Pro und Kontra Achtsamkeitswahn

Heute mache ich mir ein paar Feinde. Aber es geht nicht anders. Yoga, Qigong, Taichi, die ganze Schiene. Wer jemals in einem solchen Kurs war, weiß wahrscheinlich, wie sinnvoll das dort Gelehrte sein kann. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit ich das Gelernte auch umsetze, wenn mich der Alltags-ICE überrollt. Streicheln wir dann schnell den Bart des Weisen, um wieder runterzukommen? Oder versetzen Luftbäume, um uns zu erden? Ich jedenfalls hab sowas noch nie gemacht. Die Vorstellung ist amüsant, inmitten eines Streitgesprächs die Geistesgegenwart zu besitzen und mein Gegenüber zu bitten, gemeinsam den Atem des Universums zu praktizieren. Es würde mit Sicherheit helfen. Und wenn nicht, weiß mein Gesprächspartner wenigstens, dass er mein kleinstes Problem ist. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch den Fliegenden Kranich machen.

Im Ernst: Ich hatte mal einen Feldenkraistrainer, der jede, wirklich jede Übung mit den Worten abschloss:“Und wenn du nicht mehr kannst, dann lass das alles sein. Lass einfach los.“ Und ich ließ los. Aber hallo. War ja auch anstrengend, dieses Zeitlupengedehne. Und zwar nicht nur im, sondern auch außerhalb des Kurses. Das fühlte sich richtig gut an. Der erhobene Mittelfinger sozusagen in kommunikationsfreundlicher Formulierung. Hier hat es funktioniert. Wenn mich ein unangenehmer Zeitgenosse nervt, ist es nunmal leichter mir innerlich zu überlegen, ob ich ihm die Nase brechen sollte bzw. wie ich mit meinen 1,70 da überhaupt rankomme oder ob ich doch lieber lächle, mit tief verinnerlichter Bassstimme omme und mir zuflüstere:“Lass das alles sein.“ Jetzt bloß nicht laut denken. Natürlich könnte ich ihm auch sagen: Ich muss erst mein Chi wecken. Wecke du auch deines. Blödsinn. Obwohl? Warum nicht?

Also gut: Wer es ausprobieren will. Ab jetzt innerlich mitbildern. In den Bärenstand, Arme und Hände nach unten geöffnet leicht nach vorne strecken und nun mit dem Körper langsam auf und ab pumpen. Empfehlen kann ich es nicht. Vielleicht den Sonnengruß? Wie ein Regenbogen schwingen? Die Wolken teilen? Den Affen abwehren? Ein Boot rudern? Nein, auch das nicht. Den Mond anblicken? Mit der Handkante das Chi schieben? Definitiv nicht!

Ist der Gesundheitswahn explodiert? Bei all den Angeboten? Der Zeitdruck im Arbeitsleben nimmt ja auch stetig zu. Was bleibt uns übrig, als sich nach einem stressigen Arbeitstag mit ASMR-Videos das große Kribbeln erst auf die Ohren und dann durch den Körper zu ziehen. Autonomous Sensory Meridian Response. Während Up-to-date-Gestresste sich andere Menschen über Kopfhörer das Rauschen des Kämmens, Bügelns und Zusammenfaltens von Hemden reinziehen, gehe ich Stehengebliebener in den Wald und höre mir das Zwitschern von Vögeln an. Wie uncool und weit jenseits der Nice-Grenze.

Business-Pilates wäre noch eine Alternative? Power-, Lach- oder Kinderyoga. Wahrscheinlich kennen sich manche Westler so gut mit Yoga aus, dass sie extra nach Indien reisen, um den Eingeborenen dort, das darf man glaube ich wieder sagen, zu erklären, wie man das richtig macht. Nicht nur so aus dem Bauch heraus.

Was war eigentlich zuerst da? Der Stress? Oder der Yogakurs?

Ich persönlich kenne mich mehr mit Atmen aus. Und ich weiß, dass ich jedesmal beim Andante einer Sinfonie spürbar aufatme. Wenn du keine Lust mehr hast, lass einfach los.

Ich weiß auch, dass ich mit einer tiefenverspannten Körperhaltung keine großen Sprünge hinbekomme. Von geistigen Höhenflügen ganz zu schweigen. Und ich weiß, dass es unfair ist, anderen Leuten ihre Probleme wegzunehmen. Lass einfach los, erst recht wenn es schwer fällt. Rauchern zum Beispiel. Ist das mein Problem, dass die früher sterben? Sind doch ansonsten nette Menschen, mit Problemen halt. Aber die haben andere auch. Alleinerziehende. Eltern sowieso. Greise. Die gestresste Generation Y. Am Ende noch verwöhntes Einzelkind. Informationsjunkies. Bulimie-Studies. Die Bundeswehr. Die katholische Kirche. Ökofaschisten. Wenn jetzt jemand auf Rechtsradikale wartet: Nein, Nazis sprengen diese Liste. Da bin ich doch froh, als leistungsverweigernder Zweitgeborener, Nähephobiker und Freiheitsfanatiker meine ganz eigenen Probleme zu haben. Die gehen schließlich nur mich was an. Da trifft es sich gut, dass ich gelernt habe, wie man richtig atmet. Atmen ist mein Power-Yoga. Atmen funktioniert auch im Umgang mit Idioten.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*