Alle Beiträge von Michael Hübler

Das Leben in einer unperfekten Welt

Als ich noch jünger war, dachte ich Probleme waren dafür da, gelöst zu werden:

  • Du willst einen Job? Mach eine Ausbildung oder studiere.
  • Du kommst in deinem Beruf nicht klar? Mach eine Fortbildung oder bewirb dich woanders.
  • Die Wohnung wird für die 4-köpfige Familie zu klein? Sucht euch nach etwas Neuem um. Usw.

Doch dann, bei mir war das mit etwa 35, gab es eine Wende in meinem Leben. Nichts Dramatisches. Stattdessen viele kleine Anzeichen, dass dieses Problemlöse-Mindset nicht mehr funktioniert:

  • Die Zerrung vom Sport spürte ich noch Monate später.
  • Der erste verlorene Zahn wollte einfach nicht mehr nachwachsen.
  • Die Kinder taten sich nicht so leicht in der Schule, wie man sich das als Vater wünscht.

Bei anderen Menschen könnten weitere Punkte hinzu kommen:

  • Die Partnerschaft geht in die Brüche, aber wegen der Kinder muss ich mich irgendwie mit meinem Partner arrangieren.
  • Der Job passt doch nicht so perfekt zu mir, wie ich mir das gedacht hatte. Eine Kündigung ist dennoch nicht so einfach, weil das Haus noch abbezahlt werden muss.

Probleme aushalten als Lebenskompetenz gegen den Zeitgeist

Sich klar zu machen, dass das Leben nicht nur aus dem Lösen von Problemen besteht, wie uns das die Welt, insbesondere das Marketing, vormachen will, sondern auch auf dem Aushalten von Problemen basiert, war zumindest bei mir ein Prozess. Es fiel mir schwer, den eigenen schrittweisen, wenn auch langsamen Zerfall anzunehmen. Es fiel mir schwer, zu akzeptieren, dass ich Jahre brauchte mit meiner Selbständigkeit durchzustarten. Dass meine Kinder nicht so perfekt in der Schule waren (und teilweise noch sind), fiel mir nicht schwer. Ich war selber damals nicht der Beste.

Dennoch: Das Aushalten von Problemen in einer unperfekten Welt widerspricht dem, was uns allerorten beigebracht wird: „Mach was aus deinem Leben! Probleme sind dafür da, gelöst zu werden!“ Dabei wird unterschlagen, dass sich manche Probleme nicht ohne Weiteres lösen lassen:

  • Ich kann mir ein Implantat machen lassen. Aber der Zahn kommt nicht zurück. Ich werde also mit einer zweitbesten Lösung leben müssen.
  • Es gibt Kinder, die einen Text einmal lesen und sofort verstehen. Und es gibt Kinder, die den Text dreimal lesen und immer noch nicht verstanden haben. Manchmal hilft da auch keine viertes oder fünftes mal lesen. Manchmal hilft nur, die 4 im Zeugnis auszuhalten und nach anderen Begabungen zu suchen.
  • Und an einen Jobwechsel kann ich erst in ein paar Jahren denken, wenn das Haus abbezahlt ist. Bis dahin gilt es, das Beste daraus zu machen, durchzuhalten und sich ein paar ausgleichende Hobbys zu suchen.

Beruflich ergibt sich ein ähnliches Bild. Chefs, Kolleg:innen oder Kund:innen müssen manchmal einfach ausgehalten werden. Und die großen und kleinen Probleme in der Welt können wir auch nicht so einfach lösen. Dabei ergibt sich häufig ein Paradoxon: Je komplexer Probleme werden, desto eher müssen wir auf Algorithmen zurückgreifen, die wir nicht mehr verstehen und damit indirekt einen Kontrollverlust erleiden. Wir kommen dann zu Lösungen, die wir zwar nicht verstehen, aber bspw. Kund:innen erklären müssen. Auch daher kommt ein Teil des aktuellen Stresses und der Gereiztheit. Außer wir vertrauen blind auf Algorithmen. Dafür jedoch bräuchte es eine intensive Beschäftigung mit Algorithmen-Ethik. Hier soll es jedoch erst einmal und das Zwischenmenschliche gehen.

Vom Aushalten von Problemen zur Toleranz in Gesprächen

Manche Probleme müssen oder können nicht sofort gelöst werden, sondern brauchen Zeit. Haben wir es verlernt, Probleme auszuhalten? Wurden wir zu ungeduldig?

Und wie sieht es mit unserer Toleranz gegenüber anderen aus, also dem Aushalten anderer Meinungen? Probleme lösen zu wollen, bei denen andere Menschen beteiligt sind, führt logischerweise zu Kontrollversuchen.

Dabei ist das Aushalten anderer Meinungen eine Grundbedingung für eine echte Resonanz mit meinem Gegenüber. Für eine Resonanz in einer Situation muss mich die Situation laut dem Soziologen Hartmut Rosa berühren, positiv oder negativ. Ich muss das Gefühl haben, einen Einfluss auf den Verlauf der Situation nehmen zu können. Die Situation sollte mich verändern können. Und sie sollte teilverfügbar sein. D.h. ich kann einen Einfluss nehmen, ich kann sie jedoch nicht kontrollieren. Ohne diese Rest-Unverfügbarkeit würde kein echter Kontakt zu meinem Gegenüber entstehen.

Deshalb ist es sinnvoll, zu den vier Aspekten von Rosa noch den Aspekt des Aushaltens hinzuzufügen, um gute Gespräche zu führen und sich persönlich weiter zu entwickeln:

  1. Von einer Situation betroffen sein.
  2. Ein Problem oder einen Konflikt aushalten können.
  3. Einen Einfluss auf den Verlauf des Gesprächs nehmen können.
  4. Die Möglichkeit sehen, durch das Gespräch transformiert zu werden.
  5. Das Problem und den Konflikt nur teilweise kontrollieren können. Andernfalls wäre eine Transformation nicht möglich.

Hybrides Coaching als Zukunftsmodell

Corona hat unsere Einstellung zur digitalen Lehr- und Lernsituationen verändert. Während zu Beginn der Pandemie viel Skepsis auch bezüglich digitalen Coachings vorhanden war, gibt es nun, beinahe zwei Jahre später Erfahrungen, die nahelegen, wie analoge und digitale Coachingsettings sich ideal ergänzen können. Die Vorteile analoger Coachings sind bekannt, insbesondere wenn es um den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses geht. Schauen wir uns daher gleich die Vorteile digitaler Settings an.

Vorteile digitaler Coachings

Der Faktor Zeit:

  • Digitale Coachings können flexibiler und spontaner stattfinden. Das erleichtert ein „Coaching on the Job“.
  • Auch kürzere Intervalle sind möglich und damit leichter im Arbeitsalltag unterzubringen. Beides schafft eine größere Nachhaltigkeit.

Der Faktor Raum:

  • Coachingtermine werden manchmal abgesagt, weil eine Dienstreise dazwischen kommt.
  • In Corona-Zeiten kamen Sicherheitsbestimmungen vor Ort dazu.
  • Oder ein Mitarbeiter befindet sich im Homeoffice und kann sich dort aufgrund seiner Familiensituation nicht für mehrere Stunden loseisen. Eine digitale Stunde wäre jedoch möglich.
  • Zudem können Coaches ihre Coachees im Unternehmen mittels Shadowing digital begleiten, was für manche Mitarbeiter:innen angenehmer als in Präsenz ist. Damit entsteht eine größere Lebensweltorientierung.
  • Bei Gruppencoachings ist es außerdem leichter, alle an einen „Bildschirm“ zu bekommen.

Der Faktor Geld:

  • Digitale Coachings preisgünstiger und zeitsparender und damit auch für mehrere Personen im Unternehmen verfügbar.

Der Faktor Technik

  • Viele Coachingstools funktionieren in Präsenz besser. Andere können dafür umso leichter genutzt werden. Es ist erstaunlich, wie schnell beispielsweise eine Gruppenmindmap digital entsteht. Auch digitale Aufzeichnungen zur Aufarbeitung können genutzt werden.

Hybrides Coaching in der Praxis

Ein Coaching besteht grob aus fünf Phasen:

  1. Die Auftrags- und Themenklärung kann digital oder in Präsenz stattfinden. Bislang passiert dies normalerweise per Telefon, um zu klären, ob ein Auftrag übernommen werden kann. Per Videotelefonie kann bereits hier tiefer eingestiegen werden. Ich persönlich arbeite bei mehreren Themen gerne mit Moderationskarten. In einer digitalen Version kann auch ein digitales Whiteboard oder eine Mindmap eingesetzt werden.
  2. Der Bindungsaufbau entsteht besser in Präsenz durch die gemeinsame Arbeit an den Themen.
  3. Weiterentwicklung des Coachees durch Bearbeitung der Themen mit passenden Methoden: In Präsenzsettings kommen bekannte Methoden zum Einsatz, bspw. systemische Aufstellungen mit Holzfiguren oder an der Flipchart. Manche Präsenztools lassen sich auch in digitalen Settings gut einsetzen. Ich habe gute Erfahrungen mit Entspannungsübungen oder mentalen Simulationen zur Entscheidungsfindung aus der hypnosystemischen Arbeit gemacht, die digital sogar teils besser angenommen werden als vor Ort, vermutlich weil die Coachees sich in ihrer eigenen Umgebung besser entspannen können als in einer fremden Praxis. Auch die Arbeit mit Fragen, Skalen, bspw. „Wie gestresst sind Sie auf einer Skala von 1-10?“ oder mit Bildkarten ist digital gut möglich. Die Grundregel lautet: Selbstreflexive Themen lassen sich gut per Distanz coachen. Kommunikative Themen, bspw. der eigene Auftritt, Rhetorik, Körpersprache oder Konflikte lassen sich besser in Präsenz coachen.
  4. Transfer in den Alltag: Hier schlägt die große Stunde des Digitalen. Während in Präsenz der Coach lediglich die Möglichkeit hat Aufträge zu erteilen, bspw. auf die eigene Wahrnehmung oder Körpersprache in einer kritischen Situation im Alltag zu achten, bietet sich nun die Chance, einer flexiblen, digitalen Begleitung. Der Coachee könnte sich also vor einer Situation einen Rat einholen oder die Situation sozusagen brühwarm aufarbeiten, insbesondere wenn ein Präsenztermin nicht so schnell zustande kommen kann. Theoretisch wäre es auch möglich, den Coachee mittels Shadowing digital zu begleiten. Dies muss jedoch mit betroffenen Kolleg:innen gut abgesprochen sein.
  5. Reflexion und Nacharbeit: Reflexionen können auch digital gut bearbeitet werden, bspw. mit Hilfe von Fragebögen. Als Coach finde ich es seltsam, neben jemandem zu sitzen, der einen Reflexionsbogen ausfüllt. Dies digital auszulagern ist in jedem Fall hilfreich. Sollte es sich um ein abschließendes Reflexionsgespräch handeln, ist es sinnvoll, die in Präsenz stattfinden zu lassen.

Sonderfall Gruppencoachings

Aufgrund der hohen Anforderungen an Körpersprache und systemische Dynamiken ist in Gruppencoachings oder Teambildungen Präsenz immer noch zu bevorzugen. Dennoch können auch hier digitale Settings unterstützend sein, bspw. weil es aktuell nicht anders möglich ist, alle Teilnehmer:innen zusammen zu bringen. Hierzu gibt es bereits gute Erfahrungswerte, den Teilnehmer:innen ähnlich wie in Aufstellungen Rollen zuzuteilen und die restlichen Teilnehmer:innen auf stumm zu schalten und ihre Bilder auszuschalten. An einem Beispiel:

In einem Unternehmen gibt es zwei Teams, die räumlich weit getrennt voneinander arbeiten. Frau Mozart überlegt sich einen Antrag zu stellen, um das Team zu wechseln. Sie hängt an den Kolleg:innen, das andere Team bearbeitet jedoch für sie interessantere Aufgabengebiete. Da ihr aktuelles Team betroffen ist möchte Sie dieses Thema nicht alleine klären und wählt Herrn Wagner entsprechend der systemischen Aufstellung des Tetralemmas für das Eine aus, Frau Bruckner für das Andere, Herrn Schumann für einen Kompromiss, Frau Mahler für Ihre Bedürfnisse und Interessen und Herrn Weber für freie Assoziationen. Alle anderen stellen ihre Mikrofone auf stumm und schalten ihre Videokamera aus. Nun befragt sie die 5 Personen, bspw: Welche Möglichkeiten habe ich?

Herr Wagner sagt: Du kannst in Team A bleiben. Das hätte folgende Vorteile: Du magst die Kolleg:innen. Du weißt was du kannst. Usw.

Frau Bruckner meint: Im Team B gibt es den Reiz des Neuen. Evtl. ist es auch karriereförderlich.

Herr Schumann sagt: Du bleibst in Team A, aber versuchst, im Rahmen deiner Arbeit für dich spannendere Aufgaben zu übernehmen.

Frau Mahler fragt sich, was ihr selbst wichtiger wäre? Bindungen oder Spannung und Karriere? Worum geht es eigentlich im Leben? Was macht mich glücklich und zufrieden?

Herr Weber assoziiert zu dem, was er bislang gehört hat folgende Begriffe: Kontakthaltung, Austausch, Testphase, usw.

Nach einer ersten Statementrunde darf Frau Mozart den 4 Kolleg:innen weitere Fragen stellen.

Dieses Beispiel soll stellvertretend für viele systemische Strukturaufstellungen stehen, die sich gut digital anwenden lassen. Sie können bspw. die PMI-Methode oder in einem Projekt Status Quo, Ziele, Hindernisse und Ressourcen aufstellen.

Umgang mit Stress und Corona-Burnout

2021. Was für ein Jahr? Wer hätte das gedacht? Nachdem 2020 bereits mehr als herausfordernd war. Für mich persönlich ist es schon das 3. Ausnahme-Jahr in Folge. 2019 hatte ich massive Zahnprobleme. Nichts Ungewöhnliches mit Ende 40. Hätte dennoch nicht sein müssen. Wenigstens mussten damals bei meinem Zahnarzt Spezialisten aus der Schweiz eingeflogen werden. Auch darauf hätte ich verzichten können. Egal. Als 2019 vorbei war, dachte ich mir: 2019 klingt ohnehin nicht nach einem Top-Jahr. Aber 2020 wird alles besser. Neues Gebiss, neuer Biss.

Was dann kam wissen wir. 2021 wurde zumindest ein wenig besser. Oder auch nicht. Vielleicht haben wir uns lediglich daran gewöhnt, dass kurzzeitig wieder einiges möglich ist, gerade in freiberuflichen Branchen. Doch schon im Sommer war klar: So locker wie wir das gewohnt sind, ist das nicht wirklich.

Und jetzt? Wer auf Expertenmeinungen hofft, könnte auch von 2022 enttäuscht werden. Nichts genaues weiß man nicht. Wenigstens können wir darauf achten, wie es uns geht. Uns und unseren Familien, unseren Freunden und Kolleg:innen.

Der Stress erscheint jedenfalls enorm. 2021 war ich beinahe ausschließlich mit zwei Themen unterwegs: Achtsamkeit und Konfliktmanagement. Auf sich selbst zu achten (gerade im Homeoffice), um keinen Corona-Burnout zu bekommen und auf andere zu achten, um Freundschaften nicht zu verlieren, insbesondere wenn diese andere Meinungen vertreten oder sich in Distanz befinden.

Vor zwei Wochen ging ein 5-wöchiges Achtsamkeitstraining für Angestellte der Universität Dresden zu Ende. Online. In kleinen Dosen. Mit Reflexionen und MP3s zwischen den Treffen. Ein Trainingsmodell mit Zukunft. Ein Modell, das sich in der Form ohne Corona nicht so schnell etabliert hätte. Dafür kann ich dankbar sein.

Letzte Woche hatte ich das letzte Konfliktmanagementtraining für Führungskräfte für dieses Jahr. Auch hier spielen Corona-Themen natürlich eine Rolle. Mit unterschiedlichen Meinungen zu Corona und den Maßnahmen umzugehen erscheint mir derzeit eine der größten Herausforderungen für Führungskräfte. Um Konflikte soll es hier nicht weiter gehen. Dazu hab ich an anderer Stelle mehr geschrieben. Doch auch Konflikte führen zu Stress. Darum soll es hier gehen.

Die eigene Lebensbalance erhalten

Das Jahr endet. Aber der Stress geht weiter. Umso wichtiger ist es, sich seine eigene Lebensbalance zu erhalten, um etwas zu verhindern, das ich Corona-Burnout nenne: Du drehst dich im Kreis, weißt zwar nicht genau, ob es sinnvoll ist, was du tust, aber machst dennoch weiter. Muss ja.

Auf bookboon gibt es einige Hörbücher von mir zu Themen wie Achtsamkeit, Umgang mit Stress oder Zeitmanagement im Homeoffice. 2020 und 2021 entstanden für meinen dänischen Verlag beinahe 200 Experttalks zwischen 8 und 30 Minuten. Der Zugang zu bookboon (derzeit 6,99 € pro Monat) lohnt sich schon beinahe wegen meiner eigenen, kleinen Bibliothek. Eigenlob Ende.

Als Appetithappen (und als Belohnung bis hierhin durchgelesen zu haben) finden Sie hier zwei exklusive Experttalks:

  1. Reflexionen über eine gelingende Work Life Balance: Ideal zum Abschluss des alten oder Beginn des neuen Jahres. Wer es lieber schriftlich haben möchte: Reflexionsfragen zur Lebensbalance
  2. Rhythmen im Homeoffice: Im Homeoffice sind wir weniger abhängig von sozialen Rhythmen wie der Mittagspause oder dem Gang zum Kaffeeautomaten. Dies bietet die Chance, sich stärker an eigenen biologischen Rhythmen wie Müdigkeit oder Bewegungsdrang zu orientieren, was allerdings ein gutes eigenes Selbstmanagement voraussetzt.

Viel Spaß damit und einen guten Start ins neue Jahr.

Mediation und Konfliktmanagement in Zeiten von Corona

Wie können Teams bei unterschiedlichen Meinungen trotzdem zusammen arbeiten?

Seit der 3G-Regel in Unternehmen häufen sich die Hinweise auf ein hohes Konfliktpotential in der Arbeit. Sind jedoch Konfliktgespräche zum Thema Corona, wenn es um Abstandsregeln, Masken und insbesondere um Impf- oder Testverweigerungen geht, überhaupt möglich?

Grundsätze einer Mediation und eines Konfliktgesprächs

Bevor ich aus Mediationssicht eine Antwort auf diese Frage gebe, sollten wir einen Blick auf die Ziele eines Konfliktgesprächs richten. Ich fokussiere mich dabei auf drei Punkte:

  1. Offenheit: Ein Konfliktgespräch sollte – wie grundsätzlich jedes Gespräch – ergebnisoffen sein. Natürlich kommt am Ende jeden Gesprächs ein Ergebnis heraus, mit dem die beteiligten Parteien leben müssen. So kann es dazu führen, dass Mitarbeiter*innen nicht bereit sind
  2. Verstehen: In der Mediation gilt der Grundsatz einer Allparteilichkeit. Allparteilichkeit bedeutet, Personen aus ihrem Kontext heraus zu verstehen. Ich selbst würde vermutlich anders handeln. Ich kann jedoch zumindest zu versuchen, die Beweggründe einer Person aufgrund ihrer biografischen Erfahrungen zu verstehen.
  3. Einigung: Eine Einigung ist erst möglich, wenn ein gegenseitiges Verstehen stattfindet. Die Lösungen nach einer Phase des gegenseitigen Verstehens sind oftmals überraschend. Meist geht es auch wesentlich schneller als erwartet.

Konfliktlösungen mit Mitarbeiter*innen zu Corona-Themen

Wenn wir uns diese Grundbedingungen ansehen, wird deutlich, dass es schwierig bis unmöglich erscheint, Konfliktlösungen zu Corona-Themen gemeinsam zu erarbeiten im Sinne einer Win-Win-Situation. Stattdessen dominieren sowohl medial als auch politisch erwünschte oder unerwünschte Bilder von der einen und von der anderen Seite der Konfliktparteien. Bekanntermaßen geht dies nicht nur in eine moralische Richtung, sondern auch eine juristische. Es geht hier strukturell betrachtet also nicht nur um Meinungsverschiedenheiten, über die moralisch unterschiedlich geurteilt werden könnte, sondern v.a. um rechtliche Vorgaben. Tragfähige Lösungen im Sinne eines Aufeinanderzubewegens zweier oder mehrerer Parteien sind daher nicht möglich. Und damit rücken auch Heilungen und Einigungen in weite Ferne.

Konfliktverschiebungen

Wenn Konfliktlösungen nicht möglich, aber die Meinungsverschiedenheiten dennoch vorhanden sind, was passiert dann mit dem Frust der Kontrahent*innen?

Zum einen finden Konfliktverschiebungen statt. Schauen wir uns solche Verschiebungen an einem typischen Beispiel aus meiner Mediationspraxis an: Ein Mitarbeiter kann oder will sich nicht impfen lassen. Er weiß, dass er sich dann vor Ort täglich testen lassen muss. Seine Arbeit erlaubt es, aus dem Homeoffice zu arbeiten. Da er jedoch der einzige im Team ist, empfinden dies die anderen Kolleg*innen als ungerecht, weil er viele Aufgaben aufgrund der Ferne nicht mitbekommt. Warum also verweigert er die Testungen?

Auch wenn die genauen Umstände im Einzelfall vielleicht bekannt sind, erlebe ich es in meiner Praxis auch bei anderen Themen sehr häufig, dass Führungskräfte eher zu wenig als zu viel von den Hinter- und Beweggründen ihrer Mitarbeiter*innen wissen. Daher plädiere ich grundsätzlich erst einmal für die Offenheit und Neugier des Wissenwollens. Ich muss nicht gut finden, warum mein*e Mitarbeiter*innen dies oder jenes tun. Interesse dafür sollte ich jedoch mitbringen.

Was könnte sich nun hinter unserem Beispiel verbergen:

  • Wohlwollend formuliert könnte es sein, dass er sich unwohl fühlt in einem Team, in dem er der einzige Ungeimpfte ist und sich erklären muss.
  • Eventuell kann er sich aufgrund einer schwerwiegenden Krankheit nicht impfen lassen. Gleichzeitig ist es ihm unangenehm darüber zu sprechen.
  • Es könnte auch sein, dass er die aktuelle Situation als ungerecht empfindet und die einzige Macht nutzt, die ihm bleibt: Der stoische Ungehorsam bzw. die Verweigerung des Testens. Eine Nichthandlung als Machtdemonstration.

Mir geht es hier nicht um logisch nachvollziehbare Hintergründe, sondern darum, was in den Menschen emotional vorgeht, welche Bedürfnisse sie haben und welche Wege sie bewusst oder unbewusst einschlagen, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Interessanterweise stieg die Krankenquote zu Beginn der 3G-Regelung für Unternehmen bei den Berliner Verkehrsbetrieben stark an, sodass sogar S-Bahnen ausfielen. Auch Krankheit – simuliert oder entwickelt – ist eine typische Verschiebung von ungeklärten Konflikten auf die Körperebene.

Weitere typische Aggressionsverschiebungen sind:

  • Innere Kündigung
  • Passive Aggressionen: Die Menschen sind dann oberflächlich überfreundlich und beschwichtigend. Unter der Oberfläche werden jedoch Aktionen sabotiert, Termine verschleppt oder Gerüchte in Umlauf gebracht.
  • Auf einer aktiven Ebene wird genörgelt, gegrantelt oder es kommt sogar zum Mobbing.

Filterblasenbildung

Egal in welcher Situation: Jeder Mensch hat Bedürfnisse nach körperlicher oder finanzieller Sicherheit, sozialer Anerkennung und Wertschätzung. Jeder Mensch sucht nach einem Platz in der Welt und möchte ernst genommen werden. Nur die Wege, wie wir Menschen dies erreichen wollen, sind unterschiedlich. Gibt es keine Möglichkeit, seine Bedürfnisse zu befriedigen, werden Notfallpläne aktiviert. Die bedrohten Menschen gehen in Gegenwehr, wie wir dies von Nörglern oder Blockierern kennen, stellen sich tot und hoffen, dass es nicht so schlimm wird oder flüchten. Das Homeoffice in unserem Beispiel ist in diesem Sinne eine Art Flucht als mehr oder weniger aggressive Notwehr – zumindest aus Sicht der agierenden Person.

Gleichzeitig sind die Bedürfnisse immer noch unbefriedigt, was häufig zu einer starken Fokussierung auf Gleichgesinnte führt. Die Person wird sich – außer sie ist ein radikaler Einzelgänger – ähnlich denkende Menschen suchen und sich mit diesen im realen oder virtuellen Leben austauschen. Dadurch wird sie jedoch immer mehr in ihrem Denken bestätigt. Die Angst vor einer Impfung wird also größer. Die Wut auf die Andersdenkenden und die Bestätigung im Recht zu sein ebenso.

Währenddessen passiert im Unternehmen genau dasselbe. Die vor Ort verbleibenden Mitarbeiter*innen befinden sich ebenso in einer Filterblase und bestätigen sich gegenseitig in ihren Sichtweisen gegen dem fehlenden Mitarbeiter.

Wir haben es also mit einem klassischen Konflikt mit Gruppenbildung auf einer mindestens mittleren Eskalationsstufe zu tun, der sich jedoch wie dargestellt nicht so leicht läsen lässt.

Lösungsansätze

  1. Verstehen statt Lösungen: Für Führungskräfte oder Mediatoren kann es keine Lösung im Sinne einer Win-Win-Situation geben, wie dies normalerweise angestrebt wird. Es kann höchstens ein Verstehen der jeweiligen Positionen geben, sofern dies erwünscht ist. Für das Verstehen muss deutlich signalisiert werden, dass es eine gleichzeitige rechtliche Handlungsbindung gibt.
  2. Emotionen statt Meinungen: Eine Möglichkeit der Annäherung sind Emotionen. Die Meinungen sind mittlerweile sehr verhärtet. Interessanterweise sind die Emotionen aller Parteien jedoch ähnlich. Auf der einen Seite ist da die Wut auf die Gegenpartei. Auf der anderen Seite aber auch eine verbindende Angst. Die eine Partei hat Angst vor Ansteckungen. Die andere Partei hat Angst vor einem neuartigen Impfstoff. Auch wenn die Meinungen unterschiedlich sind, über die gegenseitige Akzeptanz der Emotionen könnte eine Annäherung stattfinden.
  3. Lösungen auf Zeit: Wie im genannten Beispiel kann eine Lösung auf Zeit vereinbart werden, bspw. bis ein Totimpfstoff vorhanden ist, es zu neuen Regeln oder Gesetzen, zu einer allgemeinen Impfpflicht kommt oder die Regeln wieder gelockert werden. Bis dahin ist es wichtig, jenseits von Ressentiments und Vorurteilen möglichst reibungsfrei zusammen zu arbeiten. Die Ansage an alle Parteien müsste lauten: Wir haben kein Verständnis füreinander und respektieren uns dennoch. Dies ist nur auf der Basis gemeinsamer Ziele möglich. So sollte es allen wichtig sein, einen guten Job zu machen und respektvoll miteinander umzugehen. Das gemeinsame Ziel sollte eine sachliche Kooperation sein, anstatt sich in Nebenkriegsschauplätzen wie Blockaden oder Mobbing zu verirren.
  4. Bindungsarbeit jenseits einer Lösung: Eine Führungskraft könnte beispielsweise den direkten Kontakt zu diesem Mitarbeiter per Telefon suchen und sich regelmäßig erkunden, wie es ihm geht. Es kann in diesen Gesprächen wie gesagt nicht um eine Lösung des Problems oder Konflikts handeln, sondern lediglich um die Aufrechterhaltung der Bindung über die Zeit hinweg. Deshalb ist es sinnvoll, dieses Thema ruhen zu lassen und sich stattdessen produktiveren Themen zu widmen. In der Hoffnung, dass eines Tages wieder eine echte Annäherung stattfinden kann.
  5. Die Führungskraft als Shuttle-Mediator: Da beide Parteien in ihren Filterblasen stetig bestätigt werden, könnte eine Führungskraft es als ihre Aufgabe verstehen, zwischen diesen Parteien zu vermitteln. Auch hier kann es aufgrund der aktuell rechtlichen Situation nicht darum gehen, eine Vermittlung anzustreben, sondern lediglich das Verstehen füreinander zu fördern. Die Führungskraft muss folglich zwischen der rechtlichen Ebene und der Verstehens-Ebene unterscheiden. Dies funktioniert ähnlich bei einer Frau, die jahrelang von ihrem Mann missbraucht wurde und diesen schließlich im Schlaf erschlug. Versetze ich mich in das Leben der Frau, kann ich dies nachvollziehen. Rein rechtlich ist sie dennoch des Mordes schuldig, da sie auch anders hätte handeln können, beispielsweise flüchten.
  6. Fragen statt Statements: Daran knüpft nahtlos die Arbeit mit Fragen an. Dominiert in der gegenseitigen eher eine vorwurfsvolle oder eine fragende Haltung. Als Führungskraft könnten Sie konkret die Fragen ihrer Mitarbeiter*innen sammeln und diese der jeweils anderen Seite zum nachdenken vermitteln. Dabei sind alle Fragen bis auf die Warum-Frage erlaubt, bspw: Was macht der Kollege den ganzen Tag? Ist er manchmal früher fertig? Wie oft macht er Pausen? All diese Fragen bzw. deren Beantwortung könnten dazu führen, wieder Vertrauen zueinander zu fassen.
  7. Denken in Alternativen: All das steht und fällt mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Einsatzes. Will ich wirklich verstehen, was meinen Mitarbeiter bewegt? Will ich das Risiko eingehen, eventuell selbst unter Beschuss zu geraten, wenn ich dessen Beweggründe verstehen will? Will ich Bindungsarbeit leisten? Will ich zwischen den Parteien vermitteln? Wenn nein, wie lautet die Alternative? Ist Kündigung eine reale Option? Oder gibt es die Möglichkeit, dass nur ich als Führungskraft und nicht das Team mit dem Mitarbeiter zu tun habe? Eventuell bekommt er auch nur solche Aufgaben, für die es keinen Austausch mit dem restlichen Team braucht.

Mediation in Zeiten von Corona

Die Meinungen zu Covid-19 und den politischen Maßnahmen gehen immer noch weit auseinander. Während 2020 viele Mitarbeiter:innen im Homeoffice waren und sich mehr oder weniger mit anderen Menschen über die Distanz stritten, treffen sie nun in der Arbeit aufeinander. Damit wird aus einem kalten oder schwelenden bisweilen ein offener Konflikt.

Manche Therapeut:innen sagen: „Sobald ein Klient etwas in Richtung Verschwörungstheorie äußert, breche ich die Therapie ab.“ Auch unter Mediator:innen gibt es diese Haltung. In der Tradition eines Marshall Rosenberg, der mit allen Menschen sprach, beschäftige ich mich mit allen Meinungen, sofern sie nicht extremistischer Natur sind. Eine kategorische Cancel Culture in Mediationen halte ich persönlich für hinderlich, um langfristige Versöhnungen anzustreben. Denn oft sind unterschiedliche Meinungen lediglich die Spitze eines Konflikts, der zuvor unbewusst und verdeckt vorhanden war und nun eskaliert.

Dazu beschäftige ich mich seit Anfang 2020 intensiv mit Konflikten rund um das Thema sowie deren Hintergründen (siehe auch mein eBook zum Thema). Für mich zählt als erstes der Mensch und nicht seine Meinungen. Eine Mediation sollte ergründen, warum ein Mensch so denkt, fühlt und handelt wie er es tut, um eine gegenseitige Annäherung zu erreichen.

Dass die Gräben auch bei langjährigen Beziehungen und Kolleg:innen nach der langen Zeit in Distanz teilweise groß sind und die Meinungen weit auseinander gehen, macht die Sache nicht einfacher. Konflikte auszusitzen ist jedoch aus meiner Sicht die schlechteste Option. Die Alternativen lauten dann „dauerhafter Sand im Getriebe“, eine schlechte Stimmung, Verlagerung des Konflikts in andere Bereiche (beispielsweise Mobbing), bis hin zu einer Trennung bzw. Kündigung. Darauf zu hoffen, dass sich die tiefen Gräben von alleine wieder auffüllen, ist utopisch. Dafür sind die gegenseitigen Verletzungen zu groß.

Sollten Sie einen Konflikt im Betrieb oder privat haben, sprechen Sie mich an. Ich kläre gerne mit Ihnen, welche Möglichkeiten Sie haben und wie ich Sie als Mediator dabei unterstützen kann.