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Cheffing – Führung von unten

1 Was ist Cheffing?

Als Cheffing bezeichnet man eine Führung, die von den Mitarbeitenden ausgeht. Also eine Führung von unten. Ein guter Freund von mir erzählte mir neulich von seinem Chef, der ständig neue Projekte anbahnen wollte, obwohl diese wenig lukrativ erschienen. Der Chef hatte als kleiner Unternehmer mit 5 Mitarbeiter*innen offensichtlich Angst, Kunden zu verlieren und nahm daher jeden Auftrag an, selbst wenn es am Ende zu Verlustgeschäften kam. Ein guter Mitarbeiter sollte hier – schon im eigenen Interesse – seine eigene Sichtweise einbringen. Doch wie geht das diplomatisch, wenn Chef oder Chefin dafür nicht offen sind?

2 Führung von unten als Trend

Seitdem das hierarchische Denken in Unternehmen im Zuge von Agilität und virtuellen Teams immer mehr ins Abseits gerät, ist auch eine Führung von unten nicht mehr das heiße Eisen wie noch vor 15 oder 20 Jahren. Im Gegenteil: Mitarbeiter*innen sollen heutzutage nicht nur mitarbeiten, sondern sich aktiv einbringen. Während es früher für eine Führungskraft als Gesichtsverlust galt, nicht alle Fäden in der Hand zu halten, definiert sich heute eine gute Führung mehr und mehr über einen moderierenden Stil. Dazu gehören jedoch auch Mitarbeiter*innen, die genau diese Lücke ausfüllen, sich also wirklich aktiv einbringen. Es liegt also nicht nur an Führungskräften ‚loszulassen‘, sondern auch an Mitarbeiter*innen, die Chance sich mehr als früher einzubringen zu ergreifen.

Wären beide Seiten bereit dazu, würde ich nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben. In meinen Seminaren sitzen jedoch immer wieder Führungskräfte aus der zweiten oder dritten Reihe, die immer noch regelmäßig gegen Wände laufen und bisweilen frustriert aufgegeben haben. Andere Führungskräfte haben mit Mitarbeiter*innen zu tun, die nicht bereit sind, die Chance einer Mitgestaltung zu ergreifen. Trotz Trend befinden wir uns also offensichtlich in einer Umbruchsituation.

3 Strategien zur Umsetzung einer Führung von unten

Grundsätzlich folgen Strategien meist dem simplen Dreiklang:

  1. Analyse: Wie sieht die Situation aus?
  2. Ziele: Welche Ziele verfolge ich?
  3. Strategien: Welche Strategien kann und will ich einsetzen?

3.1 Analyse

Zur Analyse gehören meist drei Aspekte: eine Analyse der Führungskraft, eine persönliche Analyse und eine Umfeldanalyse.

3.1.1 Analyse der Führung

Zur Analyse der zu führenden Führungskraft lassen sich Bewertungsbogen einsetzen, die auch in 360-Gradfeedbacks genutzt werden, oft mit einer Skala von 1-5.

Ein paar Beispiele:

  • Wie sehr werden meine Leistungen von meiner Führungskraft anerkannt und wertgeschätzt?
  • Wie stark werde ich motiviert, mich aktiv einzubringen?
  • Wie oft werde ich nach meiner Meinung gefragt?
  • Wie sehr werde ich motiviert, mich gezielt fortzubilden und weiterzuentwickeln?
  • Wie sehr ist meine Führungskraft offen für neue Ideen und Innovationen? Usw.

Aus solchen oder ähnlichen Fragen lassen sich Erkenntnisse darüber ziehen, wo Handlungsbedarf aus der eigenen Sicht besteht. Um diesen zu erkennen ist es weiterhin hilfreich, sich bewusst zu machen was mir selbst am wichtigsten ist, am schnellsten erreicht werden kann, so bleiben kann wie es ist und an passender Stelle erwähnt werden kann (oder sollte), aus Unternehmens- und/oder Kundensicht am wichtigsten ist und von mir beeinflussbar ist (oder auch nicht).

Positive Aspekte nach oben zu loben ist eine heikle Sache, da Lob und Kritik grundsätzlich immer nach unten gehen. Wer hierarchisch höher steht, darf sich auch das Recht herausnehmen zu beurteilen, was gut oder schlecht ist und loben oder kritisieren.

Tipp: Danke-Feedbacks

Einen Ausweg bietet ein Danke-Feedback: „Danke lieber Chef, dass Sie so viel Vertrauen in mich in diesem Projekt haben. Das motiviert mich noch mehr als ohnehin schon. Ich werde alles tun, um Sie nicht zu enttäuschen.“

3.1.2 Persönliche Analyse

Die persönliche Analyse ist eng mit der Analyse der Führung verbunden, nimmt jedoch eine andere Perspektive ein:

  • Ziele: Was will ich erreichen?
  • Prinzipien und Werte: Was ist mir wichtig?
  • Nutzen: Was kann ich bieten?
  • Erwartungen: Was erwarten andere von mir als Mitarbeiter*in?
  • Strategien: Was nehme ich mir genau vor? Wie sieht mein Zeitplan aus?
  • Unterstützung: Wer kann mich im Team unterstützen?
  • Hindernisse: Wer oder was ist eher gegen meine Bestrebungen?
  • Kontrolle: Woran erkenne ich, dass ich Erfolg habe?

3.1.3 Umfeldanalyse

Eine Umfeldanalyse untersucht v.a. auf die kulturellen Spielregeln im Unternehmen, in einer Abteilung oder einem Team:

  • Was ist erlaubt und was nicht? Was geht gar nicht und wird auch sanktioniert?
  • Wofür gibt es Lob und Anerkennung? Wie wird Karriere gemacht?
  • Welche Tabus gibt es? Worüber wird nicht gesprochen?

Tipp: Geheime Spielregeln brechen

Am spannendsten sind jedoch die Regeln, die zwar niemand bricht, deren Missachtung jedoch zu keinen Sanktionen führen würden. Nennen wir sie geheime Spielregeln. Ein Beispiel: In Sitzungen gibt es manchmal die Regel, dass Chef*innen Angebote machen, die nicht angenommen werden dürfen oder die zumindest niemand annimmt. Ergreift ein Chef beispielsweise am Ende eines Meetings das Wort und meint „Wenn es nichts mehr gibt, sind wir hier fertig“, gibt es meistens noch den ein oder anderen Punkt. Es traut sich jedoch niemand, diese Themen anzusprechen. In diesem Moment benötigt es ein wenig Courage. Wirklich verwerflich ist es jedoch nicht, zu sagen „Gut, dass Sie fragen: Ich habe da noch etwas (vorbereitet)“.

3.2 Ziele

Aus der dreiteiligen Analyse lassen sich konkrete Ziele ableiten, beispielsweise:

  • Ich wünsche mir mehr Beteiligung in Teamsitzungen.
  • Ich hätte gerne mehr konstruktives Feedback zur persönlichen Weiterentwicklung.
  • Ich würde gerne mehr eigene Ideen einbringen (können).

3.3 Strategien

Von den Zielen wiederum lassen sich Strategien ableiten:

  • Ich verändere die Werte, indem ich heimliche Spielregeln breche (s.o.).
  • Ich suche mir Verbündete, die es ebenso sehen wie ich.
  • Ich analysiere, wie ich die Arbeit meiner Chefin erleichtern kann und mache entsprechend aktive Angebote.
  • Ich überlege, wie sich Unternehmensziele leichter erreichen lassen und spreche mit meiner Chef*in darüber.
  • Ich bereite mich auf Mitarbeitergespräche aktiv vor, um auf Augenhöhe mitreden zu können.
  • Ich verstärke das für mich positive Verhalten meiner Chefin durch ein Danke-Feedback (s.o.) und übersetze vermeintlich Negatives in Wünsche.

Auswirkungen der Krisenstimmung auf Trainer*innen

Worauf sollten sich Trainer*innen in den kommenden Monaten, vermutlich länger, einstellen?

  1. Zeit- und Personalmangel
  2. Stammkundenorientierung

Zeit- und Personalmangel

Die Zeit ist knapp. Die Personaldecke ebenso. Deshalb kann es passieren, dass Personaler*innen noch mehr also sonst Prioritäten setzen (müssen). Es kann also zu Ausfällen oder Verschiebungen der eigenen Seminarreihe kommen, während andere als wichtiger oder dringender betrachtet werden.

Wie können Trainer*innen darauf reagieren? Zuerst einmal mit Verständnis. Zudem ist es jedoch wichtig, sich noch genauer als sonst zu überlegen, warum das eigene Angebot wichtig ist und dabei auf wichtige aktuelle Themen zu verweisen, bspw. Gesundheit, Bindung der Mitarbeiter*innen, Resilienz, Stabilität, usw.

Und schließlich ist es wichtig flexibel zu bleiben. Aktuell werden bspw. Seminare verschoben, weil unklar ist, was im Winter an Infektionen auf uns zukommt. Dies kann sich jedoch auch zum besseren ändern.

Stammkundenorientierung

In Krisenzeiten orientieren sich die Menschen nach dem was sie kennen. Deshalb werden Trainer*innen bevorzugt, mit denen bereits gute Erfahrungen gemacht wurden, während neue Trainer*innen eher selten ausprobiert werden.

Trainer*innen sollten daher mehr Engagement in ihren Bestandskundenstamm stecken als in potentielle neue Kunden.

Gleichzeitig hat sich Rolle von Trainer*innen bereits in Corona-Zeiten verändert und wird sich weiter verändern. Trainer*innen sollten noch mehr als bislang in die Rolle einer/s Berater*in schlüpfen und sich um eine strategische Auftragsklärung kümmern. Bei der Übertragung von Präsenzseminaren in Online-Formate hatte viele Trainer*innen bereits mehr Erfahrung als Personalentwicklungsabteilungen. Mittlerweile begegnen sich Trainer*innen und Personaler*innen wieder auf Augenhöhe. Da es auf der Personalerseite jedoch ebenso ein Zeitlimit gibt, sollten Trainer*innen ihre Möglichkeiten nutzen, auf das entsprechende Unternehmen zugeschnittene Trends auf dem Schirm zu haben und Personaler*innen noch aktiver als bislang zu beraten, anstatt lediglich Auftragserfüller*in zu sein.

Das Leben in verwirbelten Zeiten

Vor etwa 25 Jahren begeisterten mich die Sandman-Comics von Neil Gaiman zum ersten mal. Aktuell stieß ich durch die gleichnamige Netflix-Serie wieder auf den Sandman-Kosmos. Dort gibt es eine Figur namens Rose Walker. Einen sogenannten Wirbel, der es schafft, in fremden Träumen aufzutauchen. Diesen Gedanken finde ich faszinierend. Normalerweise bauen wir unsere Träume um uns herum auf. Und wenn wir jemanden in sie einladen, geschieht das aufgrund unseres Willens. Ein Wirbel mischt sich eigenständig ein, was natürlich verwirrend ist.

Das Gleiche lässt sich auf unser Wachsein übertragen. Noch vor kurzem konnten die meisten von uns relativ unbehelligt ihr Leben leben. Natürlich gab es Ausnahmen: Marginalisierte Gruppen, Arbeitslose, Benachteiligte, usw. hatten es immer schon schwer. Doch für den Rest galt mehr oder weniger das Motto „Leben und leben lassen“. Dies hat sich seit Corona massiv verändert. Sowohl der Staat als auch andere Menschen mischen sich mehr denn je in unser Leben ein.

Wir können also analog zum Sandman’schen Wirbel behaupten in verwirbelten Zeiten zu leben: Lass dich impfen! Nein, bloß nicht! Bist du pro oder contra Ukraine, Gendern, usw.?

Wo ist der Halt?

In solchen Krisenzeiten sucht die Menschheit nach einem Halt inmitten des gesellschaftspolitischen Sturms. Dieser Halt kann unterschiedlich aussehen:

  • Der Glaube des Wissenschaftlers an die Objektivität des Forschens.
  • Die Flucht vor der Absurdität des Lebens in Religion und Esoterik.
  • Die Orientierung an Traditionen (beispielsweise Dorffeste), eine politische Partei als Vertreter der eigenen „richtigen“ Werte oder an einer vermeintlich objektiven Weltanschauung bzw. Prinzipien der Aufklärung, Vernunft und Rationalität.

Wie also finden wir Halt? Die Sache mit den Werten ist kompliziert, wie ich finde. Wer lange genug wartet, erkennt, dass was gestern noch falsch war heute richtig ist und umgekehrt. Die Atomkraft ist aktuell das beste Beispiel dafür. Sinnhaftigkeit kann also nur im (zeitlichen) Kontext stattfinden. Gleichzeitig kann einen der Blick in die Zukunft (in spätestens einem Jahr werden wir wieder neu über Atomkraft diskutieren) verrückt machen. Schließlich müssen wir heute Entscheidungen treffen und nicht in einem Jahr. Und ob diese richtig sein werden, können wir nur erahnen. Zumindest könnte ein schwarmintelligenter Ansatz dabei helfen, gute Kompromisse zu finden, die auch in der Zukunft tragfähig sind.

Die negative Alternative, wenn uns der Halt verloren geht, hat meist mit Drogen oder Suizid zu tun. Der Konsum von Tabak ist während Corona um 30% gestiegen. Der Alkoholkonsum (externer Link) hat durch die Lockdowns und Kontaktbeschränkungen ebenfalls zugenommen. Offensichtlich fällt es dem Menschen schwer, auf sich alleine gestellt, den Sinn seines Daseins zu ergründen, weshalb er häufiger zu Fluchtmitteln greift.

Brauchen wir also klare Werte (beispielsweise die Solidarität mit der Ukraine im Team Nato), für die wir stehen, wohl wissend, dass sich diese evtl. in einigen Monaten verändert haben werden? In Krisenzeiten scheint es ein Bedürfnis nach Hop- oder Top-Positionen zu geben. Gibt uns das zumindest einen temporären Halt in verwirbelten Zeiten? Gleichzeitig sind es genau diese Werte der Menschen, die zu neuen Konfliktlinien führen.

Oder gibt es andere Möglichkeiten zur Stabilisierung?

  • Tägliche Rituale (wie der Tatortreiniger sagt: Einfach weitermachen)? Wenigstens ist am Wochenende Fußball, das Oktoberfest steht vor der Tür und am Dienstag-Abend ist Stammtisch.
  • Eine Aufgabe im Leben finden, die die Welt nicht verändert, aber der eigenen kleinen Welt einen Sinn verleiht?
  • Sich um das eigene Umfeld kümmern (ohne über die Weltpolitik zu sprechen)?
  • Sich selbst Prinzipien eines guten Menschseins auferlegen? Ja, was macht eigentlich einen guten Menschen aus und wie oft orientieren wir uns an solchen Prinzipien im Alltag?
  • Und nicht wenige in meinem Umfeld „flüchten“ (ohne Wertung, ich reise selber sehr gerne, um abzuschalten) sich in Reisen, Religion oder Spiritualität.

Wie also findet der Mensch Halt und Orientierung in Krisenzeiten? Durch meditative Abgrenzung am besten verbunden mit Selbstreflexion, soziales Engagement, Spiritualität, Rationalismus, eigene Prinzipien, Rituale, Lebensaufgaben oder etwas ganz anderes?

Leistungsbeurteilung aus der Distanz

Neulich in einem Seminar zum Thema „Führung auf Distanz“ kam ein Thema auf, das meines Erachtens noch kaum bis gar nicht in der Fachwelt beleuchtet wurde: Während es den aktuellen Führungskräften noch relativ leicht fallen sollte, ihre Mitarbeiter*innen auch aus der Distanz zu beurteilen, weil sie sie entweder schon von früher kennen oder sie zumindest das Rüstwerk mitbringen, andere zu beurteilen, könnte dies zukünftigen Führungskräften schwerer fallen. Denn wie beurteile ich jemanden, von dessen Arbeit ich lediglich Ergebnisse sehe, nicht jedoch seine Performanz?

Die klassische Leistungsbeurteilung wird sich verändern (müssen)

Auf Distanz lassen sich Leistungen freilich genauso beurteilen wie bisher. Individuelle und soziale Komponenten könnten jedoch zu einem Problem führen. Schauen wir uns dazu einige gängige Kriterien zur Leistungsbeurteilung an:

  • Das Fachwissen auch auf Distanz zu beurteilen sollte kein Problem darstellen.
  • Die Lust zur Weiterbildung ebenso.
  • Auch bei der Beurteilung der Arbeitsqualität wird sich wenig verändern.
  • Bei der Übernahme von Verantwortung wird es schon schwieriger, insbesondere wenn – wie es in Expertenteams häufig der Fall ist – Chef*innen oftmals nicht einschätzen können, welchen Aufwand die Expert*innen betreiben müssen, um an ihr Ziel zu kommen.
  • Bei der Zusammenarbeit mit Kolleg*innen wird es noch komplizierter. Gilt dann die Devise „Keine Nachrichten sind gute Nachrichten“?
  • Die Loyalität zu Unternehmen und Team hat in manchen Branchen, insbesondere in Ballungsgebieten ohnehin stark nachgelassen. Bei vielen Neubewerber*innen scheint die Maxime zu gelten „Ich will einfach nur (m)einen Job machen, egal wo und bei wem. Hauptsache ich kann das meiste von zuhause aus erledigen“. Doch selbst wenn dieser Punkt weiter in die Beurteilung fließen soll: Wie beurteilen Führungskräfte die Loyalität von Mitarbeiter*innen aus der Distanz?
  • Und wie schaut es mit dem Selbstmanagement der Mitarbeiter*innen aus, dem Arbeitstempo oder Kundenbezug? Sollte all das nur noch am Ergebnis festgemacht werden, ohne sich auf beobachtbare Fakten zu beziehen? D.h. auch hier: Wenn kein Kunde vergrätzt wurde und die Ergebnisse auch sonst passen, brauchen wir nicht darüber zu sprechen. Doch was, wenn nicht? Im negativen Fall sind Führungskräfte mehr oder weniger von den Aussagen der Mitarbeiter*innen über die Gründe des Nicht-Gelingens abhängig, was die Bewertung nicht leichter macht.

Führungsrenaissance

Summa sumarum gibt es also Unterpunkte einer Beurteilung, die sich nicht bis wenig verändern werden und andere Punkte, die eine Führung auf Distanz kaum noch beurteilen kann bzw. bei denen sie von der Ehrlichkeit ihrer Mitarbeiter*innen abhängig sein wird.

Dies kann verschiedene Konsequenzen nach sich ziehen:

  • Führungskräfte sollte gerade auf Distanz Beziehungsarbeit betreiben, um möglichst viel von ihren Leuten mitzubekommen. Nur so wird es möglich sein, in einem ehrlichen Mitarbeitergespräch die Informationen zu bekommen, die sie für eine Beurteilung brauchen.
  • Schaffen sie das nicht, wird es in der Zukunft zu kategorischen Hop-oder-Top-Entscheidungen führen. Fehlen ihnen relevante Informationen für eine umfassende Beurteilung, wird sich diese nur noch auf die Leistung beziehen. Alles Soziale und Individuelle wird durch das Raster fliegen. Wer dann in der Zukunft Ergebnisse nicht liefert – aus welchen Gründen auch immer – wird entbehrlich sein (einen klassischen Arbeitsplatz hat er im Homeoffice ohnehin nicht mehr).
  • Dies führt allerdings auch zu der Erkenntnis, dass Mitarbeiter*innen gut daran tun, ihre Arbeit und Zusammenarbeit mit Kolleg*innen transparenter zu machen. Wer sich als Mitarbeiter*in zuhause einigelt und die Gesprächsangebote von Führungskräften ablehnt, schneidet sich letztlich ins eigene Fleisch.

Führung mit Neugier und Empathie

Damit dies gelingt, brauchen Führungskräfte der Zukunft eine fragende, neugierige Haltung mit viel Vorstellungsvermögen für das, was sie nicht direkt wahrnehmen. Um dies zu gewährleisten, können verschiedene Hilfsmittel sinnvoll sein:

  • Ein monatlicher Aktionstag hilft dabei, die Mitarbeiter*innen auch live und in Aktion miteinander zu sehen. Damit ist kein Ausflug o.ä. gemeint, sondern ein gemeinsamer Arbeitstag. Denn in der Arbeit zusammen lassen sich soziale Kriterien am besten beobachten.
  • Auf einer Kontaktliste wird verzeichnet, wen ich wann zum letzten mal gesehen oder gesprochen habe, um den Kontakt nicht zu lange abreißen zu lassen und zumindest einmal wieder zu telefonieren.
  • Kritische Punkte der Leistungsbeurteilung sollten nicht einmal im Jahr angesprochen werden. Dann ist es zu spät. Sondern regelmäßig abgefragt werden. In einer Führung auf Distanz wird zwar die Ergebnisorientierung als Nonplusultra propagiert. Für eine umfassende Leistungsbeurteilung reicht dies allerings nicht aus.

Letztlich kommen Führungskräfte nicht umhin, sich freundlich-neugierig, aber intensiver als bislang mit der Welt der Mitarbeiterinnen auseinander zu setzen. Sie müssen noch mehr als bislang einschätzen können, wer introvertiert oder extravertiert ist und welche Konsequenzen sich aus der privaten Situation ergeben (alleinerziehend, Baby, Schulkinder, kleine Wohnung). Diese Neugier sollte jedoch keine Kontrolle nach sich ziehen, sondern wohlwollend-erkundigend sein, da Führungskräfte ihre Mitarbeiterinnen auch in der Zukunft nicht nur einschätzen, sondern auch ihren Weiterbildungsbedarf erfassen können müssen (Beispiele: Selbst-, Konfliktmanagement oder Medienkompetenz). Zudem brauchen sie Informationen, um Entscheidungen bezüglich ihrer Mitarbeiter*innen gegenüber diesen, aber auch nach oben zu vertreten.

Eine Leistungsbeurteilung auf Distanz wird folglich komplizierter, verlangt einer Führungskraft einiges an Einfühlungsvermögen ab und erfordert von Mitarbeiter*innen mehr Offenheit. Sollten sich beide Parteien auf die neue Situation einlassen, ist es jedoch weniger dramatisch wie es im ersten Moment aussieht.

Weisheit versus Intelligenz

Warum ist es sinnvoll, sich über Weisheit Gedanken zu machen?

Lange Zeit galt das Primat der Intelligenz. Dabei zeigt sich in aktuellen Studien, dass Intelligenz vielleicht dazu führt Karriere zu machen, jedoch weder vor Dummheiten schützt, noch glücklich macht. Laut Dilip Jeste steht Weisheit in einer engen Verbindung zu geistiger und körperlicher Gesundheit, einem langen Leben und persönlichem Glücksempfinden (siehe Hohe Luft Kompakt, Sonderheft 1 / 2022, S. 76ff). Doch was genau ist Weisheit?

Damit beschäftigten sich Dilip Jeste von der University of California und Michael Thomas von der Colorado State University. Laut ihren Forschungen beinhaltet Weisheit 7 Komponenten, die sich mit lediglich 7 Fragen messen lassen. Diese Komplexitätsreduktion wird der Wirklichkeit vermutlich nicht ganz gerecht. Sie bietet dafür einen handhabbaren Einstieg in ein schwieriges Thema, um zum Nachdenken anzuregen, was gerade in hektischen Zeiten hilfreicher ist als ein bis in alle Details ausgeklügelter Fragebogen.

7 Komponenten der Weisheit

Die Komponenten sind nicht neu und werden schon seit geraumer Zeit erforscht und diskutiert, u.a. von Daniel Goleman oder David Caruso und Peter Salovey. Neu ist jedoch die Hinzunahme der spirituellen Komponente, die in einer fragilen Welt immer wichtiger erscheint, sowie die Fokussierung auf lediglich 7 Fragen, mit denen die beiden Professoren Weisheit messen (externer Link).

Persönliche Kompetenzen

Die Komponente Selbstreflexion misst die Kompetenz, sich selbst zu hinterfragen und zu versuchen Hintergründe und Entstehungen eigener Handlungen zu verstehen: Was treibt mich an? Welche Ziele verfolge ich? Bin ich auf dem richtigen Weg?

Die Komponente Emotionsregulation misst die Kompetenz, negative Emotionen zu regulieren, um bessere Entscheidungen zu treffen und sich nicht durch Denkfehler manipulieren zu lassen. Dabei geht es nicht darum, durch eine rosa Brille zu blicken, sondern Emotionen als wichtiges Signal anzusehen, sie jedoch nicht überzubewerten.

Die Komponente Entscheidungsfreude misst die Fähigkeit, Entscheidungen weder zu schnell noch zu langsam zu treffen. Manche Entscheidungen müssen reifen, andere sollten schnell getroffen werden, um negative Folgeeffekte für mich selbst und/oder mein Umfeld zu vermeiden.

Soziale Kompetenzen

Die Komponente Pro-soziale Verhaltensweisen umfasst Empathie und einen Sinn für Gerechtigkeit: Kann ich positive soziale Beziehungen aufrecht erhalten? Kann ich mich in die Gefühlswelt anderer hineinversetzen? Handle ich gewissenhaft und fair?

Die Komponente Akzeptanz abweichender Perspektiven untersucht die Akzeptanz und Toleranz anderer Erfahrungen und Wertesysteme sowie das echte Interesse daran, die Sichtweisen und Meinungen meines Umfelds kennen zu lernen.

Die Komponente Soziale Beratung bezieht sich auf die Fähigkeit, anderen beratend beizustehen und sie wohlwollend (also nicht bevormundend) zu coachen.

Spritualität und Sinnhaftigkeit

Die Komponente Spiritualität wird schon seit Jahrhunderten als Bestandteil von Weisheit angesehen, wurde jedoch lange Zeit in der Psychologie, die einen maßgeblichen Einfluss auf moderne Unternehmensführung hat, vernachlässigt. In einer Zeit, in der die Menschen nach einem Halt in einer fragilen Welt suchen, wird auch das Thema Spiritualität immer wichtiger, auch in Unternehmen. Dabei muss Spiritualität nicht automatisch gleichgesetzt werden mit Religiösität. Spiritualität bedeutet letztlich, die Überzeugung zu haben, dass das Leben und/oder einzelne Episoden des Lebens einen höheren Sinn verfolgen. Diese Sinnsuche ist eine Grundbedingung dafür, auch unter Dauerbelastungen – wie aktuell einem Krieg vor der eigenen Haustür mit all seinen Konsequenzen – einen Halt im Haltlosen zu finden.

7 Fragen auf einer Skala von 1-5

Und hier kommen die 7 Fragen, mit denen Jeste und Thomas Weisheit messen. Die Fragen sind im Original teilweise negativ formuliert. Ich habe mich jedoch der besseren Lesbarkeit wegen dazu entschlossen, sie positiv umzuschreiben. Alle Fragen sollen auf einer Skala von 1-5 beantwortet werden.

  1. Ich reflektiere mich regelmäßig selbst.
  2. Ich bleibe unter Druck ruhig.
  3. Ich zögere wichtige Entscheidungen nicht zu lange hinaus.
  4. Situationen, in denen ich weiß, dass meine Hilfe benötigt wird, machen mir keine Angst.
  5. Es fällt mir leicht, anderen Menschen beratend beizustehen.
  6. Ich lerne gerne verschiedene Standpunkte kennen.
  7. Mein spiritueller Glaube gibt mir innere Stärke.

Damit haben Sie jetzt auch ohne professionelle Auswertung die Möglichkeit, sich selbst einzuschätzen und Ihre Schlüsse daraus zu ziehen:

  • Sollten Sie auf einen Wert von 30-35 kommen, können Sie sich freuen. Offensichtlich sind Sie sowohl persönlich als auch sozial und spirituell auf einem weisen Weg. Das wissen Sie jedoch vermutlich schon selbst: Sie lassen sich dann nicht so schnell aus der Ruhe bringen, blicken optimistisch in die Zukunft, pflegen Ihr Netzwerk und handeln, wenn es nötig ist.
  • Sollten Sie grundsätzlich hohe Werte haben, jedoch in einzelnen Punkten auffallend geringe Ausprägungen haben, wissen Sie vermutlich ohnehin schon, was zu tun ist. Aber schön, dass die Forschung einen noch einmal darauf hinweist. Wo also liegen Ihre Baustellen? Im Netzwerken? In Reflexionspausen? In einer Aufschieberitis? Oder in der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns?
  • Sollten Sie mehrere Baustellen haben, ist das auch kein Beinbruch. Es ist (beinahe) nie zu spät für einen Neustart im Leben. Dabei zeigt sich, dass sich viele „Kleinigkeiten“ leicht und schnell umsetzen lassen: Vielleicht eine eMail an einen alten Bekannten schreiben und ein Telefonat vereinbaren? Oder sich einmal die Woche einen Spaziergang mit ein paar Selbstreflexionsfragen gönnen? Ein paar Beispiele dazu finden Sie hier: https://www.m-huebler.de/selbstcoaching-leitfaden

So oder so werden Sie die 7 Fragen zum Nachdenken angeregt haben. Und das ist schon einmal ein guter erster Schritt hin zu einem weiseren Leben.