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Moralische Dimensionen in Konflikten

Der Moralpsychologe Jonathan Haidt schreibt auf seiner Webseite: „Wir sind nicht gut darin, offen über moralische Fragen nachzudenken, so dass rationalistische Modelle letztlich schlechte Beschreibungen der tatsächlichen moralischen Psychologie sind.“

Haidt nutzt die Metapher des Elefantenreiters, um zu erklären, warum es so schwer ist, über Moral zu diskutieren. Die Metapher beschreibt, wie unser Unbewusstes unser bewusstes Denken lenkt. Unser Geist ist in Teile untergliedert, die manchmal in Konflikt geraten. Der Reiter auf dem Rücken eines Elefanten hat als bewusster Teil nur eine begrenzte Kontrolle darüber, was sein Elefant tut. In vielen Fällen ist der Reiter seinem Elefanten geradezu ausgeliefert, bietet jedoch im Nachhinein Post-hoc-Erklärungen für das, was der Elefant getan hat, sucht nach Gründen, um diese zu rechtfertigen und agiert damit wie ein Anwalt oder Pressesprecher.1

Zumindest für unser Denken gilt also der Spruch von Pipi Langstrumpf: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Der Elefant erinnert an Platons Wagenlenker oder Sigmund Freuds Über-Ich. Auch dieses wurde uns im Laufe unserer Sozialisation vermittelt und wanderte schließlich in unser Unbewusstes. In früheren Zeiten galt das Unbewusste jedoch eher als etwas Böses, dass entweder unterdrückt oder aufgearbeitet werden sollte. Durch die Erkenntnisse aus der Gehirnforschung wissen wir jedoch, wie klug unser Unbewusstes uns durch das Leben leitet. Während man sich als Führungstrainer vor 15 Jahren noch den Mund auswaschen musste, wenn man das Wort Intuition in den Mund nahm, gilt es mittlerweile als Führungskunst, auf sein Bauchgefühl zu hören.

Haidt erklärt mit Hilfe der Moralpsychologie, wie politische Spaltungen zwischen Demokraten und Republikanern in den USA funktionieren. Jede dieser Welten bietet eine vollständige und emotional überzeugende Weltanschauung, die durch beobachtbare Beweise gerechtfertigt und nahezu uneinnehmbar ist, um durch Argumente von Außenstehenden angegriffen zu werden. Haidt sagt dazu: Moral sorgt einerseits dafür, dass wir uns einer Gemeinschaft verbunden fühlen. Gleichzeitig macht sie uns blind. Haidt nutzt dazu eine weitere Metapher. Er meint, wie wären zu 90 Prozent Schimpansen und zu 10 Prozent Bienen: Wir sind von Natur aus egoistisch, besitzen jedoch die Fähigkeit, unsere eigenen Interessen im Wettbewerb mit anderen zu fördern oder mittels Kooperationen mehr zu erreichen als alleine.2

Moralisches Urteilen ist also kein rein logischer Prozess, in dem wir Bedenken hinsichtlich möglichen Schäden, Rechten oder Gerechtigkeit abwägen, sondern ein schneller, automatischer Prozess, der eher den Urteilen ähnelt, die Tiere treffen, wenn sie sich wendig durch die Natur bewegen. Das moralische Urteil ist die Domäne des Elefanten. Wenn Sie versuchen, jemandes Meinung zu ändern, sollten Sie mit dem Elefanten sprechen und nicht mit dem Reiter.3

Seine Überlegungen gelten zwar zuerst einmal für die Politik, insbesondere die Dualität in den USA. Sie lassen sich jedoch wunderbar auf andere duale Konflikte wie beispielsweise in der Corona-Krise übertragen. Haidt beschreibt diese Weltanschauungen als moralische Matrizen, die uns helfen, zu verstehen, warum manche Menschen alles aggressiv abwehren, was ihr Weltbild infrage stellt.

Er geht von sechs universellen moralischen Modulen aus, die in unterschiedlichem Maße über Kultur und Zeit hinweg aufgebaut werden:4

  1. Fürsorge vs. Schaden: Diese moralische Basisgrundlage hängen mit unserer langen Entwicklung als Säugetiere mit Bindungssystemen und der Fähigkeit zu Empathie zusammen. Zugrunde liegende Tugenden lauten Güte, Geduld, Sanftmut und Fürsorge.
  2. Fairness vs. Betrug: Diese moralische Weltsicht bezieht sich auf den Evolutionsprozess des wechselseitigen Altruismus. Zugrunde liegende Tugenden lauten Gleichheit, Gerechtigkeit und die autonome Gestaltung eines guten Lebens.
  3. Loyalität vs. Verrat: Diese Grundlage hängt mit unserer Ur-Geschichte als Stammeswesen zusammen, die in der Lage sind, wechselnde Koalitionen zu bilden. Zugrunde liegende Tugenden lauten Patriotismus und einseitiger Altruismus. Wer sich in diesem System befindet geht nach dem Musketierslogan aus: Einer für alle und alle für einen!
  4. Autorität vs. Subversion: Diese moralische Grundlage wurde durch unsere lange Primatengeschichte hierarchischer sozialer Interaktionen geprägt. Die zugrunde liegenden Tugenden lauten Führung und Gefolgschaft, Respekt gegenüber Autoritäten, Orientierung an Experten und Traditionen.
  5. Heiligkeit vs. Erniedrigung: Diese Grundlage wurde von der Psychologie der Entwicklung von Ekels und der „Sauber-Werdung“ geprägt. Wichtig sind dabei die kulturellen und religiösen Ideen einer erhöhten, weniger fleischlichen, zivilisierten Art zu leben. Der Mensch sollte sich nicht von seinen Instinkten leiten lassen. Der Körper ist ein Tempel, der nicht durch unmoralische Gedanken und Aktivitäten entweiht werden sollte. Die zugrunde liegenden Tugenden sind ein guter Zugang zum eigenen Körper, der Gesundheit und den eigenen Bedürfnissen bzw. den Bedürfnissen anderer Menschen.
  6. Freiheit vs. Unterdrückung: In dieser moralischen Basisdimension geht es um die Gefühle der Reaktanz gegenüber der Beschränkung persönlicher Freiheitsrechte. Der Impuls zur Gegenwehr kann darauf fußen, sich selbst zu verteidigen oder andere in Schutz zu nehmen, die gemobbt werden bzw. sich gegen Unterdrücker zu widersetzen. Zugrunde liegende Tugenden sind ein gutes Gespür für Unterdrückung und die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, wenn es schwierig wird.

Ordnen wir die sechs moralischen Dimensionen in eine politische Links-Rechts-Matrix ein, ergeben vier große Gruppen:

Kollektiv LinksKollektiv Rechts
Fürsorge: Den Schwachen muss geholfen werden. Schädigung: Wer Hilfsbedürftige durch sein Verhalten bedroht, muss bestraft werden. Fairness: Alle sollten das gleiche Recht auf gesellschaftliche Anteilnahme und Ressourcen haben. Betrug: Trittbrettfahrer müssen bestraft werden.Loyalität: Verhalte dich loyal zu jemandem, der dich schützt. Bilde Koalitionen, damit die Ordnung gewahrt bleibt. Verrat: Wir gegen die anderen. Autorität: Vertraue Experten und Autoritäten. Subversion / Umsturz: Mächtige sollten in Koalitionen eingebunden werden, um deren Macht zu bändigen.
Individuell LinksIndividuell Rechts
Freiheit / Unabhängigkeit: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Niemand wird zu seinem Glück gezwungen. Unterdrückung: Angst vor einem Kontrollstaat oder der Entmündigung des eigenen Lebens mittels Algorithmen.Heiligkeit: Ich kümmere mich um meinen Körper und meine Gesundheit selbst. Entweihung: Ich habe ein Recht auf die Unverletzlichkeit meines Körpers, meiner Wohnung oder meiner Religion.

Auch wenn niemand in einem der vier Kästen dauerhaft zu verorten ist und es stetige situative Wechsel gibt, lassen sich damit die Grundlagen von Konflikten gut erklären, insbesondere wenn besonders aggressiv gekämpft wird.

Haidt vergleicht die sechs moralischen Dimensionen mit einer Küche. Die Gewürze und Zutaten müssen vorhanden sein. Gleichzeitig bringt jede Küche genauso wie jeder Koch eine Geschichte mit. Welche Erfahrungen sind bereits vorhanden? Ist die Küche eingefahren Deutsch? Oder wird stetig etwas Neues ausprobiert? Die Küche bringt genau wie ein Land, eine Partei, ein Unternehmen, ein Team, eine Familie oder ein Paar bereits eine Kultur mit. Doch auch, wenn alle Rezepte, Gewürze und Zutaten der Welt vorhanden sind, müssen diese auch genutzt werden.5

Es geht also darum, sich sowohl den eigenen Elefanten als auch in Konflikten das Verhältnis zwischen Schimpanse und Biene bewusst zu machen und stetig auf der Suche nach den 10% Verbindungen zu sein, die mir wiederum helfen, mein 90% Schimpansen-Leben zu ermöglichen.

1Vgl. https://fee.org/articles/escape-the-moral-matrix-with-the-red-pill-of-intellectual-diversity

2Vgl. https://blogs.scientificamerican.com/guest-blog/jonathan-haidt-the-moral-matrix-breaking-out-of-our-righteous-minds

3Vgl. https://fee.org/articles/escape-the-moral-matrix-with-the-red-pill-of-intellectual-diversity

4Vgl. https://moralfoundations.org

5Vgl. https://blogs.scientificamerican.com/guest-blog/jonathan-haidt-the-moral-matrix-breaking-out-of-our-righteous-minds

Die Wahren, Guten und Schönen Fakten

Auf Platon geht unser Wahres, Gutes und Schönes zurück. Das Wahre ist die Wissenschaft. Hier geht es um die Wahrheit, um objektiv überprüfbare Fakten. Das Schöne betrifft unser individuelles Empfinden insbesondere für Kunst und Kultur. Das Gute jedoch, für Platon das wichtigste Element unter den Dreien, betrifft die Idee eines identitätsstiftenden, einigenden Wir-Gefühls über Religion, Ethik, Moral und Wertvorstellungen.

Platons Ideenlehre geht davon aus, dass sich aus einer allumfassenden, göttlichen Idee, dem Guten, das mannigfaltig Erfahrbare entwickelt, die anfassbare Wissenschaft und bewundernswerte Kunst. Moralvorstellungen oder Gesetze sind in dem Sinne nicht erfahrbar und damit auch kaum bewertbar. Es bleiben Ideen, auf die wir uns gemeinsam einigen. Sie sind nicht schön oder wahr, sondern einfach gut. Was also ist das Gute im Menschen?

Zu Platons Zeiten gab es noch keine Gehirnforschung. Heute wissen wir (das Wahre), dass wir zum Helfen geboren sind. Es gibt genügend Studien von Neurowissenschaftlern wie Bauer, Tomasello, Hüther oder Singer, die belegen, dass wir uns in Krisenzeiten verteidigen, jedoch in normalen Zeiten unsere Gene auf Kooperation ausgerichtet sind. In unserer medialen Welt scheint es jedoch auszureichen, Krisen auf der populistischen Klaviatur herauf zu beschwören, die Katastrophen, die Flutwellen, das Chaos, ohne, dass es dieser Krisen in der wahren Welt bedürfe, die in diesem Moment alles andere als wahr ist.

Was passiert jedoch, wenn wir uns als Menschen immer mehr auf der empirischen Oberfläche des (scheinbar) Wahren und Schönen tummeln? Wir wischen, scrollen, zappen und shoppen uns durchs Leben. Wir konsumieren Kunst als wäre es Fast Food. Unbequem-politische Kabarettisten haben es schwer zwischen Jokes-per-Minute-Zählern und öffentlich-rechtlicher Zensur. Wo bleibt da noch Raum für die Idee des alle Menschen (was bei den Griechen zugegebenermaßen ein paar weniger waren) verbindenden Guten? Und was passiert, wenn immer weniger Menschen in die Kirche gehen, und weder Eltern noch Lehrer nur selten in die moralisch-wertige Erziehungsbresche springen?

Das Wahre zeigte uns, wie das Gute aussieht. Doch ohne die Idee des Guten bleibt es leider bei alternativen Fakten. Nur, weil ich die Wahrheit kenne, muss ich noch lange nicht danach handeln (das müsste jetzt ein Zitat sein, leider habe ich den Namen des zu Zitierenden gerade nicht parat). Das Problem der Fake News lässt sich – mit Platon gedacht – nicht über das Wahre lösen, sondern nur über das Gute, über Moral, Ethik und Werte.

Und die Rolle des Schönen? Gute(!) Kulturveranstaltungen – auch die ehrwürdige Betriebsfeier – zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht sektieren, sondern Menschen mit altem, jungem, männlichem, weiblichem, reichem, armem, größerem und kleinerem Bildungs-Hintergrund zusammenbringen. Das Schöne könnte Brücken bauen. Könnte.