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Eltern als Vorbild in der Krise

Was lernen Kinder aus der aktuellen Krise? Werden sie traumatisiert, wenn ihre Eltern Panikkäufe tätigen oder die Medien und Regierung kritisieren? Hilft stattdessen eine Augen-zu-und-Vertrauen-haben-Prophylaxe? Braucht es Eltern, die ihre Chancen nutzen, während andere am durchdrehen sind? Oder wollen wir, dass sich unsere Kinder eine eigene Meinung bilden? Immerhin geht es um das einschneidenste Ereignis unserer Sprösslinge.

Kinder lernen zu 60% über Lernen am Modell. Was also lernen sie von ihren Eltern in der Krise? Schauen wir uns dazu ein paar Modelle an:

Die Optimisten

Es gibt Optimisten, denen die Sonne aus …, Sie wissen schon, scheint. Sie gehen davon aus, dass am Ende alles gut wird. Und wenn nicht, war es eben noch nicht das Ende. Das Vertrauen oder der Glaube in den Staat, die Medien, die WHO, die Wissenschaft oder den eigenen Arbeitgeber ist tief in ihnen verankert. Sie gehen nicht davon aus, dass die Welt zusammenstürzen könnte oder dass eine schwere Rezession kommt. Die Optimisten vermeiden es, zuviel Nachrichten zu schauen. Verschwörungstheoretiker sind Spinner und wenn wir uns jetzt ein wenig zusammenreißen, wird in ein paar Wochen alles wieder gut. Nein! Es wird sogar noch viel schöner. Die Luft wird sauberer. Die Menschen werden klimatechnisch umdenken. Es werden viel mehr Menschen Rad fahren, genau wie jetzt. Wir schaffen das! Und wenn es doch ein bisschen schlimmer kommt, haben Sie immer noch ihr Eigenheim im Grünen, mit Garten und einem festen Job in einem Großkonzern.

Die Vorbildfunktion der Optimisten an ihre Kinder lautet: Denk nicht soviel nach. Hab Vertrauen und alles wird gut. Genieße dein Leben.

Die Macher

Familie Macher ist nicht ganz so sonnenverstrahlt wie die Optimisten. Auch Herr und Frau Macher besitzen ein Häuschen mit Garten, das sie sich hart erarbeitet haben. Auch sie blicken optimistisch in die Zukunft. Sie schauen jedoch mit einem sorgenvollen Auge auf mögliche wirtschaftliche Störungen. Die Rezession könnte kommen. Besser sie bringen ihre Schäfchen ins Trockene. Die Machers machen sich deshalb intensive Gedanken darüber, wie und wo sie ihr Geld in der Krise anlegen könnten. Sie machen sich auch Sorgen um ihre berufliche Zukunft. Deshalb wollen sie nicht abwarten, was passiert, sondern werden selbst tätig. Erst wenn sie wissen, wo die Reise hingehen könnte, ist es möglich sich zu entspannen und die Sonne zu genießen.

Die Vorbildfunktion der Macher an ihre Kinder lautet: Die Welt läuft nicht immer rund. Es gibt Gewinner und Verlierer. Nutze deine Chancen, bevor es andere tun.

Die Kritischen

Die Kritischen müssen offenbar den schweren Weg gehen. Sie blicken skeptisch auf die Welt. Ähnlich wie die Macher glauben sie daran, dass es im Leben grundsätzlich und in Krisen erst recht Gewinner und Verlierer gibt. Herr und Frau Kritisch denken parallel. Sie leben sowohl in einer utopisch-theoretischen Traumwelt, in der allen Menschen Gerechtigkeit widerfährt. Gleichzeitig befinden sie sich auf dem Boden der Tatsachen, auf dem dies vermutlich nie passieren wird. Damit kämpfen sie für ein Utopia, von dem sie insgeheim wissen, dass es niemals stattfinden wird. Ihr Lebensmotto könnte auf den Satz von Sartre zurückgehen: Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Es geht nicht darum, der Welt zu misstrauen, sondern zu akzeptieren, dass die Welt ungerecht ist, manche ihre Interessen durchsetzen und andere nicht, wir jedoch unser Bestes tun, um dies zu ändern. Hierzu passt auch die ursprüngliche Bedeutung von Zynismus: Ich leide wie ein Hund und genieße dennoch das Leben.

Die Vorbildfunktion der Kritischen an ihre Kinder lautet: Bilde dir deine eigene Meinung. Denke dabei stets parallel und halte Widersprüche aus. Man kann sich nie ganz sicher sein. Aber mach, was du kannst, auch wenn es nie genug sein wird.

Die Verschwörungstheoretiker

Während die Kritischen zwischen den Welten hängen und die Parallelität der Widersprüche aushalten, hat sich Familie Verschwörungstheoretiker klar auf eine Seite der Meinungsdeutung geschlagen. Die Welt ist schlecht. Das Vertrauen in die Regierung schon lange zerstört. In die Medien sowieso. Es gibt diverse reiche Strippenzieher, die an unser Gehirn oder unsere Blutbahnen wollen. Die Weltordnung ist beständig in Gefahr. Familie V sucht stetig nach dem Sinn hinter politischen Maßnahmen. Da jedoch bei der Ansprache der Massen zwangsläufig Informationen unter den Tisch fallen, Erkenntnisse noch nicht spruchreif sind und dennoch formuliert werden müssen und die Medien ihren Teil zur Komplexitätsreduktion von Informationen beitragen, geht grundsätzlich ein Teil des Sinns hinter einer Maßnahme bewusst oder unbewusst verloren. Diese Lücke will mit Sinnhaftigkeit gefüllt werden. Auf der Basis des Misstrauens kann dies nur negativ ausfallen. Ein Misstrauen, dass leider aufgrund der Tatsache, dass manche Verschwörungstheorie im Nachhinein einige Wahrheiten beinhaltete, stetig Futter bekommt.

Die Vorbildfunktion der Verschwörungstheoretiker an ihre Kinder lautet: Die Welt ist von Grund auf böse. Sie wird sich auch nicht verändern lassen, höchstens durch eine umfassende Revolution. Misstraue jedem und kämpfe für das, an was du glaubst.

Natürlich gibt es auf der Basis dieser vier Typen diverse Mischtypen. Niemand ist nur Verschwörungstheoretiker, Macher, Kritiker oder Optimist. Dennoch stellt sich die Frage, was wir als Eltern unseren Kindern vermitteln wollen:

  • Ein Vertrauen in die Welt,
  • das Vertrauen in sich selbst,
  • eine kritische Meinung
  • oder ein Misstrauen in die Welt?

… und ob wir damit, was wir vermitteln zufrieden sind.

Anliegen und Sorgen vs. Verschwörungstheorien

Das Internet ist derzeit voller Verschwörungstheorien, vermeintlichen Aufdeckungen und dem Kampf dagegen mittels Fakten-Checkern. Google spendiert aktuell über 6 Millionen Euro an Startups oder bereits etablierte Seiten im Netz zur Aufdeckung von Fake News. Eine zeitlang hatte ich das Gefühl, die ARD ist mehr damit beschäftigt, Verschwörungstheoretiker zu entlarven als tatsächlich Nachrichten zu vermitteln. Das ganze mutet sehr nach einem Kampf um die Meinungshoheit an.

Wie im Krieg gibt es bei Kämpfen selten Gewinner. Der Krieg um die Wahrheit lässt sich ohnehin nicht gewinnen, zumal in jeder Falschnachricht ein Fünkchen Wahrheit steckt und in jeder offiziellen Nachricht etwas verschwiegen wird. Und Wahrheiten bezüglich einer szenarischen Zukunft werden erst in einigen Monaten oder sogar Jahren falsifiziert oder verifiziert. Ein Fakten-Check, der auf Szenarien in der Zukunft angewandt werden kann, muss erst noch erfunden werden. Diejenigen jedoch, deren Beiträge auf Youtube gelöscht werden, fühlen sich bestätigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind: „Die sagen uns nicht die (ganze) Wahrheit.“ Und diejenigen, die gegen Fake News vorgehen, fühlen sich selbstredend ebenso bestätigt: „Die sind einfach unbelehrbar.“

Damit schaukelt sich der Kampf um die Wahrheit so lange hoch, bis er entweder explodiert oder implodiert. Eine Implosion wäre für die Gesellschaft vielleicht verkraftbar, auch wenn ich mir ernsthafte Sorgen mache um all die Menschen, die aktuell kein Gehör finden. Wollen wir wirklich die Menschen (eine Schätzung fällt schwer, aber mir dünkt, es seien viele), die Verschwörungstheorien anhängen an den medialen Pranger stellen? Können und wollen wir uns das leisten als Gesellschaft, die auf den Grundfesten der Meinungsvielfalt beruht? Sind wir ernsthaft damit zufrieden, Menschen, die sich Sorgen um den Rechtsstaat machen wegzusperren oder medial mundtot zu machen?

Eine Explosion könnte ebenso fatale Folgen haben. Ich spreche nicht von einer Revolution auf der Straße, auch wenn wir nach der Lockerung sicherlich einiges zu sehen bekommen werden. Da wird so manches Pegida-Revival dabei sein. Und mancher wird sich wundern, wer neben ihm demonstriert. Aber was wäre, wenn all diese Unzufriedenen in der kommenden Wahl ihrer Unzufriedenheit mit einem Kreuz Luft machen würden? Ist dieses Risiko wirklich kalkulierbar? Wer ein wenig im Internet surft oder allgemein die Augen und Ohren offen hält, merkt, dass die Unzufriedenheit nicht nur von den üblichen Verdächtigen kommt, sondern von ganz normalen Soloselbständigen, Gaststättenbesitzern, Zwangsrentnern, Künstlern, Kleinstunternehmern, Handwerkern, Familienmenschen, usw. Wollen wir diese breite Masse der Menschen, die sich aktuell Sorgen um ihre Zukunft machen, wirklich an Verschwörungstheoretiker verlieren? Wen werden sie wählen, wenn sie jetzt kein Gehör bekommen?

Der mediale Kampf zwischen Verschwörungstheorie- und Regierungsanhängern vertieft Gräben, die ohnehin vorhanden sind. Es gibt die Denke, dass jetzt nicht die Zeit wäre, aufeinander zuzugehen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nach den ersten Schockwellen der Krise überhaupt noch möglich ist, die Wunden zu heilen, die jetzt aufgebrochen sind?

Das Vertrauen in den Staat, die Hin- und Her-Kommunikation um Verdopplungszahlen, Masken und Tests wirft ein schlechtes Licht auf die Regierung. Medien, die einseitig berichten, verspielen gerade ihre Rolle als Medium und Moderator, als Vermittler in diesem Kampf um die Meinungsdeutung. Während früher lediglich rechtsgerichtete Menschen von Systemmedien sprachen, kommt diese Kritik mittlerweile aus einer Ecke (externer Link), aus der wir das nie vermutet hätten. Der Ethikrat spricht von einem Obrigkeitsstaat, wenn Diskussionen nicht auf eine breite gesellschaftliche Basis gestellt werden.

Würden wir anfangen, Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, endlich aus dem Dunkel des Unheimlichen herauszuholen und zu akzeptieren, dass dahinter echte Sorgen und Anliegen stehen, wäre bereits viel getan. Wer die Maßnahmen der Regierung kritisiert, ist noch lange kein Feind der aktuellen Vorgehensweisen, sondern macht sich vielleicht Sorgen um seine Gesundheit. Für Vampire ist die Sonne ungesund. Für uns Menschen gilt das Gegenteil. Wer sich Sorgen um Kindeswohlgefährdungen und depressive alte Menschen macht, wünscht sich, dass der Ethikrat mehr Gehör in einem Expertenrat findet. Wenn er nun sieht, dass im bayerischen Expertenrat wieder nur ein Virologe, Arzt und Epidemiologe sitzt, fühlt er sich abgehängt. Kein Wirtschaftswissenschaftler, kein Psychologe, kein Kirchenvertreter, kein Ethiker, kein Sozialwissenschaftler. Und wer aktuell als Selbständiger keine Aufträge bekommt, findet es befremdend, wenn über den Exit aus dem Shutdown nicht gesprochen werden darf. Er hält vielleicht noch einen Monat durch. Aber was dann?

Der Mensch braucht Ziele zur Motivation. Der Mensch sucht beständig nach einem Sinn. Wenn er diesen Sinn lediglich über eine spekulative Kurve bekommt, deren Zahlen ungesichert sind (externer Link), jedoch nicht weiß, ob er das Ende der Kurve überhaupt erleben wird, sucht er sich seinen Sinn anderswo.

Politik in der Krise funktioniert über klare Entscheidungen. Ich bin froh, derzeit kein Politiker zu sein. Sie funktioniert aber auch über Signale und ein Zugehen auf den medialen „Gegner“. Es wäre an der Zeit, Kritiker an Bord zu holen, um Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

(Update 08.04.: Mittlerweile wurde der Expertenrat erweitert und breiter aufgestellt.)

Digital vs. Analog

In der digitalen Welt gibt es nur Schwarz oder Weiß. Gut oder Böse. Die digitale Welte lebt davon zuzuspitzen zwischen Verschwörungstheorien und Naturwissenschaftsgläubigkeit.

In der analogen Welt gibt es alle Grautöne, alle Farben, gut, mittelgut, böse und schrecklich böse. In der analogen Welt erscheinen Nischen, die es im Digitalen nicht gibt. Die analoge Welt ist pure Geisteswissenschaft in all ihren Facetten und Ausprägungen. Komplex und voller Wunder. Und auch der Mensch in ihr ist in all seinen Nuancen und Widersprüchen wunderschön.

Manches scheint in der digitalen Welt einfach nicht möglich bzw. aktuell erlaubt zu sein. Zum Beispiel mit Freunden zu sprechen, die man zufällig auf dem Spaziergang trifft, selbstredend vollkommen ungeplant. Das wäre schließlich in Bayern bußgeldbedürftig.

In der analogen Welt geht das. Das geht! Wenn niemand es sieht. Ich habe es selbst beobachtet. Die Menschen halten sauber Abstand. Aber sie unterhalten sich. Aus fünf Metern Entfernung. Beinahe wie früher. Wahnsinn!

In der digitalen Welt wäre demonstrieren, selbst wenn der gebotene Sicherheitsabstand eingehalten wird, nicht erlaubt. Zumindest gilt demonstrieren nicht als offizieller Grund, die Wohnung zu verlassen. Außer ich kann der Polizei glaubhaft vermitteln, als Hauptberuf Demonstrant gelernt zu haben.

In der analogen Welt gibt es Polizisten mit moralischem Anstand, die sagen: Passt schon. Stört mich nicht. Machen Sie einfach. Finde ich sogar gut. Warum auch nicht? Wenn sich das mit dem Spaziergang vereinbaren lässt …

In der digitalen Welt herrscht ein Meinungskrieg.

In der analogen Welt scheint die Sonne. Ach, wie versöhnlich ist doch die Welt dort draußen jenseits von Black Mirror.

In diesem Sinne möchte man den Menschen zurufen: Haltet euch an die Regeln, und dann: „Go out, stay healthy!“

Aber schließt vorher eine Rechtschutzversicherung ab. Man weiß ja nie.

Ein Dilemma für die zukünftigen Lehrbücher

Die Regierung steht vor einem Dilemma, dass in seiner Paradoxie und Brutalität kaum zu überbieten ist. Stellen wir uns dazu die Zukunft mittels zweier Extrem-Szenarien vor:

  1. Das Virus ist tatsächlich so gefährlich, wie behauptet wird. Es wütet so schlimm wie in Italien, Spanien oder Frankreich. Dann hätte die Regierung alles richtig gemacht. Die restriktiven und teils infantilisierenden Ausgangsbeschränkungen hätten ihre Berechtigung gehabt. Die Bürger würden sagen: Gut habt ihr gehandelt. Streng und gut. Und recht hattet ihr, die Ungehorsamen und Unbelehrbaren hart zu bestrafen. Ihr habt unser aller Leben beschützt. Die Verschwörungstheoretiker hätten unrecht gehabt. Das Paradoxe daran lautet: So brutal es klingt, aber eigentlich wünschen wir uns insgeheim so ein Szenario. Wir wünschen uns volle Krankenhäuser. Wir wünschen uns ein volles BVB-Stadion. Wir wünschen uns Tote, um in unser aller Glauben bestätigt zu werden. In seiner ganzen Brutalität würde uns dies paradoxerweise erleichtern. Die ganzen Verzichte und Leiden waren nicht umsonst. Die Kindeswohlgefährdungen, der Suizid des hessischen Finanzministers, die bankrotten Unternehmen und Soloselbständigen, das Sterben der kleinen Einzelhändler. All das war nicht umsonst.
  2. Was jedoch passiert, wenn das Virus weniger wütet als gedacht? Medizinisch eine erleichternde Vorstellung, aber sozialwissenschaftlich betrachtet eine Horrorvision. Der Shutdown lässt sich mit einem konjunktivischen Narrativ erklären: Wenn wir nicht gehandelt hätten, wäre es noch viel schlimmer gekommen. Doch was ist mit den Bußgeldern? Und viel schlimmer noch: Was ist mit der Wahrheit, die sich dann nicht mehr beweisen lässt? Werden Verschwörungstheoretiker einen neuen Zulauf bekommen? Was passiert mit all jenen, die aktuell sagen: Wir sehen es anders? Wird es eine neue Welle an Protestwählern geben? Das „Was wäre passiert, wenn wir nicht …?“ lässt sich nicht beweisen. Für ein „Was wäre passiert, wenn wir nicht …?“ gibt es keinen Fakten-Check.

Wie also könnte ein Ausgang aus diesem Dilemma aussehen? Für mich als Befürworter von Schwarmintelligenz und einer agilen Vorgehensweise gibt es nur einen Weg: Kritiker so schnell wie möglich mit ins Boot holen, um die Versöhnung nicht auf die Zeit nach der Krise zu schieben, sondern bereits jetzt an für die gesamte Gesellschaft sinnvollen Lösungen zu arbeiten. Das würde jedoch bedeuten, in Expertenteams nicht nur Virologen, Mediziner und Epidemiologen einzuladen, sondern auch Juristen, Soziologen, Psychologen, Philosophen, Ethiker oder Kirchenvertreter. Wir stehen vor der größten Herausforderung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Können wir angesichts dieser Krise wirklich auf die Expertise vieler kluger Köpfe dieses Landes verzichten? Die Krise werden wir so oder so meistern. Auch mit einschneidenden Restriktionen. Doch wie wird die soziale Welt danach aussehen?

Es geht ein Riss durch die Gesellschaft

Corona politisiert uns alle. Die Krise zwingt uns, eine klare Position zu beziehen. Sind wir für die aktuellen Maßnahmen oder dagegen? Geht uns das alles nichts an? Wollen wir optimistisch in die Zukunft schauen wie Matthias Horx? Oder die ganze Sache am liebsten verdrängen nach dem Motto: Dann bleibe ich halt nochmal zwei Wochen zuhause. Weck mich auf, wenn es vorbei ist.

Der erwähnte Riss fußt auf einem einfachen Nenner: Wer vertraut der Regierung und wer nicht? Ich persönlich kann mich an keinen Vertrauensriss in dieser Dimension erinnern. Sicherlich gab es Fukushima oder den Deutschen Herbst (RAF). Hiervon waren jedoch nicht alle Menschen im Land betroffen, weshalb auch nicht alle Position beziehen mussten. Bei diesen geschichtlichen Ereignissen funktionierte noch unser altes politisches Links-Rechts-Schema. Die Demonstranten galten als linke Spinner, und die Systemkonformen Heinrich Mann‘sche Untertanen. Das politische Kabarett wusste noch, auf welcher Seite es zu stehen hatte. Die Welt schien in Ordnung. Nun findet es sich mit einem mal auf der Seite der Mächtigen.

Maßnahmenbefürworter und Maßnahmengegner sind nicht mehr die üblichen Verdächtigen. Wer derzeit in die eher antisozialen Medien wie Youtube, Twitter oder Facebook schaut, wie der Autor selbst mitdiskutiert oder mit Freunden, Familienangehörigen und Arbeitskollegen telefoniert, merkt schnell, dass sich vermeintlich fest geglaubte Kontinentalplatten verschoben haben. Ein Skeptiker der Maßnahmen, der zuvor rechte Verschwörungsseiten als schlichtweg obskur empfand, findet sich plötzlich auf eben jenen Seiten wieder und versteht die Welt nicht mehr. Menschen, die einem noch vor einem Monaten auf die Frage, ob sie freiwillig ihre Handydaten preisgeben und sich wochenlang einkasernieren lassen würden, ins Gesicht gelacht hätten, sind bereit, alles zu tun, um das Virus einzudämmen. Und Menschen, in denen ich zuvor auch nicht den klitzekleinsten Funken Revolutionsbewusstseins zugetraut hätte, echauffieren sich über die Vollstreckung der Zwangsmaßnahmen des Staates, weil sie sich kriminalisiert fühlen. Ein Treffen auf der Straße steht zumindest in Bayern unter Strafe, weshalb sich die Menschen wie in Kriegszeiten verstohlen etwas zuraunen und dann schnell weiterziehen. Als Vater spürte ich selbst gestern einen Stich in der Brust, weil wir als Familie einen Ausflug machten und plötzlich ein Polizeiauto hinter uns auftauchte. Nach einer Erkundigung bei der Polizei ist dies offiziell erlaubt. Oder doch nicht? Wer kann sich darüber in diesen Zeiten noch sicher sein, wenn bereits der Einkauf für die alten Eltern, die nicht aus der Wohnung können 200€ Strafe kostet?

Das gestrige Normal gibt es nicht mehr. Dass diese Verschiebung viele Menschen extrem verunsichert, sofern sie vor lauter Systemirrelevanz zum Nachdenken gezwungen werden, kommt zur Unkalkulierbarkeit des Virus noch hinzu.

Vormals anerkannte Wissenschaftler werden auf beiden Seiten dieses Risses diffamiert und bekommen bitterböse Hassmails. Beiden Seiten wird Manipulation vorgeworfen. Der gegenseitige Faktencheck geht hin und her.

Und wir Bürger, die nicht mitenscheiden dürfen und die in dieser Krise laut Meinung einiger Rechtsexperten laut Artikeln in der „Neuen Züricher Zeitung“, „Die Zeit“ oder dem „Spiegel“ schon beinahe autokratisch regiert werden, stehen mitten drin in diesem Kampf der globalen Meinungsdeutungen.

Wir müssen eine Seite wählen, zumindest haben viele das Empfinden dafür. Menschen, die bisher nie als besonders politisch aufgefallen sind, sind auf einmal politikbewegt. Doch warum wird nun so erbittert gestritten? Weil viel, sehr viel auf dem Spiel steht. Weil jeder Mensch eine persönliche Betroffenheit mit diesem Virus verbindet:

  • Die einen haben Angst um die körperliche Unversehrtheit ihrer Liebsten. Vermutlich kennt jeder von uns mindestens eine Person, die sich zu einer Risikogruppe zählen lasst.
  • Die anderen haben Angst um die Menschen, deren Existenzen gerade zerstört werden. Nicht alle Kulturschaffenden, Künstler, Gaststronomen und Soloselbständige werden es trotz Rettungsschirm schaffen zu überleben.
  • Viele haben Angst um die zerstörte Vielfalt in unseren Städte. So manche kleine Bäckerei und so manchen Buchladen wird es nach der Krise nicht mehr geben. Vielleicht beginnt dann eine Renaissance der Ein-Euro-Läden in deutschen Innenstädten. Die großen Ketten werden sicherlich überleben und langfristig stärker dastehen als zuvor, weil ihnen die Konkurrenz fehlt.
  • Die nächsten haben Angst vor einer Impfpflicht oder davor, dass wir in pandemischen Zeiten bald nicht mehr von unserer Regierung geführt werden, sondern von der WHO, die laut der Zeitung „Die Zeit“ mehr oder weniger offiziell von Bill Gates abhängig ist.
  • Andere haben Angst um unseren Rechtsstaat. Die Beschneidungen in diesem Bereich sind vielfältig und einschneidend. Immerhin geht es um die Meinungsvielfalt und darum, ohne Grund nicht mehr aus dem Haus zu dürfen. Vergammlungsrecht statt Versammlungsrecht könnte die Devise im Homeoffice lauten.

Dieser Riss führt zu Verwerfungen in der gesamten Gesellschaft. Er geht mitten durch Familien, Freundschaften und Arbeitsbeziehungen, die sich gegenseitig vorwerfen, „es immer noch nicht verstanden zu haben“ oder ein „Kollegenschwein“ zu sein, das sich in der Krise einfach krank meldet und die anderen im Stich lässt.

Wie wir in der Zukunft diesen Riss auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen wieder kitten und welche Kontinentalplatten sich anschließend neu zusammen fügen ist noch vollkommen offen.

In diesem Kampf um den richtigen Weg zum Umgang mit dem Virus scheint ein großer Moderator zu fehlen. Vielleicht wäre das eine gute Rolle für die Medien. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie sich mit Mediator denselben Wortstamm teilen.