Digitalisierung in der Arbeitswelt

Wenn wir die Prinzipien der Digitalisierung auf die Spitze treiben, führt dies in der Arbeit und insbesondere für die viel beschworene agile Führung zu weitreichenden Konsequenzen:

  • Im digitalen Raum gibt es den Raum wie wir ihn kennen nicht mehr. Ich kann jede Information überall abrufen, von jedem digitalen Endgerät. Die Digitalisierung ermöglicht damit eine Zusammenarbeit über große Distanzen.

  • Auch die Zeit wie wir sie kennen löst sich auf. Informationen sind jederzeit einsehbar. Folglich lösen sich auch die Arbeitszeiten auf. Nine to Five war gestern. Ob ich tagsüber oder nachts arbeite, ist meinem Computer egal. Es geht darum, welche Ergebnisse am Ende herauskommen, nicht wie lange ich dafür gebraucht habe.

  • Die Digitalisierung löst Strukturen auf. Eine kreative Suche nach Problemlösungen ist am sinnvollsten, wenn sie über hierarchische Grenzen hinweg auf raum-, zeit- und abteilungsübergreifenden Plattformen stattfindet. Schwarmintelligenz bedeutet keine Diktatur der Masse, sondern dass ich mich als Problemgeber aus einem großen Ideentopf bedienen kann, ohne die Angst zu haben, bei der Ablehnung einer Idee andere vor den Kopf zu stoßen. Mit dieser kreativen Gruppenintelligenz lösen sich allerdings die alten Hierarchien des „Frag den Chef auf“-Prinzips auf.

  • Mit einfachen Zugänglichkeit digitaler Systeme tun sich auch Schüchterne leichter, Lösungen anzubieten, als wenn sie dies face-to-face unternehmen würden. Vor dem digitalen Endgerät fühlt sich mancher (Vorsicht, Klischee!) rollkragenpulloverte Nerd wohler als im Direktkontakt. Damit könnte die Digitalisierung auch denen helfen, die sich grundsätzlich schwer tun, ihre Meinung zu sagen bzw. Beziehungen zu pflegen. Werden ihre Lösungen gelobt, können sie sogar Stigmatisierungen abschütteln.

  • Die Digitalisierung könnte sogar die Meinungen einer Abteilung demokratisieren, da im digitalen Rahmen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass mehr Meinungen geäußert werden anstatt in den Kaskadenbildungen der realen Welt.

  • Und schließlich kann die Digitalisierung den Mythos der Perfektion entschärfen, indem Beta-Versionen digital „getestet“ werden. Eine digitaler Fehler erscheint um einiges weniger schmerzhaft als ein Fehler mit Konsequenzen in der wirklichen Welt.

Und die Wirklichkeit?

Genau darin liegt das Problem: Wir können in der digitalen Welt sehr viel vorbereiten und ermöglichen. Die Umsetzung erfordert jedoch ein reales Handeln und führt zu realen Konsequenzen. Damit bleiben dieselben Fragen offen, mit denen sich Führungskräfte schon immer herumschlugen, die jedoch durch die Digitalisierung in vielen Fällen um einiges dramatischer werden:

  • Sind meine Mitarbeiter motiviert? Was tun die den ganzen Tag im Homeoffice?

  • Wie kontrolliere ich meine Mitarbeiter, wenn sie nicht am Platz sind?

… was dahinter steht:
  • Was, wenn mein Mitarbeiter im Homeoffice in 4 Stunden das schafft, wofür andere 8 brauchen?

  • Wenn Problemlösungen hierarchieübergreifend gefunden werden, wofür bin dann ich noch da?

… und was nötig ist für eine moderne agile Führung:

Führungskräfte brauchen das, was sie immer brauchten: eine gute Balance aus wohlwollendem Vertrauen und knallhartem Feedback. Die Digitalisierung allerdings schafft es, dass hieran kein Weg mehr vorbei führt. Agiles Führen ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Mischung aus digital-agilen Methoden und einem Beziehungsmanagement, das Probleme direkt anspricht anstatt sich hinter Hierarchien zu verstecken. Wenn Führungskräfte in Zukunft immer weniger Zeit für Direktkontakte zu ihren Mitarbeitern haben, sollten diese dringend klar, ehrlich und gerne ein wenig provokant ausfallen, um den Kern der Zusammenarbeit und gegenseitige Erwartungen zu klären.

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