holz-Typ unter Stress ständig neue Projekte anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen.
  • Ein Feuer-Typ wird diktatorisch und überfährt damit seine Kolleg:innen im Team.
  • Ein geerdeter Typ ist sich seiner Sache zu sicher und verpasst dabei, sich auf die neue Situation einzustellen.
  • Bei einem metallischen Typen wird das Reflektieren zu einem Dauergrübeln.
  • Und ein wäss’riger Typ redet sich die Welt schön und verfällt in Lethargie.

3 Die fünf Elemente im Kontext von Veränderungen

Die fünf Elemente lassen sich fünf Wandlungsphasen zuordnen, die wir nicht nur in den Jahreszeiten, sondern auch in den Veränderungen eines Menschen oder im Rahmen eines Projekts wiederfinden. Holz steht für Frühling oder auch den Beginn eines Projekts. Feuer steht für Sommer oder das Aufgehen in der Arbeit. Erde steht für den Spätsommer und damit für gesättigte Erkenntnisse. Metall steht für den Herbst oder die Erntephase und den Erfolg. Und das Wasser steht für den Winter und die Erholung.

Im chinesischen Weltbild spielen Zyklen eine wichtige Rolle. Die alten Chinesen waren gute Beobachter und erkannten in den kosmischen Kreisläufen oder den Jahreszeiten Muster, die sie auf den Menschen übertrugen. Im alten China ging man davon aus, dass sich die fünf Wandlungsphasen in der gesamten Natur, im Makro- und Mikrokosmos widerspiegeln. Wir finden in jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr, aber auch in unserer gesamten Lebensspanne den Kreislauf von Entstehen, Aktivität, Reife, Ruhe und Loslassen.

Bezogen auf die Lebensphasen des Menschen stellen sich die Wandlungsphasen wie folgt dar:

  • Wir werden im Wasser-Element gezeugt und geboren.
  • Unsere Kindheit verbringen wir im Holz-Element. Hier sind Wachstum, Aktivität, Bewegung, Neugier und Ausprobieren wichtig.
  • Im Feuer-Element leben wir unsere Jugend, unsere Sturm- und Drang-Phase, Euphorie und Lebendigkeit. Wir überschreiten Grenzen und testen uns selbst und andere Menschen aus.
  • Im Erde-Element gründen wir eine Familie und werden sesshaft. Jetzt sind uns Harmonie, Bodenständigkeit und Klarheit im Leben wichtig.
  • Das Metall-Element spiegelt die Zeit des Ruhestands wieder. Wir finden zu einer inneren Einkehr und blicken auf die Früchte unseres Lebens zurück, auf Kinder und Enkel.
  • Im Wasser-Element schließlich erleben wir die letzte Lebensphase und den Tod. Wir denken darüber nach, was wir der Welt hinterlassen, lassen los und nehmen Abschied.

Schauen wir uns die Elemente noch ein wenig genauer an:

Holz

Die Wandlungsphase Holz wird in der chinesischen Medizin der Jahreszeit Frühling zugeordnet. Sie ist eine Zeit des Aufbruchs, des Neubeginns und des Wachstums. Der Frühling ist eine kurze und schnelle Jahreszeit, genau wie der frühe Morgen und die Kindheit. Die Holzphase wird gestärkt durch Gelassenheit, Tatkraft, das Vertrauen in sich und andere Menschen und ab und an auch durch eine gute Portion jugendlicher Naivität.

Feuer

Die Wandlungsphase Feuer entspricht in der TCM dem Sommer. Im Sommer drängt es uns nach draußen. Die Sonne weckt unsere Lebensgeister und unsere Lebensfreude. Feuer ist die Phase der Leidenschaft. Wir lassen uns mitreißen und können Feuer und Flamme sein – für andere Menschen oder auch ein spannendes Projekt. Die Feuerphase wird gestärkt durch Freude, Begeisterungsfähigkeit, Lebendigkeit und Herzlichkeit.

Erde

Das Element Erde nimmt in der TCM eine besondere Stellung ein. Zwischen dem Sommer und Herbst kommt der Hochsommer. Die Hitze zwingt uns zur Langsamkeit. Das Element Erde symbolisiert unsere Mitte – oder den Boxenstopp in einem Projekt – und die Fähigkeit, sich auf der Welt, in diesem Körper oder in einem Team zu verorten und bestenfalls wohl zu fühlen. Ich weiß, was ich kann und fühle mich gut dabei. Die Erdephase wird gestärkt durch die innere Klarheit, welche Rolle ich in der Welt oder einem Team spiele und die Bereitschaft, von sich und anderen Menschen zu lernen.

Metall

Die Metallphase bietet uns eine weitere Möglichkeit der Reflexion an, jedoch weniger eine Statusanalyse, sondern mehr als Reflexion der Vergangenheit gedacht. In der Natur kommt nach der üppigen Zeit des Wachstums und Reifens eine Zeit des Innehaltens. Der Herbst beginnt und somit die Phase der inneren Einkehr und Rückschau – auf den Tag, das Jahr, das Leben oder ein gescheitertes Projekt. Wir holen die Zeit der Ernte unseres Lebens ein und sortieren uns neu. Was hat funktioniert? Was eher nicht? Und woran lag das? Die Metallphase wird gestärkt durch Reflexivität, Zuversicht und Optimismus.

Wasser

Das Element Wasser steht in der TCM für den Winter. Es ist die Zeit der Ruhe, des scheinbaren Stillstands und der inneren Einkehr. Es wird nicht einmal mehr reflektiert, sondern losgelassen. Alles ist erledigt. Alles ist auch ohne mein Zutun im Fluss. Das Tagewerk ist getan und ich kann mich vollkommen entspannen und neue Kräfte tanken, bevor der Kreislauf von neuem startet. Die Wasserphase wird gestärkt durch das Selbstvertrauen loszulassen, Vergeben, Verzeihen und die Dankbarkeit dafür was funktioniert hat – trotz schwieriger Umstände.

Zusammenhänge zwischen den Wandlungsphasen

Die Wandlungsphasen hängen jedoch, das ist ein wichtiges Prinzip der 5 Elemente, miteinander zusammen. Besser noch: Sie bauen aufeinander auf. Nur wenn der Start erfolgreich gemeistert wird, kann ich begeistert sein. Erst wenn ich begeistert war, darf ich sesshaft werden. Nur wenn ich sesshaft wurde kann ich reflektieren und entspannen. Erst wenn ich reflektiere kann ich loslassen und wieder ein neues Projekt beginnen.

Es wird also nicht nur die Energie aus der einen Phase in die nächste übertragen. Das Holz nährt das Feuer. Aus Feuer entsteht Asche, welche der Erde entspricht. Aus der Erde wird Metall gewonnen. Metall nährt das Wasser durch Mineralstoffe. Und das Wasser spendet dem Holz Energie, damit es wachsen kann und schließt den Kreislauf. Es kann auch zu einem Energiestau kommen, wenn eine Phase nicht zufriedenstellend abgeschlossen wurde. Und damit sind wir beim Thema der Krise angekommen. Der Energiestau in der Leber, den ich zu Beginn angesprochen habe, hängt damit zusammen, dass Planungen aufgrund des Lockdowns nicht umgesetzt werden konnten. Als nach dem ersten Lockdown 2020 die ersten Öffnungen kamen, befanden sich viele Betroffene in einer Holzphase. Das Leben wurden unterbrochen und musste neu gestartet werden. Hotel-, Cafe- und Restaurantbesitzer dachten sich Hygienekonzepte aus. Theater dachten sich neue Formate aus. Coaches, Mediator:innen und Trainer:innen erforschten die Möglichkeiten von Online-Begleitungen. Anschließend begann die Umsetzungsphase. Das hatte aus meiner Wahrnehmung durchaus etwas von einem Feuer, als würden sie sagen: „Endlich geht wieder etwas. Lasst es uns versuchen! Lasst uns die Chancen erkennen!“ Die Musiker:innen im Konzertsaal vergrößerten die Abstände zueinander und bekamen dadurch neue Erkenntnisse. Die Musiker lernten dadurch, besser aufeinander zu hören. In Online-Trainings geht vieles nicht, während anderes sogar besser geht. Als Trainer fiel es mir oft schwer, mir die Namen meiner Teilnehmer:innen zu merken. Online ist das kein Thema mehr. Dennoch lassen sich im Kontext der 5 Elemente bzw. Wandlungsphasen derzeit drei Problem-Komplexe erkennen:

  1. Dauerfeuer: Musiker oder Trainer beispielsweise befinden sich zum Teil in einem „Dauerfeuer“-Zustand, da niemand weiß, wie es mittelfristig weitergeht. Soll ich nun doch wieder Präsenz-Termine ausmachen? Finden im Sommer wieder Konzerte statt? Vielleicht als Open-Air? Das Element der Erde und damit Stabilität und Sicherheit ist noch nicht abzusehen. Kurzum: Diejenigen, für die trotz Krise auf Österreichisch „a bisserl was“ geht, pendeln beständig zwischen Holz und Feuer. Das geht laut TCM auf Dauer auf das Herz auf den Dünndarm.
  2. Energiestau: Diejenigen wiederum, die komplett in der Luft hängen, d.h. Fitnessstudio-, Restaurant-, Cafehaus-, Hotelbesitzer, usw. wurden aus der kurzen Feuerphase im Herbst 2020 wieder in die Erdephase zurückgeworfen. Das wirkt auf Dauer frustrierend, deprimierend und führt bei vielen Menschen zu dem bereits erwähnten Energiestau, der langfristig zu Leberproblemen führen kann.
  3. Fehlende Erholung: Während die beiden Elemente Holz und Feuer offensichtlich überstark bedient werden, kommen die Menschen nicht zu anderen Elemente. Die Erde würde zu Stabilität führen, Metall zu Ruhe und Reflexion. Wasser zu Loslassen. Entsprechend fühlt sich die aktuelle Zeit für viele Menschen rast- und ruhelos an. Interessant ist auch, mit welchen Metaphern die Menschen derzeit unterwegs sind: Das Wasser steht ihnen bis zum Hals. Sie bekommen keine Luft mehr. Wir befinden uns noch mehr als sonst in einem Rattenrennen.

Wird also ein Element nicht abgeschlossen, bekomme ich nicht nur Probleme mit dem nächsten Element, sondern auch Probleme durch den Energiestau im vorhergehenden. Ich befinde mich damit in einer Dauerschleife. Der Körper strebt nach dem nächsten Schritt. Es ist ihm jedoch aufgrund der äußeren Bedingungen nicht erlaubt, diesen zu gehen.

Wird ein Element im Übermaß bedient oder gelebt, kommt es zu Überreaktionen. Das Kraftvolle in chinesischen Philosophien – das fiel mir vor einigen Jahren bereits bei Qigong auf – ist die reichhaltige Bilder- und Metaphernwelt. In der Natur lässt zu viel Hitze Böden austrocknen. Zu viel Regen weicht die Erde auf und hinterlässt ein Schlammfeld, auf dem nichts mehr wächst. Aus einem dünnen Zweig lässt sich kein großes Feuer machen. Metall wiederum könnte rosten, wenn es zu schnell, d.h. ohne Veredelung in Berührung mit Wasser kommt.

Eine Dysbalance innerhalb des Kreislaufs, ein Energiestau, eine mangelhafte Achtung und Erfüllung einer Phase oder ein hektisches Springen zwischen Phasen kann sich negativ auf das gesamte System auswirken. Die fünf Elemente sollten jedoch nicht als streng statisches System verstanden werden, sondern stehen miteinander in einer ständigen Balance. Alles andere wäre dogmatisch. Wenn ich aufgrund einer Störung merke, dass ich eine Phase übersprungen habe oder ungenügend bediente, kann ich durchaus „zurückgehen“, um mich dieser Phase nachträglich zu widmen und damit frei zu sein, die darauf folgenden Phasen optimaler zu nutzen. Ich kann also auch Probleme in einzelnen Phasen als Signal nutzen, um herauszufinden, wo etwas fehlt:

  • Bin ich wenig begeistert von einer Aufgabe (Feuer), bietet es sich an, einen Schritt zurück zu gehen, und mir die Frage zu stellen: War die Wachstumsphase lange genug? Sollte ich mir mehr Zeit lassen? (Holz)
  • Fehlt mir in einem Projekt Stabilität und Klarheit (Erde), könnte es auch daran liegen, dass es zuvor keine euphorische, lebendige und neugierige Sturm- und Drang-Phase gabe, in der viele Möglichkeiten ausprobiert wurde. Vielleicht sollten wir etwas Paradoxes tun und anstatt nach Stabilität zu suchen einen Schritt zurückgehen, um erst im übernächsten Schritt Klarheit zu erlangen.
  • Fällt es uns schwer, zur Ruhe zu kommen (Metall), könnte dies daran liegen, dass wir das Gefühl haben, noch nicht alles ausprobiert zu haben, was möglich ist (Feuer) oder noch keine Stabilität erreicht haben, also nicht wissen, wann es genug ist (Erde). Ein typisches Thema von Selbständigen und in Krisenzeiten ein Dauerthema. Es kann also sein, dass wir nicht nur eine Phase, sondern zwei Phasen zurückgehen müssen, um uns selbst die Erlaubnis geben zu können uns zu entspannen.
  • Haben wir schließlich Schwierigkeiten damit, loszulassen, im Beruf oder privat, könnte es daran liegen, nicht genügend Abenteuer im Leben erlebt zu haben (Feuer), das Gefühl zu haben, seinen Kindern nicht genug beigebracht zu haben (fremdes Holz) oder Angst davor zu haben, nicht mehr wichtig zu sein und damit über keine innere Reife und Stabilität zu verfügen (Erde und Metall). In diesem Fall müssen wir drei Phasen zurückgehen, um uns selbst schließlich die innere Erlaubnis zu geben, mit etwas abzuschließen.

Tatsächlich berichtete meine eingangs erwähnte Bekannte davon, dass TCM-Kliniken normalerweise etwa drei Wochen benötigen, damit sich Patient:innen von Stress regenerieren. Aktuell dauert es jedoch eher sechs Wochen, weil mehr Phasen berücksichtigt werden müssen.

Die Wandlungsphasen vermitteln uns eine Orientierung und werden damit zu einem Kompass im Leben, wenn wir Probleme bekommen oder Schwierigkeiten im Beruf, mit einer Aufgabe oder in einem Projekt haben. Dabei lassen durchaus körperliche Probleme wie Rast- und Schlaflosigkeit (zu viel Feuer), Erschöpfung oder Müdigkeit (zu wenig Erde oder Metall) auf den Stand einer Tätigkeit übertragen. Auch für diese müssen wir fit sein. Sie kann uns begeistern oder langweilen. Wohl können uns damit wohl und kompetent fühlen oder überfordert. Wir können an Tätigkeiten wachsen, wenn wir uns Gedanken darüber machen, was eine Aufgabe mit uns zu tun hat und was wir daraus lernen können. Oder wir hetzen schnellstens zur nächsten oberflächlichen Herausforderung. Dann jedoch fällt es uns schwer, zur Ruhe zu kommen und zufrieden auf ein erfülltes Leben oder ein erfolgreiches Projekt zurück zu blicken.

Sie können also, wenn Sie das Gefühl haben, dass es in einem Projekt stockt oder Sie selbst Probleme mit einem Energiestau, Gereiztheit, Erschöpfung oder Müdigkeit zu tun haben, mit den fünf Elementen spielerisch auf Problemsuche gehen, um in dem ein oder anderen Fall auf überraschende Erkenntnisse zur Lösung des Problems und damit langfristig zu einer besseren inneren Balance zu kommen.