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Warum langfristige Ziele sinnvoller sind: Zwischen hoffnungsvoller Ausdauer, persönlichem Habitus und tragfähigen Netzwerken

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Selbst wenn wir Silvester nicht mögen, ist der Jahreswechsel gleichzeitig eine Zäsur des aktuellen persönlichen Status quo und ein Neuanfang:

  • Was habe ich in den letzten Jahren erreicht und bin ich damit zufrieden?
  • Was nehme ich mir für das kommende Jahr vor?
  • Vor dem Hintergrund der Multikrisen der letzten Jahre aber auch: Was trägt mich? Auf wen kann ich mich verlassen?
  • Welche Beziehungen tun mir nicht gut (bspw. gesellschaftliche Dauerkritiker*innen)?
  • Welche Beziehungen will ich vertiefen oder neu aufleben lassen?

Während kurzfristige Vorsätze oft an der Realität scheitern – auch wenn sie smart formuliert werden – sind langfristige Ziele wesentlich kraftvoller, wenn sie in einem realistischen Verständnis der eigenen Ausdauer, der Grenzen des persönlichen Habitus und der Bedeutung des sozialen Umfelds verankert sind.

Hoffnung als ruhige, ausdauernde Kraft

Während für kurzfristige Ziele mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit Optimismus sinnvoll ist, ist für langfristige, insbesondere schwierige Ziele Hoffnung besser geeignet. Hier geht es nicht darum, Ziele schnell zu erreichen, sondern darum, dran zu bleiben, wenn es schwierig wird und Energie aus kleinen Erfolgen zu schöpfen. Es geht sozusagen nicht darum, 10 kg abzunehmen, sondern darum, es überhaupt zu versuchen, aus jedem ½ Kilogramm die Motivation zum weitermachen zu ziehen und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn in einer Woche ein Kilogramm in die falsche Richtung wandert. Hoffnungsvoll ausdauernd zu sein bedeutet, Rückschläge nicht als persönliches Scheitern zu interpretieren, sondern als Teil eines längeren Weges zu verstehen, was beinhaltet, aus diesem Scheitern etwas über den eigenen Umgang mit Widerständen zu lernen.

Langfristige Ziele entstehen nicht aus euphorischen Hauruck-Momenten, sondern aus der reifen Entscheidung, dem eigenen Vorhaben Zeit zu geben. Wer Ausdauer kultiviert, akzeptiert Phasen der Stagnation und erkennt, dass Entwicklung selten linear verläuft. Gerade im neuen Jahr hilft uns diese Perspektive, Ziele – vom Fitnessstudio bis zur Karriereplanung – nicht an eine kurzfristige Motivation zu knüpfen, die nach ein paar Monaten in Frustration endet, wenn schnelle Erfolge ausbleiben. Stattdessen sind eine sich-selbst-liebende Haltung in Kombination mit nachhaltigen Routinen gefragt.

Die Grenzen des eigenen Habitus erkennen

Der eigene Habitus – geprägt durch Herkunft, Bildung, Erfahrungen und Gewohnheiten – beeinflusst, welche Ziele wir uns überhaupt zutrauen. Er ist kein Gefängnis, aber ein Rahmen. Eine langfristige Zielsetzung wird realistischer und wirksamer, wenn wir diese Grenzen nicht ignorieren, sondern als Teil unseres Ichs akzeptieren. Meine Eltern haben mich bei allem, was ich tun wollte, unterstützt. Sie haben mir jedoch weder vorgelebt, noch beigebracht, dass ich alles werden kann. Mir selbst fehlt der Habitus, den Kinder aus Ärzte- oder Anwalts-Familien in die Wiege gelegt bekommen. Ein solcher Habitus spiegelt sich oft alleine schon an der Sprache und Körpersprache wieder.

Statt sich radikal neu erfinden zu wollen, ist es deshalb produktiver, an den Rändern des eigenen Habitus zu arbeiten:

  • Sich neue Denkweisen anzueignen und behutsam zu integrieren.
  • Vertraute Muster zu hinterfragen, ohne die eigene Identität zu verleugnen.

Ziele, die an vorhandene Kompetenzen und Werte anschließen, haben nicht nur eine deutlich höhere Chance, von Dauer zu sein, sondern machen langfristig auch zufriedener.

Gleichzeitig gehört zur Reife der Zielsetzung die Erkenntnis, dass nicht alles allein erreichbar ist. Die Anerkennung eigener Begrenzungen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Voraussetzung für eine kluge, persönliche Entwicklung.

Mein Vater hatte Willy Brandt als Vorbild. Er bewunderte große Redner, weil er sich das selbst nicht zutraute. Meine Mutter wiederum wollte am liebsten nicht auffallen, um ja niemandem auf die Füße zu treten. Diese Habitus-Mischung wurde mir als Kind unbewusst vermittelt. Mein jüngeres Ich würde mich auslachen, würde ich ihm davon erzählen, was ich heute mache. Dass ich Keynotes vor Großgruppen halte, ohne mir ins Hemd zu machen, war jedoch keinem Ein-Jahres-Plan geschuldet, sondern einer stetigen Weiterentwicklung.

Umfeld und Netzwerke als Ermöglichungsräume

Kein langfristiges Ziel existiert im luftleeren Raum. Familie, Kolleg*innen, Freundeskreise und professionelle Netzwerke wirken sich oft stärker auf unsere Zielerreichung aus, als wir denken. Sie können bremsen oder uns motivieren. Wer weniger Alkohol trinken will, sollte sich entsprechende Freunde suchen oder sich in digitalen Netzwerken tummeln, in denen sich Anti-Alkoholiker*innen austauschen. Ein solches Umfeld bietet nicht nur Ermutigung, sondern auch Korrektur. Netzwerke eröffnen Perspektiven, die außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts liegen, und machen Ressourcen zugänglich, die individuell nicht verfügbar wären. Langfristige Ziele profitieren deshalb davon, bewusst in Beziehungen eingebettet zu sein: durch Austausch, Kooperation, Unterstützung und kollektive Kreativität. Das neue Jahr ist der perfekte Anlass, diese Netzwerke zu ordnen, zu pflegen und neu zu gestalten.1

Langfristigkeit als Balanceakt

Langfristige Ziele für das neue Jahr entstehen im Spannungsfeld von Hoffnung und Realität. Sie brauchen ausdauernde Zuversicht, ein ehrliches Verständnis des eigenen Habitus und ein Umfeld, das Entwicklung mitträgt. Wer diese drei Ebenen zusammen denkt, ersetzt flüchtige Vorsätze durch tragfähige Orientierungen.

So wird das neue Jahr nicht zum Prüfstein einer vermeintlich perfekten Selbstoptimierung mit hohem Frustrationsrisiko, sondern zu einem weiteren Abschnitt eines bewusst gestalteten, langfristigen Lebenswegs.

1Mehr über die tragende Kraft von Netzwerken gerade in Krisenzeiten in meinem neuen Buch „Hoffnung!“ (externer Link)

Bindung und Lernen

In einer Studie von Roy Baumeister mussten drei Test-Gruppen einen Persönlichkeitstest absolvieren. Anschließend wurde Gruppe A gesagt, Sie würden in Zukunft stabile Beziehungen haben. Gruppe B wurden Krankheiten prognostiziert. Gruppe C wurden viele Trennungen prophezeit. In einem anschließenden Intelligenztest schnitten A und B gleich ab. C jedoch schnitt mit einer im Durchschnitt um 27% geringeren Intelligenz ab.

In einer anderen Studie von Carr & Walton (2012) wurde der Einfluss von Bindung auf Aufmerksamkeit, Merkleistung, Motivation und Ausdauer getestet. Zwei Test-Gruppen sollten jeweils die gleichen Aufgaben lösen (ein unlösbares Puzzle). Gruppe A bekam die Anweisung: Lösen Sie dieses Puzzle gemeinsam. Bei der Gruppe B fehlte lediglich das Wort ‚gemeinsam‘. Nach einigen Minuten bekamen die Teilnehmer einen Hinweiszettel vom Versuchsleiter. Der Hinweiszettel für die Gruppe A war im Stil eines Teilnehmers verfasst, der Zettel für Gruppe B im Stil des Versuchsleiters. Anschließend fanden Befragungen und ein Stroop-Test statt. Bei einem Stroop-Test erscheinen auf einem Bildschirm nacheinander vier verschiedene Farb-Worte in verschiedenen Farben, d.h. Blau in blau oder in grün, usw. Die Teilnehmer müssen jedesmal, wenn ein Wort auftaucht, auf den Knopf der Schriftfarbe drücken, d.h. bei „Blau“ muss der Knopf Rot gedrückt werden.

In einem weiteren Versuch gaben Carr und Walton zwei Gruppen die Aufgabe, sich aus einem komplexen Bild in 8 Minuten 18 Objekte zu merken. Auch hier wurde wieder mit Hinweisen in sachlicher oder gemeinschaftlicher Stimmung gearbeitet.

Die Erkenntnisse:

  • Gruppe B befasste sich durchschnittlich 11,5 Minuten mit dem Puzzle, bis sie die Lust verlor, Gruppe A 17 Minuten.
  • Gruppe A empfand die Aufgabe interessanter.
  • Gruppe A hatte im Stroop-Test eine um 38% schnellere Reaktionszeit.
  • Gruppe A hatte in dem Erinnerungstest eine um 12% höhere Trefferquote.

Das Fazit: Bindung fördert die Ausdauer, Merkleistung, Schnelligkeit und temporäre Intelligenz.