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Über den Umgang mit Fake-News und Gerüchten

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Krisen als Nährboden für Gerüchte

Gerüchte – oder moderner Fake News – sind wohl so alt wie die Menschheit. Sie gedeihen v.a. in unsicheren Zeiten, wenn die Menschen wissen wollen, was wirklich los ist:

  • Im 2. Weltkrieg gingen in den USA Gerüchte um, dass Nazi-Deutschland kurz vor einem Sieg steht.
  • Zum Ende des 2. Weltkriegs ging das Gerücht um, dass Atomwaffen ein Gebiet auf lange Zeit unbewohnbar machen würden, was u.a. von den Sozialpsychologen Gordon W. Allport und Leo Postman, die intensiv über das Thema Gerüchte forschten, vehement dementiert wurde.
  • Ende der 90er-Jahre fragten sich viele US-Amerikaner*innen, ob ihr Präsident eine Affäre hat, was selbstredend ebenso vom Weißen Haus dementiert wurde.

Und in der aktuellen Krisenzeit erzeugt eine dermaßen hohe Anzahl an Gerüchten Schwindelgefühle: Reiche Menschen verjüngen sich mithilfe von Babyblut. Die Impfung wird uns alle umbringen. Der große Volksaustausch steht kurz bevor – wieder einmal. Russland wird demnächst ein weiter Land überfallen (oder doch nicht?). Deutschland wird deindustrialisiert. Die Welt lacht über Deutschland (vermutlich ein paar Monate und dann bewundert sie uns wieder). Und beim FC Bayern gibt es derzeit so viele Gerüchte, dass ich schon gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und diese Vermutungen breiten sich dank dem Internet schneller aus als ein Friseur Schnipp machen kann.

Die Erforschung von Gerüchten

Gerüchte sind vielleicht so alt wie die Menschheit. Die systematische Erforschung von Gerüchten begann jedoch erst im 2. Weltkrieg in den USA in sogenannten „rumor clinics“. Die Gerüchte in der verunsicherten Bevölkerung sollten in diesen „Kliniken“ untersucht und entschärft werden. Mit Entschärfung wiederum ist letztlich Propaganda gemeint als Bestreben, in der Regel die Meinung der Regierung zur Meinung des Volkes zu machen.

In den 60er Jahren wurden in den USA aus den „rumor clinics“ „rumor center“. Diese hatten u.a. die Aufgabe Gerüchte aus der Welt zu schaffen, um Rassenunruhen zu vermeiden. Sie erreichten allerdings lediglich die weiße Bevölkerung, nicht jedoch die schwarze. Ein großes Problem war schon damals, dass diejenigen, die gegenüber der Regierung skeptisch eingestellt sind, zum einen Gerüchte eher glauben und zum anderen den Dementi der Regierung nicht vertrauen. Daran hat sich offensichtlich wenig geändert.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich im Nachhinein – wie die Beispiele zeigen – manche Gerüchte als wahr erweisen. Damit stellt sich die Frage, ob gegen Gerüchte und Fake News überhaupt vorgegangen werden kann.

Gibt es eine Gerüchte-Formel?

Allport und Postman brachten im Zuge ihrer Forschungen die Entstehung von Gerüchten auf die Formel R = i * a: Die Stärke eines Gerüchts (rumor) wird bestimmt durch die Wichtigkeit eines Themas (importance) mal der Unsicherheit der aktuellen Lage (ambiguity).

Auf den ersten Blick erscheint dieser Zusammenhang einleuchtend. Auf den zweiten Blick fehlen jedoch persönliche Merkmale der Adressaten, weshalb die Formel später um den Faktor „kritische Kompetenz“ erweitert wurde. Wem die Unterjochung der Menschheit durch eine Handvoll Eliten dann doch ein wenig zu obskur vorkommt, wird ein entsprechendes Gerücht kaum weiterleiten.

Woran lassen sich Gerüchte erkennen?

Die Formel verdeutlicht es bereits: In einer Krisenstimmung bei einem heiklen Thema kochen Gerüchte und Fake News besonders gerne hoch.

Gleichzeitig zeichnen sich Gerüchte durch ihre Einprägsamkeit aus. Damit diese gewährleistet ist, müssen sie leicht wiederholbar sein, am besten als Mem. Aus diesem Grund sind drei Charakteristika typisch für Gerüchte:

  1. Komplexe und relativierende Details werden häufig weggelassen.
  2. Das Gerücht wird an die eigene Situation angepasst.
  3. Das Gerücht übertreibt.

Vermutlich steckt in jedem Gerücht ein wahrer Kern. Reiche Menschen machen seltsame Sachen. Der Missbrauch von Untergebenen ist nicht ungewöhnlich. Die Corona-Impfung führte tatsächlich bei manchen Menschen zu schweren Nebenwirkungen. Die Industrielandschaft in Deutschland steht vor einem Wendepunkt. Und warum soll Thomas Müller nicht vor einem Wechsel stehen?

Falsche Gerüchte jedoch pauschalisieren, sind raum- und zeitlos und übertreiben oftmals maßlos. Wenn wir uns also denken: „Spannend, polarisierend, skandalös!“ … dann haben wir es vermutlich mit Fake News zu tun. Denn die Wirklichkeit ist in der Regel einerseits wesentlich komplizierter und andererseits doch auch wieder langweiliger als all die superspannenden Gerüchte da draußen.

Literatur

Hans-Joachim Neubauer – Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Matthes & Seitz Berlin