[metaslider id=390]

Gelassenheit vs. Leistung

Eine kleine Anekdote

Als Trainer bin ich häufig unterwegs und muss auch selbst auf eine gute Balance zwischen Aktivität und Pause achten. Mit anderen Worten: 8 Stunden Präsenz ist nicht möglich, wenn ich nicht bewusst zwischendurch einen Gang runter schalte. Manche Teilnehmer/innen meiner Seminare suchen zwar auch den Kontakt zu mir in den Pausen, worauf ich grundsätzlich gerne eingehe. Doch ab und an brauche ich einen Abstand, um später wieder voll präsent sein zu können.

Soweit die Einleitung. Doch nun zur Anekdote: In meinem letzten Seminar hatten mich von 14 Teilnehmer/innen 13 sehr positiv bewertet. Nur eine Person machte ihre Kreuze überraschenderweise sehr weit rechts und bewertete mich als unmotiviert und unengagiert. Nun könnte ich dies als einen einfachen, ein wenig seltsamen, aber vielleicht auch logischen statistischen Ausrutscher abtun. Könnte ich. Spannender wird es allerdings, das ganze zu erklären zu versuchen. Was also ist da passiert?

Gelassenheitsübungen

Seit einiger Zeit vermittle ich nicht nur rein theoretisch, wie wichtig Gelassenheit ist oder auch im Rahmen von Entspannungsübungen ganz praktisch, sondern ebenso dadurch, quasi auf der Metaebene, indem ich in Pausen die Augen schließe, ab und an langsamer rede und ab und an langsamer atme (z.B. bevor ich eine meiner vermeintlich klugen Antworten auf schwierige Fragen gebe).

Augen schließen: Eine Ursache für Anspannung lautet Reizüberflutung. Unser Leben ist voll davon: Werbung, Fernsehen, Handyklingeln, emails, Internet, usw. Um diese Stressquelle abzuschalten, hilft es, einfach mal die Augen zu schließen und sich wieder zu sammeln.

  • Langsamer Reden, langsamer Atmen: Banales Beispiel für die Wirkung des Atmens: Unter Anspannung atmen wir flacher, wenn wir entspannt sind, atmen wir langsamer und tiefer und bekommen damit mehr Sauerstoff. Versuchen Sie einfach 3-5 mal tief ein- und auszuatmen und sagen dabei laut:“Ich bin ja so gestresst!“ Funktioniert? Nein, natürlich nicht! Es geht einfach nicht mehr. Fazit: In der nächsten angespannten Situation ein wenig ruhiger atmen, langsamer reden oder auch langsamer laufen. Damit bekommt Ihr Körper ein Gelassenheits-Signal, das ihn dazu veranlasst tatsächlich ruhiger zu werden.
  • Lächeln: ganz ähnlich funktioniert unser Lächeln. Ein System namens facial feedback führt dazu, Dinge ein wenig entspannter zu sehen, wenn Sie lächeln. Normalerweise lächeln Sie, wenn Sie fröhlich sind. Doch wenn Sie so tun, als ob Sie fröhlich wären, bekommt auch hier Ihr Körper ein Gelassenheits-Signal und fühlt sich dadurch schon ein wenig leichter. Dies verändert Ihre Mimik, diese sendet  wiederum Signale nach innen, usw. Sehr erhellend ist dazu auch dieses Video. Hier spielen übrigens unsere Spiegelneuronen einen wichtige Rolle. Anders formuliert: Der Funke springt über. Wenn Sie die Wirkung des Lächelns zuhause ausprobieren wollen (da sieht es ja keiner und ist folglich nicht ganz so peinlich wie im Seminar): Schauen Sie auf Ihre To-Do-Liste und picken sich eine Aufgabe heraus, die Sie schon die ganze letzte Woche über geschoben haben. Nehmen Sie nun einen dünnen Stift in den Mund und beißen leicht etwa 20 Sekunden mit den Schneidezähnen drauf. Damit spannen Sie genau die Muskeln an, die Sie sonst auch zum Lächeln brauchen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich nach und nach Ihre Einstellung zu dieser Aufgabe von „Bloß nicht!“ zu „Was soll’s?“ verändert. Die große Liebe wird es wahrscheinlich nicht mehr werden. Aber vielleicht sind die inneren Widerstände ein wenig kleiner geworden.

Mit diesen kleinen Kniffen kann Gelassenheit ganz leicht sein. Doch leider wird diese innere Ruhe oft missgedeutet. Für viele Menschen gilt immer noch der Glaubenssatz: Wer gelassen ist, ist weniger leistungsorientiert. Nur wer behauptet, keine Zeit zu haben, gilt in unserer Leistungsgesellschaft als wertvolles Mitglied. Doch wer heute dauerhaft keine Zeit hat, wird irgendwann einmal tatsächlich ein halbes Jahr lang keine Zeit mehr haben – und zwar für gar nichts außer für sich selbst. Mit Gelassenheit erreiche ich jedoch beides: Leistung zeigen und kreativ sein einerseits sowie etwas für mich tun und entspannt sein. Sprich: Ich brauche das eine für das andere, um auch langfristig eine qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern und nebenbei auch noch gute Entscheidungen zu treffen. Erst durch den bewussten Wechsel zwischen Aktivität und Pause ergeben sich auch langfristig erstklassige Ergebnisse. Oder kennen Sie jemanden, der in der Hektik gute Ideen hat oder nachhaltige Entscheidungen treffen kann?

Für manch Andere gilt der Glaubenssatz: Wer lächelt ist arrogant. Vielleicht ist es ja auch eine deutsche Krankheit, während der Arbeit leiden und einen Streit so ernst nehmen zu müssen, dass ein beschwichtigendes Lächeln hierbei nicht erlaubt ist. Wenn Sie schon mal versucht haben, einen Gegner in einem Streit anzulächeln, wissen Sie wahrscheinlich, was ich meine. Eigentlich sollte das Lächeln heißen:“Schau her! Hier sind meine Waffen (die Zähne!). Ich habe nichts zu verbergen. Lass uns das vernünftig (und in Ruhe) regeln!“ Ankommen tut allerdings leider oftmals genau das Gegenteil:“Du willst mich wohl provozieren!“ Die Lösung dieses Dilemmas lautet: Lächeln Sie leicht für sich, um sich selbst und Ihre Wut ein wenig zu regulieren. Der Grat zwischen einem aggressiven und einem ganz ruhigen offenen Lächeln ist allerdings zugegebenermaßen sehr dünn.

Ich hoffe doch, dass Sie ein wenig Lust bekommen haben, diese kleinen Tricks ab und an auszuprobieren und sich davon hoffentlich nicht von der Meinung anderer abbringen lassen. Natürlich freue ich mich wie immer auf Rückmeldungen und Erfahrungen mit Lächeln, Atmen oder geschlossenen Augen.

Das Linder-Axiom

Das Linder-Axiom (nach Staffan B. Linder, 1970) besagt: Je mehr wir uns leisten können, und je mehr Wünsche wir haben, desto weniger Zeit bleibt dafür übrig. Zeit wird dadurch zum Gegenwert des Wohlstands. Im Detail bedeutet dies:

  • Anschaffungen kosten Geld, Lagerung kostet Raum, Besitz kostet Pflege (auch Abstauben), Schränke, Reparaturen.
  • Einkaufen kostet Zeit, Suche nach den Dingen kostet teils mehr Zeit, als einfach neu zu kaufen.
  • Alte Dinge halten und in der Vergangenheit fest.

Auf den Punkt gebracht: Je besser es uns geht, desto mehr Dinge besitzen wir, die wir pflegen müssen, desto weniger Zeit haben wir für andere Dinge wie z.B. Beziehungspflege(!).

Während der Zeit, all die schönen Computer und Küchengeräte zu warten und zu putzen, benötigen wir zudem mittlerweile wesentlich mehr Zeit zum Einkaufen als früher, da die kleinen Supermärkte um die Ecke nicht mehr da sind. Es heißt also: Wie gewonnen so zerronnen.

Freiraum und Fokussierung

Freiraum – ein Wunschtraum?

Stellen Sie sich vor, jemand würde Sie von einem Tag auf den anderen von all Ihren Aufgaben befreien. Was würde dann noch von Ihnen übrig bleiben?

(Bitte machen Sie jetzt eine kurze dramatische Pause! Danke)

Dies erscheint uns beinahe genauso paradox wie die Frage: Was bleibt von uns übrig, wenn wir alle Rollen, die wir inne haben, einfach mal für ein zwei Tage abgeben würden? Einfach weg mit der Verantwortung, mit den Tätigkeiten und mit der Prägung unseres Ichs durch unsere Aufgaben. Zugegeben, das ist schon eine seltsame Vorstellung und die Meinungen gehen hier naturgemäß ins Extreme: Entweder bleibt dann gar nichts mehr von uns übrig. Oder aber irgendetwas in uns, eine Art letzte Steuerinstanz, ein Humunculus hinter dem Humunculus, ist noch da und schaut sich das Ganze aus der Vogelperspektive an.

Nachdem Sie sich hoffentlich von einem ersten Schrecken erholt haben, könnte sich dieser Zustand ganz entspannend anfühlen. Wow! Niemand will etwas von mir. Ich habe heute keine anstehenden Aufgaben zu erledigen. Ich kann vielleicht sogar Urlaub von mir selbst nehmen!

Und eigentlich ist es genau das, um was es im Selbst-, Stress– und Zeitmanagement geht:

  • Abschalten lernen, um seine Balance nicht zu verlieren.

  • Sich nicht vereinahmen lassen von stressigen, anstehenden Aufgaben.

  • Und natürlich fit zu sein für neue Herausforderungen und sich ganz gezielt auf aktuelle Tätigkeiten konzentrieren.

Das heisst in anderen Worten: ein gutes Selbst- und Zeitmanagement sollte dafür sorgen, dass Sie Ihre ganz persönliche Balance finden zwischen Freiraum und Fokussierung.

Ein Möglichkeit dazu bietet die Methode „Getting Things Done“. David Allen beschreibt in seinen Büchern genau dieses Wechselspiel als Garant für Effektivität und Effizienz im Arbeiten, aber ebenso für die Chance, die eigene Balance zu erhalten und so seinen Stress zu reduzieren bzw. zu kontrollieren. Getting Things Done wird u.a. gut auf Wikipedia beschrieben: http://de.wikipedia.org/wiki/Getting_Things_Done

Doch wenn Sie sich nur online über Getting Things Done erkundigen, ergeht es Ihnen evtl. so wie mir. Denn zu Beginn dachte ich, Getting Things Done wäre eine rein technische Angelegenheit aus unterschiedlichen To-Do-Listen und Ablaufplänen. Doch weit gefehlt: In den Büchern von David Allen kommen v.a. auch die philosophischen Aspekte dieser Methode zum Tragen. Daher von meiner Seite aus: dicke Kaufempfehlung.

Fazit:

  1. Gewinnen Sie genügend Freiraum, um Ihren Kopf frei zu bekommen. Dies hilft Ihnen dabei, produktiver, kreativer und entspannter zu sein. Möglich wird dies v.a. durch Aufschreiben Ihrer Aufgaben, Planung in thematischen Blöcken und projektmanagementähnlichen Ablaufplänen.

  2. Konzentrieren Sie sich auf die Aufgaben, die aktuell anstehen. Dies fällt Ihnen umso leichter, wenn Sie zuvor alle anderen nicht anstehenden Aufgaben aufgeschrieben haben, um sich nicht daran erinnern zu müssen.

  3. Arbeiten Sie mit Erinnerungsmarkern, z.B. automatische emails an sich selbst, Terminkalender oder Monats-Hängeregistern, um nicht daran denken zu müssen, dass Sie an etwas denken sollten.

Aufschieberitis und Perfektionismus

Untersuchungen vermuten, dass etwa 24% aller Menschen gerne Aufgaben aufschieben. In Wirklichkeit wird die Zahl (wenn ich so meine Zeitmanagement-Seminare scanne) weit größer sein.

Aufschieberitis ist folglich ein weitverbreitetes Phänomen und geht meist auf vielerlei Ursachen zurück, unter anderem die Angst vor Versagen, Perfektionismus, ein niedriges Niveau an Selbstkontrolle, die Tendenz, Projekte als Ganzes zu sehen, anstatt sie in kleinere Teile aufzusplitten oder auch die Unfähigkeit, Zeitabschnitte genau abzuschätzen.

Mit einer kleinen paradoxen Übung lässt sich bereits einiges im Blick auf den Perfektionismus erreichen: Setzen Sie Ihrem strengen „Ich muss alles perfekt machen“-Antreiber einen inneren Erlauber entgegen, der z.B. sagt:“Ich werde alles tun, was ich kann, aber darf auch mal einen Fehler machen“.

Das subjektive Zeitparadoxon

Das subjektive Zeitparadoxon besagt, dass uns intensiv verbrachte Zeit, z.B. im Urlaub oder jedesmal, wenn wir etwas Neues machen, währenddessen sehr kurz(weilig) vorkommt. Im nachhinein erscheint sie uns allerdings als sehr ausgefüllt. Dahingegen empfinden wir Tätigkeiten wie Routinearbeiten als eher langatmig. Anschließend fühlt sich die so verbrachte Zeit als sehr kurz (beinahe wie geraubte Zeit) an. Dieses Kurz-Lang und Lang-Kurz-Phänomen wird jedoch in letzter Zeit immer mehr durch die modernen Medien konterkariert, die uns in ein Kurz-Kurz-Empfinden manövrieren: Die Zeit, die wir z.B. beim Internetsurfen verbringen erscheint uns sehr kurzweilig, da wir – anders als vor dem Fernseher – direkt und aktiv daran beteiligt sind. Im Nachhinein erscheint sie uns allerdings leider ebenso kurz und wenig erinnerungswürdig.

Spannende Versuche dazu finden Sie hier (externer Link): link

Wie könnte folglich ein Fazit lauten:

  • Ein stückweit ist dieses Paradoxon sehr sinnvoll: Wir können schließlich nicht andauernd und pausenlos Spannung ertragen oder diese Spannung künstlich befeuern. Vielleicht würden wir dann alle kaum älter werden als die gerade eben verstorbene Amy Winehouse. Nehmen wir einmal an, Amy hätte auf ihrer Überholspur doppelt so schnell gelebt. Dann wäre sie immerhin umgerechnet 54 geworden und nicht 27. Und mit Jimi Hendrix oder Jim Morrison wäre es sicherlich ähnlich. Wir alle brauchen eben auch ein paar Ruhephasen, um alt zu werden.
  • Folglich ist es wohl die klassische 50/50-Balance, die uns gut tut. Die Balance zwischen Neuem und Sicherem. Im Marketing gilt die Regel: Der Kunde braucht 50% Sicherheit und Bekanntes und 50% Neues. Sonst bekommt er entweder Angst, kann das Neue nicht einordnen oder springt andernfalls einfach nicht auf das zu verkaufende Produkt an. So oder so ähnlich lässt sich dies natürlich auch auf unser Restlalltagsleben übertragen. Dazu passt auch ein wunderbarer Spruch, den ich einmal von Tita von Hardenberg aufschnappte: Wir sollten uns angewöhnen, einmal in der Woche einen Weg zu gehen, den wir noch nie gegangen sind und mit einem Menschen zu sprechen, mit dem wir noch nie gesprochen haben. Das hält das Gehirn jung und wir bleiben damit auf Trab.
  • Wenn Sie also wollen, dass Ihr Leben sich im Nachhinein als ausgefüllt anfühlt, sollten Sie in den Momenten, in denen Sie die Wahl haben, d.h. in aller Regel in der Freizeit, Dinge tun, die genau diese Mischung aus Spannung und Abenteuer einerseits und Erholung und Entspannung andererseits ausmacht. Wenn möglich wäre es natürlich auch im Beruf mehr als wünschenswert, genau diese Mischung zu haben.