Archiv der Kategorie: Wissensmanagement und Kooperation

Kooperationen im Tierreich

Gerade bei der Weitergabe von Wissen zeigt sich, wie viel Vertrauen im Unternehmen herrscht bzw. wie gut Kooperationen funktionieren. Daher möchte ich in Folge einige Artikel zum Thema Kooperationen veröffentlichen.

Beginnen wir mit einem kurzen Blick ins Tierreich

Ameisen opfern sich für die Kolonie, Vogeleltern füttern ihre Brut, Herden schützen die Jungtiere, Fledermäuse teilen eine Blutmahlzeit mit nichtverwandten Artgenossen, einzelne Vögel warnen den restlichen Schwarm und ziehen damit den Fressfeind auf sich, usw. usf. Sind diese noch bei Trost? Wäre es nicht sinnvoller im Sinne eines Survival of the Fittest, seine eigene Haut zu retten? Offenbar nicht! Sonst gäbe es diese Beispiele in der Tierwelt wohl kaum!

Andere Frage: Sind diese Beispiele auch auf uns Menschen übertragbar?

Ein kurzer Blick auf die Aborigines scheint dies zu bestätigen: die Älteren und Schwachen bekommen die besten Fleischstücke. Wer später mal alt und schwach ist, erwartet folglich ähnliches von seinen Kindern. Wir sehen: Auch hier ‚opfern‘ sich manche für andere auf.

Diese Formen des Altruismus lassen sich meist auf den „Egoismus der Gene“ (Richard Dawkins) zurückführen – die Unterstützung kommt Verwandten mit ähnlichem Genom zu Gute. Fledermäuse merken sich bspw. die Tiere, die sie gefüttert haben. Ein Ausnutzen auf lange Sicht wird damit ausgeschlossen: Wie du mir, so ich dir (Stichwort: Goldene Regel).

Bei Vögeln steigert zudem die plakative Großzügigkeit die Fortpflanzungschancen. Und Tiere mit ein bisschen Gehirn können in ihrer Gruppe durch altruistisches Verhalten einen guten Ruf erwerben, der sich in Pluspunkten auf der Attraktivitätsskala beim Wettbewerb um das andere Geschlecht auszahlt.

Hier greift die sogenannte Handicaptheorie: Wenn Männchen (das sind die hübschen im Tierreich) es schaffen, Fressfeinde auf sich zu ziehen, damit die Sippe zu schützen und dennoch zu überleben, muss gute Gene haben und wird damit (von den weniger hübschen im Tierreich) extrem begehrt.

Übertragen auf Menschen bedeutet dies: Wer viel Geld spendet (v.a. die Männerwelt), kann es sich offensichtlich leisten und ist damit eine gute Partie.

Übertragen auf das Wissensmanagement bedeutet dies: Wer andere mit viel Informationen unterstützt, kann sich dies offensichtlich leisten. Er scheint es nicht nötig zu haben, Informationen zurückzuhalten, zumal Informationen ja auch erst durch den Träger zu Wissen werden.

Der gute Ruf

 Warum kooperieren Menschen?

  • Wir kooperieren dann, wenn jemand zusieht. Der gute Ruf wird daran sicher keinen Schaden nehmen (Matthäus-Prinzip: Wer gibt, dem wird gegeben).
  • Wir helfen anderen, um später selber mit Hilfe zu rechnen.
  • Wir beschenken andere, um sie zu ‚kaufen‘ (Reziprozitätsregel).
  • Wir wissen insgeheim, dass wir andere Menschen mind. ein zweites mal wiedertreffen und haben Angst vor Repressalien (Stichwort: Ultimatumspiel).
  • Auch Gerüchte (ohne Fakten zu nennen) wirken: bei negativen Gerüchten sinkt die Bereitschaft, mit einem solchen Menschen zu kooperieren um 20%, bei positiven Gerüchten steigt sie dafür um 20%.
  • In einer Studie an einem Getränkeautomaten ergaben sich umso höhere Spenden je stärker Augenpaare auf Bilder (anstatt einfacher Blumenverzierungen) den Spender fixierten.
  • Bystander-Effekt: Wenn sich zu viele Personen um etwas kümmern sollen, macht es niemand, da dann niemand offiziell verantwortlich ist.

Fazit: Anonymität verhindert Kooperationen bzw. führt zu Egoismus. Transparenz hingegen und eine gute Reputation fördern Kooperationen.

Auf das Gebiet des Wissensmanagements übertragen bedeutet dies: Wenn in Sozialen Foren eine gewisse Transparenz über den Austausch von Wissen und dessen Konsequenz herrscht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch tatsächlich Wissen ausgetauscht wird. Dagegen spricht allerdings die Tatsache, dass im geheimen oftmals mehr ausgetauscht wird, wenn die Menschen Angst haben, mit ihrer Meinung daneben zu liegen oder vom Management für Äußerungen von ‚Fehlern‘ Repressalien erwarten. Für Unternehmen mit einer offenen Fehlerkultur sollte dies allerdings kein Hinderungsgrund gegenüber der Transparenz sein.

Kooperationen erhöhen Gewinne

Kooperationen zahlen sich in der Regel aus. Als erstes ergeben sie ein geringeres Stresslevel, vereinfacht verdeutlicht an Personen die schwarz fahren oder ein Ticket lösen.

In komplexeren Situationen, z.B. in Kooperationen in Unternehmen, führt ein gegenseitiges Vertrauen zu einer geringeren Anzahl notwendiger Kontrollen. Denn wenn ich jemandem vertraue, muss ich diesem nicht ständig hinterher telefonieren, ihn X Formulare ausfüllen lassen, seine Ergebnisse selber nochmal überprüfen, u.s.w. Dies spart letztlich Zeit und damit auch Geld (siehe auch meine Artikel über Vertrauen).

Wenn ich allerdings auf Egoismus aus bin, muss ich ständig darauf achten, nicht beobachtet zu werden bzw. zu der ein oder anderen kleinen oder großen Lüge greifen (mein guter Ruf). Wenn ich zudem – wir gehen ja immer von uns selber aus – davon ausgehe, dass andere ebenso egoistisch sind, bin ich den lieben langen Tag damit beschäftigt, andere zu kontrollieren und darauf zu achten, nicht selber betrogen zu werden. Folglich bleibt hier wenig Zeit für Kreativität und Leistung übrig.

In eine ganz andere Richtung tendiert die Erkenntnis, dass Kooperationen zu kreativeren Leistungen führen, allerdings nur unter der Bedingung, dass es keine Kaskadenbildungen gibt. Dies wäre der Fall, wenn der Chef einen Vorschlag macht und sich anschließend alle anderen daranhängen. Ein kooperative Gruppe ist nur dann kreativ, wenn alle Teilnehmenden die Möglichkeit bekommen, ihre Ideen frei zu äußern (z.B. im Rahmen von Brainwriting-Verfahren) und diese erst gen Ende bewertet werden.

 

 

Sind Kooperationen angeboren oder erlernt? Teil 1

Die Fähigkeit zu Kooperationen scheint uns in die Wiege gelegt zu sein. Ist es denkbar, dass kleine Kinder auf die Welt kommen und sich vom Fleck weg gegen die eigenen Eltern durchsetzen wollen? Wohl kaum! Der Grundstein für Kooperationen scheint also gelegt zu sein. Altruistische Eltern verstärken nur noch dieses Verhalten der gegenseitigen Hilfe. Nebenbei: Warum auch sonst sollten Eltern so etwas Unsinniges tun wie wegen dieses kleinen Wurms ihre komplette Freizeit, ihren Schlaf und ihr wohl verdientes Geld zu opfern?

Anstatt des egoistischen Samens, der sich gegen alle anderen durchgesetzt hat, könnte man genauso von den altruistischen anderen Samen sprechen, die den Erfolg des einzelnen erst möglich machten, getreu dem Motto: Wir machen den Weg frei! Vor diesem Hintergrund wird das egoistische Gen schon eher zu einem kooperativen Gen!

Doch mit der Zeit scheinen Kinder es zu verlernen, anderen zu helfen. Eine Studie mit Kindergartenkindern zeigt dies sehr deutlich: Etwa 3-jährigen Kindern wurde ein Film gezeigt, indem ein blaues, grünes und rotes Männchen zu sehen war. Das grüne Männchen wollte ein Berg hochsteigen und fiel immer wieder herunter. Da kam ein blaues Männchen hinzu und half dem grünen Männchen. In einer weiteren Sequenz kam ein rotes Männchen und schupste das grüne Männchen wieder herunter. Anschließend durften die Kinder sich aussuchen, mit welchem Männchen (rot oder blau) sie gerne spielen wollen (= Identifikation oder Sympathie). Die meisten nahmen sich ein blaues Männchen. Dieser Test wurde mit älteren Kindern am Ende der Kindergartenzeit noch einmal wiederholt. Fazit: Nun nahmen beinahe genauso viele Kinder das rote Männchen wie das blaue. Somit hatten einige gelernt, dass fies sein auch seinen Reiz hat.

D.h. Kinder lernen bereits im Kindergartenalter, dass Kooperationen auch schlecht sein können, was schließlich in vielerlei Wettbewerbssituationen in Schule und Beruf noch verstärkt wird. Interessanterweise haben allerdings komplexe Varianten des Ultimatumspiels ergeben, dass Geber umso mehr Vertrauen in den Nehmer haben, je älter sie sind. D.h.: Unser Alter macht uns wieder (im Durchschnitt) ein wenig gelassener und weniger skeptisch.Vermutlich wissen ältere Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen, dass Kooperationen sich langfristig eben doch mehr auszahlen als immer nur gegeneinander zu kämpfen.

Doch nicht nur die Erkenntnis des gemeinsamen Wettbewerbs für zu mehr Egoismus, sondern auch Isolationen: In einer kulturübergreifenden Studie (15 Naturvölker) kam Ernst Fehr zu einem ähnlichen Ergebnis: Je isolierter die Menschen lebten und wirtschafteten, desto weniger Sinn sahen sie darin, sich einem fremden Partner gegenüber fair oder großzügig zu verhalten.

Exkurs: Das Ultimatumspiel (es gibt eine Vielzahl verschiedener Versionen)

Der Spieler A (Geber) erhält einen Betrag von 10 Geldeinheiten und kann (!) davon Spieler B (Empfänger) etwas abgeben. Der Betrag, den der Geber überweist, wird durch den Versuchsleiter verdoppelt, so dass nun insgesamt, je nach Großzügigkeit des Gebers, deutlich mehr Geld im Umlauf ist. Nun ist der Empfänger dazu angehalten dem Geber aus dem größeren Topf wieder etwas zurückzugeben.

Die neurobiologische Sichtweise von Kooperationen

Wir Menschen werden durch ein Triumvirat aus Durchsetzung, Stimulanz und Sicherheit motiviert: Zum einen ist es uns wichtig, etwas zu erreichen, zum zweiten immer wieder neue Impulse im Leben zu bekommen, um uns mittel- und langfristig weiterzuentwickeln und zum dritten immer wieder die Sicherheit, Akzeptanz und Geborgenheit zu spüren, um nicht im wahrsten Sinne des Wortes sozial in der Luft zu hängen. Warum tun Menschen das was Sie tun? Antwort: Für Anerkennung, Wertschätzung, Akzeptanz und natürlich Liebe. Diverse Studien konnten nachweisen, dass Tiere, die isoliert aufwachsen langfristig jede Motivation, d.h. jeden Antrieb zu Jagen oder Fressen verlieren.

Dies verdeutlicht, wie eng die verschiedenen ‚Motivationsspritzen‘ in unserem Gehirn miteinander verbunden sind:

  1. Wenn wir das Gefühl haben, auf dem richtigen Weg zu sein, wird im Gehirn  Dopamin ausgeschüttet. Dies aktiviert uns. Wir fühlen uns kompetent und streben auf ein Ziel zu. Daher wirken Ziele auch so motivierend auf uns. Sie setzen uns solange in Bewegung, bis wir dieses Ziel erreicht haben.
  2. Doch welche Ziele motivieren uns am meisten? Wie bereits erwähnt gehen diese Ziele immer(!) in Richtung Anerkennung. Der Weg dorthin kann freilich sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen unterwerfen sich anderen, um akzeptiert zu werden. Andere setzen sich aggressiv durch, um Anerkennung zu bekommen. Wieder andere erkaufen sich mit verrückten Aktionen à la Handicaptheorie die gewünschte Aufmerksamkeit.
    VerschiedMotivation im Gehirnene Weg, aber das gleiche Ziel! Damit kommt mit Oxytocin unser Bindungshormon ins Spiel. Denn eine durch Dopamin verursachte Aktivierung auf ein Ziel hin macht alleine keinen Sinn. Die Unterstützung durch Oxytocin allerdings schon. Man könnte auch sagen: Die Aktivierung mit Dopamin wird durch die Ausrichtung auf Akzeptanz und Wertschätzung mit Wertigkeit ‚geladen‘. Eine Wertigkeit, die uns Stabilität und Kontinuität im Leben verspricht. Damit wird auch deutlich, wie sich Arbeitslosigkeit und familiäre Verluste für Menschen im Sinne eines Bindungsverlustes und ‚Nicht-mehr-gebraucht-werdens‘ auswirken und warum daher diese Menschen kaum noch einen Antrieb im Leben verspüren. Unser gesamtes System der Empathie ist letztlich darauf ausgerichtet, nicht für uns alleine zu bestehen, sondern erst im Verbund mit anderen zu dem zu werden, was wir sind. Oder wie es ein Sprichwort New Yorker Juden auf den Punkt bringt:“He/She ist a Mensch“.
  3. Die Ausschüttung von Oxytocin durch alles, was wir gemeinsam tun, sprich ein gemeinsames Projekt, Tanzen, Singen, Reden, Küssen, Sex, usw. führt dazu, langfristige Beziehungen zu zementieren und Vertrauen zueinander zu entwickeln. Ein simples Beispiel ist die Erinnerung an Namen: Wenn wir eine intensive (v.a. positive) Beziehung zu jemandem haben, wird Oxytocin ausgeschüttet, das uns hilft uns an den Namen besser zu erinnern. Dies liegt freilich auch daran, das wir mit dem Namen verschiedene gemeinsame positive Aktivitäten verbinden.Studien mit 4-jährigen Kindern ergaben, dass Heimkinder über wesentlich geringere Ausschüttungen von Oxytozin verfügen. Dies macht es ihnen letztlich schwerer, zur Ruhe zu kommen, Vertrauen aufzubauen und sich auf Bindungen einzulassen. Genau dieses zur Ruhe kommen spielt jedoch im Umgang mit Stress und damit im Gesundheitsbereich eine wichtige Rolle.
  4. Der dritte Botenstoff schließlich betrifft die körpereigenen Opioide  (z.B. Endorphine), die für die Schmerzregulierung einerseits sowie die Luststeigerung andererseits zuständig sind. Auch hier bestehen enge Verbindungen mit Dopamin und Oxytocin. Wie eine Studie mit Patienten zeigte, konnten deren Schmerzen alleine durch die Gabe eines Placebos und der Zuwendung der Ärzte durch Handhalten, Schulter klopfen/streicheln und einige warmherzige Worte um 50% reduziert werden. So kann der Körper durch die körpereigenen Schmerzmittel mit oder ohne Unterstützung von außen wieder herunterreguliert werden, um ein anstrengendes Ziel doch noch zu erreichen bzw. die Lust auf die Zielerreichung durch die Ausschüttung von Glücksbotenstoffen zu unterstützen.

Buchtipp: Joachim Bauer – Prinzip Menschlichkeit