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Umgang mit extremen Meinungen

Je größer die Ängste werden, desto größer werden die im Netz aufgefahrenen Geschütze. Da ist von Mord die Rede, wenn Impfkritiker sich nicht impfen lassen. Gleichfalls könnte die Gegenpartei von Mord sprechen, wenn wir die Einsamkeit alter Menschen in Pflegeheimen betrachten. Manche wünschen sich sogar eine Erhöhung der Fallzahlen aufgrund der Demonstrationen, damit die andere Seite endlich merkt, wie ernst es ist. Bildchen mit der Ziehung der Infektionszahlen durch das RKI machen die Runde.

Andere zu überzeugen funktioniert nicht. Auch nicht mit lustig gemeinten Bildern oder kurzen Animationen, die ein schamvolles Gesicht zeigen, um der Gegenseite zu verdeutlichen, wie dumm ihr Verhalten doch ist und dass sie sich bitte schämen sollte. Scham ist genauso unangenehm wie Angst und wird nicht selten zu Wut. Damit ist nichts gewonnen. Was humorvoll gemeint ist oder aus Hilflosigkeit eingesetzt wird, damit die Gegenseite es endlich kapiert, schraubt die Eskalationsspirale nur noch höher.

Marshall Rosenberg meinte einmal: Du kannst recht haben oder glücklich sein. Beides zusammen wird schwierig.

Mediale Lagerbildungen

Wenn die Ängste zunehmen, werden auch die Mittel drastischer, die jeweils andere Seite zu überzeugen. Die Medien tun ihr übriges, um die Lagerbildung voran zu bringen. Wir Deutschen kennen das kaum. Wir hatten noch kein Brexit-Trauma, allenfalls regionale Stuttgart21-Erfahrungen. Wir haben glücklicherweise kein Zweiparteien-System, das zu einer Spaltung der Bevölkerung führt wie in den USA oder in Großbritannien. Vielleicht ist es gerade jetzt ein Problem, dass eine große Koalition in der Regierung sitzt. Dennoch leben wir immer noch in einer Demokratie mit einem mittlerweile wieder lebendigeren Parlament. Manche wünschen sich eine andere Ausrichtung unseres Gesundheitswesens und begreifen die aktuelle Situation als Möglichkeit der Weichenstellung. Weg von einem mechanistischen Denken des Pillenschluckens und Impfens, hin zu einem ganzheitlicheren Gesundheitsdenken jenseits des Pharmalobbyismus. Wir leben in einem fortschrittsgläubigen System, in dem vielleicht der Mensch an sich aus dem Blick gerät. Wir leben jedoch nicht in einer Gesundheitsdiktatur, zumindest solange jeder Mensch selbst entscheiden kann, wie er gut für sich sorgt.

Die Medien berichten nicht so, wie es sich manche wünschen. Eine gewisse Einseitigkeit wurde bereits Anfang April vom Evangelischen Pressedienst angemahnt. Dennoch leben wir nicht in einer Meinungsdiktatur. Es gibt kritische Artikel aus dem Fokus, Spiegel, Deutschlandfunk oder Freitag, um die bekanntesten zu nennen. Und Dieter Nuhr schüttet regelmäßig zünftige Kritik über der Regierung und das RKI aus.

Wir sind vielfältig

Deutschland scheint derzeit aus zwei Lagern zu bestehen: Den Maßnahmengegnern und den -befürwortern. Bei genauerer Betrachtung stimmt dies jedoch nicht:

  • Es gibt sanfte Kritiker, die sich nicht äußern,
  • starke Kritiker, die auf die Straße gehen,
  • Menschen, die sich solidarisch zu den Risikogruppen positionieren und andere die sich solidarisch zu Maßnahmengefährdeten positionieren,
  • rechte Krawallbrüder und -schwestern,
  • radikale Impfgegner und Impfkritiker, die Angst vor einem zu kurz getesteten Impfstoff haben,
  • Menschen, die ihren Job verloren haben und andere, die ihn noch haben,
  • Systemrelevante und Systemirrelevante,
  • Dauerbelastete im Gesundheitswesen und andere, die ihren erzwungenen Kurzurlaub genießen,
  • alte Menschen, die Angst um ihre Gesundheit haben und junge Menschen, die Angst um unseren Planeten haben,
  • Selbständige, Künstler, Gaststättenbetreiber, etc., die nicht wissen, wie es weitergeht und andere, deren Zukunft gesichert ist.

Die „Lager“ sind wesentlich vielfältiger als sie oftmals dargestellt werden. Viele Medien machen hier nicht gerade einen mediativen Job.

Was also tun?

Was können wir tun, um wieder zu erkennen, dass wir mehr sind als nur einem Lager zuzugehören?

Denken wir an die Reproduktionszahl des RKI. Wenn jeder und jede von uns einen Zugang zu einer Person findet, ist bereits viel gewonnen. Hier geht es jedoch nicht darum, die Gegenseite zu überzeugen, sondern darum, ihr sein Verständnis zu schenken. Ich gehe davon aus, dass die wenigsten von uns Extremisten sind. Ein Austausch, ein offener Diskurs sollte also möglich sein.

Anstatt meine Meinung zu äußern kann ich eine Frage stellen. Ich kann mich nach den Sorgen meines Gegenübers erkundigen. Ich kann meine eigenen Sorgen äußern. All das sind Angebot, die aus meiner Erfahrung meistens angenommen werden.

Im Netz ist das nicht immer einfach. Die Ängste, die wir haben, werden durch die Bildung von Lagern paradoxerweise nicht reduziert, sondern verwandeln sich in einen Kampf darum, wer recht hat. Warum also nicht 2-3 mal die Woche zum Telefonhörer greifen und einen Freund oder eine Freundin anrufen, mit dem oder der wir derzeit fremdeln?

Wir haben alle Angst. Sprechen wir darüber.

Die magische Zahl

Es war einmal ein Land, indem viele kleine Männchen und Weibchen lebten und ihrem fröhlich-fleißigen Tagewerk nachgingen. Eines Tages wurde das Land bedroht durch eine böse Krankheit. Es galt ein Weh und Ach allerorten, denn der Landesmagier Christianus sagte, es würde ganz schlimm werden und viele von uns müssten sterben.

Königin Angelina I., im ganzen Land als fürsorgliche Mutti bekannt, ergriff das Wort und sprach zu ihrem Volke: „Habt keine Angst, mein Volk, denn wir haben ja den Christianus. Der erklärt uns ganz genau, was zu tun ist. Zudem hat Christianus einen Gehilfen namens Lothar, der ein gar fleißiger Mann ist, genau wie ihr. Und den Johannes haben wir auch. Der ist zwar noch grün hinter den Ohren und auch ein wenig ungestüm. Aber der wird schon machen, was ich will. Damit am Ende alles gut wird.“ Der Lothar hieß eigentlich Konrad, aber das hatte die Königin schon immer verwechselt. Und den Johannes nannten alle Jens, weil er noch zu jung für einen Johannes war.

Der Johannes jedenfalls bedankte sich darauf hin bei der großen Königin, preschte nach kurzem Zögern eilig voran, um ein paar Gesetze zu erlassen, die es einfacher machen würden, mit der bösen Krankheit umzugehen. Das Volk raunte, wo denn die weise Königin bliebe, denn der Johannes ist doch noch so jung, riefen sie. Daraufhin meldete sie sich nach einer Woche zu Wort mit hoheitlichen und beruhigenden Worten: „Vertraut mir, liebes Volk. Ich weiß, was zu tun ist, denn ich bin ja von Haus aus etwas ganz Ähnliches wie der Christianus. Und den Johannes könnt ihr auch wieder vergessen. Der will nur spielen.“

Alldieweil wurden tagtäglich Zahlen über Zahlen im ganzen Lande verlesen, damit das Volk stets wusste, wie schlimm es aktuell um es stand. Das Volk verstand das alles nicht wirklich, hatte aber zum einen große Angst vor der bösen Krankheit und zum anderen tiefes Vertrauen in seine Königin.

Als die böse Krankheit immer schlimmer wütete, berief die große Königin einen Stab weiser alter Männer ein, um zu beraten, wie es weitergehen solle und die Nachricht darüber im ganze Lande zu verkünden. Da begann ein wildes Hin und Her und Auf und Ab, denn die weisen alten Männer waren sich gar uneinig. Die einen sagten so und die anderen so. Alsbald begann auch der weise Christianus in Rätseln zu sprechen. Und der fleißige Konrad war auch keine Hilfe. Denn Konrad sprach nur in Zahlen und die Menschen dort draußen riefen: „Wir verstehen keine Zahlen! Sprich in Worten zu uns!“

Die Männchen und Weibchen dort draußen, die von der Königin liebevoll Kinderlein genannt wurden, begannen darauf verwirrt im Hirne zu werden. Sie schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und riefen: „Was sollen wir denn nun tun, kluge Königin? Wir werden noch ganz kirre.“

Und auch die Postillen im Lande waren keine Hilfe. Die einen schrieben so, die anderen so. Wer sollte sich in diesem Tohuwabohu zurecht finden?

Als die Königin schon beinahe ratlos war ob der großen Verwirrung im Land, kam der starke Marcel, der verschollen geglaubte König des Landes von einem jahrelangen Feldzug im Auslande zurück und staunte nicht schlecht: „Was ist denn hier los? Habt ihr noch alle beieinander?“ Er redete so, weil er die Sprache des Feldes gewohnt war.

Die Königin atmete spürbar auf, sodass im ganze Lande wieder Ruhe einkehren konnte. Denn der im Felde gestählte Marcel, der zuhause ein Plakat des Kriegsgottes Mars hängen hatte, gab nun den Ton an, auf dass Gesetze erlassen wurden, die mehr oder weniger klar regelten, womit die böse Krankheit in ihre Schranken gewiesen werden konnte. Der starke Marcel haderte ein wenig mit seinem Namen. Er hätte viel lieber Markus geheißen. Doch seine Eltern waren leider Liebhaber französischer Chansons.

Ungeachtet seines Namens waren seine Gesetze unbarmherzig, durfte sich doch nun niemand mehr küssen, womit sich die Menschen so gerne beschäftigten. Selbst eine Umarmung stand unter Strafe. Zudem war es verboten, seine vier Wände zu verlassen, außer zum Zwecke der Arbeit und des Einkaufens. Das Volk verstand das zwar nicht wirklich, doch wenn der starke Marcel es sagte, musste es wohl stimmen.

In manchen Ecken des Landes bildeten sich zwar kleine Zentren des Widerstands, denn den Marcel mochten einige noch nie leiden, weil er oft so polterig daher kam. Das war manchen Menschen nicht geheuer. Andere hingegen wollten einfach eine Pizza mit Freunden essen und verstanden nicht, warum das nun nicht mehr ginge. Zudem kam auch der Johannes in seinem jugendlichen Leichtsinn immer wieder mit seltsamen Vorschlägen zur Eindämmung der Krankheit um die Ecke. Ein Wunder, dass es dennoch einige Zeit gut ging.

Nach ein paar Wochen jedoch begannen die Berater der Königin mit den Hufen zu scharren. Manche hatten selbst schon einen Blick auf den Thron geworfen und waren nun neidisch auf den starken Marcel. Hatten sie doch gehofft, er wäre im Kriege gefallen. Sie begannen, ihre eigenen Pläne zu schmieden, worauf sie das Volk erneut in Verwirrung stürzten. Immer mehr Menschen liefen durch die Straßen und fuchtelten mit wilden Handbewegungen um Gesicht und Kopf herum. „Königin, Königin“, riefen sie, „sprich ein Machtwort!“. Und die Königin sprach: „Schluss mit diesen Diskussionsorgien! Wir sind hier doch nicht im Kindergarten!“.

Da meldeten sich der Hausmagier Christianus und sein Gehilfe Konrad zu Wort. Die wollte allerdings niemand mehr hören. „Ihr könnt mich mal gerne haben“, sprach der weise Christianus daraufhin, setzte sich beleidigt ins Ausland ab und gab fortan nur noch Interviews für fremdländische Gazetten. Der Konrad wollte eigentlich mit. Auch er hatte die ganze Sache mit diesem unzufriedenen Volk satt, war jedoch aufgrund eines Knebelvertrages verpflichtet, jeden Morgen seinen Bericht zur Lage der Nation abzuliefern. Er war noch nie ein sonderlich emotionaler Typ, nun war ihm jedoch jedes Lächeln abhanden gekommen.

Die Königin jedoch zitierte ihre Berater zu sich und sprach: „Freunde der Sonne, so nicht.“ Die Freunde der Sonne gaben klein bei, denn die Königin konnte, das wussten sie wohl, trotz ihres fortgeschrittenen Alters hinter verschlossenen Türen Gift und Galle über die Abtrünnigen ausspeien. Da bekamen sie es mit der Angst zu tun.

Zuhause angekommen wurden die Berater allerdings von dem bösen Virus des Mitgefühls ergriffen. Die Menschen vor Ort zerrten an den Mänteln der weisen Männer, als diese durch die Gassen Ihrer Heimat spazierten. Die einen wollten dies, die anderen das. Da bekamen die weisen Berater Mitleid mit den Menschen. Zudem hatten sie Angst. Was, wenn es doch nicht so schlimm käme, wie unser Christianus, der Landesmagier sagte? Was, wenn unsere Städte aussterben? Was passiert mit all den Kindern, die zuhause nicht anständig lernen wollen? Werden sie dies jemals wieder aufholen? Und was passiert mit den alten Menschen, die keinen Besuch mehr bekommen? Sie wurden doch so gerne von ihren Enkeln geherzt. Und sieh her, die Menschen gehen schon auf die Straße und stellen Stühle des Protestes auf die leeren Plätze. Nun schwirrte auch den weisen Beratern der Kopf. Sie sprachen: „Das klang schon gut, letzte Woche bei der Königin. Aber wir machen das jetzt doch anders.“

Als der starke Marcel dies hörte, erzürnte er gar grausig und rief: „Habt‘s ihr noch alle beieinander!“ Dies rief er schließlich schon einmal. Und damals half es. Doch dieses mal erstarb sein Ruf wie ein Schrei in der Wüste. Weil er jedoch so wütend war, verordnete er dem ganzen Königreich eine Maskenpflicht. Die Bürger riefen darauf Juchee und Jubilee, seltsamerweise, endlich was zum anfassen, und begannen fröhlich drauf los zu schneidern, sodass bald jeder sein individuelles Exemplar besaß.

Der nun ein wenig verwunderte Marcel zitierte den Schreiber seiner Hauspostille zu sich und sprach: „Schreib, du Schreiberling. Ich verlängere die Maßnahmen zur Eindämmung der bösen Seuche. Gleichzeitig lockere ich die Maßnahmen.“ Der Schreiberling erfragte den Sinn hinter dem Ganzen, worauf der nun wiedererstarkte Marcel antwortete: „Nicht denken. Schreiben.“ Den abtrünnigen Beratern jedoch schrieb er ins Stammbuch: „Macht doch, was ihr wollt! Wenn es hart auf hart kommt, fahr ich eben wieder in den Krieg im fernen Außenlande.“

Die Berater flohlockten daraufhin: „Super! So machen wir‘s. Dann werden wir zuhause wenigstens nicht gesteinigt. Und das mit den Masken schwitzt sich ohnehin aus.“ Als Geschenk einigten sie sich mit König und Königin auf eine Zahl, von der niemand so recht wusste, woher sie kam. Die Legende sagt, sie hätte auf dem letzten Brief vom ausgewanderten Christianus gestanden, sozusagen als Vermächtnis. Ob das stimmte, wusste jedoch niemand. Die Zahl lautete 50, wurde als Symbol mannshoch in Bronze gegossen und für jedermann und jederfrau einsichtig als Mahnmal vor dem Königspalast aufgestellt. Zur feierlichen Enthüllung der magischen Zahl traten Königin, König und die Berater in nie dagewesener Einheit vor das Volk und verkündeten: „Diese magische Zahl wird uns durch Licht und Schatten leiten, auf dass wir in der Zukunft immer wissen, was zu tun ist.“

Als das Volk dies hörte, war es wieder beruhigt. Mit Zahlen konnte es zwar immer noch nichts anfangen. Doch wenn sich alle wichtigen Menschen dieses Landes auf so eine Zahl einigen konnten, musste wohl was dran sein an der Magie der 50.

Ein paar meckerten wie immer. Blöde Zahl. Warum 50? Die üblichen Verdächtigen eben. Es ging sogar die Mär um, es hätte sich eine Partei der Abtrünnigen gegründet.

Die Postillen des Landes jedoch wollten es genauer wissen und eumelten, noch bevor die Königin „Schweigt Stille!“ rufen konnte: „Ja, nun? Was soll denn diese Zahl bedeuten? Vielleicht die Entwicklungszeit des ominösen Impfstoffes in Tagen, Monaten oder gar Jahren?“ Worauf die Königin, mittlerweile schon recht angesäuert zurückeumelte: „Ja. So ist es.“ Und weil die Schreiberlinge des Landes wussten, dass hier das Ende der Fahnenstange königlicher Geduld erreicht war, schwiegen sie Stille.

Das Hin und Her der Obersten ging noch einige Zeit weiter, solange bis niemand mehr wusste, warum diese Zahl ursprünglich in Bronze gegossen wurde und was sie zu bedeuten hatte. Der Königspalast war zu dieser Zeit schon lange nicht mehr bewohnt. Nach und nach verfiel er. Könige und Königinnen gab es ebenso nicht mehr. Das Land schien sich irgendwie selbst genug. Zudem gab es kaum noch etwas, was zu tun gewesen wäre. Das Land war verödet. So weit das Auge reichte, gab es nur noch Wüstensand mit ein paar wenigen Oasen. Das einzige Übrige war die Bronze-Zahl, die immer noch stolz im Zentrum des Landes als Mahnmal für die Ewigkeit prangte.

Die Menschen des Landes entwickelten sich evolutionär zurück. Sie schrumpften zusammen, bis sie schließlich zu Einzellern wurden, um das Land von Neuem zu bevölkern. Aber das ist eine andere Geschichte.

ENDE

Perfekte neue Welt

Als ich als kleiner Junge zum Arzt ging, schaute mir der in den Mund, in die Augen, er klopfte meinen Rücken ab und stellte seine Diagnose. Damit lag er meistens richtig. Zumindest ging ich beruhigt nach Hause. Heute verfügen v.a. Spezial-Ärzte über ein ausgeklügeltes Instrumentarium an Technik, mit dem sie Sachen finden, die vorher gar nicht da waren. Allen voran der Segen des MRTs. Dort werden selbst die kleinsten Punkte sichtbar und müssen daher interpretiert werden. Wer heute gesund zum Arzt geht, nimmt einen Koffer voller Sorgen mit nach Hause.

Manche Ärzte klagen deshalb, dass sie mittlerweile zu viel wissen und dabei den Blick für das Wesentliche verlernen. Den Blick für den Patienten.

Ähnliches erleben wir gerade bei dem großen C. Es gibt Dinge, die wir wissen, während wir andere Dinge nicht wissen. Wir messen alles, was nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist. Mit C-Viren leben wir schon seit vielen Jahren. Wirklich gemessen oder sogar als Live-Ticker zubereitet wurden sie bis jetzt nie. Dabei wissen wir immer noch nicht genug, auch wenn unser Perfektionismus uns befiehlt, immer mehr darüber herauszufinden.

Was sich nicht messen lässt, bleibt unter dem Radarschirm. Es gibt keinen medizinischen Test für Einsamkeit im Pflegeheim und keinen für Depressionen mit Suizidgefahr. Auch die Wahrscheinlichkeit eines Herzproblems in den nächsten Tagen lässt sich lediglich schätzen. Hier kommen Heuristiken und Wahrscheinlichkeiten zur Anwendung.

Fluch und Segen der Naturwissenschaften ist es, durch immer genauere Tests immer perfekter zu werden. Geisteswissenschaften fehlt eine solche Orientierung. Sie arbeiten grundsätzlich mit Unwegbarkeiten, weshalb sie in den letzten Jahren v.a. im Umgang mit einer volatilen, unsicheren, komplexen und ambigen (mehrdeutigen) Umwelt, der sogenannten VUKA-Welt, an Bedeutung gewannen. Während Naturwissenschaftler in ihrem Bereich perfekt sind, sind Geisteswissenschaftler im Umgang mit unklaren Situationen perfekt.

Bei all der Perfektion stellt sich die Frage, ob wir damit nicht den Blick für das Wesentliche aus den Augen verlieren. Was also ist das Wesentliche bei der Bekämpfung des bösen Cs? Geht es um das Virus? Oder nicht in Wirklichkeit um den Menschen? Vielleicht geht es darum, dass wir gut miteinander auskommen. Oder darum, dass ältere Menschen nicht aus Angst vor dem Virus weggesperrt werden.

Und was, so fragt man sich, wünscht sich der Mensch? Wünscht er sich Schutz vor dem Virus? Oder ein würdevolles Leben? Wünscht er sich desinfizierte Spielplätze? Oder ein Kinderlachen? Meine Mutter erzählte mir heute am Telefon: Sie lief gestern an einem Pflegeheim vorbei. Hinter den Fenstern standen die Insassen und draußen, auf der anderen Straßenseite, die Angehörigen, beide mit einem Telefon in der Hand. Sie musste wegschauen, sagte sie, weil es zu grausam ist.

Ab morgen dürfen wir meine Eltern wieder besuchen. Meine Mutter fragte: Aber eine Umarmung geht noch nicht, oder? Nein, das geht noch nicht.

Was wünschen Sie sich am sehnlichsten?

Impfbefürworter und Impfgegner entfaszinieren

Der Begriff der Entfaszination geht auf Peter Sloterdijk zurück. Eine Faszination bezeichnet bei ihm die negative Anziehung zweier Positionen, die nicht voneinander lassen können, vielleicht sogar ihr Selbstverständnis aus der Abgrenzung vom Anderen beziehen. In diesem Sinne faszinieren sich Nazis und Antifa gegenseitig, genauso wie Juden, Christen und Moslems und – Abkürzung, um nicht zu ausufernd zu werden – viele Gegensätze mehr.

Eine Entfaszination ist immer dann nötig, wenn der Bezug aufeinander so eng wird, wodurch das Blick auf sich selbst nicht mehr möglich ist, ohne den anderen zu sehen. Was wäre eine Antifa ohne das Fa? Was wäre das Christentum ohne die Abgrenzung zum Judentum, aus dem es entstanden ist oder zum Islam, der ebenfalls als monotheistische Konkurrenz im religiösen Raum steht. Erst durch die Entfaszination und damit den Abstand von seinem Antipoden ist es möglich, das eigene Selbst aus der Verbandelung mit dem Anderen zu entwirren, mit dem Ziel einen Konflikt langfristig zu befrieden.

Mir scheint der aktuelle Streit um das C, insbesondere in seiner kumulativen Form zwischen Impfbefürwortern, -gegnern und -kritikern nimmt ähnlich religiöse Züge an. Dabei stellt sich die große Frage, was an der jeweils anderen Partei uns so maßlos ärgert und was vielleicht in Wirklichkeit zur Kategorie der Jungschen Schattenanteile gehört? C.G. Jung meinte damit die Sehnsucht danach, was ich nicht habe, aber bei anderen beobachte.

Zuerst einmal ist es wichtig, an dieser Stelle drei Gruppen zu unterschieden:

  • Impfgegner lehnen solche Maßnahmen rigoros ab.
  • Impfbefürworter stehen einer Impfung als Möglichkeit gegen das C vorzugehen positiv gegenüber.
  • Dazwischen stehen die Impfkritiker. Sie lassen sich impfen, wenn es sinnvoll ist, lehnen es jedoch ab, wenn die Risiken zu hoch sind bzw. der Impfstoff noch nicht gut genug erforscht wurde, zumal man hier zwischen Kurzzeit- (Tage bis Wochen) und Langzeitfolgen (mehrere Jahre) unterschieden muss.

Schauen wir uns an, was an den drei verschiedenen Typen faszinierend ist (Obacht! Leichte satirische Übertreibungen sind dabei nicht ausgeschlossen):

Rigorose Impfgegner

Rigorose Impfgegner vermeiden es partout, ihrem Organismus etwas Künstliches beizumischen. Sie setzen auf die alleinige Immunkraft ihres Körpers. Der Schritt, wahlweise zur immunstärkenden Pendel-Esoterik zu pendieren oder zum astralgestählten Reichskörper zu mutieren ist damit nicht weit. Das Essen soll rein sein. Die Luft klar. Der Körper wird gepflägt bis er einem Protagonisten eines Leni Riefenstahl-Films gleicht.

Die Wurzeln einer solchen Denkweise gehen bis weit ins letzte Jahrhundert zurück. Damals in der 20er-Jahren auf dem Monte Verita in der Nähe des Lago Maggiore versammelten sich allerlei naturverbundene Verrückte, v.a. deutsche Aussteiger, Körperkultfanatiker (damals wurde noch nackt gegärtnert) ebenso wie Pazifisten und latente Antisemiten. Der Monte Verita wurde zu einem El Dorado deutscher Intellektueller und russischer Dissidenten. Hermann Hesse war dort ebenso zu Besuch wie Friedrich Nietzsche, Leo Troztki oder Walter Gropius. Der Traum von der vielleicht ersten Hippiekommune Europas hielt nicht lange an. Eines wurde jedoch damals schon deutlich. Wer seinen Körper rein halten will, muss damit rechnen, mit Rechten am Tisch zu sitzen. Diese Erfahrung machte auch die deutsche Wandervogel-Bewegung. Einst als Gegenmodell der bösen Industrie gedacht, als Ausweg aus dem stressigen Rattenrennen des damals schon „Höher, schneller, weiter“-Denkens, fand sich in ihren eigenen Reihen alsbald der aufkeimende Rassismus. Damit war es ein Klacks, dass zumindest ein Teil der humanistisch nicht allzu reinen Wandervögel später von der Hitlerjugend am Spieß gebraten und aufgefressen wurden.

Wenn es nun wieder heißt, wehret den Anfängen, wenn ein großer Teil der Impfgegner AfD wählt, liegt darin auch ein Stück Wahrheit. Genauso wie es wahr ist, dass es auch heute noch manche Ökos gibt, die einem rechten Gedankengut nicht unbedingt abgeneigt sind. Und genauso wahr ist es, dass nichts ahnende Naturverbundene auf der Suche nach einer Gemeinschaft auf dem Lande alsbald in einem Reichsbürgernest landen könnten. Sie wären nicht die ersten. Wenn es nicht kompliziert wäre, wäre es einfach.

Dennoch ist es faszinierend, dass es Menschen gibt, die sich auf die Fahne schrieben, nur noch Biogemüse und regionale Produkte zu konsumieren und ihren Körper nicht vergiften wollen, egal für wie verrückt sie andere Menschen dabei halten. Keine Handystrahlen, keine Mikrowelle. Vermutlich haben diese Menschen einen ökologisch korrekteren Fußabdruck als so mancher Grünen-Wähler, ohne dass sie dies jemals digital überprüft hätten. Auch daher kommt der grassierende Antiamerikanismus (oder die Angst vor Billy the old Kid Gates) in den Reihen nationaler Denker. Alles Schlechte kommt aus den USA. Mit Genmais, einer Coca-Cola, McDonalds und Burger King fällt es schwer, seinen Körper zu ehren. Dass jedoch die Karikatur eines Politikers wie Donald Trump für solche Menschen ein Idol des echten, wahrhaften Lebens darstellt, zeigt, wie weit sich die Menschen schon voneinander entfernt haben.

Wie alles im Leben ist es auch hier eine Frage des Maßes und der ideologischen Überhöhung. Menschen, die sich anders ernähren, nicht bekehren zu wollen und sich selbst nicht als die (regionale) Krone der Schöpfung zu betrachten macht den Unterschied.

Kategorische Impfbefürworter

Impfbefürworter haben ein großes Vertrauen in die Wissenschaft und Politik. Sie sind auf dem aktuellen Stand der Technik. Sie sind fortschrittsorientiert und glauben daran, dass neue Erfindungen ein Segen sind. Warum nach draußen gehen, wenn ich auch mit meiner Playstation den Dschungel erkunden kann? Und während Impfgegner sich ihren Kräutertee selbst im Wald suchen, werfen Impfbefürworter lieber eine Kopfschmerztablette ein. Geht leichter, wirkt schneller und hält länger an. Im Vergleich zum Schwarzmarkt zeigt sich die wahre Nützlichkeit der Wissenschaft: Während ich die Wirkung einer handelsüblichen Tablette gut abschätzen kann, fällt mir dies bei der Extasy-Tablette meines Lieblingsdealers nicht immer leicht.

Der Hintergrund dieser Denkrichtung ist so mächtig wie nachvollziehbar. Wir Menschen sind umgeben von den Segnungen von Wissenschaft und Technik. Würden wir noch im Mittelalter leben, würden wir kaum so alt werden. Sein Bier selbst zu brauen, mag eine Erfahrung sein. Die Plörre, die ich kaum kaufen würde, warm zu trinken ist dann doch des Guten zuviel. Seine Krebserkrankung wegzubeten ist ebenso kein Spiel für Anfänger. Und wer wie die Tochter des Autors an Skoliose leidet, ist froh um die Möglichkeit, mit Hilfe neuester Technik ein Korsett anfertigen zu lassen.

Faszinierend an den Impfbefürwortern ist zudem die Tatsache der bisher großen Einigkeit in der Krise. So wie sie bereits zuvor Einigkeit bewiesen bei der Nutzung von E-Autos, Pedelecs, Microsoft-Apps und Netflix, zeigen sie auch hier eine allumfassende einheitliche Stroßrichtung. Was der Kommunismus nicht schaffte, hat der Kapitalismus heimlich still und leise erreicht. Und das ganz ohne Blut zu vergießen: Völker aller Länder, nutzt unsere gemeinsame Kommunikations-App. Selbst Menschen, denen früher eine gewisse Gruppenscheue attestiert werden konnte, gehen nun in der digitalen Gemeinschaft auf. One Nation under one Betriebssystem.

Wer wollte da nicht religiöse Gefühle bekommen? Als Gott Adam und Eva im Paradies aussetzte, waren sie noch eins mit ihm, zumindest eins miteinander. Sie waren weder Frau noch Mann, nur Mensch. Dann kam die Erkenntnis und damit die Trennung voneinander und die Vertreibung aus dem Paradies der glückseelig Naiven. Nun wurden sie wir wieder vereint in einem messianischen Prozess.

Einheit und Gemeinschaftssinn bedeutet Solidarität. Und darin steckt das wahre Faszinosum. Solidarität mit den Kranken, Schwachen und Alten. Während Impfgegner sich um ihre eigene Gesundheit kümmern und der allumfassenden Einheit eine Abfuhr erteilen, sorgen sich die Impfgegner um die Bedürftigen. Dass sie dabei die Welt ein weiteres mal zerstören, weil gebrauchte Masken maskenweise in den Meeren landen und neue Techniken zu neuen Abfällen führen ist deren persönlicher Treppenwitz.

Abwägende Impfkritiker

Die Impfkritiker stehen wohl den Impfgegnern ein wenig näher. Nur sind sie nicht so extrem. Sie wägen ab. Sie impfen auch mal, wenn es sein muss. Der Autor bekam selbst vor vielen Jahren eine Impfung, die ihm so richtig seinen Urlaub in Tunesien versaute, worauf seine Ärztin später meinte: Ohne wäre es noch viel schlimmer gewesen. Na dann.

Was also macht man, wenn man irgendwie dazwischen steht in dem ganzen Schlamassel? Auch mal ein Schnitzel aus dem Supermarkt essen? Oder mit dem Elektro-SUV zum Bio-Gemüsehändler fahren? Vielleicht sind Impfkritiker ein bißchen was von allem. Ein bißchen Bio, ein bißchen Öko, ein bißchen Technik, ein bißchen Fortschritt, ein bißchen sozial, ein bißchen egoistisch, ein bißchen umweltzerstörerisch, ein bißchen faul, ein bißchen traurig, ein bißchen ängstlich.

Die Sehnsucht nach Frieden

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt uns, dass es auf der Welt noch nie eine erdumfassende Friedenszeit gab. Nach dem Kalten Krieg gab es wohl eine kurze Phase von 1-2 Jahren, in der wir einem umfassenden Frieden nahekamen. Dieser Traum wurde spätestens durch die Terrorakte von 9/11 jäh zerstört.

Im Zuge des Kampfes gegen das C wurde von einigen Nationen der Begriff des Krieges ins Spielfeld geworfen. Spannenderweise entwickelte sich dieser Krieg gegen ein unsichtbares Virus in rasender Geschwindigkeit zu einem Projekt, das weite Teile der Welt miteinander solidarisierte. Kubanische Ärzte halfen in Italien aus. Die Nato forderte eine Waffenruhe in Kriegen, zumal die gesamte Welt dank der Pandemie zum Krisengebiet erklärt wurde. Was braucht es da noch Schusswechsel? Und die Philanthropen aller Länder vereinigen sich zum gemeinsamen Kampf gegen das Böse. Die Bill und Melinda Gates Stiftung spendet wahnwitzige Summen zur Produktion eines Impfstoffes. Amazon übernimmt dankbarerweise die kulturelle Grundversorgung des Bürgers und der Bürgerin. Google unterstützt Faktenchecker auf der ganzen Welt mit 6,3 Millionen Euro. Youtube sortiert desinformierende Videos aus. Und Microsoft und Apple begraben ihr in die Jahre gekommenes Kriegsbeil, um gemeinsam an einer Tracking- oder Tracing-App zur Ortung von Erkrankten zu arbeiten. Geh‘ dahin, du alte Feindschaft.

Die WHO versucht es mit Koordinationsbotschaften aus der Ferne, was nicht in Gänze gelingt. Manche, wie die Schweden, scheren aus, werden zuerst verurteilt und später für ihren Sonderweg gelobt. Andere, wie die Bayern, werden ob ihrer übertriebenen Maßnahmen gerügt. Weder die Schließung der Grenzen noch die Masken in ihrer einfachen Baumwollform sind laut Pandemieplan der WHO empfohlen. Im Gegenteil: Wer eine Maske trägt, atmet sich in die Augen, diese jucken dann, worauf man sich mit den infizierten Händen in die Augen fassen muss. Aber sei’s drum. Vor Ort werden Gemeinschafts-Masken genäht, die sich nach und nach auf Bürgersteigen und Waldwegen wiederfinden. Überhaupt ist Solidarität das wichtigste im Kampf gegen den Feind. Mund zu, Augen zu und durch. Nur gemeinsam können wir es schaffen.

Wäre da nicht die verschrobene Seite der anderen? Die Rechten natürlich, die grundsätzlich gegen alles sind. Es ist erhellend, dass in manchen Ländern, beispielsweise Deutschland oder Österreich, rechtsgerichtete Parteien, gegen die Maßnahmen der Regierung sind, während eine Marine le Pen in Frankreich die Öffnung von Macron zu früh empfindet. Kann man das noch ernst nehmen?

Auch die Maßnahmen rechtsgerichteter Regierungen sind beileibe nicht einheitlich. Die einen geben den strengen Zuchtmeister, als hätten sie ein Land voller masochistischer Bürger. Den anderen kann es gar nicht schnell genug gehen mit Lockerungen.

Auf der Seite der Kritiker stehen jedoch auch Restaurantbesitzer, Kurzarbeiter, Existenzverlustige, Wissenschaftler, Ärzte, Familien, Rentner, Impfkritiker, usw. Bilder auf Demonstrationen zeigen einen Querschnitt der Gesellschaft, wie er natürlicher nicht sein könnte.

An dieser Stelle gilt die wichtige Trennung von Handlung und Motiv. Oder in einem Bild: Man sollte Ross und Reiter benennen. Der Reiter mag gegen die Maßnahmen schwadronieren. Es stellt sich jedoch die Frage, was ihn antreibt?

Es gibt Reiter, die diese bereits drohende oder vorhandene Spaltung der Gesellschaft noch voran treiben. Der Sinn eines „Draufhauens aus Prinzip“ ist offensichtlich das Chaos und die Revolution, um die Entfremdung vom Staat und den Vertrauensverlust in die Regierung zu nutzen und eine neue Ordnung herzustellen. Auch der Impuls, sich nichts von der EU, der WHO oder einer anderen internationalen Organisation sagen zu lassen, spielt sicherlich eine Rolle.

Es gibt jedoch auch Menschen, von denen wir es nicht gewohnt sind, dass sie auf die Straße gehen, zumindest nicht in Deutschland. Gegen Atomkraft vielleicht. Aber sonst? Wann haben zum letzten mal ganz normale Bürger demonstriert?

Aktuell wird viel von Egoismus und mangelnder Solidarität gesprochen. Ist es egoistisch, darüber zu trauern, dass alte Menschen in Pflegeheimen aus Einsamkeit sterben, weil sie nicht besucht werden dürfen? Darüber, dass 2,5 Millionen Menschen Herzprobleme, 7 Millionen Diabetes und 19 Millionen Probleme mit Bluthochdruck haben und aktuell nicht zum Arzt oder in die Klinik gehen? Oder darüber, dass auf den Hunger in der Welt oder unmenschliche Arbeitsbedingungen in Afrika, Südamerika oder Indien im Zuge des Cs nicht mehr geschaut wird?

So bunt wie die Gruppe an Kritikern ist, so vielfältig ist auch die Liste an Sorgen, Bedenken, Nöten und sicherlich auch ein paar egoistischen Wünschen. Beispielsweise dem egozentrischen Wunsch einer Mutter, die sich Sorgen darüber macht, dass ihre Kinder den Anschluss in der Schule verpassen und die Schwere der Bildungsungleichheit noch weiter auseinander geht. Genauso solidarisch und egoistisch sind auch die Wünsche der Gegenseite, basierend auf der Angst vor der ersten Welle.

Die Marginalisierung von Kritikern führte zu einer Extremisierung der Meinungen und einem Abdriften in Verschwörungstheorien. Wem nicht zugehört wird, der macht sich seinen eigenen Reim, mag er noch so verworren und krude sein. Hier wird oftmals behauptet, dass in unserem Land jeder das Recht hat, seine Meinung frei zu äußern. Dabei stellt sich jedoch die Frage, warum so viele Menschen, die bisher nicht als Quertreiber auffielen, dennoch der Meinung sind, dass deren Meinungsfreiheit beschränkt wird?

Wenn wir – je nach Umfragen, deren Ergebnisse schwanken und deren Validität oftmals fragwürdig ist – von einem Potential von mindestens 30% Kritikern ausgehen, sitzen wir aktuell auf einem gesellschaftlichen Pulverfass.

Während der Begriff des Krieges von Anfang an seltsam war, verwandelte er sich innerhalb weniger Wochen in eine Art friedlichen Bürger“krieg“, mit wenigen Ausnahmen. Hier sind Menschen, die den Weltfrieden nicht mitmachen wollen. Der „Krieg“ wurde damit zuerst in die heimischen Wohn-, Kinder- und Essenszimmer verlagert, und findet nun seinen Weg auf die Straße.

Es sind verschiedene Ansätze denkbar, mit diesem Pulverfass umzugehen. Was aktuell passiert, erinnert den Autor an die Dolchstoßlegende. Während die gesamte Welt in einer befremdlichen Einigkeit solidarisch gegen das Virus kämpft, stören die Querdenker das große Friedensprojekt. Dabei stellt sich die Frage, ob es sich eine Regierung leisten kann, eine Politik gegen 30% der Menschen im eigenen Land zu machen?

Was würde stattdessen passieren, wenn die Regierung Kritiker in die eigenen Reihen einladen würde, um damit die unzufriedenen Menschen aus der Schmuddelecke zu holen?

Was wäre, wenn diese bislang Unzufriedenen dann nicht mehr auf die Straße gehen müssten?

Vielleicht würden die Kritiker von ihrem Trotz ablassen und bereitwillig Masken aufsetzen – ob sinnvoll oder nicht – und damit anderen Menschen zeigen: „Ich sehe es anders, bin aber ein Teil von euch. Das ist kein Maulkorb, sondern ein echtes, kein erzwungenes Zeichen der Solidarität.“

Vielleicht hätten die Kritiker gute Ideen, um die Lockerungen sinnvoll durchzuführen.

Vielleicht würden Verschwörungstheorien im Nu an Zuspruch verlieren, weil es nicht mehr nötig ist, ihnen zu folgen, wenn die Menschen realisieren, dass ihnen zugehört wird.

Vielleicht könnte die Regierung damit Vertrauenspunkte bei den Menschen wieder gutmachen.

Vielleicht würden die Politiker daran wachsen, weil sie Schwäche in Stärke verwandeln, anstatt dem uralten Modell des Durchregierens in Krisenzeiten nachzueifern.

Vielleicht wäre jetzt die Zeit, sich gegenseitig zuzuhören. Weil wir alle recht haben, und gleichzeitig alle unrecht.

Mit Sicherheit gingen die Demonstrationen weiter, nur dieses mal mit den üblichen Verdächtigen, die niemand wirklich ernst nehmen muss.

Vielleicht würden wir damit die weltumspannende Einigkeit gefährden. Bald wäre Google wieder die alte Datenkrake, impfen darf, wer will und die WHO sagt, was wir tun sollen, woran sich ohnehin niemand hält. Wir hätten dann keinen Burgfrieden mehr, jedoch wenigstens einen Bürgerfrieden. Immerhin.

Um das zu erreichen, braucht es wohl ein Menschenbild, das ein wenig an die Zeit vor dem Sündenfall erinnert.

Im Kern geht es um das Vertrauen zueinander. Das Vertrauen in meine Mitmenschen. Das Vertrauen in den Staat. Und das Vertrauen des Staates in seine Bürger.

Wer da nicht sehnsüchtig wird …