Über Glück, Kontrolle, Gestaltung und Loslassen

Im Anblick des Chaos in der Welt, der aufploppenden Populisten, des Vertrauensverlusts der Menschen in die etablierte Politik und der Wut und Nervosität, die einem allerorten entgegenschwappt, kommt es mir so vor, als stünde ein Teil von uns bereits mitten in der Apokalypse, während ein anderer Teil bereits mit dem Leben abgeschlossen hat. Goodbye Abokalypse. Tschüss sorgloses Leben. Auf Nimmerwiedersehen lebenslange Verbindungen zu Frau, Partner, Freunden, Arbeit und Partei. Herzlich Willkommen Ungewissheit! Mach es dir bequem auf meinem Sofa. Der Platz neben mir wurde gerade eben frei.

Der einfachste Weg erscheint das Ersetzen des einen Gottes durch einen anderen. Diesen alten Brauch praktizierten nicht nur die Römer, sondern auch die Christen. Den neuen Glauben ohne eine mystische weibliche Göttin zu beginnen, erschien den Urchristen gar zu dreist. Heilige Maria, Mutter Gottes, etc.

Doch wir leben in spannenden Zeiten, in denen es nicht mehr reicht, die Karotte des Esels gegen eine Zuckerrübe auszutauschen, damit er sich endlich bewegt. Die Digitalisierung hat auch ihre schönen Seiten. Sie zwingt uns zur Bewegung. Was also tun, wenn die alten Götter nichts mehr taugen und die neuen sich bereits in den ersten Wochen zerfleischen?

Die Gehirnforschung sagt: das Gefühl der Kontrolle beruhigt. Anders formuliert: Kontrollverlust macht unglücklich. Doch Kontrolle funktioniert nicht. Die Welt dreht sich so schnell, dass uns schwindelig wird. Der Markt, die Produkte, die Technik, die Ideen. Gestern noch hip, heute schon out. Gestern noch pleite, heute Marktführer, siehe Tesla.

Keine Kontrolle im Außen, keine Kontrolle im Innen. Da hilft wohl nur noch Vertrauen. Vertrauen in sich selbst. Glück und Vertrauen sind jedoch Prozesse, die nicht wählbar sind und die es nicht auf dem Jahrmarkt zu kaufen gibt.

Der Weg zum Vertrauen in sich selbst beginnt damit, zu erkennen, dass ich eine Wahl habe. Dass ich sofort kündigen, mich trennen könnte und eine weitere Ausbildung machen könnte. Dass ich wütend, traurig, engagiert, zufrieden oder sogar glücklich sein könnte. Der Schlüssel zum Glück beginnt damit, diese Möglichkeiten wahrzunehmen. Doch wie leicht fällt es uns wohl, unsere Potentiale zu erkennen, wenn wir sie all die Jahre noch nicht nutzten? Und wie leicht fällt es uns dagegen, ja zu sagen zu unserem bisherigen Leben und damit das Neue nicht einmal zu denken? Jedem motivierten Handeln geht ein Denken voraus. Dass mein Handeln Konsequenzen hat ist logisch. Doch ohne ein Denken in Möglichkeiten macht es keinen Sinn, ins Handeln zu kommen. Das vielleicht Unmögliche zu denken gilt es folglich auszuhalten.

Der nächste Schritt zum Vertrauen in sich selbst ist die Erkenntnis, dass wir niemals nur das eine oder andere tun, sondern immer beides. Wer kündigt, verliert nicht seine alte, sondern strebt eine neue Arbeit an. Wer sich trennt, macht sich frei für neue Verbindungen. Wer wütend ist, erlaubt sich, seine Wut anderen zu zeigen, die vielleicht ganz anders reagieren als ich zuvor dachte. Wir können in Möglichkeiten denken und sollten auf die Konsequenzen gefasst sein. Was wirklich passieren wird, wissen wir nicht.

Nach der Auseinandersetzung mit meinen Möglichkeiten gilt es, Licht ins Chaos zu bringen und auszusortieren: Was kann ich wirklich und was nicht? Was will ich und was nicht? Die Suche nach Ordnung ist ein langwieriger, Jahre dauernder Prozess. Ich werde vieles ausprobieren müssen, um zu wissen, dass es das nicht ist. Die Geduld und das Vertrauen, letztendlich das Richtige zu finden wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Aus vielen Biographien lassen sich meist etwa 10 Jahre herauslesen, die benötigt wurden, ein Handwerk von der Pike auf zu lernen, bis sie die nötige Reife hatte, das zu tun, was Ihnen wichtig ist. Jean-Paul Belmondo verbrachte 10 Jahre seines Schauspielerlebens damit, „klassisches“ Schauspiel zu lernen, bis er auf Jean-Luc Godard traf. Von da an musste er keine Texte mehr lernen, sondern durfte improvisieren. Es ist fraglich, ob die Dialoge in „Außer Atem“ so großartig geworden wären, hätte es die 10 Jahre zuvor nicht gegeben.

Am Ende bleibt ein neuer Weg übrig, den ich weiterverfolge. Der Weg, der sich für mich am stimmigsten, sinnvollsten und lebendigsten anfühlt. Der Weg, in dem ich mich wiederfinde, der mich mit meinen Fähigkeiten schöpferisch und gestalterisch tätig werden lässt. Der Weg, in dem ich mich selbst und meine Entwicklung zum Maßstab nehme, bis ich meine persönliche Reife entdecke.

Eine Reife, von der aus ich stabiler in der Welt stehe und ohne Scheuklappen kommuniziere. Ohne Vorwürfe, Verurteilungen, Reue oder Selbstmitleid. Und ist es nicht eines der größten Geschenke der Welt, einem Menschen zu begegnen, der in sich ruht und mit sich selbst im Reinen ist? Eine Reife, deren Moral nicht aus Gesetzestreue erwächst, sondern dem tiefen inneren Verständnis eines Menschen für die Prinzipien des Lebens, ohne darübersozialisierte Schichten. Geboren aus der Sehnsucht nach Verbindung, Liebe, Tiefe, Wärme, Einzigartigkeit, Sinnhaftigkeit und Lebendigkeit – und vielleicht einem Schuss Kantschem Imperativ.

Wenn ich all das realisiere und auf mein Leben zurückblicke, weiss ich: Ich habe vieles gesehen, das für mich wichtig war. Ich kenne mich und das Leben. Ich habe Dinge ausprobiert, die ich nicht mehr brauche, andere, die ich nicht missen möchte und wieder andere, die ich immer noch weiterverfolge. Die Popkultur proklamiert verkürzt: Einen Scheiß muss ich! Die Lang-Version davon lautet: Ich muss niemandem mehr(!) etwas beweisen. Ich muss überhaupt nichts mehr. Und alles, was ich fortan tue, will ich genau so. Gibt es einen höheren Moment des Glücks, als diesen Zustand zu empfinden?

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