Kategorie-Archiv: Allgemein

Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung

Neben der Menschlichkeit kommen wir ebenso nicht umhin, unser Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung zu klären:

  • Was passiert, wenn meine Mitarbeiter weitgehend nur noch per mobilem Endgerät verfügbar sind?

  • Wieviel Vertrauen habe ich in Sie, wenn ich sie nur noch per Stimme oder Bildschirm sehe?

Wenn Führungskräfte auf die Digitalisierung ähnlich wie Eltern reagieren, stehen uns düstere Zeiten bevor. Um dies zu verhindern, brauchen wir dringend eine Diskussion über die Frage, wie viel Grundvertrauen in den Menschen, d.h. welches Menschenbild wir haben, was wir anderen zutrauen und welche Feedback- und Kontrollschleifen wir brauchen?

Um dieses Gefühl des Vertrauens aufzubauen, ist die Nähe zum Mitarbeiter, wenn er (oder sie) schon mal greifbar ist, unabdingbar. Die digitale Ferne des agilen Führungszeitalters braucht als Gegenpol die menschliche Nähe eines ernsthaften Beziehungsmanagements, ein modernes Management by Walking around 2.0, in meiner Vision eine provokante, humorvolle, authentische Führung mit klaren Führungsprinzipien für einen ehrlichen Erwartungsaustausch und auch über die Ferne tragende Beziehungen.

Mehr dazu unter: https://www.metropolitan.de/buch/provokant-authentisch-agil

Jenseits von metoo

Was macht einen guten Film, ein gutes Buch oder in diesem Fall eine gute Serie aus? Sie lässt uns hinter eine Fassade blicken. Sie transportiert mehr als nur eine Geschichte. Sie lässt uns teilhaben an etwas, das wir nicht kennen.

Parfum von Patrick Süßkind ist so ein Buch. Ein Buch, das wir nicht nur lesen, sondern auch riechen können. Six Feet Under ist so eine Serie, die uns die Themen Tod und Selbstmord so nahe bringt, dass es schmerzt und nebenbei das Thema Homosexualität für Nicht-Homosexuelle ohne ironische Brechungen so greifbar werden lässt wie keine mir bekannte andere Serie.

Top of the Lake von Jane Campion

Und jetzt Top of the Lake (https://www.arte.tv/de/videos/RC-015339/top-of-the-lake) von Jane Campion. Nie war es für mich als Mann so spürbar, wie das Leben als Frau oft sein muss. Vordergründig geht es um die Lösung eines Kriminalfalls in einer neuseeländischen Kleinstadt. Ein paar Stichworte: Missbrauch, insbesondere Kindesmissbrauch, Mord, Drogen, gescheiterte Biographien, eheliche Dramen und ein wenig weibliche Esoterik. Harter Tobak und nichts für schwache Nerven. Definitiv eine Triggerwarnung!

Der Hintergrund der Gefühle ist noch um einiges dramatischer. Gibt es in diesem Drama nur einen Mann, dem frau vertrauen kann? In jeder Sekunde habe ich das Gefühl: Gleich passiert wieder etwas. Und zwar nicht irgend etwas, sondern etwas existentiell Böses. Dieses Empfinden, eingerahmt von Machosprüchen und Machtgefälle, ist so bedrückend, wie ich es noch selten auf der Leinwand erlebte.

Was bleibt übrig jenseits von metoo?

Nach und nach wird die metoo-Diskussion abebben. Dann stellt sich die Frage, was bleibt? Wie nachhaltig war es, seine Geschichte zu erzählen? Wird es Machos künftig schwerer fallen, mit dummen Anmachen um sich zu werfen, weil sie Angst haben, sich später dafür verantworten zu müssen? Werden manche von ihnen vielleicht sogar verstehen, dass guter Sex nicht nur mit Macht, sondern mit Vertrauen zu tun hat, einem spielerischen Umgang mit Macht, der nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens funktioniert? Oder werden diese Männer (und manche Frau ebenso) reihenweise Trump und Konsorten wählen?

Hoffentlich bleibt etwas  übrig und hoffentlich finden wir ein gutes Maß im Umgang miteinander. Die Serie von Jane Campion trägt mit Sicherheit zu einem gegenseitigen Verständnis bei. Vielleicht sind die Darstellungen übertrieben? Aber wer bin ich, das beurteilen zu können?

Dürfen Algorithmen unser Leben bestimmen?

Im Zuge der Digitalisierung werden wir uns wohl oder übel mit einigen Fragen auseinandersetzen müssen:

  • Dürfen Algorithmen unser Leben bestimmen?
  • Welche Ziele werden mit diesen Algorithmen verfolgt?
  • Dürfen Algorithmen zu einem höheren Zweck Persönlichkeitsrechte beschneiden?
  • Wer wird alles in die Programmierung von Algorithmen mit einbezogen?

Dazu einige Konkretisierungen:

  • Dürfen wir  ältere Menschen rund um die Uhr überwachen, wenn wir damit gewährleisten, dass sie weiterhin zuhause wohnen?
  • Inwiefern können gerade Menschen, die der Digitalisierung skeptisch bis ängstlich gegenüberstehen, ihre Erfahrungen in Algorithmen einspeisen, um ein Teil der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu werden?
  • Wie gewährleisten wir, dass Algorithmen nicht missbraucht werden wie in dem Beispiel einer Polizei-Software, die statt als  Präventionsprogramm für Menschen in Risikovierteln zur Überwachung eingesetzt wurde (siehe https://algorithmenethik.de/2017/11/20/wenn-algorithmen-irren-sind-menschen-verantwortlich)?

Fakt ist: Noch entscheidet der Mensch, was er programmiert. Fakt ist auch, dass Menschen nicht immer richtig entscheiden. Unsere Entscheidungen sind geprägt durch Vorurteile, das Wetter, Emotionen, Zeitdruck und Manipulationen. Es gibt den Herdentrieb, den Effekt des virtuellen Besitzes, falsche Wahlmöglichkeiten, den Halo- und Teufels-Effekt und natürlich Entscheidungen aufgrund von Sympathie oder Antipathie. Als Angeklagter sollte ich dafür beten, dass der Richter seine Entscheidung über meine Zukunft mit vollem Magen trifft und nicht um 11.30 Uhr. Suche ich als Bewerber einen einfachen Job, darf ich mich über meinen Meier-Müller-Namen freuen. Suche ich etwas höher Dotiertes, könnte ein ausgefallener Name hilfreich sein. Ein ausländischer Name verringert jedenfalls meine Chancen am Arbeitsmarkt.

Zuguterletzt sollte klar sein, dass kein Computer, insbesondere im Dienstleistungsbereich unsere Entscheidungen trifft. Es sollte auch in Zukunft so laufen wie damals auf der Enterprise: Am Ende entscheidet immer noch Cpt. Kirk.

Oder auch nicht:

Digitalisierung in der Arbeitswelt

Wenn wir die Prinzipien der Digitalisierung auf die Spitze treiben, führt dies in der Arbeit und insbesondere für die viel beschworene agile Führung zu weitreichenden Konsequenzen:

  • Im digitalen Raum gibt es den Raum wie wir ihn kennen nicht mehr. Ich kann jede Information überall abrufen, von jedem digitalen Endgerät. Die Digitalisierung ermöglicht damit eine Zusammenarbeit über große Distanzen.

  • Auch die Zeit wie wir sie kennen löst sich auf. Informationen sind jederzeit einsehbar. Folglich lösen sich auch die Arbeitszeiten auf. Nine to Five war gestern. Ob ich tagsüber oder nachts arbeite, ist meinem Computer egal. Es geht darum, welche Ergebnisse am Ende herauskommen, nicht wie lange ich dafür gebraucht habe.

  • Die Digitalisierung löst Strukturen auf. Eine kreative Suche nach Problemlösungen ist am sinnvollsten, wenn sie über hierarchische Grenzen hinweg auf raum-, zeit- und abteilungsübergreifenden Plattformen stattfindet. Schwarmintelligenz bedeutet keine Diktatur der Masse, sondern dass ich mich als Problemgeber aus einem großen Ideentopf bedienen kann, ohne die Angst zu haben, bei der Ablehnung einer Idee andere vor den Kopf zu stoßen. Mit dieser kreativen Gruppenintelligenz lösen sich allerdings die alten Hierarchien des „Frag den Chef auf“-Prinzips auf.

  • Mit einfachen Zugänglichkeit digitaler Systeme tun sich auch Schüchterne leichter, Lösungen anzubieten, als wenn sie dies face-to-face unternehmen würden. Vor dem digitalen Endgerät fühlt sich mancher (Vorsicht, Klischee!) rollkragenpulloverte Nerd wohler als im Direktkontakt. Damit könnte die Digitalisierung auch denen helfen, die sich grundsätzlich schwer tun, ihre Meinung zu sagen bzw. Beziehungen zu pflegen. Werden ihre Lösungen gelobt, können sie sogar Stigmatisierungen abschütteln.

  • Die Digitalisierung könnte sogar die Meinungen einer Abteilung demokratisieren, da im digitalen Rahmen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass mehr Meinungen geäußert werden anstatt in den Kaskadenbildungen der realen Welt.

  • Und schließlich kann die Digitalisierung den Mythos der Perfektion entschärfen, indem Beta-Versionen digital „getestet“ werden. Eine digitaler Fehler erscheint um einiges weniger schmerzhaft als ein Fehler mit Konsequenzen in der wirklichen Welt.

Und die Wirklichkeit?

Genau darin liegt das Problem: Wir können in der digitalen Welt sehr viel vorbereiten und ermöglichen. Die Umsetzung erfordert jedoch ein reales Handeln und führt zu realen Konsequenzen. Damit bleiben dieselben Fragen offen, mit denen sich Führungskräfte schon immer herumschlugen, die jedoch durch die Digitalisierung in vielen Fällen um einiges dramatischer werden:

  • Sind meine Mitarbeiter motiviert? Was tun die den ganzen Tag im Homeoffice?

  • Wie kontrolliere ich meine Mitarbeiter, wenn sie nicht am Platz sind?

… was dahinter steht:
  • Was, wenn mein Mitarbeiter im Homeoffice in 4 Stunden das schafft, wofür andere 8 brauchen?

  • Wenn Problemlösungen hierarchieübergreifend gefunden werden, wofür bin dann ich noch da?

… und was nötig ist für eine moderne agile Führung:

Führungskräfte brauchen das, was sie immer brauchten: eine gute Balance aus wohlwollendem Vertrauen und knallhartem Feedback. Die Digitalisierung allerdings schafft es, dass hieran kein Weg mehr vorbei führt. Agiles Führen ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Mischung aus digital-agilen Methoden und einem Beziehungsmanagement, das Probleme direkt anspricht anstatt sich hinter Hierarchien zu verstecken. Wenn Führungskräfte in Zukunft immer weniger Zeit für Direktkontakte zu ihren Mitarbeitern haben, sollten diese dringend klar, ehrlich und gerne ein wenig provokant ausfallen, um den Kern der Zusammenarbeit und gegenseitige Erwartungen zu klären.

Ur-Empathie

Als ich gestern im Zug einem älteren Ehepaar beim Umsteigen half, hatte ich einen mittelgroßen Geistesblitz. Sie war 79 Jahre, er mindestens genau so alt. Sie kamen aus den USA, stiegen in Frankfurt in „meinen“ ICE ein und wollten nach Fürth. Da die ältere Dame mit jedem vor den Toiletten ein Gespräch begann, der nicht schnell genug das Weite fand, war es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns unterhielten. 1956 emigrierte sie in die USA. Nun wollte sie wahrscheinlich zum letzen mal Verwandte und Bekannte in Fürth / Zirndorf besuchen. Angespannt war sie. Hypernervös. Ihre Sprache pendelte mit jedem Satzwechsel zwischen deutsch und englisch. So nervös, dass ich ihr mehrmals sagen musste, dass ich auch in Fürth lebe. Ein aufgewühlter, rühriger, intelligenter, sehr sympathischer Mensch.

Beim gemeinsamen Umsteigen blitze es durch mein Gehirn. Langsam. Zum mitdenken. Sanft. Zum mitfühlen. Aber deutlich. Ur-Empathie. Vor mir standen meine Ur-Eltern, meine Ur-Mutter, mein Ur-Vater, der Vater aller Väter, die Mutter aller Mütter. Das hier waren keine fremden Personen, sondern Menschen, die ich kenne, die ich schon immer kannte. Menschen, die sich auf eine Reise machten. Menschen, die ich in dieser Stunde, in der wir uns unterhielten, liebend gerne näher kennenlernte. Meine eigene Mutter könnte hier stehen und zum letzten mal nach Polen reisen. Mein Vater könnte hier stehen und sich von einem fremden Menschen in einer fremden Stadt den Weg erklären lassen. So wie wir alle manchmal in unserem Leben an einem fremden Punkt stehen, an dem eine helfende Hand hilfreich wäre. Wir sehen solche Menschen andauernd, wenn wir durch die Stadt laufen. Wir könnten unsere Hilfe anbieten und warten doch, bis wir gefragt werden. Blöde eigentlich.

Das brachte mich zum Nachdenken. Denn schließlich gibt es noch so viel mehr Ur-Menschen um uns herum. Es gibt Ur-Kinder, Ur-Töchter und Ur-Söhne. Ur-Schwestern und Ur-Brüder. Dann dachte ich an die aktuelle Sexismus-Debatte. Wie wäre es, wenn wir von diesem unsäglichen Mann-Frau-Denken wegkämen und wir Männer Frauen als Ur-Schwestern ansehen könnten? Ur-Schwestern, bei denen ich nur will, dass sie sich in meiner Gegenwart wohl fühlen. Mit denen ich zusammen Spaß haben und kreative Ideen entwickeln will. Die große Schwester, von der ich noch etwas lernen kann. Die kleine Schwester, Ur-Tochter und Ur-Sohn, die ich vielleicht als archetypischer Helden-Mann beschützen möchte, auch wenn ich weiß, dass sie ihren eigenen Weg gehen müssen.

Meiner Frau mache ich gerne Komplimente. Auch anderen Frauen. Dein Lippenstift passt perfekt zu deinem Kleid. Ich mag dein Strahlen, dein Lächeln, diese Energie, die du mitbringst. Ich mag es, wie du dich kümmerst, engagierst, an Sachen denkst, die ich vergesse. Wie du deine Freiräume nutzt. Ich mag es, wenn du kämpfst. Wenn du fiese Sprüche bringst. Ich mag den Schlagabtausch mit dir. Bitte selber weiterspinnen. Meiner Frau sage ich das als Mann. Anderen Frauen sage ich das als Bruder. Vielleicht täusche ich mich, aber ich hatte bisher äußerst selten das Gefühl, dass es nicht erlaubt wäre, in einer Art charmanten Direktheit das zu sagen, was ich denke. Ich selber höre ja auch gerne Komplimente von einer Ur-Schwester. Den Unterschied, und daran scheiden sich die Geister, macht die Haltung aus. Vielleicht brauchen wir weniger männliche und mehr brüderliche Komplimente, um den Sexismus hinter uns zu lassen.