Schlagwort-Archive: Konflikte

Wenn Perfektionismus zu Konflikten führt

In einer Welt, in der jeder einzelne aufgrund von Testverfahren und Methoden, von denen wir früher nur träumen konnten, immer detaillierter weiß, wo der Hase lang läuft, sind Konflikte vorprogrammiert. Das lässt sich am einfachen Zusammenspiel zwischen Mann und Frau verdeutlichen: Wenn der Mann sagt, der Junge muss männlicher werden und alles dafür tut, seinen Sohn in der Jagd auszubilden, wird er schnell mit seiner Frau in einen Clinch geraten, weil seine Frau der Meinung ist, der Junge muss empathischer werden, weil er es sonst in einer Welt, in der wir miteinander reden müssen, schwer haben wird. Ich greife auf dieses zugegeben extrem vereinfachende Beispiel zurück, um zu verdeutlichen, dass ein sehr empathischer Mensch sich schwer damit tun wird, ein Reh aufs Korn zu nehmen, während ein auf Jagdinstinkte gedrillter Mensch sich mit Empathie schwer tun wird.

Mann und Frau wurden aus dem Paradies vertrieben, weil sie erkannten, wie unterschiedlich sie sind. Im Garten Eden waren sie bis zum folgenreichen Apfelbiss eins. Über die Frage ob dieser glückseelige Zustand von der Bibel tatsächlich ernst gemeint ist oder lediglich das Eins-Sein mit Gott symbolisch darstellen soll, lässt sich trefflich philosophisch streiten. In der realen Welt jenseits paradiesischer Zustände befinden wir uns in einer Welt der Gegensätze: Mann-Frau, Krieg-Frieden, Schwarz-Weiß, An-Aus, Positiv-Negativ, Reich-Arm, usw. Diese Liste ist endlos und bestimmt meinen mediativen Alltag. Auch in der Corona-Krise bestimmen Gegensätze den Diskurs: Eltern-kinderlos, Nähe-Distanz, Stadt-Land, Links-Rechts und natürlich Perfektionismus-Ganzheitlichkeit.

Wären wir noch im Paradies, gäbe es zwar keine Aufklärung und kein Wissen, jedoch auch keine Konflikte. Offensichtlich machen schlangenartige Erkenntnisse klug, aber nicht unbedingt glücklich. Alle Menschen wären gleich und müssten über nichts diskutieren. Es herrschte Frieden auf Erden, vielleicht ja unter der Aufsicht einer Weltreligion und Weltregierung, die allen Menschen vorgeben würde, was wir zu tun und was wir zu lassen hätten. Vermutlich wären wir glückselig. Deshalb sagte Jesus wohl: Selig sind die Einfältigen (Matthäus 5, 3). Denn sie sind nicht vielfältig und müssen daher nicht miteinander streiten.

Dass eine solche Friedhofsruhe in unserem Leben nicht möglich ist, sehen wir tagtäglich. Sobald Annegret sagt: Ich mag monochrome Bilder, begehrt Heinrich auf, weil er seine Bilder viel lieber in Farbe hat. Wenn wir Diversität und Vielfalt ernst nehmen, akzeptieren wir gleichzeitig Konflikte. Annegret und Heinrich könnten sich streiten … oder zu einem Modus der Wechselseitigkeit kommen. Ein vielfältiger Konflikt lässt sich niemals im Moment auflösen, sondern erst durch die Dimension der Zeit. Deshalb legen Mediatoren so viel Wert auf einen sauber durchgeführten Mediations-Prozess. Natürlich könnten sich Annegret und Heinrich zwei Kameras kaufen und jeder schießt seine Bilder für sich. Damit hätten sie den Konflikt durch eine Aktion der Trennung befriedet. Ganz zufrieden werden sie damit nicht sein. Dies wird ihnen spätestens dann klar, wenn sie symbolisch gemeinsam auf einem Foto sein wollen. Erst wenn Annegret und Heinrich sich darauf einigen, ihre Bilder mal schwarz-weiß und mal bunt anzufertigen oder sie nachträglich so zu bearbeiten, wie jeder es gerne möchte, ist eine Lösung möglich. Genau dieses ‚Mal so, mal so‘ oder ’nachträglich‘ verdeutlicht die Prozesshaftigkeit der Konfliktlösung. Damit wird allerdings auch deutlich, dass eine Konfliktlösung schwer herzustellen ist, wenn jeder der beiden perfektionistisch auf seiner Vorgehensweise beharrt.

Das gleiche Prinzip sehen wir in der aktuellen C-Krise. Während die eine Seite der Virologen immer mehr Details erforscht über die Streuwirkung von Aerosolen und die Anzahl der Viren, die wir täglich auspusten, ziehen die Seiten der Kinder- und Altenrechtler Erkenntnisse aus dem Hut, die uns daran erinnern, dass der Mensch mehr braucht als nur einen Schutz vor sich selbst. Mikrobiologen sprechen davon, dass unser Immunsystem den Mikrobentausch mit anderen braucht. Und Psychologen erinnern an die alten Studien mit den Pseudoaffen von Harry Harlow Ende der 50er Jahre (siehe https://www.dasgehirn.info/handeln/liebe-und-triebe/liebe-ein-grundnahrungsmittel oder https://www.youtube.com/watch?v=OrNBEhzjg8I).

In der Diskussion um den richtigen Weg aus der Krise wird von Virologen angemahnt, dass es nun in Deutschland 80 Millionen Hobby-Virologen gibt. Dieser Vorwurf greift jedoch zu kurz, da es vielmehr um die Frage der Diversität in der Meinungsbildung geht.

Es fällt schwer zu akzeptieren, dass man selbst von seinen Erkenntnissen ein Stück Abstand nehmen muss, um gemeinsame Lösungen zu erreichen. Die Realität unseres dualistischen Lebens der Gegensätze zeigt uns jedoch, dass wir nicht nur mit dem Virus leben müssen, sondern auch mit unterschiedlichen Meinungen, Wahrheiten und Erkenntnissen. Toleranz im Sinne eines Aushaltens fremder Erkenntnisse bedeutet in diesem Sinne die Wertschätzung des perfektionistischen Bemühens jeder Seite ohne den gemeinsamen Konsens aus dem Blick zu verlieren.

Auch wenn jeder in seiner eigenen kleinen Welt zu 100% recht hat, gilt es in der Gemeinschaft Einigungen anzustreben. In diesem Wort der Einigung schwingt zumindest ein kleiner Funke unseres ursprünglichen Paradieses mit.

Umgang mit extremen Meinungen

Je größer die Ängste werden, desto größer werden die im Netz aufgefahrenen Geschütze. Da ist von Mord die Rede, wenn Impfkritiker sich nicht impfen lassen. Gleichfalls könnte die Gegenpartei von Mord sprechen, wenn wir die Einsamkeit alter Menschen in Pflegeheimen betrachten. Manche wünschen sich sogar eine Erhöhung der Fallzahlen aufgrund der Demonstrationen, damit die andere Seite endlich merkt, wie ernst es ist. Bildchen mit der Ziehung der Infektionszahlen durch das RKI machen die Runde.

Andere zu überzeugen funktioniert nicht. Auch nicht mit lustig gemeinten Bildern oder kurzen Animationen, die ein schamvolles Gesicht zeigen, um der Gegenseite zu verdeutlichen, wie dumm ihr Verhalten doch ist und dass sie sich bitte schämen sollte. Scham ist genauso unangenehm wie Angst und wird nicht selten zu Wut. Damit ist nichts gewonnen. Was humorvoll gemeint ist oder aus Hilflosigkeit eingesetzt wird, damit die Gegenseite es endlich kapiert, schraubt die Eskalationsspirale nur noch höher.

Marshall Rosenberg meinte einmal: Du kannst recht haben oder glücklich sein. Beides zusammen wird schwierig.

Mediale Lagerbildungen

Wenn die Ängste zunehmen, werden auch die Mittel drastischer, die jeweils andere Seite zu überzeugen. Die Medien tun ihr übriges, um die Lagerbildung voran zu bringen. Wir Deutschen kennen das kaum. Wir hatten noch kein Brexit-Trauma, allenfalls regionale Stuttgart21-Erfahrungen. Wir haben glücklicherweise kein Zweiparteien-System, das zu einer Spaltung der Bevölkerung führt wie in den USA oder in Großbritannien. Vielleicht ist es gerade jetzt ein Problem, dass eine große Koalition in der Regierung sitzt. Dennoch leben wir immer noch in einer Demokratie mit einem mittlerweile wieder lebendigeren Parlament. Manche wünschen sich eine andere Ausrichtung unseres Gesundheitswesens und begreifen die aktuelle Situation als Möglichkeit der Weichenstellung. Weg von einem mechanistischen Denken des Pillenschluckens und Impfens, hin zu einem ganzheitlicheren Gesundheitsdenken jenseits des Pharmalobbyismus. Wir leben in einem fortschrittsgläubigen System, in dem vielleicht der Mensch an sich aus dem Blick gerät. Wir leben jedoch nicht in einer Gesundheitsdiktatur, zumindest solange jeder Mensch selbst entscheiden kann, wie er gut für sich sorgt.

Die Medien berichten nicht so, wie es sich manche wünschen. Eine gewisse Einseitigkeit wurde bereits Anfang April vom Evangelischen Pressedienst angemahnt. Dennoch leben wir nicht in einer Meinungsdiktatur. Es gibt kritische Artikel aus dem Fokus, Spiegel, Deutschlandfunk oder Freitag, um die bekanntesten zu nennen. Und Dieter Nuhr schüttet regelmäßig zünftige Kritik über der Regierung und das RKI aus.

Wir sind vielfältig

Deutschland scheint derzeit aus zwei Lagern zu bestehen: Den Maßnahmengegnern und den -befürwortern. Bei genauerer Betrachtung stimmt dies jedoch nicht:

  • Es gibt sanfte Kritiker, die sich nicht äußern,
  • starke Kritiker, die auf die Straße gehen,
  • Menschen, die sich solidarisch zu den Risikogruppen positionieren und andere die sich solidarisch zu Maßnahmengefährdeten positionieren,
  • rechte Krawallbrüder und -schwestern,
  • radikale Impfgegner und Impfkritiker, die Angst vor einem zu kurz getesteten Impfstoff haben,
  • Menschen, die ihren Job verloren haben und andere, die ihn noch haben,
  • Systemrelevante und Systemirrelevante,
  • Dauerbelastete im Gesundheitswesen und andere, die ihren erzwungenen Kurzurlaub genießen,
  • alte Menschen, die Angst um ihre Gesundheit haben und junge Menschen, die Angst um unseren Planeten haben,
  • Selbständige, Künstler, Gaststättenbetreiber, etc., die nicht wissen, wie es weitergeht und andere, deren Zukunft gesichert ist.

Die „Lager“ sind wesentlich vielfältiger als sie oftmals dargestellt werden. Viele Medien machen hier nicht gerade einen mediativen Job.

Was also tun?

Was können wir tun, um wieder zu erkennen, dass wir mehr sind als nur einem Lager zuzugehören?

Denken wir an die Reproduktionszahl des RKI. Wenn jeder und jede von uns einen Zugang zu einer Person findet, ist bereits viel gewonnen. Hier geht es jedoch nicht darum, die Gegenseite zu überzeugen, sondern darum, ihr sein Verständnis zu schenken. Ich gehe davon aus, dass die wenigsten von uns Extremisten sind. Ein Austausch, ein offener Diskurs sollte also möglich sein.

Anstatt meine Meinung zu äußern kann ich eine Frage stellen. Ich kann mich nach den Sorgen meines Gegenübers erkundigen. Ich kann meine eigenen Sorgen äußern. All das sind Angebot, die aus meiner Erfahrung meistens angenommen werden.

Im Netz ist das nicht immer einfach. Die Ängste, die wir haben, werden durch die Bildung von Lagern paradoxerweise nicht reduziert, sondern verwandeln sich in einen Kampf darum, wer recht hat. Warum also nicht 2-3 mal die Woche zum Telefonhörer greifen und einen Freund oder eine Freundin anrufen, mit dem oder der wir derzeit fremdeln?

Wir haben alle Angst. Sprechen wir darüber.

Impfbefürworter und Impfgegner entfaszinieren

Der Begriff der Entfaszination geht auf Peter Sloterdijk zurück. Eine Faszination bezeichnet bei ihm die negative Anziehung zweier Positionen, die nicht voneinander lassen können, vielleicht sogar ihr Selbstverständnis aus der Abgrenzung vom Anderen beziehen. In diesem Sinne faszinieren sich Nazis und Antifa gegenseitig, genauso wie Juden, Christen und Moslems und – Abkürzung, um nicht zu ausufernd zu werden – viele Gegensätze mehr.

Eine Entfaszination ist immer dann nötig, wenn der Bezug aufeinander so eng wird, wodurch das Blick auf sich selbst nicht mehr möglich ist, ohne den anderen zu sehen. Was wäre eine Antifa ohne das Fa? Was wäre das Christentum ohne die Abgrenzung zum Judentum, aus dem es entstanden ist oder zum Islam, der ebenfalls als monotheistische Konkurrenz im religiösen Raum steht. Erst durch die Entfaszination und damit den Abstand von seinem Antipoden ist es möglich, das eigene Selbst aus der Verbandelung mit dem Anderen zu entwirren, mit dem Ziel einen Konflikt langfristig zu befrieden.

Mir scheint der aktuelle Streit um das C, insbesondere in seiner kumulativen Form zwischen Impfbefürwortern, -gegnern und -kritikern nimmt ähnlich religiöse Züge an. Dabei stellt sich die große Frage, was an der jeweils anderen Partei uns so maßlos ärgert und was vielleicht in Wirklichkeit zur Kategorie der Jungschen Schattenanteile gehört? C.G. Jung meinte damit die Sehnsucht danach, was ich nicht habe, aber bei anderen beobachte.

Zuerst einmal ist es wichtig, an dieser Stelle drei Gruppen zu unterschieden:

  • Impfgegner lehnen solche Maßnahmen rigoros ab.
  • Impfbefürworter stehen einer Impfung als Möglichkeit gegen das C vorzugehen positiv gegenüber.
  • Dazwischen stehen die Impfkritiker. Sie lassen sich impfen, wenn es sinnvoll ist, lehnen es jedoch ab, wenn die Risiken zu hoch sind bzw. der Impfstoff noch nicht gut genug erforscht wurde, zumal man hier zwischen Kurzzeit- (Tage bis Wochen) und Langzeitfolgen (mehrere Jahre) unterschieden muss.

Schauen wir uns an, was an den drei verschiedenen Typen faszinierend ist (Obacht! Leichte satirische Übertreibungen sind dabei nicht ausgeschlossen):

Rigorose Impfgegner

Rigorose Impfgegner vermeiden es partout, ihrem Organismus etwas Künstliches beizumischen. Sie setzen auf die alleinige Immunkraft ihres Körpers. Der Schritt, wahlweise zur immunstärkenden Pendel-Esoterik zu pendieren oder zum astralgestählten Reichskörper zu mutieren ist damit nicht weit. Das Essen soll rein sein. Die Luft klar. Der Körper wird gepflägt bis er einem Protagonisten eines Leni Riefenstahl-Films gleicht.

Die Wurzeln einer solchen Denkweise gehen bis weit ins letzte Jahrhundert zurück. Damals in der 20er-Jahren auf dem Monte Verita in der Nähe des Lago Maggiore versammelten sich allerlei naturverbundene Verrückte, v.a. deutsche Aussteiger, Körperkultfanatiker (damals wurde noch nackt gegärtnert) ebenso wie Pazifisten und latente Antisemiten. Der Monte Verita wurde zu einem El Dorado deutscher Intellektueller und russischer Dissidenten. Hermann Hesse war dort ebenso zu Besuch wie Friedrich Nietzsche, Leo Troztki oder Walter Gropius. Der Traum von der vielleicht ersten Hippiekommune Europas hielt nicht lange an. Eines wurde jedoch damals schon deutlich. Wer seinen Körper rein halten will, muss damit rechnen, mit Rechten am Tisch zu sitzen. Diese Erfahrung machte auch die deutsche Wandervogel-Bewegung. Einst als Gegenmodell der bösen Industrie gedacht, als Ausweg aus dem stressigen Rattenrennen des damals schon „Höher, schneller, weiter“-Denkens, fand sich in ihren eigenen Reihen alsbald der aufkeimende Rassismus. Damit war es ein Klacks, dass zumindest ein Teil der humanistisch nicht allzu reinen Wandervögel später von der Hitlerjugend am Spieß gebraten und aufgefressen wurden.

Wenn es nun wieder heißt, wehret den Anfängen, wenn ein großer Teil der Impfgegner AfD wählt, liegt darin auch ein Stück Wahrheit. Genauso wie es wahr ist, dass es auch heute noch manche Ökos gibt, die einem rechten Gedankengut nicht unbedingt abgeneigt sind. Und genauso wahr ist es, dass nichts ahnende Naturverbundene auf der Suche nach einer Gemeinschaft auf dem Lande alsbald in einem Reichsbürgernest landen könnten. Sie wären nicht die ersten. Wenn es nicht kompliziert wäre, wäre es einfach.

Dennoch ist es faszinierend, dass es Menschen gibt, die sich auf die Fahne schrieben, nur noch Biogemüse und regionale Produkte zu konsumieren und ihren Körper nicht vergiften wollen, egal für wie verrückt sie andere Menschen dabei halten. Keine Handystrahlen, keine Mikrowelle. Vermutlich haben diese Menschen einen ökologisch korrekteren Fußabdruck als so mancher Grünen-Wähler, ohne dass sie dies jemals digital überprüft hätten. Auch daher kommt der grassierende Antiamerikanismus (oder die Angst vor Billy the old Kid Gates) in den Reihen nationaler Denker. Alles Schlechte kommt aus den USA. Mit Genmais, einer Coca-Cola, McDonalds und Burger King fällt es schwer, seinen Körper zu ehren. Dass jedoch die Karikatur eines Politikers wie Donald Trump für solche Menschen ein Idol des echten, wahrhaften Lebens darstellt, zeigt, wie weit sich die Menschen schon voneinander entfernt haben.

Wie alles im Leben ist es auch hier eine Frage des Maßes und der ideologischen Überhöhung. Menschen, die sich anders ernähren, nicht bekehren zu wollen und sich selbst nicht als die (regionale) Krone der Schöpfung zu betrachten macht den Unterschied.

Kategorische Impfbefürworter

Impfbefürworter haben ein großes Vertrauen in die Wissenschaft und Politik. Sie sind auf dem aktuellen Stand der Technik. Sie sind fortschrittsorientiert und glauben daran, dass neue Erfindungen ein Segen sind. Warum nach draußen gehen, wenn ich auch mit meiner Playstation den Dschungel erkunden kann? Und während Impfgegner sich ihren Kräutertee selbst im Wald suchen, werfen Impfbefürworter lieber eine Kopfschmerztablette ein. Geht leichter, wirkt schneller und hält länger an. Im Vergleich zum Schwarzmarkt zeigt sich die wahre Nützlichkeit der Wissenschaft: Während ich die Wirkung einer handelsüblichen Tablette gut abschätzen kann, fällt mir dies bei der Extasy-Tablette meines Lieblingsdealers nicht immer leicht.

Der Hintergrund dieser Denkrichtung ist so mächtig wie nachvollziehbar. Wir Menschen sind umgeben von den Segnungen von Wissenschaft und Technik. Würden wir noch im Mittelalter leben, würden wir kaum so alt werden. Sein Bier selbst zu brauen, mag eine Erfahrung sein. Die Plörre, die ich kaum kaufen würde, warm zu trinken ist dann doch des Guten zuviel. Seine Krebserkrankung wegzubeten ist ebenso kein Spiel für Anfänger. Und wer wie die Tochter des Autors an Skoliose leidet, ist froh um die Möglichkeit, mit Hilfe neuester Technik ein Korsett anfertigen zu lassen.

Faszinierend an den Impfbefürwortern ist zudem die Tatsache der bisher großen Einigkeit in der Krise. So wie sie bereits zuvor Einigkeit bewiesen bei der Nutzung von E-Autos, Pedelecs, Microsoft-Apps und Netflix, zeigen sie auch hier eine allumfassende einheitliche Stroßrichtung. Was der Kommunismus nicht schaffte, hat der Kapitalismus heimlich still und leise erreicht. Und das ganz ohne Blut zu vergießen: Völker aller Länder, nutzt unsere gemeinsame Kommunikations-App. Selbst Menschen, denen früher eine gewisse Gruppenscheue attestiert werden konnte, gehen nun in der digitalen Gemeinschaft auf. One Nation under one Betriebssystem.

Wer wollte da nicht religiöse Gefühle bekommen? Als Gott Adam und Eva im Paradies aussetzte, waren sie noch eins mit ihm, zumindest eins miteinander. Sie waren weder Frau noch Mann, nur Mensch. Dann kam die Erkenntnis und damit die Trennung voneinander und die Vertreibung aus dem Paradies der glückseelig Naiven. Nun wurden sie wir wieder vereint in einem messianischen Prozess.

Einheit und Gemeinschaftssinn bedeutet Solidarität. Und darin steckt das wahre Faszinosum. Solidarität mit den Kranken, Schwachen und Alten. Während Impfgegner sich um ihre eigene Gesundheit kümmern und der allumfassenden Einheit eine Abfuhr erteilen, sorgen sich die Impfgegner um die Bedürftigen. Dass sie dabei die Welt ein weiteres mal zerstören, weil gebrauchte Masken maskenweise in den Meeren landen und neue Techniken zu neuen Abfällen führen ist deren persönlicher Treppenwitz.

Abwägende Impfkritiker

Die Impfkritiker stehen wohl den Impfgegnern ein wenig näher. Nur sind sie nicht so extrem. Sie wägen ab. Sie impfen auch mal, wenn es sein muss. Der Autor bekam selbst vor vielen Jahren eine Impfung, die ihm so richtig seinen Urlaub in Tunesien versaute, worauf seine Ärztin später meinte: Ohne wäre es noch viel schlimmer gewesen. Na dann.

Was also macht man, wenn man irgendwie dazwischen steht in dem ganzen Schlamassel? Auch mal ein Schnitzel aus dem Supermarkt essen? Oder mit dem Elektro-SUV zum Bio-Gemüsehändler fahren? Vielleicht sind Impfkritiker ein bißchen was von allem. Ein bißchen Bio, ein bißchen Öko, ein bißchen Technik, ein bißchen Fortschritt, ein bißchen sozial, ein bißchen egoistisch, ein bißchen umweltzerstörerisch, ein bißchen faul, ein bißchen traurig, ein bißchen ängstlich.

Mit einer philosophischen Meditation durch die Krise

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich auf etwas zurück besann, dass ich in der Vergangenheit schon mehrmals anwandte, um in schwierigen Zeiten wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Vor etwa 10 Jahren stieß ich zum ersten mal auf die Kabbalah bzw. den Lebensbaum aus der jüdischen Mystik. Also Obacht! Jetzt wird es esoterisch. Aber schwierige Zeiten erfordern schwere Geschütze. Vielleicht hat mich die Kabbalah damals angezogen, weil in meinem Blut ein paar jüdische Milliliter fließen, großmütterlicherseits.

Die Kabbalah gilt für manche als eine Art Geheimlehre. Das hat weitgehend mit einer Zahlenmystik zu tun, die ich entweder nicht verstehe oder nicht mitgehen mag. Der Lebensbaum jedoch, aus der nordischen Mythologie als Yggdrasil bekannt, bietet mir anhand seiner zehn verschiedenen Ansatzpunkte und damit verbundenen persönlichen Fragen eine gute Orientierung in verwirrenden Zeiten.

Der Lebensbaum besteht aus drei verschiedenen Bereichen, unten einem körperlichen, in der Mitte einem psychisch-emotionalen und oben einem geistigen Bereich. In unterteile für diese kurze philosophische Gedankenreise die drei Bereiche in drei zeitliche Phasen mit zweimal drei und einmal vier Bereichen:

I. Die körperliche Phase

Derzeit befinden sich die meisten Menschen in der körperlichen Phase I. Hier sind wir mitten drin im Geschehen. Die vier Bereiche dort lauten:

  • Welche Bedürfnisse habe ich, z.B. Sicherheit oder Freiheit?
  • Welches Wissen habe ich, z.B. über das Virus, Fallzahlen zum Thema Kindeswohlgefährdung oder die Wirkungsweise von Handy-Tracing?
  • Daraus folgen konkrete Handlungen, z.B. dieser Artikel hier, der Besuch einer Demonstration, weitere Recherchen oder Diskussionen in Internetforen.
  • Aus dem Zusammenspiel dieser drei Bereiche entsteht unsere Identität und damit das Bild, das wir nach außen präsentieren, je nachdem wie wir uns wünschen, dass andere uns wahrnehmen. Vielleicht hätten wir gerne, dass andere Menschen uns für klug halten oder besonnen, auf der richtigen Seite stehend oder auch „sich nicht für dumm verkaufen lassend“. Unsere Identität ist nicht dasselbe wie unser Ich. Dazu jedoch später mehr.

II. Die psychisch-emotionale Phase

In der psychisch-emotionalen Phase II nähern wir uns unserem persönlichen Wesenskern, dieses mal im Rahmen dreier Bereiche. Während wir in Phase I irgendwann einmal damit beginnen, uns um uns selbst zu drehen, können wir hier neue Erkenntnisse über uns und unsere Mitmenschen gewinnen:

  • In der Kabbalah beschäftigt sich ein Punkt der drei psychisch-emotionalen Aspekte mit der Frage, woraus ich meine Stärke oder Kraft beziehe? Z.B. über die Verbundenheit mit anderen oder indem ich Abstand von der Thematik bekomme, Gartenarbeit betreibe oder ähnliches. Gleichzeitig stellt sich hier die Frage, womit ich Geduld haben bzw. was ich aushalten sollte? Vielleicht muss ich es aushalten, dass sich die Meinungen der Politiker oder Wissenschaftler täglich verändern, dass das Verfassungsgericht nicht auf jede Anfrage sofort reagieren kann oder dass es Mitmenschen gibt, die sich nicht informieren, überinformiert sind oder als Experten aufspielen?
  • Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, was ich meinem Umfeld gütig geben kann? Wie ich anderen Menschen Hoffnung gebe, sie solidarisch unterstütze oder das Auseinanderdriften von Familien und Freundschaften verhindere?
  • Die beiden Aspekte der gebenden Güte und geduldigen Stärke sollten in einer guten Balance liegen, um zum letzten Punkt dieses Triumvirats zu kommen, unserem persönlichen Wesenskern, verbunden mit der Frage, was mich als Mensch, mein Ich, im Wesentlichen ausmacht? Vielleicht sind es tatsächlich Geduld und Ausgeglichenheit, vielleicht auch Zähigkeit, Wissensdurst oder Humor? Es soll ja Menschen geben, die liebend gerne andere provozieren.
  • Unser Ich sollte wiederum mit der Identität aus Phase I abgeglichen werden, um sich darüber klar zu werden, ob ich das, was ich anderen von mir präsentiere auch tatsächlich innerlich spüre, ob ich also mit mir selbst im Reinen bin.

III. Die geistige Phase

In Phase III geht es in geistige Höhen. Hier beschäftige ich mich mit Erkenntnissen und Weisheiten, die weit über die Krise hinausgehen:

  • Als erstes stelle ich mir die Frage, welche persönlichen Erkenntnisse ich aus der Krise ziehe. Ein Beispiel: Ich erkenne, dass ich für Verschwörungstheorien (oder zu leichter Staatsgläubigkeit) anfällig bin und am meisten Kraft aus den Bestätigungen anderer ziehe. Gleichzeitig erkenne ich, dass mich das Wissen aus dem jeweils anderen Lager ärgert oder sogar verunsichert. Was also tun? Streiten, mich der Unsicherheit ausliefern oder in meiner Stärke bleiben?
  • Aus dieser Erkenntnis lassen sich persönliche Weisheiten ziehen. Vielleicht besteht die wahre Herausforderung im Umgang mit unseren Mitmenschen nicht darin, andere von unserer Meinung zu überzeugen, sondern zu akzeptieren, dass wir in Wahrheit viel wissen, jedoch kaum wissen, welche Bedeutung unser Wissen hat. Damit könnte eine Weisheit lauten: Umarme dein Nichtwissen, denn das einzige, was wir wirklich und wahrhaftig wissen, ist nicht zu wissen, wie das hier alles ausgeht, egal, welchen Weg wir nehmen. Und dennoch müssen wir uns vor dem Hintergrund unserer aller Fehlbarkeit eine Meinung bilden, so wie Politiker aufgrund deren Meinung eine Entscheidung treffen. Wir entscheiden uns also (temporär) für eine Seite, andererseits würde es uns psychisch entzweien, im gleichzeitigen Wissen, dass wir falsch liegen können.
  • Im letzten Punkt, der Krone in der Kabbalah, stellt sich die Frage, was uns alle miteinander eint? Mit Sicherheit gibt es ein paar böswillige Zündler. Für den Rest gilt: Niemand will sich beleidigen lassen. Niemand von uns will Morddrohungen bekommen. Wir wollen alle gehört, wahr- und ernstgenommen werden. Wir sind alle Menschen auf der Suche nach einem Sinn.

Wir sind alle Individuen

Jörg hat zwei Freunde. Mit Sören ist er ganz dicke. Mit Hannes ist es manchmal schwierig. Am Wochenende kochen die drei zusammen. Die Spaghetti sind gesetzt. Über die Sauce wird diskutiert. Hannes schlägt Puntanesca vor. Spaghetti nach Hurenart, sagt Wikipedia, mit viel Knoblauch, viel Sardellen und Parmesan. Sören würde die Putanesca auch essen, aber eigentlich hätte er lieber etwas sanfteres, vielleicht einfach nur Tomatensauce. Jetzt hat Jörg ein Problem: Er findet Sardellen unglaublich lecker, will aber Sören nicht verprellen. Was also tun? Geschmack oder Sympathie?

Etwas ähnliches läuft gerade beim großen C ab. Manche Menschen vertreten eine Meinung, die jemand anders bereits vertritt, den wir jedoch unsympathisch oder schlimmer noch: wirklich gruselig finden. Die einen entdecken, das sie auf einmal Fan von Franz Markus Söder sind. Glückwunsch. Andere finden eine Rede von Herbert Kickl gut. Aber halt! Das darf ich doch gar nicht. Denn Kickl ist bei der FPÖ, dem österreichischen Pendant der zur AfD. Schwierige Sache.

Wer derzeit auf Demos seine Zeit verbringt, entdeckt eine unglaubliche Mischung aus Nazis, ewigen Verschwörern, Impfgegnern, Familien mit Kindern, Rentnern oder Ostblock-Mahnern. Sie alle eint, gegen die aktuellen Maßnahmen zu sein. Sie haben dieselbe Meinung, sind jedoch mitnichten einem bestimmten Lager zuzuordnen.

Krisen sind bestimmt dazu, Menschen in Schubladen zu stecken. Bist du für mich oder gegen mich? Dabei vergessen wir leider, an die Zeit vor und nach der Krise zu denken. Vor der Krise gab es wundervolle Begegnungen mit wundervollen Individuen, jenseits von Lagerbildungen. Und ab und an sollten wir auch ein paar Momente darauf verwenden, uns vorzustellen, wie wir uns nach der Krise wieder als Individuen, als Menschen begegnen wollen. Auf der Straße. Von Angesicht zu Angesicht. Ohne Anschuldigungen. Ohne Ressentiments.

Wenn wir das schaffen, kommen wir auch in unseren Familien, Freundeskreisen und mit den Arbeitskollegen gut aus dieser Krise heraus. Wir sind alle einzigartige Menschen und keine Parteisoldaten. Und als Menschen sind die Meinungen, die wir aktuell vertreten, nur ein Teil von uns.