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Entscheidungen und der Sinn des Lebens

Gäbe es einen Sinn, auf den alles Leben zuströmt, gäbe es auch keine freien Entscheidungen. Einen Endzweck wie Liebe, Frieden oder Gerechtigkeit kann es folglich nicht geben. Und dennoch streben wir danach, an etwas Höheres zu glauben.

Das Streben nach Schönheit

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet uns das Gesetz der Schönheit, das auf Johannes Kepler zurückgeht. Er meinte, wir alle besitzen eine Wahrnehmung für Schönes, für geometrische Muster ebenso wie für „angenehme“ Verhaltensweisen im Zusammenleben. Die einzelnen Muster selbst wiederum verweisen auf etwas Größeres, das große Ganze, so wie in einem einzelnen Apfelkern bereits der gesamte Apfel und im kleinsten Teil eines Eiskristalls der gesamte Kristall enthalten ist. Werner Heisenberg meinte dazu in einer Rede vor der Bayerischen Akademie der Schönen Künste von 1970: Einzelne geometrische Formen besitzen nicht nur eine Schönheit ansich, sondern weisen auch auf eine Gesamtschönheit hin, die in Kombination aus den Einzelteilen entsteht. Nur dadurch haben die einzelnen Bauarbeiter eine Vorstellung der Vollendung Kathedrale, an der sie soeben bauen. Ohne diese Vorstellung wären vermutlich wenig motiviert. Die Vorstellung jedoch verleiht ihrem Tun einen Sinn.

Was für den Bau einer Kathedrale oder die Entwicklung eines Apfels gilt, sollte folglich auch für uns Menschen gelten. Kommunikation zum Beispiel kann „schön“ sein oder „hässlich“. In einer „hässlichen“ Kommunikation, bestehend aus Verbal-Attacken, Vorwürfen und Manipulationen, ist das hässliche Ende bereits angelegt. Eine „schöne“ Kommunikation sollte analog dazu auch zu einem besseren Ende führen.

Damit haben wir die Wahl. Wir können uns für Schönheit oder Hässlichkeit entscheiden, für Gut oder Böse. Und wir können uns mitten auf dem Weg jederzeit umentscheiden. Der Sinn ist damit so oder so von Beginn an gegeben, wenn auch nicht vorbestimmt.

Der Sinn des Lebens besteht nun nicht mehr in einer Entscheidung für das Gute, sondern in der Freiheit von Beginn an. Der Zweck des Lebens ist es nicht, zu kämpfen oder anderen zu helfen, sondern – nach Baruch Spinoza – die Notwendigkeit freier Entscheidungen, weil nur die Freiheit sowohl Gottes als auch des Menschen eine Koexistenz beider zur Folge hat. Würde Gott allmächtig unser Leben vorbestimmen, hätten wir keine Wahl im Leben. Gott jedoch oder eine andere Sinnhaftigkeit brauchen wir, weil wir im Leben immer wieder auf Momente stoßen, die für uns unerklärlich sind. Das Göttliche als letzte Instanz hilft uns dabei, die Grenzen unserer Erklärungen hinzunehmen und auszuweiten. Die Wissenschaft schafft logische Verknüpfungen. Der Glaube beginnt da, wo die Logik aufhört. Da unser Leben aus mehr als Logik besteht, brauchen wir einen Glauben, um diese Lücke auszufüllen.

Das Streben nach Freiheit und Grenzen

Der Sinn des Lebens besteht demnach darin, sich im Sinne einer Selbstvervollkommnung so weiterzuentwickeln, eine möglichst hohe Anzahl an Wahlmöglichkeiten zu haben. Dies schafft in uns eine innere Weite. Die Beschränkung auf nur eine Entscheidungsmöglichkeit schafft Zwänge, innere Enge und Ängste. Weil uns zu viele Wahlmöglichkeiten jedoch überfordern, setzen wir uns Grenzen, indem wir diese künstlich beschränken. Diese Beschränkungen können von außen kommen, durch Gott, Gesetze und internalisierte Moralvorstellungen oder von innen. Der Vorteil eines Rückgriffs auf allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten besteht in der Entlastung des Menschen. Der Mensch bezieht sich damit auf etwas Äußeres, das er nicht rechtfertigen muss.

Innere Begrenzungen dagegen wurden schon immer mit Neid und Angst betrachtet. Lässt sich ein Mensch von eigenen ethischen Vorstellungen leiten, gar von einer autonomen Moral, ist er für die Gesellschaft nicht mehr einschätzbar und damit nicht mehr greifbar. Das Leben nach autonomen Moralvorstellungen wird dann toleriert, wenn es sich an den Rändern der Gesellschaft abspielt. Wenn der Chef der Formel-Eins Nazi-Spiele praktiziert, sich Musiker auf der Bühne betrinken und prügeln oder ein Künstler in die Ecke kackt, wird dies empört wahrgenommen, letztlich jedoch als unerheblich für den Weltengang eingestuft. Die sind so, das hat jedoch mit unserem Leben nichts zu tun. Haben autonome ethische Grundsätze eine spürbare Auswirkung auf unser Leben jenseits von Kunst und Kultur, hört die Toleranz auf. Die autonome Moral eines Colonel Kurtz aus dem Herzen der Finsternis von Joseph Conrad, besser bekannt aus dem Film Apokalypse Now von Francis Ford Coppola, als extreme Verkörperung des Übermenschen von Nietzsche, gerät in einen unlösbaren Konflikt mit den Moralvorstellungen des amerikanischen Generalstabs. Kurtz trifft brutale Entscheidungen, die innerhalb seines im Dschungel abgeschlossenen Systems, sogar innerhalb des us-amerikanischen Systems absolut stimmig sind. Er lässt unter anderem süd-vietnamesische Offiziere umbringen, weil er von ihrer Tätigkeit als Doppelagenten überzeugt ist. Anschließend nehmen die Feindaktivitäten rapide ab. Offensichtlich hatte er die richtigen erwischt. Das Problem seiner Entscheidungen besteht jedoch darin, dass die Offiziere keinen offiziellen Prozess bekamen. Kurtz traf seine Entscheidung losgelöst von den Gesetzmäßigkeiten des Generalstabs, weshalb er für verrückt erklärt wurde und beseitigt werden musste.

Stellen wir uns eine Gesellschaft als eigenes autonomes Gebilde vor, wird sie alles tun, um sich am Leben zu erhalten. Für Normalsterbliche wird die Gesellschaft deshalb freie Entscheidungen auf der Grundlage eigener ethischer Überzeugungen weitgehend verhindern, da ein autonomes Denken die Sinnhaftigkeit von Gesetzen, Arbeit und Konsum immer wieder in Frage stellt.

Wenn der Sinn des Lebens nun darin besteht, einen eigenen Weg zwischen Freiheit und Grenzen zu finden, besitzen wir auch die Freiheit, unsere eigenen Grenzen soweit zu beschränken, dass andere für uns Entscheidungen treffen. Wir haben also die Wahl, sollten uns jedoch jederzeit darüber im klaren sein, dass jede Entscheidung einen Preis hat und sei es der Neid anderer.

Lust auf weniger: Hier wird’s praktisch.

Die Notwendigkeit der Zerstörung

Ist Zerstörung notwendig?

Als ich vor etwa 15 Jahren zum ersten mal die Wasserbilder von Emoto sah, war ich zugleich fasziniert, bestätigt und verwirrt. Die kristallenen Strukturen waren umso symmetrisch-schöner, je harmonischer die Musik war, mit der das Wasser bespielt wurde. Werden auf eine Flasche Wasser unterschiedliche Begriffe geschrieben, ergibt sich der gleiche Effekt. Liebe führt zu wundervollen Kristallen. Hass zerstört die Strukturen. (Anmerkung: Die Untersuchungen von Emoto sind sehr umstritten. Jeder möge sich hier selbst ein Bild machen.)

Ich war fasziniert davon, wie offensichtlich direkt unsere Wirkung auf Wasser ist. Ich wurde in meiner Sichtweise bestätigt, dass wir gut miteinander umgehen sollten, immerhin besteht wir je nach Alter und Geschlecht zu 50-70% aus Wasser. Ich war aber auch verwirrt, weil ich schon immer ein Faible für aufrührerische Rockmusik, bombastische Sinfonien und atonalen Freejazz hatte. Was war da los mit mir?

Der Sinn von Kultur

Nach einigem hin und her einigte sich Friedrich Nietzsche mit sich selbst auf einen Konsens: Kultur sollte gleichermaßen entspannen und aufrührerisch sein. Es stellt sich nur die Frage, wann was zum Zuge kommen sollte?

Wir sollten endlich damit beginnen, über den Tellerrand zu blicken. Besser noch: Wir sollten damit beginnen, unser Erbe zu reflektieren. Seit jeher galt Zerstörung nicht als das, als was wir es ansehen, sondern als eine kreative Kraft, notwendig, um Veränderungen anzustoßen. Manche Geschichten aus der Bibel verstören uns aus unserem heutigen harmonieverwöhnten Blickwinkel. Ein jähzorniger Gott, der andere Kulturen dem Erdboden gleichmacht und seinen eigenen Sohn opfert. Shiva ist für die Hindus der Gott der Zerstörung und des Erhalts, für manche auch der Gott der Liebe. Und die Griechen lagerten ihre eigenen Obsessionen und Aggressionen in ihre Götter aus. Der Olymp liest sich wie eine ausgelagerte Psychiatrie: Zeus war ein notorischer Schwerenöter, Venus die Götting der Extase, Artemis die Göttin der Sühne und Nemesis die Götting der Rache. Die Römer machten daraus gleich eine ganze Schar Furien. Wenn Amphitrite sich nicht beherrschen konnte, ließ sie furchterregende Meeresstürme aufkommen. Athene brachte Krieg. Und Hermes war ein hinterlistiger Gauner. Deshalb war er nicht nur der Gott der Diebe sondern auch des Handels. Natürlich hatten all diese Götter auch Sonnenseiten. Sie waren für Gerechtigkeit, Liebe und Ordnung zuständig. Gleichzeitig hatten sie zerstörerische Züge an sich. Das Prinzip der Zerstörung schien in den guten alten Zeiten noch zentral im Denken der Menschen verankert zu sein. Manchmal gewann eben der durchgeknallte Dionysios gegen den wohl reflektierten Apollo.

Ich denke, also bin ich gut (frei nach René Descartes)

Spätestens seit der Aufklärung gewann fast nur noch Apollo. Die Christen hatten allerdings den Boden dafür kongenial in beinahe weiser Voraussicht vorbereitet: Gott war gut. Alles Teuflische musste verbannt werden. Und lauerte doch überall: No one expects the spanish inquisition (Monty Python).

Die Wissenschaft mussste nur noch aus gut wahr und aus böse falsch machen. Das Durchgeknallte und Verrückte hatte nun keinen Platz mehr in unserer Welt. Was nicht rational begründbar war, wurde aus unserem Bewusstsein verbannt. Manche dieser Verrückten landeten in Psychiatrien, andere wurden zu Clowns, die sich nach und nach in unseren Medienwelt wiederfanden. Nennen wir sie Kulturschaffende. Dort bekamen sie einen festen Raum, der jedoch bitteschön von der restlichen Welt getrennt sein sollte.

Seitdem mühen sich die modernen Clowns mit dem Versuch ab, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Dieter Bohlen führt einen lebenslangen Selbstversuch durch zum Thema „Bin ich schon Unterhaltung? Und wenn ja: Wie peinlich darf ich sein?“. Böhmermann lotet aus, was Satire alles darf. Und Verstehen Sie Spaß schafft es, sich im Zeitalter von Youtube-Videos selbst zu überleben. Es scheint, als würden die modernen Clowns an den gesellschaftlichen Mauern kratzen, beißen und scharren, um letztlich zu merken, dass sie doch nicht reingelassen werden. Oder rausgelassen. Der Name der Anstalt ist perfekt gewählt. Es werden immer wieder neue Insassen aufgenommen, die von den Besuchern wie in einer modernen Freakshow staunend angeglotzt werden. Die Insassen dürfen immer mal wieder auf Freigang. Ihre verrückten Ideen jedoch bleiben lieber unter Verschluss. Ist das noch Ironie oder bereits Galgenhumor?

Kultur ist nicht mehr aufrührerisch. Sie dient nur noch der Selbstvergewisserung, dem guten Gewissen, dem stellvertretenden Denken und der Ablenkung. Mehr nicht. Sind die Kulturschaffenden selbst schuld daran? Wie immer lautet die Antwort ja und nein. Ja, weil sie zu oft ihre systemerhaltende Rolle unreflektiert mitspielen und viel zu selten genau dies ansprechen. Aber wer will schon an dem Ast sägen, der ihn trägt?

Nein, weil ihre zerstörischen Hilfeschreie niemand wirklich hören will. Niemand will wirklich zerstört werden. Wie schmerzhaft wäre es, tatsächlich sein Leben zu verändern? Wie anstrengend wäre es, selber rauszugehen, Politik mitzugestalten, Artikel zu schreiben und sich nicht nur einseitig weiterzubilden. Haben wir dazu überhaupt die Zeit? Die Politik verwaltet uns. Sie sorgt mit Gesetzen dafür, dass wir uns um nichts kümmern müssen. Sie fechtet, wenn es sein muss sogar unsere Kriege für uns aus. Die Wirtschaft sorgt für unseren gedeckten Tisch. Und wenn wir Glück haben, bekommen wir sogar einen Job, der uns Spaß macht und machen am Ende noch Karriere und werden reich. Medien und Kultur mahnen Missstände in den beiden anderen Bereichen an, die jedoch mehr Rauch als Feuer sind. Eine wirklich Einmischung, echte Veränderungen wollen wir doch gar nicht. Dafür geht es uns viel zu gut.

Kreative Zerstörung

Dabei sind die Beispiele für kreative Zerstörungen so immens und so sehr Teil unseres Lebens, dass es mich wundert, dass kaum jemand sie bemerkt. Eine Geburt kommt nicht ohne Blut, Schweiß und Tränen aus. Die Erde ist nach einem Vulkanausbruch am fruchtbarsten. Viele Paare behaupten, dass die Versöhnung und der anschließende Sex nach einem Streit am intensivsten ist. Und Kinder bekommen häufig nach einer Krankheit einen Wachstumsschub. Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Wir jedoch halten an unserem Prinzip von gut und wahr so krampfhaft fest, dass wir den Blick für die andere Seite verloren haben. Warum haben wir soviel Angst vor der Zerstörung? Vor einem Neuanfang? Davor, alte Muster in Partnerschaften oder im Beruf in Frage zu stellen und einem Neuanfang eine Chance zu geben?

Solange wir das Prinzip der kreativen Zerstörung nicht in unser Leben integrieren, solange wir das Scheitern nicht als Möglichkeit der Weiterentwicklung akzeptieren, sondern alles abseits der Norm verteufeln(!), bleiben kulturelle Sticheleien unfruchtbare Appelle an das kosmische Wechselspiel zwischen Zerstörung und Entwicklung. Die Kultur kann uns nicht helfen. Sie kann uns höchstens einen Hinweis geben. Den Rest müssen wir schon selbst tun.

Emotos Rätsel löst sich damit auf. Es gibt Momente, in denen es nicht anders geht, als ein Glas Wasser solange mit Heavy Metal zu beschallen, bis keine Strukturen mehr erkennbar sind. Erst dann kann ich wieder damit beginnen, diese Strukturen mit Erik Satie zu sich selbst finden zu lassen. Vielleicht jedoch zu einem Selbst, das ich mir zuvor ganz anders vorgestellt hatte.

Gebrauchsanleitung für eine Frau

Das Ergebnis jahrzehntelanger, akribischster Forschungarbeit. Das Leben könnte so einfach sein …

Gebrauchsanleitung

Verbesserungsvorschläge für die Gebrauchsanleitung werden gerne zur Kenntnis genommen und vielleicht sogar eingearbeitet. Vielleicht mag auch jemand das passende Gegenstück erstellen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Führung

Management vs. Führung

Worum kümmert sich Management? Ein Manager sichtet, bewertet und delegiert Aufgaben. Ein Manager plant, strukturiert und organisiert. Ein Manager ‚verwaltet‘ Aufgaben, Prozesse, Projekte und organisiert diese möglichst deckungsgleich mit den Zeitbudgets seiner Mitarbeiter. Manager gehen sachorientiert an Aufgaben. Manager fragen sich, was in welcher Zeit zu tun ist.

Eine Führungskraft führt. Sie geht als Leitfigur voran, gibt Orientierung im alltäglichen Chaos, agiert werteorientiert, ist standhaft, visioniert, motiviert, treibt an, gibt Feedback, zieht Grenzen, schlichtet Konflikte, betreibt Bindungsarbeit und hilft in Identitäts- und Loyalitäts-Krisen. Führungskräfte gehen beziehungsorientiert an Aufgaben. Führungskräfte fragen sich, wie und warum Aufgaben erledigt werden sollen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Führung

Digitalisierungsmaßnahmen werden in Zukunft einen Großteil der Managementaufgaben übernehmen. Der Computer bestimmt dann, was in welcher Zeit zu erledigen ist, welche Ressourcen dafür erforderlich sind oder an wen ich mich im Fall X wenden kann. Jüngere Generationen starten ohnehin mit der Haltung in den Beruf: Ich weiß, was ich tun muss. Ich weiß, wo ich nachsehen muss. Ich habe alles im Griff und führe (eigentlich manage) mich selbst. Damit fällt ein Großteil klassischer Managementaufgaben weg. Übrig bleiben Führungsaufgaben, für die bisher so wenig Zeit war. Führungsaufgaben, die nötig sind, weil unter der Schwelle hoher Medienkompetenz nach wie vor Unsicherheiten lauern.

Führungsvakuum oder Führungsfreiraum?

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Digitalisierung, Flexibilisierung und Individualisierung

Dadurch entsteht ein Führungsvakuum. Führungskräfte müssen Ihre neue Rolle erst finden. Es besteht aber auch die Chance zu einem Führungsfreiraum zur Entwicklung von Visionen, Ideen und der Ausübung von Beziehungsarbeit.

Führungskräfte sollten sich mit folgenden Fragen auseinander setzen:

  • Was ist wirklich wichtig? Wie vermittle ich Prioritäten?

  • Wie motiviere ich und vermittle den Sinn unserer Arbeit?

  • Wie helfe ich meinen Mitarbeitern bei Konflikten und Stress?

  • Wie vermittle ich v.a. jungen Mitarbeitern Orientierung, die vor lauter Selbststeuerung, -organisation und Eigenkontrolle vergessen, sich selbst zu regulieren und sich übernehmen?

  • Wie helfe ich Mitarbeitern bei ihrer Balance zwischen Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit, Projektarbeit und Freizeit?

  • Wie begrenze sich individuelle Spielräume von Mitarbeitern, die ihre Leistung schlecht selbst einschätzen können und sich überfordern?

  • Welche Feedbacksysteme zur Wertschätzung der Arbeit etabliere ich?

Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Besser wir machen das Beste daraus!

Pro und Kontra Achtsamkeitswahn

Heute mache ich mir ein paar Feinde. Aber es geht nicht anders. Yoga, Qigong, Taichi, die ganze Schiene. Wer jemals in einem solchen Kurs war, weiß wahrscheinlich, wie sinnvoll das dort Gelehrte sein kann. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit ich das Gelernte auch umsetze, wenn mich der Alltags-ICE überrollt. Streicheln wir dann schnell den Bart des Weisen, um wieder runterzukommen? Oder versetzen Luftbäume, um uns zu erden? Ich jedenfalls hab sowas noch nie gemacht. Die Vorstellung ist amüsant, inmitten eines Streitgesprächs die Geistesgegenwart zu besitzen und mein Gegenüber zu bitten, gemeinsam den Atem des Universums zu praktizieren. Es würde mit Sicherheit helfen. Und wenn nicht, weiß mein Gesprächspartner wenigstens, dass er mein kleinstes Problem ist. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch den Fliegenden Kranich machen.

Im Ernst: Ich hatte mal einen Feldenkraistrainer, der jede, wirklich jede Übung mit den Worten abschloss:“Und wenn du nicht mehr kannst, dann lass das alles sein. Lass einfach los.“ Und ich ließ los. Aber hallo. War ja auch anstrengend, dieses Zeitlupengedehne. Und zwar nicht nur im, sondern auch außerhalb des Kurses. Das fühlte sich richtig gut an. Der erhobene Mittelfinger sozusagen in kommunikationsfreundlicher Formulierung. Hier hat es funktioniert. Wenn mich ein unangenehmer Zeitgenosse nervt, ist es nunmal leichter mir innerlich zu überlegen, ob ich ihm die Nase brechen sollte bzw. wie ich mit meinen 1,70 da überhaupt rankomme oder ob ich doch lieber lächle, mit tief verinnerlichter Bassstimme omme und mir zuflüstere:“Lass das alles sein.“ Jetzt bloß nicht laut denken. Natürlich könnte ich ihm auch sagen: Ich muss erst mein Chi wecken. Wecke du auch deines. Blödsinn. Obwohl? Warum nicht?

Also gut: Wer es ausprobieren will. Ab jetzt innerlich mitbildern. In den Bärenstand, Arme und Hände nach unten geöffnet leicht nach vorne strecken und nun mit dem Körper langsam auf und ab pumpen. Empfehlen kann ich es nicht. Vielleicht den Sonnengruß? Wie ein Regenbogen schwingen? Die Wolken teilen? Den Affen abwehren? Ein Boot rudern? Nein, auch das nicht. Den Mond anblicken? Mit der Handkante das Chi schieben? Definitiv nicht!

Ist der Gesundheitswahn explodiert? Bei all den Angeboten? Der Zeitdruck im Arbeitsleben nimmt ja auch stetig zu. Was bleibt uns übrig, als sich nach einem stressigen Arbeitstag mit ASMR-Videos das große Kribbeln erst auf die Ohren und dann durch den Körper zu ziehen. Autonomous Sensory Meridian Response. Während Up-to-date-Gestresste sich andere Menschen über Kopfhörer das Rauschen des Kämmens, Bügelns und Zusammenfaltens von Hemden reinziehen, gehe ich Stehengebliebener in den Wald und höre mir das Zwitschern von Vögeln an. Wie uncool und weit jenseits der Nice-Grenze.

Business-Pilates wäre noch eine Alternative? Power-, Lach- oder Kinderyoga. Wahrscheinlich kennen sich manche Westler so gut mit Yoga aus, dass sie extra nach Indien reisen, um den Eingeborenen dort, das darf man glaube ich wieder sagen, zu erklären, wie man das richtig macht. Nicht nur so aus dem Bauch heraus.

Was war eigentlich zuerst da? Der Stress? Oder der Yogakurs?

Ich persönlich kenne mich mehr mit Atmen aus. Und ich weiß, dass ich jedesmal beim Andante einer Sinfonie spürbar aufatme. Wenn du keine Lust mehr hast, lass einfach los.

Ich weiß auch, dass ich mit einer tiefenverspannten Körperhaltung keine großen Sprünge hinbekomme. Von geistigen Höhenflügen ganz zu schweigen. Und ich weiß, dass es unfair ist, anderen Leuten ihre Probleme wegzunehmen. Lass einfach los, erst recht wenn es schwer fällt. Rauchern zum Beispiel. Ist das mein Problem, dass die früher sterben? Sind doch ansonsten nette Menschen, mit Problemen halt. Aber die haben andere auch. Alleinerziehende. Eltern sowieso. Greise. Die gestresste Generation Y. Am Ende noch verwöhntes Einzelkind. Informationsjunkies. Bulimie-Studies. Die Bundeswehr. Die katholische Kirche. Ökofaschisten. Wenn jetzt jemand auf Rechtsradikale wartet: Nein, Nazis sprengen diese Liste. Da bin ich doch froh, als leistungsverweigernder Zweitgeborener, Nähephobiker und Freiheitsfanatiker meine ganz eigenen Probleme zu haben. Die gehen schließlich nur mich was an. Da trifft es sich gut, dass ich gelernt habe, wie man richtig atmet. Atmen ist mein Power-Yoga. Atmen funktioniert auch im Umgang mit Idioten.