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Humor als Handicap

Fünf Personen stehen um ihren Chef. Vier davon lachen. Daraufhin wird die fünfte Person gefragt: „Warum lachen Sie nicht?“ Die Antwort: „Ich muss nicht mehr. Ich habe gekündigt.“

Mit diesem Witz beginne ich Führungstrainings, wenn ich besonders wagemutig bin. Meist jedoch bringe ich ihn nach etwa einer Stunde, wenn meine Teilnehmer wissen, mit wem sie es zu tun haben und eine erste Bindung entstanden ist. In den ersten Minuten erzählt wirkt er oft verunsichernd. Später ist der Lacherfolg größer. Humor ist ein Handicap, das ich mir leisten können muss. Zahlte ich zuvor einiges auf das Beziehungskonto ein, kann ich ein Wagnis eingehen und etwas abheben. Bin ich kompetent genug und strahle genügend Ernsthaftigkeit aus, kann ich mir ab und an einen Scherz erlauben.

Humor anzuwenden erfordert den Mut, die üblichen Kommunikationsmuster zu durchbrechen. Als Alexander der Große fragte, was er Diogenes bieten könne, entgegnete dieser nicht das plumpe „Geh mir aus der Sonne“, sondern den um Meilen lyrischeren Spruch: „Du kannst mir nicht bieten, was die Sonne mir bietet.“ Diogenes kam mit einer minimalen Anzahl an Gütern aus. Er lebte von der Hand in den Mund. Warum diese Erkenntnis wichtig ist? Der assoziative Trickser Diogenes hatte nichts zu verlieren. Und wer derart frei ist, kann sich den Mut leisten, humorvoll auszuteilen. Als Platon ihn herausforderte: „Würdest du dich mehr anpassen, müsstest du nicht jeden Tag Linsensuppe essen“, entgegnete Diogenes: „Würde es dir nichts ausmachen, Linsensuppe zu essen, müsstest du dich nicht anpassen.“ Treffer, versenkt. Da die meisten von uns ein wenig mehr zu verlieren haben als Diogenes, gilt: Humor ist wie Champagner: Als Aperitif oder edler Abschluss eines Essens wunderbar geeignet, doch als Hauptgang nicht zu empfehlen.

Humor gilt laut Duden als die Fähigkeit, mit Widrigkeiten des Alltags gelassen umzugehen. Der Dichter Jean Paul sagte: „Humor ist der Gegensatz zwischen Natur und Geist“ und meinte damit den Gegensatz zwischen dem, was ist, wovon wir abhängig sind und dem, was sein könnte.

Soziale Theorien betrachten Humor als verbindend oder separierend: Wer lacht mit wem? Wer hat wessen Humor? Wer lacht über Mario Barth und wer über Hagen Rether? Beide arbeiten mit Humor. Doch dazwischen liegen Welten. Unser Individuum, mehr noch, unsere Gruppenzugehörigkeit, definiert sich über Humor. Wenn Harald Schmidt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Minute lang nichts anderes macht, als auf die Uhr zu blicken und dem Zuschauer damit vor Augen führt, wie GEZ-Gebühren verschleudert werden, ist dies für die einen ein ironisch-zynischer, revolutionärer Akt, für die anderen ein Affront, ein Schlag ins Gesicht. Erst durch diese Zweiteilung funktioniert Humor. Erst wenn sich die bisweilen Intellektuellen vom Bild-Zeitungs-Publikum distanzieren, wird dieser Akt der „Stillen Minute“ zu einem spannenden humorvollen Experiment.

Die Inkongruenz-Theorie besagt: Stimmt die Wirklichkeit nicht mit den eigenen Gedanken oder Gefühlen überein, erfolgt eine Anspannung. Als zweites folgt die Auflösung und mit ihr das Lachen als Entspannungsreaktion: Ah! So ist das! Gute Werbungen arbeiten mit solchen Aha-Effekten: Ein Mann verursacht einen Unfall. Aus dem anderen Wagen steigt ein brutal aussehender Typ wie ein Schrank, der unseren Helden zwingen will, ebenfalls aus seinem Wagen zu steigen. Dieser drückt auf einen Knopf mit der Aufschrift „Trunk Monkey“. Unser Gehirn fragt sich: Ein Affe im Kofferraum? Was soll das? Der Kofferraum öffnet sich. Heraus steigt ein kleiner Schimpanse mit einem Baseballschläger. Den Rest malen Sie sich bitte selbst aus. Nicht nur der Schimpanse, auch Humor an sich kann eine Waffe sein. Wer als Kind ausgelacht wurde, weiß, wie sich boshafter Humor anfühlt. Selbst etwas harmloses wie gemeinsames Lachen wirkt aggressiv, wenn sich die Gesprächspartner dabei ansehen. Beobachten Sie einmal, wie Menschen miteinander lachen: Im Moment der Gesichtsmuskelexplosion blicken sie zur Seite oder auf den Boden. Das gegenseitige Anblicken wäre zu herausfordernd. Daher ist es wichtig, Humor achtsam einzusetzen. Achtsamkeit, die mit dem Gegenpol der Ehrlichkeit, Offenheit, Berechenbarkeit, Wertschätzung, Ernsthaftigkeit und grundlegender Akzeptanz beginnt.

Auszug aus meinem Buch (externer Link) „Provokant, authentisch, agil. Die neue Art des Führens. Wie Sie Mitarbeiter humorvoll aus der Reserve locken.

Oder direkt über Metropolitan: https://www.walhalla.de/wirtschaft-&-management/provokant—authentisch—agil.produkt.html

Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung

Neben der Menschlichkeit kommen wir ebenso nicht umhin, unser Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung zu klären:

  • Was passiert, wenn meine Mitarbeiter weitgehend nur noch per mobilem Endgerät verfügbar sind?

  • Wieviel Vertrauen habe ich in Sie, wenn ich sie nur noch per Stimme oder Bildschirm sehe?

Wenn Führungskräfte auf die Digitalisierung ähnlich wie (externer Link) Eltern reagieren, stehen uns düstere Zeiten bevor. Um dies zu verhindern, brauchen wir dringend eine Diskussion über die Frage, wie viel Grundvertrauen in den Menschen, d.h. welches Menschenbild wir haben, was wir anderen zutrauen und welche Feedback- und Kontrollschleifen wir brauchen?

Um dieses Gefühl des Vertrauens aufzubauen, ist die Nähe zum Mitarbeiter, wenn er (oder sie) schon mal greifbar ist, unabdingbar. Die digitale Ferne des agilen Führungszeitalters braucht als Gegenpol die menschliche Nähe eines ernsthaften Beziehungsmanagements, ein modernes Management by Walking around 2.0, in meiner Vision eine provokante, humorvolle, authentische Führung mit klaren Führungsprinzipien für einen ehrlichen Erwartungsaustausch und auch über die Ferne tragende Beziehungen.

Mehr dazu unter: https://www.metropolitan.de/buch/provokant-authentisch-agil

Jenseits von metoo

Was macht einen guten Film, ein gutes Buch oder in diesem Fall eine gute Serie aus? Sie lässt uns hinter eine Fassade blicken. Sie transportiert mehr als nur eine Geschichte. Sie lässt uns teilhaben an etwas, das wir nicht kennen.

Parfum von Patrick Süßkind ist so ein Buch. Ein Buch, das wir nicht nur lesen, sondern auch riechen können. Six Feet Under ist so eine Serie, die uns die Themen Tod und Selbstmord so nahe bringt, dass es schmerzt und nebenbei das Thema Homosexualität für Nicht-Homosexuelle ohne ironische Brechungen so greifbar werden lässt wie keine mir bekannte andere Serie.

Top of the Lake von Jane Campion

Und jetzt Top of the Lake (https://www.arte.tv/de/videos/RC-015339/top-of-the-lake) von Jane Campion. Nie war es für mich als Mann so spürbar, wie das Leben als Frau oft sein muss. Vordergründig geht es um die Lösung eines Kriminalfalls in einer neuseeländischen Kleinstadt. Ein paar Stichworte: Missbrauch, insbesondere Kindesmissbrauch, Mord, Drogen, gescheiterte Biographien, eheliche Dramen und ein wenig weibliche Esoterik. Harter Tobak und nichts für schwache Nerven. Definitiv eine Triggerwarnung!

Der Hintergrund der Gefühle ist noch um einiges dramatischer. Gibt es in diesem Drama nur einen Mann, dem frau vertrauen kann? In jeder Sekunde habe ich das Gefühl: Gleich passiert wieder etwas. Und zwar nicht irgend etwas, sondern etwas existentiell Böses. Dieses Empfinden, eingerahmt von Machosprüchen und Machtgefälle, ist so bedrückend, wie ich es noch selten auf der Leinwand erlebte.

Was bleibt übrig jenseits von metoo?

Nach und nach wird die metoo-Diskussion abebben. Dann stellt sich die Frage, was bleibt? Wie nachhaltig war es, seine Geschichte zu erzählen? Wird es Machos künftig schwerer fallen, mit dummen Anmachen um sich zu werfen, weil sie Angst haben, sich später dafür verantworten zu müssen? Werden manche von ihnen vielleicht sogar verstehen, dass guter Sex nicht nur mit Macht, sondern mit Vertrauen zu tun hat, einem spielerischen Umgang mit Macht, der nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens funktioniert? Oder werden diese Männer (und manche Frau ebenso) reihenweise Trump und Konsorten wählen?

Hoffentlich bleibt etwas  übrig und hoffentlich finden wir ein gutes Maß im Umgang miteinander. Die Serie von Jane Campion trägt mit Sicherheit zu einem gegenseitigen Verständnis bei. Vielleicht sind die Darstellungen übertrieben? Aber wer bin ich, das beurteilen zu können?

Dürfen Algorithmen unser Leben bestimmen?

Im Zuge der Digitalisierung werden wir uns wohl oder übel mit einigen Fragen auseinandersetzen müssen:

  • Dürfen Algorithmen unser Leben bestimmen?
  • Welche Ziele werden mit diesen Algorithmen verfolgt?
  • Dürfen Algorithmen zu einem höheren Zweck Persönlichkeitsrechte beschneiden?
  • Wer wird alles in die Programmierung von Algorithmen mit einbezogen?

Dazu einige Konkretisierungen:

  • Dürfen wir  ältere Menschen rund um die Uhr überwachen, wenn wir damit gewährleisten, dass sie weiterhin zuhause wohnen?
  • Inwiefern können gerade Menschen, die der Digitalisierung skeptisch bis ängstlich gegenüberstehen, ihre Erfahrungen in Algorithmen einspeisen, um ein Teil der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu werden?
  • Wie gewährleisten wir, dass Algorithmen nicht missbraucht werden wie in dem Beispiel einer Polizei-Software, die statt als  Präventionsprogramm für Menschen in Risikovierteln zur Überwachung eingesetzt wurde (siehe https://algorithmenethik.de/2017/11/20/wenn-algorithmen-irren-sind-menschen-verantwortlich)?

Fakt ist: Noch entscheidet der Mensch, was er programmiert. Fakt ist auch, dass Menschen nicht immer richtig entscheiden. Unsere Entscheidungen sind geprägt durch Vorurteile, das Wetter, Emotionen, Zeitdruck und Manipulationen. Es gibt den Herdentrieb, den Effekt des virtuellen Besitzes, falsche Wahlmöglichkeiten, den Halo- und Teufels-Effekt und natürlich Entscheidungen aufgrund von Sympathie oder Antipathie. Als Angeklagter sollte ich dafür beten, dass der Richter seine Entscheidung über meine Zukunft mit vollem Magen trifft und nicht um 11.30 Uhr. Suche ich als Bewerber einen einfachen Job, darf ich mich über meinen Meier-Müller-Namen freuen. Suche ich etwas höher Dotiertes, könnte ein ausgefallener Name hilfreich sein. Ein ausländischer Name verringert jedenfalls meine Chancen am Arbeitsmarkt.

Zuguterletzt sollte klar sein, dass kein Computer, insbesondere im Dienstleistungsbereich unsere Entscheidungen trifft. Es sollte auch in Zukunft so laufen wie damals auf der Enterprise: Am Ende entscheidet immer noch Cpt. Kirk.

Oder auch nicht:

Digitalisierung in der Arbeitswelt

Wenn wir die Prinzipien der Digitalisierung auf die Spitze treiben, führt dies in der Arbeit und insbesondere für die viel beschworene agile Führung zu weitreichenden Konsequenzen:

  • Im digitalen Raum gibt es den Raum wie wir ihn kennen nicht mehr. Ich kann jede Information überall abrufen, von jedem digitalen Endgerät. Die Digitalisierung ermöglicht damit eine Zusammenarbeit über große Distanzen.

  • Auch die Zeit wie wir sie kennen löst sich auf. Informationen sind jederzeit einsehbar. Folglich lösen sich auch die Arbeitszeiten auf. Nine to Five war gestern. Ob ich tagsüber oder nachts arbeite, ist meinem Computer egal. Es geht darum, welche Ergebnisse am Ende herauskommen, nicht wie lange ich dafür gebraucht habe.

  • Die Digitalisierung löst Strukturen auf. Eine kreative Suche nach Problemlösungen ist am sinnvollsten, wenn sie über hierarchische Grenzen hinweg auf raum-, zeit- und abteilungsübergreifenden Plattformen stattfindet. Schwarmintelligenz bedeutet keine Diktatur der Masse, sondern dass ich mich als Problemgeber aus einem großen Ideentopf bedienen kann, ohne die Angst zu haben, bei der Ablehnung einer Idee andere vor den Kopf zu stoßen. Mit dieser kreativen Gruppenintelligenz lösen sich allerdings die alten Hierarchien des „Frag den Chef auf“-Prinzips auf.

  • Mit einfachen Zugänglichkeit digitaler Systeme tun sich auch Schüchterne leichter, Lösungen anzubieten, als wenn sie dies face-to-face unternehmen würden. Vor dem digitalen Endgerät fühlt sich mancher (Vorsicht, Klischee!) rollkragenpulloverte Nerd wohler als im Direktkontakt. Damit könnte die Digitalisierung auch denen helfen, die sich grundsätzlich schwer tun, ihre Meinung zu sagen bzw. Beziehungen zu pflegen. Werden ihre Lösungen gelobt, können sie sogar Stigmatisierungen abschütteln.

  • Die Digitalisierung könnte sogar die Meinungen einer Abteilung demokratisieren, da im digitalen Rahmen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass mehr Meinungen geäußert werden anstatt in den Kaskadenbildungen der realen Welt.

  • Und schließlich kann die Digitalisierung den Mythos der Perfektion entschärfen, indem Beta-Versionen digital „getestet“ werden. Eine digitaler Fehler erscheint um einiges weniger schmerzhaft als ein Fehler mit Konsequenzen in der wirklichen Welt.

Und die Wirklichkeit?

Genau darin liegt das Problem: Wir können in der digitalen Welt sehr viel vorbereiten und ermöglichen. Die Umsetzung erfordert jedoch ein reales Handeln und führt zu realen Konsequenzen. Damit bleiben dieselben Fragen offen, mit denen sich Führungskräfte schon immer herumschlugen, die jedoch durch die Digitalisierung in vielen Fällen um einiges dramatischer werden:

  • Sind meine Mitarbeiter motiviert? Was tun die den ganzen Tag im Homeoffice?

  • Wie kontrolliere ich meine Mitarbeiter, wenn sie nicht am Platz sind?

… was dahinter steht:
  • Was, wenn mein Mitarbeiter im Homeoffice in 4 Stunden das schafft, wofür andere 8 brauchen?

  • Wenn Problemlösungen hierarchieübergreifend gefunden werden, wofür bin dann ich noch da?

… und was nötig ist für eine moderne agile Führung:

Führungskräfte brauchen das, was sie immer brauchten: eine gute Balance aus wohlwollendem Vertrauen und knallhartem Feedback. Die Digitalisierung allerdings schafft es, dass hieran kein Weg mehr vorbei führt. Agiles Führen ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Mischung aus digital-agilen Methoden und einem Beziehungsmanagement, das Probleme direkt anspricht anstatt sich hinter Hierarchien zu verstecken. Wenn Führungskräfte in Zukunft immer weniger Zeit für Direktkontakte zu ihren Mitarbeitern haben, sollten diese dringend klar, ehrlich und gerne ein wenig provokant ausfallen, um den Kern der Zusammenarbeit und gegenseitige Erwartungen zu klären.