
In den letzten Jahren arbeiteten viele Unternehmen intensiv am Thema Umgang mit Belastungen: Resilienztrainings, Stressprävention, Arbeitszeitmodelle und Gesundheitsprogramme haben mittlerweile ihren festen Platz gefunden. Diese Entwicklung war notwendig und richtig. Dennoch zeigt sich zunehmend: Belastungsmanagement allein greift zu kurz, weil es die Verantwortung für den Umgang mit Stress zu sehr auf den Schultern der einzelnen Mitarbeiter*innen belässt, anstatt systemisch zu denken. Kein Wunder, dass Resilienztrainings oft mit einem skeptischen Blick betrachtet werden. Gleichzeitig steigen dort, wo die Belastung hoch ist, zwangsläufig auch die Fehlerquoten. Ein modernes Fehlermanagement lässt sich daher als systemische Weiterentwicklung zum Umgang mit Belastungen ansehen, sozusagen als logische nächste Entwicklungsstufe.
Belastung erhöht Fehler, nicht Inkompetenz
Überlastete Systeme reagieren mit einer höheren Fehlerrate. Zeitdruck, Multitasking, Personalmangel und ständige Unterbrechungen führen dazu, dass selbst erfahrene Teams Fehler machen. Wer diese Fehler weiterhin individualisiert, verschärft die Belastung zusätzlich:
- Die Angst vor negativen Konsequenzen wird größer.
- Der Rechtfertigungsdruck bei Fehlern ebenso.
- Die Folge sind Schweigen, Rückzug und oft Zynismus.
Auf den Punkt gebracht lautet die Nachricht von Seminaren zum Thema „Umgang mit Belastungen“ bei unzureichender systemischer Einbettung: „Jetzt hast du ein Resilienz-Training bekommen. Dann dürfen aber auch keine Fehler mehr passieren!“
Dadurch entsteht ein Teufelskreis aus Schuldgefühlen, Stress und Fehlervermeidung mit sinkender Lern- und Leistungsfähigkeit.
Von Aushalten zu Aufarbeiten
Viele Resilienzprogramme fokussieren auf die Frage: Wie halte ich Dauerbelastungen, die ich nicht ändern kann, besser aus? Die Beschäftigung mit einer modernen Fehlerkultur stellt eine andere, entscheidende Frage: Eine wertschätzende Fehlerkultur bedeutet nicht, Fehler zu verharmlosen.
Sie bedeutet:
- Fehler klar zu benennen
- Verantwortung zu übernehmen, ohne zu beschuldigen
- Ursachen systemisch zu analysieren
- Lernen zu ermöglichen, statt nach Schuldigen zu suchen
Damit verschiebt sich der Fokus von individueller Widerstandskraft zu kollektiver Lernfähigkeit.
Fehlerkultur schützt vor sekundärer Erschöpfung
Nicht der Fehler selbst erschöpft Mitarbeitende am meisten, sondern der systemische Umgang damit:
- als ungerecht empfundene oder tatsächlich ungerechte Bewertungen
- öffentliche Bloßstellungen
- fehlende Klärungen und Erklärungen
- wiederkehrende Probleme ohne Veränderung
Eine wertschätzende Fehlerkultur reduziert diese sekundäre Belastung erheblich. Sie schafft psychische Entlastung, weil Klarheit, Fairness und Lernorientierung Sicherheit geben – gerade in angespannten Zeiten.
Die logische Führungsperspektive
Organisationen, die dauerhafte Belastungen wirklich ernst nehmen, anstatt sie nur als individuelles Problem zu betrachten, fragen sich zwangsläufig:
- Wie reagieren wir, wenn es schiefgeht?
- Welche Signale senden wir unter hohem Druck?
- Welche Fehler sind akzeptabel und welche nicht?
Hier wird Fehlerkultur zur konsequenten Weiterführung moderner Führungsarbeit. Nicht als Wohlfühlthema, sondern als strukturierte Antwort auf reale Arbeitsbedingungen.
Fazit
- Wer Belastung managen will, muss Fehler managen können.
- Wer Resilienz fördern will, braucht Lernräume.
- Und wer Leistung sichern will, darf Fehler nicht tabuisieren.
Eine wertschätzende Fehlerkultur ist deshalb keine Alternative zum Umgang mit Belastungen, sind die nächste, notwendige Entwicklungsstufe.
Michael Hübler