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Über begrenzte Wahrheiten, Agilität und die Politik in Zeiten der Krise

Auf den wenig sozialen Foren (wo auch sonst) wird derzeit viel über Wahrheiten und Fake News spekuliert. Man hat das Gefühl, wir sind alle kleine Virologen, Mediziner oder Sozialwissenschaftler. Dort draußen scheint es eine Menge kleiner Besserwisser zu geben. Und ehrlich gesagt gehören wir hier alle dazu, zumindest diejenigen, die mitdiskutieren. Vermutlich auch Sie. Und ich sowieso. Sonst würde ich das hier nicht schreiben.

Wahrheiten jedoch funktionieren nur im Labor. Wenn ein Virologe wie Drosten sagt, er will sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, weil er sich als Wissenschaftler missbraucht fühlt, hat er vollkommen recht. Die Wissenschaft ist der Wahrheit verpflichtet. Ob etwas wahr oder falsch ist, lässt sich jedoch nur in einem abgeschlossenen Setting überprüfen. Schütten wir zwei Flüssigkeiten in ein Reagenzglas, macht es Bumm! oder auch nicht. Gingen wir zuvor davon aus, dass es Bumm! machen sollte und es passiert nichts, lagen wir falsch. Fliegt uns das Teil um die Ohren, können wir vor Freude nackt die Wände hoch krabbeln. Macht es nur Puff! lagen wir wenigstens nur ein wenig daneben.

Wissenschaft kann Fakten liefern, die uns helfen, eine klar zu begrenzende Sachlage zu beurteilen. Doch was ist mit unserer Welt dort draußen?

Durch die Abschottung der Nationalstaaten, Quarantänen und Kontaktsperren soll ein solches berechenbares Setting hergestellt werden. Die strengen Ahndungen der Polizei im Erziehungsmodus sind ebenso Versuche der Kontrolle. Eine Wohnung ist jedoch kein Reagenzglas und der Mensch keine chemische Flüssigkeit, sondern ein komplexes Wesen. Kontaktungen sind komplexe Gebilde. Wollen wir ein wirklich berechenbares Setting, müssen wir alle Menschen auf der Welt einsperren. Und das für eine lange Zeit. Das will vermutlich niemand. Ich kenne zumindest niemanden. Aber wer weiß? Alles andere ist schwer berechenbar. Freilich ginge es auch mit einem Tracking der Handydaten im Sinne der Sicherheit zur Freiheit. Auch diese Diskussion wird in nächster Zeit noch häufiger zu hören sein.

Deshalb sollten Wissenschaftler keine Entscheidungen treffen. Jede Wissenschaft, sei es die Medizin, Philosophie, Ethik, Technik oder Soziologie, kann für ihren Bereich Wahrheiten erforschen. Es ist absolut sinnvoll, mit diesen begrenzten Wahrheiten Politiker zu beraten. Die Welt dort draußen ist jedoch kein Reagenzglas. Sie bewegt sich. Es finden Kontakte statt, die nur bedingt kontrolliert werden können. Die Welt dort draußen ist nunmal komplex. Und komplexe Situationen können nur abgeschätzt werden. Bei Schätzungen gilt der Schwarmintelligenzansatz: Je mehr Perspektiven in eine Entscheidung einfließen, desto treffender wird die Zukunftsvorhersage.

Dazu ein simples Beispiel: Wenn Ingenieure auf einem Herd die Bedienungselemente direkt in das Ceranfeld integrieren, mag dies auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen. Wäre in der Produktion eine Großfamilie zugegen, die liebend gerne Pfannkuchen bäckt, würde diese vermutlich den Kopf schütteln. Außer diese Familie hätte eine leichte Neigung zu Masochismus. Nun mag es sein, dass es dort draußen kaum noch Großfamilien gibt. Dennoch erweitert die Perspektive dieser Familie den Horizont der Techniker. Wenn sie nun noch die Sichtweisen eines Alleinerziehenden, eines Singles und einer normalen 1,3-Kind-Familie hinzunehmen wird das Bild komplett und die Techniker können eine abschließende Entscheidung treffen.

Ersetzen wir die Techniker durch Politiker und Familien durch Wissenschaftler, lässt sich der Vergleich leicht auf unsere aktuelle Situation übertragen. Die Politik muss Entscheidungen treffen. Auf einzelne Wahrheiten kann sie sich dabei nicht berufen. Sie sollte stattdessen ihre Urteile auf die Basis vieler Wahrheiten stellen.

Vielleicht liegt der Impuls mancher Menschen, gegen die aktuellen Regeln zu verstoßen oder Verschwörungstheorien anzuhängen, daran, dass etwas fehlt. Würde die Diskussion breiter, liefe es vermutlich wie in jedem Konflikt ab: Es wird weicher und verständnisvoller.

Gleichzeitig befinden sich Politiker durch mehrere Sichtweisen und Wahrheiten in einem Multilemma. Egal, was sie tun, Sie werden sich die Hände schmutzig machen. Die Welt der Wissenschaft ist einfach. Sie unterscheidet lediglich zwischen wahr und falsch. Die Welt der Politik ist hochkomplex. Jede politische Entscheidung bedient die Interessen des einen und führt zu einem Leiden an anderer Stelle. Leiden kann also nicht vermieden werden. Stattdessen geht es darum, das Leiden möglichst gering zu halten. Was dies im einzelnen bedeutet kann kein Wissenschaftler entscheiden.

In der Politik geht es nicht um die eine Wahrheit, sondern um Mut. Dieses Multilemma kann nur aufgelöst werden, wenn Politiker entschlossen handeln und, weil komplexe Welten sich stetig wandeln, jeden Tag neu bewerten und Entscheidungsanpassungen vornehmen. In diesem Sinne könnten Politiker von agilen Managern viel lernen, die wissen wie auf Sicht gefahren wird.

Akute Beratung für Führungskräfte – Die Mitarbeiter im Homeoffice

Für viele Firmen ist Homeoffice neu. Die Mitarbeiter im Homeoffice gut zu begleiten ist kein Hexenwerk. Dennoch gibt es einige Fallen, die sich vermeiden lassen und Lösungen, die Ihnen das Leben als Führungskraft in den nächsten Wochen erleichtern können.

Im Angesicht der aktuellen Krise habe ich – insbesondere für den gebeutelten Mittelstand, der in der Regel über keine internen Beratungsangebote verfügt – in den letzten Tagen ein Angebot zusammengestellt, damit die Zusammenarbeit zwischen Führung und Mitarbeitern auch in den nächsten Wochen und Monate reibungsfrei ablaufen zu lassen:

Schritt 1: Auf meiner Webseite finden Sie ein paar kurze Zusammenfassungen darüber, auf was sie achten sollten:

Schritt 2: Wenn Sie über Probleme im Homeoffice diskutieren wollen, um zu individuellen Lösungen zu kommen, kontaktieren Sie mich. Ich schicke Ihnen dann einen Zugang zu einem geschlossenen Chatroom, auf dem sich alle Probleme in Ruhe asynchron klären und Lösungen erarbeiten lassen. Die Vorteile im Vergleich zu einem Telefonat:

  1. Sie können den Chatroom aufsuchen, wann immer sie wollen.
  2. Die dortigen Informationen und Erkenntnisse sind jederzeit abrufbar. Sie müssen also nicht wie bei einem Telefonat mitschreiben.
  3. Die Diskussionen im Chatroom sind in Kategorien unterteilt, z.B. Kommunikation, Zielvereinbarungen oder Konflikte. Dies hilft der inneren Sortierung und Klarheit, die bei einem Telefonat ncht immer gegeben ist.
  4. Sie treffen dort auf andere Führungskräfte, die sich ebenso mit dem Thema beschäftigen und regen damit einen Austausch in der Praxis an.

Aufgrund der aktuellen Situation ist auch dieses Angebot für Sie bis auf weiteres kostenlos.

Schritt 3: Sollten Sie zusätzlich eine Telefonberatung wünschen, können wir dies gerne ebenso unkompliziert und kurzfristig vereinbaren.

Nach der Krise biete ich Ihnen an, im Rahmen eines Workshops Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse der kommenden Wochen aufzuarbeiten.

Bei Interesse: info@m-huebler.de oder 0911/7662641

Die Rolle eines Mediators in Krisenzeiten – Digitale Encountergroups

Wir erleben eine Zeit, die in dieser Dimension niemand von uns kennt. Und jeder von uns reagiert anders auf diese Krise. Die einen ziehen sich in die Privatheit zurück. Die anderen hängen Verschwörungstheorien an. Die nächsten hängen an den Lippen unserer Bundesvirologen. Manche suchen tatsächlich nach der allumfassenden Wahrheit, die wir wohl erst in ein paar Monaten, vielleicht sogar Jahren allumfassend erkennen werden. Diese Menschen nenne ich Senskeptiker. Man könnte sie auch wachtsam nennen. Sie fühlen, dass da etwas Riesengroßes in Gang ist, auch wenn es noch nicht wirklich greifbar ist. Eher ein Gefühl, das sich im Kopf oder in der Magengegend zusammenrottet.

Die sozialen Nähe-Verbindungen sind weitgehend gekappt. Der Kontakt über Telefon tut gut. Der Austausch auf Facebook oder Twitter hinterlässt oftmals mehr Scherben als neue Erkenntnisse.

Aktuell beobachte ich mit großer Sorge die Entwicklungen um mich herum. Ich meine nicht das Virus an sich, sondern die sozialgesellschaftlichen Folgen. Was auf der großen Bühne passiert (Grenzen dicht, Streit zwischen Nachbarstaaten), passiert auch im näheren Umfeld:

  • Menschen streiten sich darüber, wer sich in systemrelevanten Berufen (beispielsweise im sozialen Bereich) krank schreiben lässt und zuhause bleibt, weil er Angst hat und wer die Stellung hält.
  • In sozialen Netzwerken finden Entfreundungen statt (Wissenschaftsgläubige vs. Verschwörungstheoretiker, Ängstliche vs. Sorglose).
  • Alte Menschen trauen sich nicht mehr zum Arzt.
  • Künstler, Gastronomen und Soloselbständige sind am Rande des Existenzminimums.
  • Der Pflegenotstand bringt neue Spannungen in ein ohnehin schon spannungsgeladenes Arbeitsfeld.

Die Liste des sozialen Brennstoffs und der bereits eingetretenen oder noch kommenden sozialen Verwerfungen könnte ich leider noch fortsetzen. Entweder es beruhigt sich wieder oder wir steuern auf einen großen Knall zu.

Ich möchte damit keine Panik schüren. Es gibt schließlich auch positive Nachrichten der Solidarität, die leider in dieser Krisenzeit oftmals übersehen werden. Dazu demnächst mehr.

Dennoch stellt sich für mich als Mediator die Frage, was ich oder wir als Mediatoren in einer solchen Situation tun können? Offiziell bin ich als Coach, Mediator und Moderator nicht systemrelevant. Ich denke, wir Mediatoren sind es doch! Gerade jetzt.

Ich persönlich habe auf Facebook ein Projekt begonnen, bei dem ich erst einmal nur Fragen stelle und Diskussionen ausdrücklich untersage. Das tat vielen in meinem Umfeld gut. Es entschleunigte die „Diskussionen“, beruhigte die Stimmung und führte zu echten, tieferen Begegnungen.

Eine paar Zeilen dazu, siehe hier: https://www.m-huebler.de/kommunikationsregeln-fuer-schwarmintelligente-diskussionen

Nach kurzer Zeit entschied ich, mit einer kleinen Gruppe von etwa 8 Personen auf eine externe, „beschützte“ Plattform umzuziehen. Dort wird nun weiterdiskutiert.

Das Prinzip ist einfach: Auf der Plattform gibt es mehrere Themen, zu denen die Menschen sich austauschen:

  • Wie gehen wir persönlich mit der Krise um?
  • Wir wollen wir miteinander in Krisenzeiten umgehen?
  • Welche negativen Szenarien haben wir vor Augen?
  • Wie sollte die Welt von morgen aussehen?
  • Gibt es einer (höheren) Sinn hinter dieser Krise?

Wobei sich die Kategorien natürlich auch schwarmintelligent erweitern können.

Die Ziele sind ebenso einfach:

  • Austausch im einem wertfreien, geschützten Rahmen, indem sich jeder offen äußern kann, ohne Angst vor einem Shitstorm zu haben.
  • Verhindern, dass die Menschen vereinzeln, verrückt werden oder auf sonstige dumme Ideen kommen.

Meine Erfahrungen zeigen:

  1. Es hält die Menschen bei Verstand.
  2. Es führt zu echten Begegnungen und Diskussionen jenseits von strenger Wissenschaft vs. Verschwörungstheorie.

Sollten Sie ebenso das Gefühl haben, Sie oder Ihr Umfeld könnte eine Digitale Encounter Group brauchen, melden Sie sich bei mir. Gerne begleite ich die ersten Schritte dazu, steuere die ersten Beiträge bei, um die Diskussion in Gang zu bringen, moderiere den Austausch und sorge dafür, dass die Begegnung im Sinne der oben genannten Ziele abläuft.

Kommunikationsregeln für schwarmintelligente Diskussionen

22. März, zweiter Tag meines Bunkertagebuchs. Ich habe gestern ein Tagebuch auf Facebook begonnen, indem ich nur Fragen stelle, die irgendetwas mit Corona zu tun haben. Meine Mitdiskutanten wurden ebenso dazu aufgerufen, nicht wirklich zu diskutieren, sondern sich durch die Fragen der anderen anregen zu lassen, sich eigene Fragen zu stellen. Ziel war und ist es, die gegenseitigen Vorwürfe aus dem Austausch zu lassen. Nachdem ich heute andernorts diverse giftige Pro-Contra-Debatten verfolgte, wurde ich darin bestätigt, dass dieser Weg der bessere ist, um sich gegenseitig anzunähern und zu begegnen.

Als Mediator könnte ich mich freuen. Vielleicht habe ich ja nach der Krise ausgesorgt. Muss aber auch nicht sein.

Es ist mir jedenfalls ein Bedürfnis, an dieser Stelle zu klären, wie wir gut miteinander umgehen können (insbesondere im Netz), um schwarmintelligente Diskussionen zu führen und warum wir gerade mal wieder in ein Herdendenken abrutschen:

Schwarm statt Herde

Sobald Menschen dazu gezwungen werden, sich eine Meinung zu bilden, bei der es nur Schwarz oder Weiß gibt, entsteht eine Herde und Gegenherde. Gerade entwickeln sich besorgniserregende Strukturen, die sich immer herausbilden, wenn zwei Lager aufeinander prallen. Was vor Jahren bei Stuttgart 21 passierte (oder bei Trump vs. Clinton, Brexit, …), passiert nun bei Corona, mit dem Unterschied, dass hiervon wirklich jede/r betroffen ist. Dies lässt sich verhindern, indem die Menschen von Ja-Nein-Diskussionen wegkommen und akzeptieren, dass wir alle Recht haben könnten bzw. niemand weiß, was in ein paar Monaten passiert. Wir orientieren uns an Wissenschaftlern, die jedoch ebenso sagen: Ich lerne jeden Tag dazu.

Auch die Wahrnehmung einer Meinungsbildung als Prozess ist sinnvoll: Erst kommt der von Neugier geprägte Suchprozess, dann das analytische Abwägen, dann eine entschlossene Entscheidung und schließlich das tatkräftige Handeln. Es gibt derzeit die Meinung, dass wir in der Corona-Krise schnell handeln müssen. Das mag sein, hindert jedoch private Menschen nicht daran, aus der Quarantäne heraus ihren eigenen Suchprozess zu starten und diesen mit anderen zu diskutieren. Was wirklich richtig und was falsch gewesen sein wird, weiß niemand. Wenn sich Menschen gemeinsam auf einen prozesshaften Weg machen und die Meinungen anderer als vorübergehend akzeptieren ist bereits viel geschehen. Ich kann die Quarantäneregeln befolgen und dennoch skeptisch sein. Das geht. Schwärme tauschen sich aus über den besten Weg. Herden kämpfen gegeneinander. Wir haben die Wahl, wofür wir uns entscheiden wollen.

Fragen statt Meinungen

Mein Fragenprojekt zeigt mir, dass in einer solch aufgeladenen Stimmung selbst gute Freunde heftig aneinander geraten. Menschen, von denen ich weiß, dass sie ansonsten besonnen sind und sich nicht wirklich zum Kriegstreiber eignen. Ich mache mir gerade große Sorgen um uns. Weniger um das Virus, sondern um unseren Umgang miteinander. Es macht mich traurig, dass wir uns gegenseitig vorwerfen, wer es nicht verstanden hat. Es macht mir Angst, wie leicht dadurch Freundschaften gefährdet werden. Menschen, die sich zuvor liebten, brüllen sich viral an. Und das bereits an Tag Zwei des vielleicht noch kommenden Lagerkollers. Vielleicht lassen sich Diskussion nicht in Gänze fragend gestalten. Aber es kann schon helfen, wenn jedes Posting mit einer Frage beendet wird. Im Sinne von: Wie seht ihr das?

Ängste statt Wahrheiten

Wir haben alle Angst. Vor dem Virus, dem Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems, dem wirtschaftlichen Ruin, der Komplettüberwachung, usw. Einigen uns unsere Ängste? Oder trennen sie uns? Wie gehen wir mit unseren Ängsten um? Machen Sie uns wütend? Oder unsicher? Es ist wichtig, anderen über seine Ängste und Unsicherheiten zu erzählen. Das macht Diskussionen weicher und lässt Begegnungen zu. Ein jüdisch-amerikanisches Sprichwort lautet: Be a Mensch. Menschen haben nicht nur Meinungen, sondern auch Gefühle. Im Grunde sind wir alle eins. Wir sind alle Menschen. Erkennen wir also den Menschen in uns und im anderen.

Wer mehr über das Fragenprojekt erfahren will, darf mich gerne kontaktieren. Nachdem die Fragen bereits am ersten Tag auf Facebook explodierten, werden wir auf eine geschützte und geordnete Plattform umziehen und uns dort weiter auszutauschen. Die Ziele des weiteren Austauschs entstehen im schwarmintelligenten Prozess. Worum es gehen könnte, zeichnet sich jedoch bereits ab:

  • Wie gehe ich mit der Krise um?
  • In welcher Gesellschaft will ich in Zukunft leben?
  • Welche Chancen ergeben sich durch / nach Corona?

Die Mitarbeiter im Homeoffice

Es ist schon paradox (oder auch nicht). Seit einigen Jahren versuchen Firmen (weniger) und Mitarbeiter (mehr) gerade in Ballungsgebieten das Thema Homeoffice voranzubringen, mit insgesamt eher bescheidenem Erfolg. Zuletzt gab es einen weiteren Meilenstein in Punkte mobiler Digitalisierung: Die eAkte. Die Technik hätten wir mittlerweile. Wären da nicht das Misstrauen (Arbeiten die auch wirklich?) oder die Frage nach der Organisation (Aufgabenverteilung, Erreichbarkeit, Kernarbeitszeiten, gemeinsam an Problemen arbeiten, usw.). Wer darüber mehr wissen will, schaut in meinen Beitrag Führung auf Distanz oder in mein eBook auf booklooker (externer Link). Ein Seminar dazu (wenn sich hoffentlich alles wieder ein wenig beruhigt hat), gibt es natürlich auch.

Dabei liegen die Vorteile von Mobas (klingt doch irgendwie nett, oder?) auf der Hand:

  • Zwar brauchen kreative Prozesse Face-to-Face-Kontakte (IBM hat vor kurzem seine Heimarbeitsplätze wieder reduziert). Dennoch gibt es eine Menge Aufgaben, die zuhause und alleine in Ruhe effizienter und effektiver erledigt werden können.
  • Die Arbeit im Homeoffice entlastet das persönliche Zeitbudget und gleichzeitig die Umwelt, wenn wir alleine an die Millionen Autofahrer in der Rush-Hour denken.
  • Mit einer flexibleren Tageszeiteinteilung bekommen Mitarbeiter ihre persönliche Lebensbalance besser hin, v.a. wenn Mama oder Papa zuhause sind, wenn die Sprösslinge aus der Schule kommen. Als Selbstständiger im Teilzeithomeoffice weiß ich, dass es nicht die Quantitätszeit ist, die eine gute Beziehung zu seinen Kindern ausmacht, sondern die Quantitätszeit, wenn der Ärger aus der Schule noch genauso warm ist wie die Suppe auf dem Küchentisch.

Soweit eine kurze Auswahl an Vorteilen. All das reichte in der Vergangenheit jedoch nicht, um Heimarbeitsplätzen den entscheidenden Schub zu verpassen. Dazu brauchte es eine weitaus größere Waffe namens Corona.

Vergessen sind die Bedenken und mentalen Hindernisse. Auf einmal muss es gehen. Und geht es? Ich vermute, mehr schlecht als recht: Vermutlich beschäftigen sich die meisten Mitarbeiter:

1. Mit aktuellen Nachrichten zur Pandemie. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der so viele Nachrichten in kurzer Folge so aufregend waren und gleichzeitig doch nicht viel Neues brachten.

2. Mit ihrer Familie (sofern vorhanden): Von Schulaufgaben ausdrucken, wieder einscannen (ein Hoch auf die Digitalisierung der Schulen) und an den Lehrer verschicken bis Sippenhaft-Koller wird alles dabei sein. Hoffentlich kommt in Deutschland keine Ausgangssperre. Frische Luft soll für unser Immunsystem nicht das Schlechteste sein.

3. Und vielleicht wird dann doch noch ein wenig gearbeitet.

Immerhin: Es geht aktuell nicht anders. Und wenn es muss, dann geht es auch irgendwie.

Kommen wir daher zu ein paar praktischen Tipps, wie sich dieses Muss noch ein wenig effektivieren lässt. Anders gefragt: Woran kann es liegen, dass ein Mitarbeiter im Homeoffice nicht soweit kommt, wie er das eigentlich möchte:

  • Selbstbeauftragung, Initiative ergreifen und Entscheidungen treffen
    • Tipp: Spielen Sie als Führungskraft ein paar Entscheidungsbeispiele mit Ihrem Mitarbeiter durch und geben ihm Entscheidungskriterien mit auf den Weg im Sinne von „Im Zweifel für den Kunden“ oder „Erhöht die Entscheidung unsere guten Ruf oder nicht?“. Auch die ein oder andere Methode zum Prioritätensetzen ist hilfreich.
  • Kreativität und Problemlöseverhalten
    • Tipps: Richten Sie Chatrooms für Ihre Mitarbeiter ein, die zum Diskutieren anregen. Klären Sie, wie kreative Erkenntnisse festgehalten werden und wer es macht. Die Kenntnis von Kreativitätsmethoden ist immer sinnvoll, von Walt-Disney-Methode bis Ishikawa-Diagramm. Legen Sie ein Expertennetzwerk an, damit die Mitarbeiter nicht bei jedem Problem Sie anrufen.
  • Planung, Koordination und Organisieren
    • Tipps: Legen Sie Ihren Mitarbeitern Zeitmanagementtools, beispielsweise ein Denken in Projektplänen nahe. Für die Ordnung am Heimarbeitsplatz ist die 5S-Methode hilfreich.
  • Fokussierung und Konzentrationsfähigkeit
    • Tipps: Klären Sie mit Ihrem Mitarbeiter, woran es liegt, dass er leicht ablenkbar ist. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein:
      • Eventuell geht er ungeplant bzw. chaotisch vor und verzettelt sich. In diesem Fall hilft ein Denken in Projekten, wie es die Methode Getting Things Done schult. Dazu wird jede größere Aufgabe zu einem Projekt, das anschließend Schritt für Schritt abgearbeitet wird.
      • Oder sein Energiemanagement ist optimierbar. Vielleicht macht er zu wenige Pausen oder seine Pausen an der falschen Stelle. Beispielsweise ist es hilfreich, 1-2 Stunden an einer Aufgabe dran zu bleiben und sich dann eine Pause von etwa 15 Minuten zu gönnen.
      • Vielleicht besitzt seine Prioritätensetzung Spielraum nach oben. Hilfreich wäre hier, wichtige Aufgaben gleich am Morgen anzugehen und in Phasen, in denen die Konzentration abflacht, weniger wichtige Aufgaben zu erledigen.
      • Oder er sollte ganz pragmatisch Störquellen ausschalten. Hierbei hilft die Pomodoro-Technique, die nahe legt, interne Störungen, beispielweise anstehende Besorgungen, auf ein Blatt Papier zu schreiben und anschließend mit einem befreiten Kopf weiterzuarbeiten.
  • Belastbarkeit und Umgang mit Einsamkeit
    • Tipp: Auch hier hilft die Einrichtung eines Chatrooms und die ausdrückliche Ermunterung, diesen zu nutzen, auch um Sorgen bezüglich der aktuellen Corona-Krise, Koch- oder Erziehungstipps auszutauschen. Und was das Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter angeht helfen die aus Scrum bekannten Dailys: Einmal täglich etwa 10 Minuten mit dem Chef telefonieren, um zu klären, was heute ansteht und wo Hilfe benötigt wird. Nicht aus Kontrolle, sondern aus Fürsorge.
  • Kommunikations- und Kontaktfähigkeit
    • Tipp: Vermitteln Sie Ihren Mitarbeitern, welche Themen per E-Mail geklärt werden können und welche nicht. Die Grundregel lautet: Komplizierte oder konflikthafte Themen mindestens per Telefon. Einfache Informationen gehen gut per E-Mail.

Diese einfachen Tipps sollten fürs erste helfen, sowohl zu Effektivierung Ihrer Mitarbeiter, als auch um Ärger zwischen Führungskräften und Mitarbeitern zu vermeiden.

In ein paar Wochen werden wir wissen, wie es weitergeht. Bestenfalls ziehen wir aus dem Projekt „Staatlich verordnetes Homeoffice“ wertvolle Erkenntnisse darüber, was funktioniert und was nicht und wie wir mit Schwierigkeiten im Homeoffice umgehen wollen. Erfahrungen, die wir andernfalls nicht hätten.

Für Vertiefungen bieten sich Ein-Tages-Seminare an, auch zur Aufarbeitung Ihrer Erfahrungen, oder – in Zeiten von Corona – Telefon-Coachings unter 0911/7662641 oder zur Terminvereinbarung info@m-huebler.de.