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Erschöpft vom Leben

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2022 befragte das Meinungsforschungsinstitut Civey 5000 Personen nach ihrem Grad der Belastung. Das Ergebnis: Etwa 50% der Befragten fühlten sich erschöpft. Von der Arbeit. Den täglichen Aufgaben, insbesondere bei Familien mit Kindern. Der Reizüberflutung in Großstädten. Den vielen Krisen um uns herum. Letztlich davon, das Leben gerade so zu meistern. Mehr aber auch nicht. Lebensfreude? Fehlanzeige. Als hätten sich viele von uns mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter Ziele gesetzt, denen sie nun zeitlebens hinterher hecheln: Haus abbezahlen, Karriere machen, Karriere der Kinder fördern, usw.

Paradoxerweise verschlimmern zwei vermeintliche Lösungsstrategien unseren Umgang mit Stress und Krisen nur noch mehr:

  1. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sich von den Belastungen des Alltags abzulenken. Doch das Überangebot an sehenswerten Serien, Filmen oder Dokus artet seinerseits in Stress aus.
  2. Noch nie kamen wir so leicht an Informationen über Krisen in der ganzen Welt. Wenn wir schon nicht imstande sind, die Welt zu retten, können wir uns zumindest über den Stand der Dinge informieren. Wissen ist Macht. Oder etwa nicht?

Hilfreich scheint das jedoch nicht zu sein. Denn wer einerseits wütend ist auf den Zustand der Welt oder auch nur auf die Politik der Ampelregierung, sich jedoch außer der Unterstützung einer Onlinepetition außerstande fühlt, etwas zu unternehmen, steht bereits mit einem Bein in der Depression. Denn: Zu wissen, was alles im Argen liegt und gleichzeitig handlungsunfähig zu sein, macht depressiv.

Digital Detox ist auch keine Lösung

Ein dauerhaftes „Digital Detox“ ist sicherlich keine Lösung. Je nach Lebenslage ist es durchaus wichtig beispielsweise die aktuelle Debatte um Gebäudesanierungen mitzubekommen, um vorbereitet zu sein. Auch das Wissen um Deep-Fakes oder die neuesten Trickbetrügermaschen ist hilfreich, um nicht halbblind durch die Welt zu segeln. Ohnehin stellt sich die Frage, wer es sich heute noch leisten kann, nicht digital unterwegs zu sein, und sei es nur zumindest eine Email-Adresse zu haben.

Die Adressatenfrage

Stattdessen sollten wir uns beim Konsum von Weltuntergangsnachrichten die Frage der persönlichen Relevanz stellen:

  • Betreffen mich Gebäudesanierungen, wenn ich selbst kein Haus besitze?
  • Betreffen mich Aufrufe zum „Kalt Duschen“, wenn meine Gasrechnung ohnehin eher bescheiden ausfällt?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Dass wir uns durch Nachrichten in die Probleme anderer Menschen hineinversetzen betrachte ich als eine der Hauptaufgaben von Medien. Medien sollten, wie der Name suggeriert, zwischen verschiedenen Personengruppen vermitteln. In diesem Sinne könnte ich eine Nachricht als Information betrachten: „Ah, das gibt es also auch.“ Mir scheint jedoch, dass sich in den letzten Jahren ein Reiz-Reaktions-Impuls oder besser Informations-Wut-Automatismus beim Medienkonsum etablierte, bei dem die Effekthascherei vieler Medien, insbesondere im digitalen Bereich, nicht ganz unschuldig ist. Die Welt geht sozusagen jeden Tag mindestens einmal unter. Und der große Bevölkerungsaufstand steht auch jederzeit im Raum. Ein Hoch auf das Prepper-Wesen! Ein Wunder, dass wir alle noch leben. Dennoch verlangt niemand von uns, auch nicht der Springer-Verlag, dass wir uns stetig direkt angesprochen fühlen, als müssten wir sofort handeln. Bei mir selbst rauschen viele Informationen einfach durch, weil ich mich ganz oft frage: Meinen die mich? Eher nicht.

Zur Verdeutlichung: Vor etwa 20 Jahren musste mein bescheidenes Pädagogengehalt für unsere kleine Familie ausreichen. Von einem Bekannten erfuhren wir von der Möglichkeit Wohngeld zu beantragen. Mein Verdienst lag knapp unter dem Regelsatz. Also nahmen wir die Armada an Unterlagen und Nachweisen in Angriff. Als wir alles beisammen hatten, um eine mögliche Förderung mit unserem Ansprechpartner auf dem Amt durchzusprechen, schaute uns dieser mit großen Augen an und meinte: „Da muss ein Fehler passiert sein. Niemand kann so wenig Gas und Strom verbrauchen.“ Aber die Belege stimmten natürlich. Dass wir sparsam sind, war uns bewusst. Dass wir so sparsam waren, war uns nicht klar. Und selbst in der aktuellen Energiekrise bekamen wir wieder einmal ein paar Euro von unserem Gasanbieter zurück, obwohl wir unser Verhalten nicht wirklich veränderten. Wenn ich heute ein Video von Winfried Kretschmann sehe, in dem er erklärt, wie man die Heizung über Nacht herunter dreht, entlockt mir das eher ein Schmunzeln als dass ich mich darüber ärgere. Es betrifft mich schlicht und einfach nicht.

Ich trenne seit 35 Jahren meinen Müll. Ich saß in meinem ganzen Leben vier mal in einem Flugzeug und fahre eher mit der Bahn als mit dem Auto. Kurzum: Das Thema Umwelt rauscht bei mir durch. Selbst die Klimakleber betreffen mich nicht, weil ich noch nie einem begegnet bin. Warum sollte ich mich also über etwas aufregen, dass mich nicht betrifft. Stattdessen betrachte ich Nachrichten darüber als das, was sie sind: Informationen ohne Wertung. Sie informieren mich, damit ich Bescheid weiß, was in der Welt passiert. Nicht mehr und nicht weniger.

Konzentration auf das, was uns wirklich betrifft

Gleichzeitig gibt es natürlich Themen, die mich direkt betreffen. Wenn 50% der Menschen tatsächlich wie in der eingangs beschriebenen Umfrage erschöpft sind, betrifft mich das als Coach und Seminarleiter. Auch ich bin schließlich mit Themen wie Stress und Resilienz unterwegs. Und insbesondere bei diesen Themen frage ich mich: Was können wir selber tun und wo sind wir schlichtweg nicht schuld, wie der Titel meines Ebooks (Externer Link: Du bist nicht schuld) zum Umgang mit Dauerbelastungen verdeutlicht. In diesem Spektrum haben viele Nachrichten für mich einen hohen Informationswert:

  • Lockdowns haben die psychische Gesundheit von Jugendlichen langfristig gefährdet.
  • Krankenhauspersonal soll mittels Resilienzseminaren fit gemacht werden, anstatt für mehr Personal zu sorgen.
  • Die Streiks in diesem Land nehmen ungewöhnlich zu. Ist die Zeit Belastungen auszuhalten für viele Personengruppen vorbei?

Zu solchen Nachrichten habe ich einen direkten Bezug. Auch das sind keine schönen Nachrichten. Aber sie affizieren mich. Die Informationen verärgern mich auch manchmal. Aber sie ermüden mich nicht, weil die Informationen als Hintergrund für meine Seminare dienen und mich zum Weiterdenken anregen, wie mit diesen Herausforderungen umgegangen werden kann.

Die beiden Filterfragen

Letztlich geht es also umso zwei Fragen beim Konsum von Medien, um von der Fülle der Informationen nicht erschöpft zu werden: Was betrifft mich? Und was betrifft mich nicht?

Diese beiden simplen Fragen lassen sich sogar auf Bereiche übertragen, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind: Filme und Serien. Vor ein paar Jahren entdeckte ich für mich, dass mich ein Tatort aufgrund der Beschäftigung mit typisch deutschen Themen mehr affiziert als us-amerikanische Serien. Eine amerikanische Serie mag spannender und besser produziert sein, in dem Moment, wo ein Prototyp von US-Soldat sagt: „Ich würde für dieses Land sterben“, ist bei mir der Ofen aus. Dann doch lieber einen Einblick in die schrullige Seelenwelt von Niederkaltenkirchen bekommen.

Das gleiche Prinzip gilt freilich nicht nur für Nachrichten oder Filme, sondern im gesamten Leben. Auch unsere Arbeit wird häufig von einer Informationsüberflutung bestimmt, bei der wir uns fragen sollten: Ist das jetzt wirklich für mich bestimmt? Sprich:

  • Ist das jetzt wirklich für mich bestimmt? Wenn ja, muss ich mich wohl darum kümmern. Wenn nein, ist es vielleicht gar nicht so wichtig.
  • Ist das jetzt wirklich für mich bestimmt? Wenn ja, ist es offensichtlich auch dringend. Wenn nein, sollte ich mich zuerst am Wichtigeres und Dringenderes kümmern.
  • Ist das jetzt wirklich für mich bestimmt? Wenn ja, muss tatsächlich ich mich darum kümmern. Wenn nein, sollte sich wohl jemand anders darum kümmern.

Auch der Lärm in der Großstadt ist nicht wirklich an uns adressiert oder das Schreien der eigenen Kinder. Sobald wir erkennen, was uns wirklich betrifft und was mehr oder weniger zufällig passiert, fühlen wir uns auch weniger angegriffen und zum Handeln verpflichtet. Und damit wird letztlich auch unsere Erschöpfung abnehmen.

Warum digitale Konflikte entstehen und wie eine Deeskalation im Netz funktioniert

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2017 veröffentlichte der Soziologe Andreas Reckwitz sein Buch „Gesellschaft der Singularitäten“. Während der Begriff der Singularität u.a. auch im Transhumanismus zur Verbindung zwischen Mensch und Maschine genutzt wird, meint Reckwitz damit die Maxime des Besonderen in unserer Gesellschaft: In der Spätmoderne geht es nicht mehr darum, Sneakers zu besitzen, die meine Schulkameraden auch haben, sondern Sneakers zu tragen, die niemand anders besitzt. Es geht also weniger darum, nicht aufzufallen, sondern im Gegenteil darum sich aus der Masse emporzuheben.

Reckwitz ist Soziologe und geht daher lediglich am Rande auf mögliche Konflikte ein. Klar ist jedoch, dass die Betonung spezieller Merkmale und Vorlieben von Menschen, insbesondere im Internet, eher zu Abstoßungen als zu Annäherungen führt.

Wenn wir nun digitale Netzwerke als Treiber dieser Entwicklung hinzunehmen, ergeben sich 7 Schritte auf dem Weg zu immer extremeren Gruppierungen.

Ich spreche dabei ausdrücklich (noch) nicht von einer Extremisierung der Gesellschaft, da die Gesellschaft wesentlich differenzierter ist als ihr Abbild im Internet. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass digitale Konflikte auch ihren Weg auf die Straße finden, erscheint mir die Entwicklung dennoch noch besorgniserregender, als Reckwitz es 2017 bereits darstellte.

7 Schritte zu einer Extremisierung im Netz

  1. Die Spätmoderne als Zeitalter der Besonderheit: Während Technik früher das Leben standardisierte und der Mensch etwas haben wollte, was andere auch hatten, um dazuzugehören, nutzt der Mensch in der Spätmoderne Technik, Kleidung, etc., um sich von anderen abzugrenzen und etwas Besonderes darzustellen. Routinen und Rituale gelten als spießig. Das Einzigartige ist wichtiger als Standards. Bereits diese Dynamik führt zu einer Spirale auf der Suche nach dem Extremen, bspw. was eine besondere Optik oder hohe Preise angeht. Gerade Sneakers sind hierfür ein gutes Beispiel.
  2. Der Mensch als Produzent: Da jeder Mensch im Internet potenziell gleichzeitig als Konsument und Produzent auftreten kann, kann auch jeder seine eigene Besonderheit zur Schau stellen oder auch – als Produzent – die Besonderheit anderer mit Likes unterstützen bzw. ungeliebte Besonderheiten digital verteufeln. Damit einher geht ein früher ungekanntes Machtgefühl.
  3. Algorithmen als Treiber: Gleichzeitig kann jeder im Internet nach Seinesgleichen suchen bzw. wird durch algorithmisierte Angebote zusätzlich singularisiert. Er kann sich damit bestätigt fühlen, wodurch seine Besonderheit weiter extremisiert wird.
  4. Die Entstehung von Neogemeinschaften: In digitalen Netzwerken gründen sich Neogemeinschaften, deren Verbindung lediglich auf Besonderheiten beruht, beispielsweise Fremdenhass, Veganismus, etc. Dass jeder Mensch sich nicht nur durch Besonderheiten auszeichnet, sondern auch eine Familie, Hobbys, eine Arbeit, etc. hat, wird dabei ausgeblendet.
  5. Kampf der Filterblasen: Stoßen zwei konträre Neogemeinschaften in digitalen Netzwerken aufeinander, führt dies lediglich dazu, dass sie sich in ihrer Besonderheit bestätigt fühlen. Im Falle eines digitalen Angriffs kommt es zu Solidarität für die vermeintlich schützenswerte Besonderheit der betroffenen Person bzw. der gesamten Neogemeinschaft. Eskalierend wirkt zudem, dass in digitalen Netzwerken niemals unter vier Augen diskutiert wird, sondern potentiell die gesamte Welt mitliest. Gleichzeitig ist ein Austausch über nuancierte Abweichungen weniger möglich ist als in analogen Diskussionen. Aus diesen Gründen kommt es zu keinem echten Austausch oder gar einer Annäherung und damit zu einer Relativierung der eigenen Besonderheit.
  6. Affekte statt Versachlichung: Die Logik des Allgemeinen funktioniert über Versachlichung. Die Logik des Besonderen funktioniert über Übertreibungen, Empörung und Glorifizierung, um sich darzustellen und von anderen abzugrenzen. Solche Affekte wiederum fördern Gegenaffekte wie Wut oder Hass und führen zu noch mehr Abgrenzung bzw. einer weiteren Überhöhung der eigenen Position.
  7. Metaverse: In maßgeschneiderten Umwelten können diese Neogemeinschaften noch extremer werden. Nun wird niemand mehr mit anders Gesinnten konfrontiert. Man nistet sich ein und bleibt unter sich. Digitale Konflikte nehmen damit zwar (vermutlich) ab, sollten verschiedene Neogemeinschaften jedoch an anderer Stelle wieder aufeinander treffen, branden die Konflikte umso stärker wieder auf.

Ein 5-Punkte-Plan zur Deeskalation und gegenseitigen Annäherung

Um dieser Entwicklung entgegen zu treten, sind verschiedene Lösungsansätze denkbar:

  1. Das Gemeinsame betonen und wahrnehmen: Anstatt die eigene Besonderheit zu betonen und bei meinem Gegenüber wahrzunehmen, sollten wir wieder lernen, dass wir nicht nur ein Image haben, sondern hinter diesem Bild auch ein Mensch mit Familie, Hobbys, usw. steht.
  2. Bewusstheit der eigenen Macht: Wer als Produzent im Internet auftritt, hat auch Macht. Wie sagte Pipi Langstrumpf so schön: „Aus großer Macht erfolgt auch große Verantwortung.“ Und aus kleiner Macht erfolgt zumindest eine kleine Verantwortung.
  3. Nach gegenteiligen Meinungen suchen: Es ist zwar schön, sich bestätigt zu fühlen. Gegenteilige Ansichten können uns jedoch immer wieder „einnorden“. Ich persönlich lese bspw. parallel sowohl die konservative Zeitung „Die Welt“ als auch ein linkes Blatt wie den „Freitag“. Irgendwo dazwischen wird die Wahrheit schon liegen. Gleichzeitig sehe ich es kritisch, wenn Menschen in digitalen Netzwerken ungeliebte Personen blockieren oder löschen. Oder aber, man geht anstatt auf Algorithmen zu vertrauen, selbst aktiv auf Suche nach Personen in digitalen Netzwerken mit einer vermutlich ganz anderen Meinung.
  4. Diskussionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Wer wirklich Interesse an einem Austausch hat, sollte große Diskussionen vermeiden und vermehrt auf direkte Nachrichten unter Ausschluss der Öffentlichkeit setzen.
  5. Affektreaktionen vermeiden durch mehr Empathie: Wir sollten uns bewusster als bisher machen, welche Wirkung die Übertreibung des Besonderen auf andere hat. Wer sich wie Franck Ribery beim Essen eines Blattgold-Steaks für 1200 € ablichten lässt, sollte wissen, welche Affekte er damit bei manchen Menschen auslöst.

Der gekränkte Mensch der Moderne: Pandemie, Umwelt, KI und die eigene Biographie

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(Der folgende Text findet sich ausführlicher in meinem eBook „Du bist nicht schuld“ als Kindle-Version auf Amazon, wurde jedoch an manchen Stellen aktualisiert.)

Warum kochen bei vielen Menschen die Emotionen bei Themen wie Corona, Atomkraft, Krieg, Gendern, usw. so hoch wie vermutlich noch nie in unserer Geschichte? Dies mag zum einen an der Digitalisierung liegen. Im Internet treffen Filterblasen aufeinander, die ansonsten nichts miteinander zu tun hätten. Zudem sind Diskussionen in digitalen Medien nicht gerade produktiv, sondern eskalationsfördernd. Untersuchen wir jedoch den Ursprung solcher Eskalationen, stoßen wir schnell auf das Phänomen der Kränkung, einen Begriff, mit dem sich auch die Autoren Oliver Nachtwey und Carolin Amringer bei ihrer Untersuchung des Querdenken-Milieus beschäftigen.

Die großen Kränkungen der Menschheit

Kränkungen gibt es nicht erst seit kurzem. Auf der einen Seite gibt es die alltäglichen Kränkungen beispielsweise durch Mobbing am Arbeitsplatz oder die Nichtbeachtung im Falle einer Beförderung. Daneben gibt es jedoch auch die mit großen Umbrüchen und Veränderungen verbundenen Kränkungen der Menschheit oder zumindest großer Teile von Bevölkerungsschichten. Nachdem Sigmund Freud auf drei große, globale Kränkungen hinwies, kommen im Zuge der Digitalisierung und insbesondere dem Einsatz einer KI wie ChatGPT weitere Kränkungen hinzu:1

  • Die erste Kränkung bestand nach Freud darin, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist.
  • Die zweite Kränkung bestand in der Erkenntnis, dass der Mensch vom Affen abstammt und damit nicht die Krone der Schöpfung Gottes ist.
  • Die dritte Kränkung bestand darin, dass es ein Unterbewusstsein gibt und der Mensch weniger Kontrolle über sein Leben hat, als er bislang dachte.
  • Die vierte Kränkung begann in den 50er Jahren mit der Automatisierung der Arbeitswelt. Zwar helfen Maschinen dem Menschen, schwere oder stupide Arbeiten zu erledigen. Dennoch droht damit immer auch die Ersetzbarkeit des Menschen. Und je schneller und genauer unsere Computer werden, desto größer ist die Kränkung.
  • Die fünfte Kränkung schließlich sieht intelligente Computer als dem Menschen ebenbürtig oder sogar überlegen an. Mit Big Data lassen sich in wenigen Sekunden Zukunftsmodelle errechnen, für die der Mensch Jahre bräuchte.2 Und mit ChatGPT könnte es sogar kreativen Berufszweigen an den Kragen gehen.

Emotionen können Algorithmen noch nicht empfinden. Sollte jedoch eines Tages ein Computer dazu fähig sein, genauso spontan und emotional zu reagieren wie ein Mensch, wäre dies die sechste Kränkung. Filmische Visionen davon gibt es bereits. In Alien 4 beispielsweise spielt Winona Ryder eine Androidin, die menschlicher ist als die Menschen um sie herum. Wir sollten uns also darüber freuen, dass ChatGPT aktuell noch eher langweilige, weil rezitierende Ergebnisse liefert.

Natürlich war auch die Pandemie eine einzige große Kränkung. Wer glaubte, das Leben würde immer so weitergehen und wir müssten vor Epidemien wie der Pest keine Angst mehr haben, musste sich eines besseren belehren lassen. Auch der drohende Umweltkollaps, die Energiekrise oder ein Krieg direkt von der eigenen europäischen Haustür lassen sich als Kränkungen bezeichnen. Mutter Erde hat lange gebraucht, um nach jahrhundertelanger Ausbeutung „zurückzuschlagen“. Jetzt ist es wohl soweit. Und nachdem wir jahrzehntelang gut von billigem russischem Gas lebten, hat auch das ein Ende.

Dabei zeigt sich bei großen Menschheitskränkungen, dass nie alle Menschen gleich betroffen sind. Kopernikus war sicherlich nicht gekränkt, sondern die Kirche. Auch Darwin wurde vermutlich nicht durch seine eigenen Studien gekränkt. Wer während Corona ohnehin schon im Homeoffice war, musste sich kaum umstellen. Wer im Norden und nicht gerade am Wasser lebt, könnte den Klimawandel begrüßen. Und wer von Automatisierungen, der Digitalisierung, dem Internet und smarten Algorithmen profitiert, wird sich kaum von der Geschichte übergangen fühlen, sondern diese gesellschaftlichen Veränderungen als Chance betrachten. Wer jedoch bislang sein Geld mit Handarbeit verdiente und nun sieht, dass 2014 alleine der Verkauf von Whats App an Facebook 22 Milliarden Dollar wert war, fragt sich, ob die Welt, in der er sich befindet, noch die seine ist.

Die eigene Biographie als Kränkung

Eine Kränkung verletzt einen Menschen in seiner Ehre, Würde, seinen Gefühlen und seiner Selbstachtung. Sie erschüttert die eigenen Werte, den Selbstwert und Gerechtigkeitssinn. Kränkungen können nur stattfinden, wenn zuvor etwas anderes erwartet wurde. Sie haben immer mit einer Enttäuschung oder sogar einem Schock zu tun.3 Oftmals hängen Kränkungen auch mit einem Vertrauensbruch oder empfundenen Ungerechtigkeiten zusammen.

Wenn wir uns Personen ansehen, die häufig im Kreuzfeuer stehen, lassen sich klare Muster erkennen. Ein Dieter Nuhr war früher bei den Grünen und beobachtet nun, dass sich die einstige Friedenspartei doch ein wenig gewandelt hat. Auch ein Jan Fleischhauer betont, dass er früher politisch Links stand. Dass sich Menschen wandeln, wenn sie älter werden, ist logischerweise normal. Dennoch ist eine subliminale Kränkung nicht auszuschließen. Das gleiche Phänomen beobachte ich selbst auch in meinem Freundeskreis: „In den 80er-Jahren war die Rede vom sauren Regen, der unsere Wälder zerstört. Und jetzt hat sich der Bayerische Wald wieder erholt.“ Zumindest oberflächlich – den unsichtbaren Wassermangel ausgeklammert – scheint es so zu sein, als wäre es nicht so schlimm gekommen wie propagiert.

Anderes Beispiel: „Als Kind habe ich in den 80ern angefangen Müll zu trennen, nur um jetzt – über 30 Jahre später – in der Doku „Die Recyclinglüge“ auf ARD zu sehen, was wirklich mit dem Inhalt des Gelben Sacks passiert. Da fühlt man sich doch ein wenig vera…“.

Um bei diesem einen, drastischen Beispiel zu bleiben: Das jahrelange Recyceln scheint in diesem Fall wenig gebracht zu haben. Damit wird ein Teil der eigenen Überzeugungen entwertet. Gleichzeitig scheint in den letzten Jahrzehnten auf der großen politischen und industriellen Ebene wenig vorangekommen zu sein. Sprich: Wir haben unseren Müll getrennt, aber ansonsten ging es weiter wie gehabt.

Und die aktuelle Kriegsdiskussion folgt einem ähnlichen Schema: Während früher Friedensdemos in einer bestimmten Szene angesehen waren, gelten sie nun als unsolidarisch.

Kein Wunder, dass manche Menschen hier nicht mehr mitkommen und entweder auf die Barrikaden gehen oder sich zynisch von der Politik abwenden.

Vom Umgang mit Kränkungen

Wenn Kränkungen v.a. diejenigen betreffen, die sich etwas anderes erwarteten, ist auch denkbar, dass diejenigen Menschen, die sich in den letzten Jahrzehnten am meisten engagiert haben auch diejenigen sind, die am meisten gekränkt sind.

Bereits diese Erkenntnis könnte uns milder stimmen im Umgang miteinander, insbesondere wenn es um Generationenkonflikte geht. Denn jüngere Generationen konnten logischerweise noch nicht so stark enttäuscht werden wie engagierte, ältere Generationen.

1 Vgl. https://digital-magazin.de/kraenkungen-des-menschen-digitalisierung

2 Vgl. Michael Hübler: New Work (2018), S. 35ff

3 Vgl. www.gesundheit.gv.at/leben/psyche-seele/praevention/kraenkungen-folgen.html

Einfach sein in einer komplexen Welt

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Von der Faszination der Einfachheit

„Mama told me when I was young
Come sit beside me my only son
And listen closely to what I say
And if you do this it′ll help you
Some sunny day.
Oh take your time don’t live too fast
Troubles will come and they will pass
Go find a woman and you′ll find love
And don’t forget son there is someone up above
And be a simple kind of man
Oh be something you love and understand
Baby be a simple kind of man
Oh won’t you do this for me son if you can“

So sangen es einst Lynyrd Skynyrd in ihrem Song „Simple Man“.

Einerseits hat die Maxime der Einfachheit 50 Jahre später aufgrund einer unüberschaubaren Welt inklusive Pandemie, Krieg und Umweltthematik an Faszination eher noch zugenommen. Andererseits hat die Einfachheit oft einen Beigeschmack von Dummheit, als würde dem einfachen Menschen die Intelligenz fehlen, sich mit schwierigen Themen auseinander zu setzen. Wer in der Öffentlichkeit punkten will, muss sich gut präsentieren können und kluge Sätze von sich geben.

Wie also lässt sich dieser vermeintliche Widerspruch auflösen?

Die Kernfrage hier lautet: Warum will ich einfacher leben?

Einfachheit als intuitive Fokussierung

Ist es wirklich klug, sich in der Komplexität der Welt zu verlieren? Die Komplexität der Welt ist ein Fakt. Politische Entscheidungen sind komplex. Die Umweltthematik ist komplex. Beziehungen sind komplex. Führung ist komplex. Der Umgang mit Kunden ist komplex. Grundsätzlich ist alles Menschliche komplex. Anders formuliert: Egal was du tust, irgend jemand ist immer unzufrieden.

Sich diese Tatsache des Menschseins bewusst zu machen, sie wahr- und anzunehmen ist eine Sache. Ich kann jedoch gleichzeitig Komplexität wahrnehmen und einfach handeln, indem ich zeitliche oder inhaltliche Prioritäten setze: So wie keine Theorie zu 100% in die Praxis umgesetzt werden kann, bedeutet Handlungsfähigkeit auch, sich in der Umsetzung einer Handlung auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Sowohl seinen Anforderungen in der Arbeit als auch seinen Beziehungen kann ein Mensch niemals zu 100% gerecht werden. Einfach zu sein bedeutet, trotz des Wissens um mögliche Verfehlungen oder Fehlentscheidungen das zu tun, was genau jetzt richtig und wichtig erscheint:

  • Genau jetzt kümmere ich mich um diesen einen Azubi, weil er genau jetzt meine Hilfe braucht. Für diesen Moment vergesse ich alle anderen anstehenden Anforderungen, denen ich erst später gerecht werden kann.
  • Genau jetzt rufe ich bei einem Freund an und frage ihn wie es ihm geht, weil mir das genau jetzt wichtig erscheint.
  • Genau jetzt verschweige ich meiner Partnerin, dass ich mir Sorgen um etwas mache, weil es genau jetzt nicht zeitlich passend ist.

Einfachheit hat folglich viel mit Intuition, Bauchgefühl und Spontaneität zu tun, und damit mit einer kindlichen Natürlichkeit, die wir im Alter meist eher haben als als Kind. Denn als Kind orientieren wir uns noch sehr an Äußerlichkeiten. Im Alter haben wir idR. die Chance, uns von solchen Zwängen zu lösen.

Die Kernfrage hier lautet: Was sagt mir genau jetzt mein Bauchgefühl?

Wäre es so schlimm, diesem Gefühl spontan zu folgen? Es könnte am Ende das Leben lebendiger machen.

Einfachheit bedeutet eindeutig sein

Wer sich auf die Komplexität der Welt beruft, sagt damit auch aus, dass er sich nicht entscheiden kann oder will, weil er dieser Komplexität letztlich niemals gerecht wird. Dass wir uns mit jeder Entscheidung für etwas gleichzeitig auch gegen etwas ent-scheiden, macht die eigentliche Schwierigkeit in Entscheidungen aus:

  • Wenn ich dem Azubi helfe, bleiben andere Aufgaben liegen, was zu anderen Enttäuschungen führen kann.
  • Wenn ich diesen einen Freund anrufe, kann ich jemand anderen nicht anrufen oder einem Hobby nicht nachgehen, auf das ich ebenso gerade Lust hätte.
  • Wenn ich meiner Partnerin meine Sorgen verschweige, könnte sie mir später Vorwürfe darüber machen, dass ich nichts gesagt habe.

In allem, was wir tun besteht folglich eine Zwiespältigkeit. Auch hier gilt: Ich sollte diese Dilemmata erkennen und dennoch handeln. Anders formuliert: Wenn ich mich in diesen Dilemmata verliere, bin ich entweder handlungsunfähig oder aber ich handle im wahrsten Sinne des Wortes halbherzig. Dann …

  • … helfe ich widerwillig.
  • … rufe aus einem Pflichtgefühl heraus an.
  • … sage zwar nichts, bin aber dennoch schlechter Laune.

Einfach zu sein bedeutet folglich, in genau diesem Moment eindeutig statt doppeldeutig zu sein. Muss ich dafür schauspielern? Vielleicht. Oder aber ich mache mir bewusst, dass ich genau jetzt einen Teil meines Ichs lebe und später einen anderen Teil. Schließlich ist niemandem mit einer unzufriedenen Doppeldeutigkeit geholfen. Der Azubi wird ein schlechtes Gewissen haben. Der Freund und die Partnerin wissen nicht, woran sie sind.

Die Kernfrage hier lautet: Was ist genau jetzt dringend und wichtig?

Einfachheit als Ehrlichkeit

Wer einfach ist, hat keine Hintergedanken. Er agiert nicht, um sich darzustellen. Er denkt nicht daran, wie er bei anderen ankommt. Er muss sich nicht präsentieren, um etwas zu erreichen. Er ist einfach nur er selbst. Er sagt, wenn es ihm schlecht geht, damit sich sein Gegenüber keine Gedanken machen muss. Er denkt nicht an morgen, sondern nur daran, jetzt ein gutes Gespräch zu führen.

Das ist nicht zu verwechseln mit brutaler Direktheit. Auch höfliche, zuvorkommende oder diplomatische Menschen können einfach sein, wenn die Höflichkeit und Diplomatie ehrlich und angemessen ist. Denn auch Höflichkeit und Diplomatie können Hintergedanken haben. Haben sie es nicht, sondern dienen dem gerade jetzt stattfindenden Gespräch, passen sie sehr gut zur Einfachheit.

Die Kernfrage hier lautet: Wie mache ich es meinem Gegenüber möglichst einfach?

Einfachheit bedeutet mutig zu sein

Sich dergestalt für diesen einen Moment auf eine Handlung festzulegen ist mutig. Immerhin kann später der Vorwurf kommen, dass ich mich genau dafür entschieden habe. Dies erfordert folglich nicht nur Mut, sondern auch eine Reflexionsfähigkeit jenseits einfacher Bauchgefühle. Ich muss also wissen, warum und wofür ich in diesem Moment genau so entschieden habe. Lag es an der Bedürftigkeit des Azubis? Ist das letzte Telefonat schon so lange her? Oder ist die Stimmung gerade ungünstig und die Zeit nicht vorhanden für ein intensives Gespräch?

Die Kernfrage hier lautet: Worum geht es gerade wirklich?

Einfachheit bedeutet demütig zu sein

Ein Mensch alleine kann weder die Welt retten, noch seiner eigenen Welt jederzeit gerecht werden. Er kann es allenfalls nach und nach. Zudem kann der Mensch nicht in die Zukunft blicken. Er weiß nicht, welche Konsequenzen seine Handlungen nach sich ziehen. Diese Unvollkommenheit erfordert Demut. Der einfache Mensch weiß um seine Unvollkommenheit und konzentriert sich darauf, das zu tun, was in seiner Macht liegt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Kernfrage hier lautet: Was kann ich tun, um meine Welt ein klein wenig besser zu machen?

Einfachheit als Achtsamkeitsübung

In einer komplexen Welt gibt es mehr Angebote als wir jemals verarbeiten können. Während ich in meiner Studienzeit schon aus Geldgründen monatlich maximal zwei CDs kaufte und diese solange hörte, bis ich sie auswendig kannte, bieten heute Spotify und Co. mehr Auswahl als ich jemals hören könnte. Das gleiche gilt für Filme oder Bücher ebenso wie für potentielle Projekte oder Marketingstrategien. Das Paradoxe daran ist: Je mehr Wissen und Kompetenzen ich habe, desto mehr Zugang und Auswahl habe ich auch.

Das Leitprinzip der Achtsamkeit besteht in der Konzentration darauf, was ich genau jetzt wahrnehme. Entweder ich schaue mir einen Film an oder ich esse mein Abendessen. Wer beides gleichzeitig macht, nimmt beides nur zur Hälfte wahr und kann sich – wie der Soziologe Hartmut Rosa schreibt – von nichts von beidem affizieren lassen. Solche Doppelhandlungen machen zudem unglücklich. Oberflächlich betrachtet sparen wir Zeit. In Wirklichkeit verschwenden wir jedoch Lebenszeit.

Einfachheit im Sinne von Achtsamkeit bedeutet, sich auf eine Quelle der Wahrnehmung zu fokussieren. Wenn wir wandern, konzentrieren wir uns auf die Natur und denken nicht an das anstehende Projektmeeting in der nächsten Woche. Wenn wir essen, konzentrieren wir uns auf den Geruch und Geschmack des Essens. Wenn wir einen Film ansehen, lassen wir uns von der Atmosphäre oder Spannung des Films mitreißen. Wenn wir ein Gespräch führen, konzentrieren wir uns auf das Gespräch. Wenn wir jemandem helfen, tun wir das mit ganzem Herzen.

Die Kernfrage hier lautet: Was fasziniert mich an dem, was ich gerade mache und worauf sollte ich mich deshalb genau jetzt konzentrieren?

Energiefluss als Zeichen der Zufriedenheit

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Weniger Schmerzen durch Auflösung von Energieblockaden

Neulich litt ich unter starken Nervenschmerzen im Zahnbereich, die erst abnahmen, als ich nicht mehr dagegen ankämpfte, sondern stattdessen die Schmerzen akzeptierte und mich auf die Suche nach deren Ursache machte. Der Auslöser war eine Zahn-OP. Die eigentliche Ursache jedoch lag in einer tiefen Verspannung im linken Schulterbereich, vermutlich durch eine monatelange Sitzfehlhaltung, die ich zuvor kaum bemerkte. Erst durch die Zahn-OP kam es zum Ausbruch der besagten Schmerzen.

Als die Verspannung durch mehrere gezielte Massagen gelöst wurde, ließ auch der Schmerz nach. Dies betrifft jedoch lediglich die körperliche Ebene. Parallel dazu hatte ich auch meine innere Haltung verändert, weg von „Ich muss das alleine schaffen“ und mich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen, hin zu „Ich darf mir Hilfe holen“.

Als der Schmerz sich (beinahe) in Nichts auflöste, begann mein Gesicht zu kribbeln, als würde es wieder stärker durchblutet werden. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich nicht mehr so kontrolliert an wie zuvor. Durch die körperliche und psychische Blockade konnte die Energie wieder vollkommen durch meinen Körper fließen.

Die Entstehung von Schmerzen ist sicherlich vielfältig. Hier bin ich kein Experte. Meine eigene Erfahrung zeigte mir jedoch, dass ein Aspekt des Schmerzes die Unterbrechung von Energie sein kann. Damit Energie wieder fließen kann, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Offenes Denken: Als erstes ist es hilfreich, seine „Ich muss“-Sätze zu überprüfen, mit denen ich mich selbst blockiere: Ich muss es alleine schaffen. Ich muss durchhalten. Ich muss stark sein. Und natürlich auch: Ich darf keine Schwäche zeigen.
  • Akzeptierendes Fühlen: Eng damit verbunden sind unsere Gefühle. Hinter dem Satz „Ich muss stark sein“ steckt das Gefühl der Angst, bspw. als unsouverän oder verantwortungslos zu gelten. Wird diese Angst verdrängt, anstatt reif und erwachsen mit ihr umzugehen, kann sie die inneren Blockaden im Körper verstärken oder sogar deren Ursprung sein.
  • Veränderung von Beziehungen: Sowohl das Denken als auch das Fühlen beinhalten meist eine deutliche Beziehungskomponente: Akzeptiere ich, dass ich Hilfe brauche, weil meine eigenen Kompetenzen in diesem Fall nicht (mehr) ausreichen, verändere ich entweder eine Beziehung in meinem Nahbereich oder suche mir externe Hilfe. Wenn die Angst vor Verantwortungslosigkeit mein Thema ist, bezieht sich das ebenso auf mindestens eine andere Person, mit der eventuell eine Beziehungsklärung ansteht.
  • Körperliche Veränderung: Gerade im Gesundheitsbereich etwas körperlich zu verändern durch Massagen, mehr Bewegung oder eine andere Sitzhaltung, um den Energiefluss durch den Körper zu verbessern, liegt meist am nächsten und wirkt logischerweise auch am schnellsten. Wird das Denken und Fühlen hingegen nicht mitgenommen, sind auch körperliche Veränderungen lediglich von kurzer Dauer sein. Sind die Rückenschmerzen erst wieder weg, vergesse ich schnell, dass ich jemals Rückenschmerzen hatte.

Energiefluss als Sinn- und Glückserleben

Einige Wochen vor meiner Nervenattacke unterhielt ich mich mit meiner jüngeren Tochter (17) auf einem Spaziergang über den Sinn des Lebens. Sie meinte: „Keinen Mangel zu haben – d.h. auch schmerzfrei leben – ist doch schon mal was.“ Wer jemals starke Schmerzen erlebte, kann das vermutlich gut nachvollziehen. Unter Schmerzen fokussiert sich die gesamte Wahrnehmung auf den Schmerz oder das Abstellen des Schmerzes. Alles andere – ein leckeres Essen genießen, sich mit Freunden unterhalten, mit den Kindern ein Brettspiel spielen, Wandern, Arbeiten – ist allenfalls Ablenkung. Ein Teil des Gehirns ist jedoch beständig mit dem Schmerz beschäftigt. Erst wenn der Schmerz gebändigt oder zumindest auf ein Mindestmaß reduziert ist, lässt sich das Leben wieder vollkommen genießen.

Energiefluss im Alltag

Lässt sich der Umgang mit Schmerz und damit auch die Frage nach Sinn, Glück und Zufriedenheit auch auf den normalen Alltag übertragen? Ich denke ja. Denn auch ohne Schmerzen kann es eine Maxime des Lebens sein, dass die eigene Lebensenergie ohne Blockaden durch den Körper fließt. Ich kenne beispielsweise Menschen, die von sich selbst behaupten, vom Kopf ab (nach unten) abgeschnitten zu sein. Sie denken zwar, haben aber kaum einen Zugang zu ihrem restlichen Körper. Anderen fehlt der Zugang zu ihren Händen, wenn sie nicht wissen, was sie damit während einer Präsentation tun sollen. Dahinter steckt vermutlich die Angst, zu sehr aufzufallen, wenn ge-hand-elt wird. Oder jemand hat keinen Zugang zu seinen Beinen, wenn er nicht stabil auf dem Boden steht.

Um den Energiefluss zu fördern, müssen wir vermutlich nicht einmal wissen, welche Ziele wir damit anstreben, ob wir erfolgreich sein wollen, kreativ oder ein entspanntes Leben führen wollen. Die Energie findet ihren eigenen Weg und erreicht das Ziel, das unser Körper sich wünscht, nebenbei.

(Selbst-) Coaching-Fragen zur Förderung des Energieflusses

Hilfreiche Coachingfragen lauten daher:

  • Bis wohin fließt die Energie und wo hört sie auf zu fließen?
  • Wie fühlt es sich an, wenn ein Teil des Körpers nicht mit Energie „versorgt“ wird?
  • Wann fließt mehr Energie durch meinen Körper – auch durch kritische Bereiche? Und was mache ich da anders?
  • Wodurch blockierst du dich geistig selbst mit „Ich muss“-Aussagen?
  • Welche Emotionen hindern dich an einem guten Energiefluss?
  • Welche Beziehungen sollten geklärt werden, um einen guten Energiefluss zu fördern?
  • Welche körperlichen Veränderungen wären sinnvoll, um den Energiefluss zu fördern?
  • Wie fühlt es sich an, wenn die Energie wieder in den Bereichen fließt, in denen sie zuvor nicht floss?