[metaslider id=390]

Veränderungen begleiten

Bild von rawpixel.com auf Freepik

Changemanagement oder Transformationsprozess?

Um zu verstehen, wie ich als Changemanager*in und Führungskraft Veränderungen am besten begleite, ist es hilfreich, die Begriffe Change und Transformation zu unterscheiden, gerade weil die beiden Begriffe häufig synonym verwendet werden.

Interessanterweise wird seit einigen Jahren vermehrt von Transformationsprozessen anstatt Changemanagement gesprochen. Doch worin besteht der Unterschied?

Sowohl der Begriff Change als auch Transformation lassen sich mit Veränderung übersetzen. Der Begriff der Transformation lässt sich jedoch zusätzlich als Umwandlung oder Verwandlung beschreiben. Während sich daher mit dem Begriff Change der äußere Wandel und damit entweder der Wunsch nach oder die Notwendigkeit einer Veränderung bezeichnen lässt, beispielsweise digitaler zu werden, um nicht den Anschluss an die Konkurrenz zu verpassen, zielt ein Transformationsprozess auf den inneren Wandel von Menschen, Teams und Organisationen ab. Das gesamte Unternehmen soll sich von innen heraus verändern. Es soll seine innere Einstellungen und Haltungen verändern als wäre es ein Mensch inmitten eines psychologischen Transformationsprozesses.

In Changeprozessen sind Widerstände erlaubt, ja sogar erwünscht, weil sie auf Schwachstellen im System aufmerksam machen. Der Begriff der Transformation hingegen suggeriert, dass ein Veränderungsziel als gegeben anzunehmen ist. Widerstände sind nicht nur störend, sondern sogar selbstzerstörerisch, weil die Transformation bspw. hin zu einem digitalen Unternehmen unumgänglich ist.

Wenn in manchen Büchern von der digitalen Transformation die Rede ist, geht es jedoch in der Regel nicht um die Mensch-Maschine. Aus der Wahl der Begrifflichkeit lässt sich wohl eher der Wunsch ablesen, dass Veränderungen in Unternehmen nicht nur oberflächlich mitgemacht, sondern tatsächlich gelebt werden sollen. Ob die Nutzung des Transformationsbegriffs Veränderungen erleichtert oder nicht wird sich noch zeigen. Es könnte jedoch sein, dass genau diese rhetorische Vereinnahmung der Metamorphose des gesamten Menschen zu trotzigen Abwehrreaktionen führt: „Veränderungen mussten immer schon mitgemacht werden. Als Angestellte/r bleibt mir da wenig Spielraum. Meine innere kritische Meinung gegenüber der Veränderung möchte ich dennoch behalten“.

Die Trauernden und die Neugierigen

In Transformationen geht es also um innerpsychische Prozesse als Reaktion auf die äußere Veränderung. Meist haben wir es dabei mit Wut, Ängsten und Unsicherheiten zu tun, genauso aber auch mit Neugier oder Aufbruchstimmung.

Die bekannten Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross von

  1. Verdrängung und Nicht-Wahrhaben-Wollen der Notwendigkeit einer Anpassung,
  2. Wut über die erzwungene Anpassung durch die äußere Veränderung,
  3. Verhandlung als Möglichkeit noch etwas vom Alten zu retten,
  4. Verzweiflung und Trauer als Zeichen der Akzeptanz der inneren Veränderung und
  5. Akzeptanz des Neubeginns und Integration der Transformation in den eigenen Alltag …

… gelten daher nur für jene Menschen, die sich mit einem Transformationsprozess schwer tun, weil sie noch stark am Alten hängen. Nennen wir sie die Trauernden, was wesentlich wertschätzender ist als Querulanten, Bremser oder Blockierer. Andere hingegen sehen ihre Chance, der Veränderung ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Nennen wir sie die Neugierigen.

Gäbe es nur eine Gruppe, wäre die Begleitung einer Veränderung einfach. Ich müsste dann entweder nur die fünf Phasen der Trauerverarbeitung durchspielen oder könnte sofort ins Neuland aufbrechen.

Gleichzeitig sind die Widerstände in Veränderungen auch ein Segen, da manches vom Alten durchaus mitgenommen werden sollte, weil niemals alles falsch war und ist.

Veränderungen und Transformationen begleiten

Die eigentliche Transformationsphase als unbekanntes Niemandsland befindet sich zwischen dem Alten und dem noch unbekannten Neuen. Als Transformationsbegleiter*in sollte ich folglich ebenso zweigleisig denken, um beiden Gruppen gerecht zu werden, den Traurigen, die manchmal wütend sind und den Neugierigen, die oft ungeduldig sind:

  1. In der Phase der Verabschiedung des Alten sollte ich gleichzeitig das, was bislang gut funktionierte wertschätzen und schützen:
  • Die Frage „Was wollen wir erhalten?“ geht an die Traurigen.
  • Die Frage „Wovon wollen wir uns verabschieden?“ geht an die Neugierigen.
  1. In der Phase des Niemandslands geht es vor allem um Geduld, Toleranz und Verständnis füreinander:
  • Die Neugierigen wollen so schnell wie möglich den Neuanfang starten und sind frustriert, dass viele Prozesse so zäh vorwärts kommen. Für diese Ungeduld braucht es Verständnis und Toleranz. Toleranz und Geduld braucht es aber auch für Experimente in dieser Phase, die scheitern können. Aktuell ist jedoch noch nichts in Stein gemeiselt.
  • Die Trauernden wiederum wollen – trotz des Signals, dass auch etwas vom Alten erhalten bleibt – am Alten als Gesamtkonstrukt festhalten. Entsprechend der fünf Phasen nach Kübler-Ross kann es hier auch zu Wut, Trotzreaktionen („Ich hab’s ja gleich gesagt. Das ist doch alles Mist! Das klappt doch nie!“) oder Ängsten bis hin zu Panik kommen („Wie soll ich da jemals mitkommen? Ich verstehe das alles nicht mehr. Das ist nicht mehr meine Welt.“). Auch dafür braucht es Verständnis, Toleranz und Geduld.
  1. In der Phase des Neuanfangs schließlich zeigen sich erste stabile und belastbare Erkenntnisse: „Ja, unsere Wissensmanagement-Plattform wird genutzt. Ja, unsere Kunden reagieren positiv auf unsere Anpassungen.“ Wie in der Natur bekommen wir also ein positives oder negatives Feedback zurück, um uns zu zeigen, ob wir auf der richtigen Spur sind. Und damit bekommen wir neue Energie und Sicherheit, um den Weg weiterzuverfolgen oder gegebenenfalls anzupassen:
  • Ein positives Feedback ist jedoch weniger für die Neugierigen, als vielmehr für die Trauernden als Sicherheits-Signal geeignet, auf dem richtigen Weg zu sein.
  • Ein negatives Signal könnte für die Trauernden eine Bestätigung für das Scheitern der Veränderung sein, ist jedoch auch hier mehr für die Neugierigen als Gedulds-Signal geeignet, sich bei Veränderungen in Demut zu üben. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut.

Wenn Sie die innerpsychischen Prozesse Ihrer Mitarbeiter*innen ernst nehmen, ist es egal, ob Sie im Rahmen eines Veränderungsprozesses von Change oder Transformation sprechen. Denn letztlich symbolisieren die beiden Begriffe die beiden Seiten einer Medaille.

Über den Umgang mit Fake-News und Gerüchten

Bild von freepik.com

Krisen als Nährboden für Gerüchte

Gerüchte – oder moderner Fake News – sind wohl so alt wie die Menschheit. Sie gedeihen v.a. in unsicheren Zeiten, wenn die Menschen wissen wollen, was wirklich los ist:

  • Im 2. Weltkrieg gingen in den USA Gerüchte um, dass Nazi-Deutschland kurz vor einem Sieg steht.
  • Zum Ende des 2. Weltkriegs ging das Gerücht um, dass Atomwaffen ein Gebiet auf lange Zeit unbewohnbar machen würden, was u.a. von den Sozialpsychologen Gordon W. Allport und Leo Postman, die intensiv über das Thema Gerüchte forschten, vehement dementiert wurde.
  • Ende der 90er-Jahre fragten sich viele US-Amerikaner*innen, ob ihr Präsident eine Affäre hat, was selbstredend ebenso vom Weißen Haus dementiert wurde.

Und in der aktuellen Krisenzeit erzeugt eine dermaßen hohe Anzahl an Gerüchten Schwindelgefühle: Reiche Menschen verjüngen sich mithilfe von Babyblut. Die Impfung wird uns alle umbringen. Der große Volksaustausch steht kurz bevor – wieder einmal. Russland wird demnächst ein weiter Land überfallen (oder doch nicht?). Deutschland wird deindustrialisiert. Die Welt lacht über Deutschland (vermutlich ein paar Monate und dann bewundert sie uns wieder). Und beim FC Bayern gibt es derzeit so viele Gerüchte, dass ich schon gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und diese Vermutungen breiten sich dank dem Internet schneller aus als ein Friseur Schnipp machen kann.

Die Erforschung von Gerüchten

Gerüchte sind vielleicht so alt wie die Menschheit. Die systematische Erforschung von Gerüchten begann jedoch erst im 2. Weltkrieg in den USA in sogenannten „rumor clinics“. Die Gerüchte in der verunsicherten Bevölkerung sollten in diesen „Kliniken“ untersucht und entschärft werden. Mit Entschärfung wiederum ist letztlich Propaganda gemeint als Bestreben, in der Regel die Meinung der Regierung zur Meinung des Volkes zu machen.

In den 60er Jahren wurden in den USA aus den „rumor clinics“ „rumor center“. Diese hatten u.a. die Aufgabe Gerüchte aus der Welt zu schaffen, um Rassenunruhen zu vermeiden. Sie erreichten allerdings lediglich die weiße Bevölkerung, nicht jedoch die schwarze. Ein großes Problem war schon damals, dass diejenigen, die gegenüber der Regierung skeptisch eingestellt sind, zum einen Gerüchte eher glauben und zum anderen den Dementi der Regierung nicht vertrauen. Daran hat sich offensichtlich wenig geändert.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich im Nachhinein – wie die Beispiele zeigen – manche Gerüchte als wahr erweisen. Damit stellt sich die Frage, ob gegen Gerüchte und Fake News überhaupt vorgegangen werden kann.

Gibt es eine Gerüchte-Formel?

Allport und Postman brachten im Zuge ihrer Forschungen die Entstehung von Gerüchten auf die Formel R = i * a: Die Stärke eines Gerüchts (rumor) wird bestimmt durch die Wichtigkeit eines Themas (importance) mal der Unsicherheit der aktuellen Lage (ambiguity).

Auf den ersten Blick erscheint dieser Zusammenhang einleuchtend. Auf den zweiten Blick fehlen jedoch persönliche Merkmale der Adressaten, weshalb die Formel später um den Faktor „kritische Kompetenz“ erweitert wurde. Wem die Unterjochung der Menschheit durch eine Handvoll Eliten dann doch ein wenig zu obskur vorkommt, wird ein entsprechendes Gerücht kaum weiterleiten.

Woran lassen sich Gerüchte erkennen?

Die Formel verdeutlicht es bereits: In einer Krisenstimmung bei einem heiklen Thema kochen Gerüchte und Fake News besonders gerne hoch.

Gleichzeitig zeichnen sich Gerüchte durch ihre Einprägsamkeit aus. Damit diese gewährleistet ist, müssen sie leicht wiederholbar sein, am besten als Mem. Aus diesem Grund sind drei Charakteristika typisch für Gerüchte:

  1. Komplexe und relativierende Details werden häufig weggelassen.
  2. Das Gerücht wird an die eigene Situation angepasst.
  3. Das Gerücht übertreibt.

Vermutlich steckt in jedem Gerücht ein wahrer Kern. Reiche Menschen machen seltsame Sachen. Der Missbrauch von Untergebenen ist nicht ungewöhnlich. Die Corona-Impfung führte tatsächlich bei manchen Menschen zu schweren Nebenwirkungen. Die Industrielandschaft in Deutschland steht vor einem Wendepunkt. Und warum soll Thomas Müller nicht vor einem Wechsel stehen?

Falsche Gerüchte jedoch pauschalisieren, sind raum- und zeitlos und übertreiben oftmals maßlos. Wenn wir uns also denken: „Spannend, polarisierend, skandalös!“ … dann haben wir es vermutlich mit Fake News zu tun. Denn die Wirklichkeit ist in der Regel einerseits wesentlich komplizierter und andererseits doch auch wieder langweiliger als all die superspannenden Gerüchte da draußen.

Literatur

Hans-Joachim Neubauer – Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Matthes & Seitz Berlin

Modernes Arbeiten versus Gesundheit

Bild von jcomp auf Freepik

Modernes Arbeiten ist zwar kreativ, kann aber auch krank machen

Vertrauensarbeitszeit, insbesondere in der mobilen Version, bietet Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, rund um all ihre Lebensaufgaben dann zu arbeiten, wann es am besten passt. Die Zeiten der Stechuhr sind also eigentlich vorbei, oder?

Gemäß dem „Stechuhr“-Urteil des EuGH, das soeben aus dem Arbeitsministerium bestätigt wurde, sind Arbeitgeber jedoch verpflichtet, die Arbeitszeit der Mitarbeiter*innen lückenlos zu erfassen. Tatsächlich machten 12% aller deutschen Arbeitnehmer*innen 2021 Überstunden, wovon 22% nicht dafür bezahlt wurden (vgl. „der Freitag“ Nr. 17, 27.04.2023, Seite 1).

Vertrauensarbeitszeit – im agilen Management auch gerne Ziel- und Erfolgs- statt Zeitorientierung genannt – hat also auch seine Schattenseiten, insbesondere wenn wir daran denken, dass die Arbeit nie ausgeht und Projekte oftmals nahtlos ineinander übergehen.

Das Thema der Abgrenzung ist in der Tat eines der wichtigsten Themen in meinen Work Life Balance- und Achtsamkeits-Trainings. Weil die Arbeit niemals ausgeht und viele Mitarbeiter*innen Verrtauensarbeitszeit haben, nehmen sie oftmals ihre Arbeit mit nach Hause oder bleiben gleich länger, insbesondere wenn sie keine Kinder haben. Damit wird der vermeintliche Vorteil der Vertrauensarbeitszeit zu einem Nachteil der Mitarbeiter*innen. Diese müssen nun selbst lernen, wie sie sich mit beziehungsgerechtem Nein-Sagen abgrenzen, um sich nicht aufzuarbeiten.

Vertrauensarbeitszeit und Zeiterfassung in Balance

Kann das antiquierte Instrument der Stechuhr hier eine Lösung bringen, indem es Arbeitszeiten wie früher limitiert? Und wie lässt sich das mit Homeoffice und der Freiheit der Vertrauensarbeitszeit vereinbaren?

Rein theoretisch ist es durchaus denkbar, dass ein Mitarbeiter im Homeoffice morgens von 8-9 Uhr einige dringende Mails erledigt, anschließend sein Kind in die Kita bringt, von 10-12.30 Uhr Kund*innen besucht, Pause bis 13.30 Uhr macht, dann von 13.30-15.00 Uhr im Homeoffice arbeitet, 15.30 Uhr sein Kind von der Kita abholt, mit ihm spielt und wartet, bis die Mama von der Arbeit kommt und seine restlichen Stunden am Nachmittag bzw. frühen Abend ableistet.

Im ersten Moment klingt das kompliziert. Der Alltag vieler Eltern ist jedoch genau das: Kompliziert. Und weil es in diesem Normal-Alltag immer wieder Abweichungen gibt, braucht es keine Stechuhr aus dem vorigen Jahrhundert, sondern eine Mischung aus beiden Welten.

Wenn ich heute – weil mein Kind mehr Zuwendung braucht, eine Stunde weniger arbeite, arbeite ich morgen eben eine Stunde länger. Warum also nicht mit einer App arbeiten, die Arbeitnehmer und -geber am Wochen- oder Monatsende die Zeitbilanz anzeigen, damit alle Parteien wissen, woran sie sind oder wo evtl. noch Verbesserungsbedarf besteht?

Warum bei Stress Reden oft nicht weiterhilft

Bild von jcomp auf Freepik

Die drei Aktivierungsstufen von Stress

Das kennt vermutlich jede/r: Wir stehen unter Stress und bekommen gute Ratschläge von anderen, wie wir besser damit umgehen könnten. Da heißt es: „Geh’ doch mal eine Runde spazieren. Ein wenig in die Sonne und an die frische Luft.“ Oder: „Versuch’ doch mal die positiven Seiten an der Sache zu sehen.“

Was in normalen Stress-Situationen harmlos ist oder sogar wütend macht, kann in besonders schwierigen Situationen, beispielsweise depressiven Phasen, die Situation sogar verschlimmern. Denn wer nicht einmal in der Lage ist, solche einfachen Ratschläge zu befolgen, die wertungsfrei betrachtet durchaus hilfreich sind, ist offensichtlich verloren. Hier gilt wohl der Spruch „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.

Warum jedoch tun wir uns oft so schwer, gut gemeinte Ratschläge anzunehmen?

Neben der Tatsache, dass jeder Mensch anders ist und deshalb auch Tipps nur bedingt übertragbar sind, ist unsere psychische und körperliche Gesundheit ein hochkomplexes System. Vereinfacht formuliert reagieren wir unter Stress

  1. mit einer Aktivierung („Obacht, da muss ich aufpassen!“),
  2. mit Kampf („Jetzt gilt es!“) oder Flucht („Da nehme ich wohl besser die Beine in die Hand“) und
  3. bei längerer Belastung ohne Fluchtmöglichkeit mit kurzfristiger oder dauerhafter Erstarrung („Wenn ich schon nicht ständig blau machen oder meinem Chef Paroli bieten kann, mache ich mich wenigstens unsichtbar“).

Ein aufgebrachter Mensch könnte durchaus in der Lage sein, die positiven Seiten einer Krise zu sehen. Ein Mensch im Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus ist dies mit Sicherheit nicht. Solche Tipps passen daher häufig nicht zum aktuellen Zustand.

Das Zusammenspiel unserer Nerven

Zur Aktivierung und Beruhigung unter Stress spielt in unserem Körper neben dem Sympathikus und Parasympathikus als Teil unseres vegetativen Nervensystems der Vagus-Nerv eine wichtige Rolle. Der Vargus-Nerv wird auch als Hirnnerv bezeichnet, weil er direkt von unserem Gehirn bis in unseren Darm reicht. Als Hirnerv funktioniert der Vagus wesentlich komplexer als Sympathikus und Parasympathikus. Ein Teil des Vagus, der sogenannte Erstarrungs-Vagus ist dafür zuständig, uns in besonders stressigen Situationen möglichst klein zu machen. Ein anderer Teil des Vagus, der sozial-vegetative Vagus ist dafür zuständig, unsere Darmtätigkeiten unter Stress zu regulieren und soziale Beziehungen zu pflegen, indem er Einfluss auf unsere Emotionen und Mimik nimmt. Da unser Vagus-Nerv hochverzweigt durch unseren halben Körper verläuft, ist sein Einfluss hochkomplex.

Die verschiedenen Teile des Vagus-Nervs lassen sich unterschiedlich beruhigen oder aktivieren. Der Erstarrungs-Vagus wird bei kleinen Kindern durch Begrenzungen beim Wickeln trainiert. Wenn wir später Freunde umarmen oder uns in eine warme, dicke und schwere Decke hüllen, spüren wir diese Grenze ebenso. Der Trick dahinter ist die sanfte, freiwillige Gewöhnung. Wer auf diese Weise seinen Erstarrungs-Vagus trainiert, geht später unter Stress besser mit einer erzwungenen Erstarrung um.

Der sozial-vegetative Vagus wird durch eine gesunde Ernährung und stützende Beziehungen aktiviert, beispielsweise über verlässliche Freundschaften, gute Kolleg*innen, Spiritualität oder eine tragende und vertrauliche Coach-Klienten-Beziehung.

Dabei zeigt sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Sozialen und unserer Verdauung. Gute Bindungen fördern die Ausschüttung des Bindungshormons Ozytocin, das wiederum unseren Darm verlangsamt, damit er auch mit schwerdaulichen Speisen fertig wird. Dass Liebe durch den Magen geht oder uns ein Konflikt schwer im Magen liegt, ist daher weniger blumig formuliert als auf körperliche Tatsachen zurückzuführen.

Erst der Körper, dann das Reden

Nun haben Stress, insbesondere Dauerstress oder traumatische Erfahrungen die Eigenart, dass sich schwer darüber sprechen lässt. Es kann sogar sein, dass ein Darüber Sprechen sogar zu Retraumatisierungen führt. Aus diesem Grund ist es oft hilfreich, zuerst auf einer körperlichen Ebene anzusetzen:

  1. Den Erstarrungs-Vagus mit Bewegung beruhigen: Bei Menschen, die aufgrund dauerhaften Stresserlebens erstarrt sind, kann es hilfreich sein, den Körper durch Atemübungen, Sport, Spaziergänge oder Tanzen zuerst wieder in Bewegung zu bringen. Der Tipp mit der Bewegung an der frischen Luft ist intuitiv also durchaus passend. Er sollte jedoch mit einem tiefen Verständnis dafür gepaart sein, dass bereits das für manche Menschen nicht einfach ist. Vielleicht ist in so einem Fall ein medizinisches Trampolin eine gute Alternative.
  2. Den Sympathikus entspannen: Nimmt die Erstarrung ab, gerät der Mensch entweder in einen Kampf- oder Fluchtmodus. An einem Beispiel: Wer realisiert, dass er sich vor seinem übergriffigen Chef nicht mehr klein machen sollte, steht nun vor der Wahl, sich entweder zu verteidigen oder – wenn ihm dafür noch die Kompetenzen fehlen – aus kritischen Situationen beispielsweise durch Krankheit oder humorvolle Ablenkungen zu flüchten. Die Auflösung der Erstarrung bringt folglich neue Herausforderungen mit sich. An dieser Stelle eines Coachings oder einer Therapie gilt es daher die Handlungskompetenz durch Resilienz-, Achtsamkeitstrainings, Entspannungsübungen, entspannende Musik oder auch Körpertrainings wie Yoga oder Thai Chi so vorzubereiten, dass eine stressige Situation ausgehalten wird, ohne zuzuschlagen oder wegzurennen. Auch hier wirken Bindungen Wunder, beispielsweise durch das geduldige Vertrauen eines Coaches in seine Klienten.
  3. Den sozial-vegetativen Vagus fördern: Auf der dritten Stufe schließlich kann nun endlich – dank der Vorbereitung – das eigentliche Coaching sozialer Kompetenzen trainiert werden.

Anhand dieser physiologischen Zusammenhänge lässt sich nicht nur erklären, wie in unserem Körper insbesondere aufgrund des Vagus-Nervs Denken, Fühlen, Verdauung, Auftreten, Sprechen, Mimik, Atmung, usw. miteinander verbunden sind, sondern auch, warum manche Trainings- oder Coaching-Maßnahmen scheitern, wenn sie zu schnell auf die Kompetenzen-Schiene abzielen.

Als Coach hatte ich es bislang selten mit Coachees in Erstarrung zu tun. Erstarrung findet eher in therapeutischen Settings aufgrund starker Traumata statt. Den zweiten Schritt vor dem dritten zu machen, d.h. zuerst den Sympathikus zu beruhigen und sich dann – in Ruhe – der Entwicklung von Kompetenzen zu widmen, ist jedoch enorm hilfreich.

Diese Vorgehensweise findet sich u.a. im Focusing, einer Weiterentwicklung der Gesprächstherapie. Hier wird zuerst der sogenannte Freiraum des Klienten gefördert: „Sitzen Sie gut? Brauchen Sie etwas zu trinken? Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt, um erst einmal hier anzukommen“. Erst dann wird über mögliche Veränderungen gesprochen.

Literatur:

Gregor Hasler – Die Darm-Hirn-Connection

Dr. Hildegard Nibel und Kathrin Fischer – Neurogenes Zittern

Eugene T. Gendlin – Focusing

Täter-Opfer-Dynamiken

Bild von pikisuperstar auf Freepik

Das Täter-Opfer-Prinzip

Das Täter-Opfer-Prinzip besteht im Kern darin, dass eine Person oder eine ganze Gruppe von Personen an einem Zustand schuld ist, den eine andere Person oder eine ganze Gruppe zu erleiden hat. Wer sich als Opfer betrachtet, hat Angst vor dem Täter. Wird diese Angst weiter befeuert, beispielsweise indem ganze Gruppen als vermeintliche Opfer und Täter aufeinander treffen, was in digitalen Netzwerken häufig passiert, entsteht eine Gruppendynamik, in der aus der Angst schnell Wut mit aggressiven Schuldzuschreibungen wird.

Es erscheint in vielen Situationen im ersten Moment nachvollziehbar, nach einem Täter zu suchen. Schuldige an einem Dilemma zu finden, schafft einen konkreten Fokus für den eigenen Ärger. Auf den zweiten Blick gibt es diese Schuldigen jedoch häufig nicht, zumindest nicht direkt. Hier entstehen also direkte Verbindungen zwischen einem vermeintlichen Opfer und einem vermeintlichen Täter, die im Ursprung nicht bestehen oder zumindest systemisch wesentlich komplexer sind.

Sowohl in der Corona-Pandemie als auch in der Umweltthematik entstanden und entstehen Schuldzuweisungen. Maßnahmenkritiker galten als potentiell schuldig am Tod anderer. Und Politiker und Wissenschaftler*innen, die mit Hilfe der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus eben jene vulnerablen Gruppen schützen wollten, galten in den Augen mancher Kritiker als Totengräber der Demokratie unter dem Deckmantel der Gesundheit. Dazu wurde bereits mehr als genug geschrieben. Der große Schuldige war jedoch das unbekannte und damit unkalkulierbare Virus. Auf etwas Unsichtbares lassen sich Aggressionen allerdings schwer projizieren.

Ein ähnliches Prinzip passiert nun mit der Umweltthematik: Die Umweltaktivist*innen beschuldigen die Politik als Täter einer untergehenden Welt, wohingegen manche Politiker*innen Klimaaktivist*innen geradezu als Staatsfeinde betrachten, obwohl diese durchaus legitime Ziele (von den Mitteln einmal abgesehen) verfolgen.

Ein kurzer Blick auf die Interessenkonflikte innerhalb der Ampelregierung macht jedoch deutlich, wie kompliziert Politik ist. Die Politik könnte sich sicherlich mehr für Umweltbelange einsetzen. Sie muss jedoch auch aufpassen, die Gesellschaft nicht zu spalten. Dies könnte sich spätestens bei der nächsten Wahl rächen. Auch in diesem Fall ist sie kein Täter im Ursprung des Begriffs. Hierzu passen schon eher manche Industriezweige von Bau bis Verkehr. Aber auch diese sind schwer als Täter greifbar. Und der einzelne Verkehrsteilnehmer ist ebenso kein Täter im klassischen Sinn, sondern wird zur Projektionsfläche der Klimakleber*innen.

Wenn Dynamiken eskalieren

An diesen Beispielen lässt sich gut verdeutlichen, wie schnell jemand, der zuvor Opfer war oder sich als Opfer empfand, selbst zum Täter werden kann. Die Klimaaktivist*innen betrachten sich als Opfer einer fehlgeleiteten Politik. In dem Moment, in dem sie Straßen blockieren, werden sie jedoch selbst zum Täter. Die Autofahrer wiederum betrachten sich als Opfer, wenn sie im Stau feststecken und mittlerweile werden auch einige handgreiflich und werden damit selbst zum Täter.

In der Transaktionsanalyse gibt es zur Erklärung dieser Dynamiken die drei Rollen Opfer, Täter und Retter. Das Opfer kann unterwürfig, trotzig oder freigeistig sein. Entweder es ordnet sich unter und ergibt sich in sein Schicksal. Oder es lehnt sich auf. Oder es ignoriert alles und geht seinen eigenen Weg. Der Täter kann dominant oder vermeintlich fürsorglich sein. Der Retter wiederum schützt das Opfer vor dem Täter. Doch wer spielt in diesem Beispiel den Retter?

Letztlich wandert auch diese Rolle munter durch die Reihen: Während die Aktivist*innen sich selbst zu Beginn entweder als fürsorglicher Täter oder Retter des Klimas und damit auch der Bürger*innen (als Opfer) vor der Politik (den Tätern) betrachtete, merkten sie schnell, dass viele vermeintliche Opfer sich gar nicht retten lassen wollen. Die Opfer ergaben sich nicht in Demut und Dankbarkeit, sondern begehrten auf. In dem Moment wurden die Retter zu dominanten Tätern und die trotzigen Opfer wie dargestellt zu Tätern. Die Polizei versucht ebenso die ehemaligen Opfer (die Autofahrer) vor den Tätern (den Klimaklebern) zu retten, wird dabei jedoch auch ein ums andere mal zu dominanten Tätern. Wir sehen: Es ist kompliziert. Klar wird jedoch eines: Sobald wir uns auf diese Rollendynamik einlassen, ist eine gesellschaftliche Eskalation nicht mehr weit.

Einen probaten Ausweg aus dieser Dynamik bietet uns die 4. Rolle aus der Transaktionsanalyse: Erwachsen werden und sich ohne gegenseitige Schuldzuweisungen auf Augenhöhe begegnen.

Opfer versus Empowerment

Ein Opfer will oder muss vor etwas oder jemandem beschützt werden. Damit wird jedoch die Handlungsfähigkeit dieses Menschen beschnitten. Kein Wunder, dass manche vermeintlichen Opfer aggressiv auf diese Zuschreibung reagieren. Anders formuliert: Solange ein Mensch sich nicht als Opfer betrachtet, wird der Blick geweitet für die Möglichkeiten, die sich ihm selbst als Selbstschutz bieten. Bei einer Bedrohung wie durch Covid kann dies zusätzlich unterstützt werden durch solidarische Maßnahmen derjenigen, die weniger bedroht sind, um eine gesunde Balance aus Selbst- und Fremdschutz herzustellen. Der Mensch fühlt sich damit nicht zu 100% abhängig von anderen, was der eigenen Psyche und dem eigenen Immunsystem zugute kommt.

Im Rahmen der Umweltthematik wäre es vermutlich ebenso sinnvoll, aus der Täter-Opfer-Dynamik mit gegenseitigen Beschuldigungen (Umweltzerstörer versus Klimaterroristen) auszusteigen, um eine produktive Sichtweise zu gewinnen, was jede*r Partei in der aktuellen Situation beitragen kann.

Ein möglicher Ausstieg aus Täter-Opfer-Dynamiken

Das Täter-Opfer-Prinzip geht davon aus, dass Differenzen schädlich sind: Was der Eine kann, wird dem Anderen zum Verderben. Ist der Eine stark, fühlt sich der Andere bedroht. Weiß der Eine etwas, scheint dem Anderen dieses Wissen zu fehlen. Ist der Andere hingegen schwach, muss der Eine aufgrund dessen Schwäche leiden und zurückstecken.

Differenzen können jedoch auch verbindend wirken, wenn sie als Ergänzung wahrgenommen werden. Was der Eine kann und weiß, kann auch dem Anderen helfen. Und vielleicht lässt sich auch aus der vermeintlichen Schwäche des Anderen etwas lernen. Damit hätten wir jedoch keine mechanische Solidarität unter Gleichen, sondern eine organische Solidarität unter Verschiedenen.

Um dahin zu kommen, sollten wir damit beginnen uns gegenseitig zuzuhören und wertfrei wahrzunehmen, welche Ängste unser Gegenüber hat, bevor es zu Wut-Projektionen kommt. Auf dieser Basis lässt sich dann auch das Können und Wissen austauschen, um gemeinsam an den erkannten Gegensätzen und Differenzen zu wachsen.