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Unser Menschenbild

Die Beschäftigung mit unserem Menschenbild lässt mich nicht los. Die Krise zeigt uns, was tief in uns verborgen ist und nur ab und an unter Stress über die Wasseroberfläche lugt. In der Krise wird aus dem Lugen ein kraftvoller Sprung aus dem Wasser. Politiker und Bürger zeigen, wie ihr Menschenbild wirklich aussieht. Haben wir ein positives oder negatives Menschenbild? Mindestens ebenso spannend: Haben wir Vertrauen in Systeme, respektive unseren Staat?

Wer ein negatives Menschen mitbringt und Systemen ebenso kein Vertrauen schenkt, hat Angst davor, in Systemen unterzugehen oder davor, dass dass mächtige Menschen das System ausnutzen.

Wer ein negatives Menschenbild mitbringt, jedoch Vertrauen in Systeme hat, wird versuchen, diese selbst zu nutzen, um den bösen Menschen in seine Schranken zu verweisen. Das Prinzip ist einfach: Der Mensch ist schlecht und muss durch soziale Kontrollen reguliert werden. Damit sind wir beim Bild des Leviathans angekommen.

Wer andererseits ein positives Menschenbild vertritt, jedoch Systemen kein Vertrauen entgegen bringt, glaubt zwar an das Gute im Menschen, allerdings auch daran, dass Systeme den Menschen korrumpieren können, indem sie die Lust an der Macht über andere wecken oder zu einer Entfremdung des Menschen von sich selbst führen, wenn er sich in Aufgaben und Rollen verliert.

Wer schließlich ein positives Menschenbild vertritt und an Systeme glaubt, geht davon aus, dass sie die guten Potentiale des Menschen erst richtig fördern.

Entsprechend unterschiedlich fallen die Glaubenssysteme der vier Quadranten aus:

Wenn wir uns anschauen, welche Menschen sich in den vier Quadranten wieder finden, stoßen wir auf entsprechend unterschiedliche Typen: Die einen ziehen sich von der Welt zurück oder ordnen sich unter. Die anderen nutzen Systeme, um ihre Dominanz auszuspielen. Die dritten träumen den Traum von einer Welt, in der das Individuum in der Gesellschaft zur vollen Entfaltung kommt. Und die letzten hätten am liebsten so wenige Freiheits-Beschränkungen wie möglich.

All dies führt zu gänzlich unterschiedlichen Verhaltenskonsequenzen:

Wir können nicht einfach aus unserer Haut. Dennoch drängt sich durch die bewusste Beschäftigung mit unserem Menschenbild und unserer Sichtweise auf Systeme die Frage danach auf, ob wir zufrieden damit sind, wie wir die Welt sehen. Oder ob wir etwas daran ändern wollen? An unserer Sicht und an unserem Umgang miteinander?

Ich persönlich habe definitiv mehr Vertrauen in Menschen als in Systeme. Dennoch gibt es Systeme, die eine großartige Arbeit leisten und in denen weniger freiheitsliebende Menschen einen Platz bekommen, zu sich selbst zu finden.

Die Rennmaschine

Es war einmal ein Päärchen, das sorgenvoll auf ihren 15-jährigen Zögling blickte. Seine Noten waren durchschnittlich. Er stand kurz vor Weihnachten auf einer Drei. Deshalb kamen sie auf die Idee, ihm einen Deal vorzuschlagen: Wenn er im Durchschnitt auf eine 2,5 kommt, schenken Sie ihm eine richtig teure, schnittige Rennmaschine. Der Junge war begeistert. So ein Rad hatte er sich schon lange gewünscht. Er rackerte wie ein Verrückter. Nach zwei Monaten hatte er es tatsächlich geschafft. Sein Schnitt betrug nun eine 2,5. Seine Eltern jedoch sagten zu ihm: „Ja, schon. Aber wir sind ja noch mitten im Schuljahr. Und wer weiß, was noch alles passierte? Es wäre jedenfalls sicherer, wenn du auf eine 2,3 kämst. Damit es auch bis zum Ende des Schuljahres zu einer Zwei reicht.“

Der Junge sah das ein und ackerte hoch motiviert weiter. Und tatsächlich, nach einem weiteren Monat hatte er einen Durchschnitt von 2,3 erreicht. Seine Eltern waren ganz erstaunt. Irgendwie glücklich. Dennoch hatten sie Angst, ob das neuerliche Engagement ihres Sohnes nicht nur ein Strohfeuer war. Daher entgegneten sie ihm: „Schau mal. Das ist ja alles wunderbar. Aber lass‘ uns doch abwarten, wie die restlichen Monate verlaufen. Streng dich noch ein wenig an. Dann kommst du bestimmt auf eine 2,0 am Schuljahresende.“

Der Junge war stocksauer. Aber aus Trotz dachte er sich: Denen zeig‘ ich’s. Die werden schon sehen. Und tatsächlich: Am Ende des Schuljahres kam er auf eine 2,0. Als die Eltern das sahen, waren sie überglücklich. Doch als es zur Einlösung der Gegenleistung kam, zögerten sie und meinten: „Weißt du, du machst doch nächstes Jahr deinen Realschulabschluss. Wäre es nicht eine tolle Sache, deine Zwei zu halten oder sogar zu verbessern? Vielleicht kommst du ja noch in dem ein oder anderen Fach auf eine Eins? Deine Mutter und Ich haben beschlossen, dir die Rennmaschine erst nach der mittleren Reife zu kaufen. Du hast so einen guten Lauf. Und es wäre sehr schade, würden wir den jetzt zerstören.“

Ab da ging der Junge nur noch auf Partys und machte keinen Finger mehr krumm. Die Eltern verstanden die Welt nicht mehr, aber dachten sich: Vermutlich liegt es an der Pubertät.

Das Menschenbild in der Krise

Krisen zwingen uns zum Nachdenken. Beispielsweise über unser Menschenbild.

Es ist spannend, mit welchen Brillen Menschen unterwegs sind. Mit welchen Brillen sie auf die Welt und gerade jetzt auf andere Menschen blicken. Kein Wunder, dass hier im wahrsten Sinne Welten aufeinanderprallen. Ohne eine Klärung des Charakters der individuellen Sehhilfen sind Eskalationen im gegenseitigen Austausch vorprogrammiert:

„Die Maßnahmen sind vollkommen gerechtfertigt, weil dort draußen so viele Menschen ‚rumlaufen, die es einfach nicht schnallen!“

Die Gegenseite sagt übrigens das gleiche: „Zu demonstrieren ist eine Bürgerpflicht, weil es so viele Menschen dort draußen gibt, die es einfach nicht schnallen.“

Bereits der Begriff der „Maßnahme“ ist spannend: Jemand soll Maß halten. Weil er das jedoch nicht freiwillig tut, wird ihm ein Teil seiner Freiheit „genommen“, damit wir sicher gehen können, dass er es auch wirklich tut. Der aktuelle Höhepunkt fand gerade in Sachsen zum Thema „Psychiatrisierung von Quarantäneverweigerern“ statt.

Dabei gibt es doch einen Zwischenweg zwischen diesen beiden Extremen: „Die Maßnahmen sind nur teilweise sinnvoll, weil sie teilweise an den falschen Stellen ansetzen.“

Oder wie Josef Hader einmal sagte: „Ich weiß es nicht. Ich denke noch nach.“

Wie so oft und insbesondere in Krisen sind es die Zwischentöne, die es ermöglichen, zerstrittene Lager zu versöhnen.

Während die Regierung Angst davor hat, dass solche Kommentare die Masse der Menschen verunsichert, worauf der nächste logische Schritt das Abdriften der Verunsicherten und ins Nachdenken gekommenen Menschen anscheinend automatisch in die Rebellion führt, was nicht unbedingt für ein aufgeklärtes Menschenbild nach Kant’schem Vorbild spricht, haben Verschwörungstheoretiker Angst vor einer Clique von Grund auf böser Menschen, die im Hinterzimmer die Weltmacht an sich reißen wollen.

Mich persönlich gruselt beides.

Wo bleibt unser Glaube an den aufgeklärten, mündigen Menschen, der nicht nur anderen Wissenschaftlern hörig lauscht, sondern sich seines eigenen Verstandes bedient? Der sich selbständig und aktiv seine eigene Meinung bilden möchte?

Wo bleibt das Denken in Interessen, das logischerweise nicht unbedingt meine eigenen Interessen widerspiegelt, aber dennoch legitim ist? Und Staaten, Stiftungen und einzelne Politiker verfolgen ebenso Interessen wie Privatbürger.

Trauen wir uns und den Menschen in unserem Umfeld wirklich so wenig zu?

Wenn dem so ist: Dann her mit Notstandsgesetzen. Der Mensch ist des Menschen Wolf und braucht einen Leviathan, einen starken Staat. Dann gilt die Devise: Zwangsimpfungen für alle statt Respekt, Solidarität, Rücksicht und Empathie. Dann können wir letztlich niemandem mehr trauen. Auf Wiedersehen all ihr schönen Umarmungen. Dann sagt Julia zu Romeo: Zeig mir deinen Impfpass, bevor du mich küsst.

Und wenn wir doch Vertrauen in die Menschheit haben? Diese Frage steht zur Disposition. Hier kann zuallererst jeder bei sich selbst beginnen: Wie schaut Ihr Menschenbild aus?

Über Vertrauen, Kontrolle und Mündigkeit in Krisenzeiten

Gestern besuchte ich mit meiner Familie eine Kirche. Natürlich fand kein Gottesdienst statt, jetzt in Zeiten der Krise. Wir saßen da und lauschten der Stille. Auf den Bänken lagen Gebete aus. In einem dieser Gebete stand etwas davon, Umstände hinzunehmen und davon, nicht alles kontrollieren zu können. Auf einem Flyer dieser katholischen Kirche stand etwas von „(sinnvollen) Maßnahmen“. Die Kirche übt subtile Kritik? Interessant. Vor allem in einem Bundesland, das von einer Partei regiert wird, das ein C im Namen führt. Ich meine damit nicht das Corona-C, sondern das christliche C.

Die Kirche trifft damit einen Nerv der Zeit und nährt den ewigen Streit zwischen wissenschaftlicher Machbarkeit und geduldigem Vertrauen. Vielleicht ist auch so der Hitler-Vergleich des Papstes (externer Link) mit der Rhetorik aktueller Politiker zur derzeitigen Lage verständlich. Während im religiösen Verständnis das Gebot des Vertrauens auf eine höhere Macht vorherrscht, gehen Virologen, Mediziner oder Epidemiologen davon aus, dass wir alles kontrollieren können. Wir können jede Krankheit wegimpfen. Wir können uns das Leben Untertan machen, natürlich(!) aus „philanthropischen“ Gründen.

Vielleicht sind sich Kirchenvertreter dem Darwinismus näher als sie das selber wussten. Darwinistisch wäre schließlich, das Virus wallten zu lassen und Vertrauen in die Natur zu haben. Selbstredend sollte dennoch aus christlicher Nächstenliebe und Solidarität an Stellen wo es nötig ist, geholfen werden. Der Eingriff des Menschen hingegen beinhaltet die Gefahr eines Sozialdarwinismus, der gezielt Einfluss auf die Natur nimmt und damit entscheidet, wer überlebt und wer nicht. Politiker, die derzeit solche Entscheidungen treffen (müssen), sind nicht zu beneiden. Sollen sie alte und gebrechliche Menschen gefährden, um jungen und vitalen Menschen auch morgen noch eine optimistische Zukunft zu bieten, oder nicht? Kein Wunder, dass rechte Seiten, die leicht einem „survival of the fittest“ anheim fallen die Maßnahmen lieber heute als morgen komplett zurücknehmen würden. Dennoch stellt sich die Frage, ob wir es wirklich riskieren wollen, die gesamte Generation C (das Alpha und Beta überspringen wir einfach mal) inklusive ihrer Eltern, die gestern noch als systemrelevante Säulen der Gesellschaft galten zu desillusionieren? Die Gefahren eines Vertrauensverlustes in den Staat in umfassenden Schichten der Gesellschaft sind enorm, wenn die Wahrnehmung umher geht, Gelder würden ungerecht verteilt und am Ende überleben ohnehin nur die Großen und Mächtigen.

Mir scheint, das wissenschaftliche Denken der Kontrolle, als wäre die Welt ein Versuchslabor, in dem alle Bedingungen bis hinter die zweite Kommastelle vorberechnet werden, hat in dieser Krise von Tag Eins an die Politik infiziert. Laut Platon gilt jedoch die klare Trennung des Wahren, Guten und Schönen. Das Wahre ist die Wissenschaft. Das Schöne die Kultur, die wir gerade noch haben. Das Gute symbolisiert die Politik.

Gut ist es, ethisch-moralisch zu handeln und nicht nach Vorgaben der Wissenschaft. Gut ist es, bei allem Schutz der Gebrechlichen diejenigen nicht zu vergessen, die ebenso ein Recht auf Zukunft haben. Gut ist es, mutige Entscheidungen zu treffen, deren Folgen nur zum Teil vorhersehbar sind. Kontrolle ist dabei nur selten möglich. Vertrauen ist unabdingbar, um der Hybris der Machbarkeit zu entkommen. Führungskräfte mit Mitarbeitern im Homeoffice erkennen gerade, wie wenig Macht sie aktuell noch ausüben können. Dabei könnte das Vertrauen in den mündigen Bürger helfen. Wenn ich im gleichen Spiegel-Artikel lese, dass Corona-Partys seltener waren als uns vermittelt wurde, dass es jedoch gefährlich ist, wenn die Bürger nur noch zu gut 50% Angst vor dem Virus haben, weil es in Deutschland im Europa-Vergleich zu seltene Todesfälle gibt, wohingegen die Intensiv-Betten noch lange nicht ausgelastet sind, spricht wenig dafür, dass dem gemeinen Bürger Vertrauen in seine Mündigkeit entgegen gebracht wird. Der Bürger scheint jedoch ein Vertrauen in das deutsche Gesundheitssystem zu haben. Ist das nicht ein Grund zum Feiern?

Vielleicht könnte ein Gefühl der Solidarität und des „Wir-schaffen-das“ auf einem gemeinsamen neuen Sozialvertrag fußen: Der Bürger vertraut den Maßnahmen des Staates. Und der Staat vertraut auf die Mündigkeit des Bürgers und verzichtet dabei auf eine Rhetorik der infantilisierenden Entmündigung.

Ob das wirklich funktioniert, fragt sich vielleicht jetzt mancher? Nun ja: Es ist eben eine Utopie, ein Wunschtraum. Vielleicht brauchte es ja zu Beginn der Krise eine Angst machende Rhetorik, damit die Bürger den Ernst der Lage erkennen. Vielleicht braucht es jedoch jetzt, in Phase Zwei, eine versöhnende Rhetorik, mit klaren Ansagen und einem empathischen Duktus.

Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung

Neben der Menschlichkeit kommen wir ebenso nicht umhin, unser Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung zu klären:

  • Was passiert, wenn meine Mitarbeiter weitgehend nur noch per mobilem Endgerät verfügbar sind?

  • Wieviel Vertrauen habe ich in Sie, wenn ich sie nur noch per Stimme oder Bildschirm sehe?

Wenn Führungskräfte auf die Digitalisierung ähnlich wie (externer Link) Eltern reagieren, stehen uns düstere Zeiten bevor. Um dies zu verhindern, brauchen wir dringend eine Diskussion über die Frage, wie viel Grundvertrauen in den Menschen, d.h. welches Menschenbild wir haben, was wir anderen zutrauen und welche Feedback- und Kontrollschleifen wir brauchen?

Um dieses Gefühl des Vertrauens aufzubauen, ist die Nähe zum Mitarbeiter, wenn er (oder sie) schon mal greifbar ist, unabdingbar. Die digitale Ferne des agilen Führungszeitalters braucht als Gegenpol die menschliche Nähe eines ernsthaften Beziehungsmanagements, ein modernes Management by Walking around 2.0, in meiner Vision eine provokante, humorvolle, authentische Führung mit klaren Führungsprinzipien für einen ehrlichen Erwartungsaustausch und auch über die Ferne tragende Beziehungen.

Mehr dazu unter: https://www.metropolitan.de/buch/provokant-authentisch-agil