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Das letzte Gefecht

Der Kampf der Kulturen

Ich komme mir vor wie in einem zweitklassigen Stephen King Film. Die Mächte des absolut Bösen kämpfen gegen das absolut Gute. Der hübsche und rhetorisch begabte Jüngling Macron kämpft gegen das mit allen alternativen Wassern gewaschene Schlachtroß Le Pen. Entkernt von moderaten Kräften treffen zwei Antipoden, wie so oft in letzter Zeit, aufeinander und wollen beide auf ihre Weise die Welt retten. Steuern wir mit großen Schritten auf das Armageddon zu? Auf das letzte Gefecht?

Die Urprinzipien des Lebens

Dahinter stehen tatsächlich die Urkräfte des menschlichen Lebens. Das urmännliche Streben nach Freiheit und das urweibliche Prinzip der Begrenzung derselben:“Heute kommst du früher nach Hause! Es war gestern schon so spät! Und trink nicht so viel!“ Mann wird nicht jünger. Die Erde auch nicht. Und bevor jemand die Genderkeule schwingt: In den USA hat der Rollentausch sauber funktioniert. Trump spielt die weibliche Mama des „Genug ist genug!“ mehr als perfekt. Als narzistische Diva bereitet ihm dies offensichtlich keine Probleme. Vielleicht erreicht er damit ungewollt mehr für die Frauenbewegung als wir alle glauben.

Politik ist wie Erziehung

Könnte es sein, dass viele Wähler tatsächlich denken, sie würden als Statisten in einem B-Streifen mitspielen? Wen sollte es kümmern, wenn die Politik kaum Veränderung verspricht, da die Strippen ohnehin andere ziehen? Am Beispiel Trump zeigt sich allerdings, dass Politik dem zentralen Prinzip der Erziehung folgt: Gute Erziehung ist unsichtbar. Wenn du alles richtig machst, bemerkt das keine Sau. Die Franken sagen: Bassd scho! Mehr Lob wird es nicht geben. Fehler jedoch können schnell drastische Folgen haben. Goodbye Statistenrolle!

Das letzte Gefecht

Wo also soll es hingehen nach dem letzten Gefecht? Wollen wir zurück in eine Welt der Herzogtümer, in der jeder Herrscher „L’etat c’est moi!“ ruft und jedes Land seine eigenen Gesetze erlässt? Eine Welt der Sicherheit, solange die eigenen Grenzen nicht verlassen werden. Der Austausch zwischen den Ländern und Menschen verschiedenen Nationen sowieso ist unerwünscht. Es sei denn zwischen guten Ausländern. Nur: Wer beurteilt das? Und woran macht er das fest? Oder wollen wir eine Welt der Freiheit, des Freihandels und der Umweltzerstörung? Frei für all jene, die gebildet genug sind und es sich leisten können.

Im Guten glitzerte immer schon das Böse sowie im Bösen das Gute. Solange wir jedoch das Gute im anderen nicht sehen (wollen), wird sich der Kampf der Kulturen fortsetzen, bis hin zu einem Armageddon, dass sich wenig heroisch und filmreif, sondern ganz banal als Spaltung unserer Gesellschaft zwischen uns schleicht.

Die Furcht vor der Freiheit und die Angst vor dem Anhalten

Erich Fromm beschrieb 1941 die Furcht vor der Freiheit als Urgrund des Nationalsozialismus: Warum in der Ferne schweifen, wenn die Heimat liegt so nah? Nur blöd, wenn einem die Heimat dann doch zu eng wird. 76 Jahre später pflanzt sich der Virus der Furcht medial wie ein Lauffeuer fort und wird kongenial ergänzt durch seinen Bruder, die Furcht vor dem Anhalten, dem Begrenzen, dem Einfachen.

Wenn wir nicht endlich beginnen, die propagierten Freiismen zu begrenzen und uns selbst von den Zwängen des „Immer mehr“ durch die Freiheit der Selbstbeschränkung befreien, wird uns unsere Diversität alsbald politisch um die Ohren fetzen. Die Revolution fängt niemals bei denen da oben an, sondern immer bei uns da unten. Die Revolution fängt damit an, sich selbst die Frage zu stellen, wie viel Freiheit ich wirklich brauche: Reisen in ferne Länder? Um was zu tun? Etwas zu entdecken, dass ich auch vor Ort entdecken könnte? Am Ende sich selbst? Ach was! Erdbeeren im Winter? Aber die schmecken doch so gut! Den billigsten Stromanbieter? Ich muss schließlich auch schauen, wo ich bleibe.

Und wie viel Sicherheit brauche ich wirklich? Mein Helm, mein Gurt, mein Ersatz-Smartphone. Wie wäre es mit: Augen auf und ohne GPS durch den gefährlichen Großstadtdschungel! Wie wäre es damit, sich planlos, aber respektvoll auf das nächste Gespräch einzulassen?

Das Amfortas-Syndrom

Als Parzifal Amfortas am Krankenbett besuchte, kann ihm dieser sein Reich nicht überlassen, weil Parzifal sich nicht traut, die richtige Frage zu stellen. Das Reich muss somit unregiert vor sich hindümpeln. Erst ein Jahr später schafft er es und stellt die Frage: Was schmerzet dich.

Ich glaube, wie sind alle ein wenig krank, blind, sicherheits- und freiheitsvernarrt und trauen uns nicht, dorthin zu gehen, wo es wirklich schmerzhaft wäre. Wir trauen uns nicht, einzugestehen, wovor wir selber am meisten Angst haben und zu fragen, was unser Gegenüber wirklich bewegt. Doch wovor fürchten wir uns, wenn wir die wesentlichen Fragen stellen?

Vielleicht vor der eigenen, schmerzhaften Ehrlichkeit.

Bei Diversity hört der Spaß auf

… oder fängt erst an, je nach Standpunkt.

Es folgt ein (etwas lang geratenes) Essay als persönliches Fazit zu 2016.

Wenn Pegida das Abendland vor dem Islam retten will, wehrt es sich gegen eine Vielfalt im eigenen Land, die zu stoppen weder möglich, noch sinnvoll ist. Den Witz mit dem Gegenbegriff von Vielfalt schenke ich mir an dieser Stelle. Auch in unseren Kirchen falten wir die Hände, um eins zu werden mit Gott. Danach geht es zum Italiener um die Ecke. Am Montag wird frisches Gemüse beim Türken eingekauft. Zuvor wurden arabische Ziffer auf Einkaufszettel gekritzelt.

Wenn ein modernes Unternehmen auf Diversity setzt, meint es damit natürlich keine Homosexuellen oder Transgender-Menschen, sondern Ältere und Gehandicapte. Spannend daran ist, dass ein Team aus alt und jung, Mann und Frau, vermutlich auch behindert – nichtbehindert (darf man das jetzt wieder sagen?) oder hetero – homo die besten Teamergebnisse erzielt. Das, was sonst mittels teurer Kreativitäts-Trainer (Anfragen unter info@m-huebler.de) erkauft wird, bekommen sie frei Haus.

Wenn ich Sylvester feiere, profitiere ich ebenso von unserer gesellschaftlichen Vielfalt. Ohne Diversity würden wir an Sylvester Schweinebraten mit Klößen und Sauerkraut essen, oder fränkischen Karpfen, kaum jedoch japanisches Sushi, schweizer Raclette oder eine französische Bouillabaisse. Naiv wie ich bin, erstaunt es mich beim Urlauben regelmäßig, wie wenig vielfältig das Ausland oft im Vergleich zu Deutschland ist. In einer mittelgroßen Stadt wie Fürth bekommst du fast alles. Fürth ist wie im Ausland. Es gibt einen südostasiatischen Laden, in dem man nicht mit EC-Karte bezahlen kann, einen türkischen Supermarkt mit original orientalischer Hintergrundmusik und zahllose polnische, russische und italienische Nicht-immer-so-Feinkostläden. Eigentlich bräuchte ich nicht verreisen.

Eine solche Auswahl müsste doch glücklich machen. Dennoch ist Deutschland immer noch die unangefochtene Nummer Eins im Jammern. Während sich zahllose Anreiner-Staaten mit rissigen Atomkraftwerken plagen, brummt bei uns der grüne Wachstums- und Wohlstandsmotor auf Hochtouren. Das hat zwar auch Schattenseiten, Solarzellen produzieren mehr Müll als sie Energie sparen, das ist jedoch eine andere Geschichte.

Die Kaufkraft ist so hoch wie nie. Die Beschäftigungsquote vergleichsweise gut. Die Zufriedenheit liegt laut dem Glücksatlas (http://www.gluecksatlas.de) auf einer Skala von 0-10 bei 7,11 (2015: 7,02). 7,11! Wie konnte das denn passieren? Sind die Deutschen noch bei Trost? Oder doch ein wenig glückstaumelig übergeschnappt? Man darf nur keine politische Diskussions- oder Nachrichtensendung ansehen. Die könnten die Entspannungs-Atmung deregulieren.

Dabei wurde in den letzten Monaten vielfach das Lebensmodell ‚Vielfalt‘ dem Lebensmodell ‚Traditionell‘ gegenüber gestellt. Vielfalt, so heißt es, ist das Modell der städtischen Globalisierungsgewinner, die Tradition das Modell der ländlichen Globalisierungsverlierer. Vielleicht geht es ja den einen sehr sehr gut, und den anderen sehr sehr schlecht.

Ganz so einfach ist das mit dem Lebensstil jedoch nicht, leider oder zum Glück. Denn in Wirklichkeit tendieren alle Menschen zu einem für sie persönlich konservativen Lebensstil. Ich kenne Lesben, die ein so ‚traditionelles‘ Leben führen, würde man die eine als Mann verkleiden, würde deren gleichgeschlechtliche Partnerinnenschaft nicht im mindesten auffallen. Nazis essen Döner und gehen zum Griechen. Ich kenne Linksextreme, deren Konservativismus meine freiheitlich-liberalen Nackenhaare magnetisch zur Decke zieht. Und manch grüne Moral kommt in Gestalt eines spritfressenden Pickup-Trucks daher. Wer hat da wen überholt? Links Rechts? Rechts Links? Oder beide sich selbst? Vermutlich.

Vielfalt ist kein Lebensmodell. Die Vielfalt ist da und man oder frau pickt sich etwas davon heraus, was wie ein Lebensabschnittspartner gerade passt. Viel sinniger erscheint es mir, in Lebensphasen zu denken. Wer jung ist, mag (nicht zwingend) mehr Vielfalt, solange, bis er merkt, dass es das nicht gewesen ist. Glücklich ist, wer abhaken kann. Im Dunkeln in ein Freibad einsteigen macht in jungen Jahren Sinn. Mit 40 nicht mehr. Das Reiheneckenhaus wartet schon. Auf dich und mich und den Punker von nebenan.

Dass dieses Aussuchen aus einem Überangebot an Waren Menschen mit schneller wechselnden Kollegen und Kolleginnen, Beziehungen, Jobs und jahrelanger Restauranterfahrung – Enttäuschungen inklusive – leichter fällt als Menschen, die in den letzten Jahren eher in Richtung „Mehr desselben“ lebten, klingt einleuchtend. Auch die Konfrontation mit S- und U-Bahnplänen sind hilfreich zur Erweiterung des Denkvermögens. Bin ich froh, das ich noch jung bin! An dieser Stelle ein Dank an die immer komplizierter werdenden Fahrkartenkonstellationen der städtischen Verkehrswerke und der Deutschen Bahn. Ehre, wem Ehre gebührt. 

Damit sollte keine Wertung verbunden sein, im Sinne von ‚Wir (Städter) sind ja ach so clever und ihr seid die Hinterwäldler‘. Beim Schuhkauf gehe ich extra in einen Laden, in dem die Auswahl begrenzt ist. Ich bin ja kein Masochist. Städtische Angebote sind nun mal überfordernd.

Das Modell hinter der Vielfalt ist der Kapitalismus oder meinetwegen die nicht mehr ganz so soziale Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft kann jedoch zaubern. Sobald jemand eine neue Idee in die Welt wirft, testet sie, ob sich für diese Idee genügend Interessenten finden. Wenn ja, macht sie aus der Idee ein Angebot und versammelt es unter ihrer Ägide neben Millionen anderer Angebote. Der Diversity-Gedanke hat seinen Ursprung in der freien Marktwirtschaft.

  • Sie wollen Ihre Kinder in einen Waldorfkindergarten bringen? Kein Problem, sofern dieses (marktwirtschaftliche) Angebot genügend andere Interessenten findet. Aber schimpfen Sie bitte nicht auf die Gobalisierung oder die Marktwirtschaft. Ohne die wäre es gar nicht möglich.
  • Sie werfen an Sylvester China-Böller in die Lüfte? Wo die wohl herkommen? (https://de.wikipedia.org/wiki/Feuerwerk)
  • Sie wollen sich einen neuen Laptop kaufen? Wissen Sie noch, was Sie vor 20 oder gar 30 Jahren für Ihren ersten Computer ausgaben? Mein Amiga 500 wurde damals noch in Frankreich produziert und kostete (wenn ich mich recht erinnere) ohne Festplatte 2000 DM. Was kostet ein Laptop heute?

Die Regierung versucht, quecksilberverseuchte Glühbirnen in die Welt zu setzen und verbietet die alten, normalen Glühbirnen? Ein halbes Jahr später gibt es Heatballs. Der Markt hat für alles einen Platz.

Vor diesem Hintergrund sind 10-15% Anhänger einer Konservativ-Rechten Partei am Rande der Grundgesetzfeindlichkeit eine – wertneutral formuliert – Bereicherung unserer Vielfalt: Menschen, die gerne … ja was eigentlich? Das weiß ich leider auch nicht. Da müsste ich erst das Parteiprogramm der AfD lesen. Ist aber auch egal. Denn was da drin steht, interessiert niemanden. Das meine ich nicht böse. Es ist nur nicht notwendig. Deshalb macht es keinen Sinn, das Wahlprogramm der AfD anzufeinden. Sie brauchen keins. Die AfD könnte ein Wahlprogramm aus sieben Worten „Wir machen alles anders als die Eliten“ aufstellen. Es würde reichen, um das marktwirtschaftliche Angebot bei Wahlen zu bereichern.

Während früher freie Marktwirtschaft auf der einen und Politik auf der anderen Seite existierten und Politiker die extremsten Auswüchse eindämmten, indem sie beispielsweise dem Manchester-Liberalismus Ketten anlegten (keine Kinderarbeit, Begrenzung der Arbeitszeit), wurde die Politik schleichend zu einem exekutiven Teil der Wirtschaft. Bewegte die Bankenkrise Banker zum Umdenken? Warum auch? Was denkt ein Kind, das ein anderes Kind mit einem Hammer schlug und daraufhin von der Kindergärtnerin ermahnt wird, den Hammer aber behalten darf? Zehn Minuten später schaukelt der Hammer immer noch in seiner Hand. Und der Groll auf den Anderen (in anderen Situationen die Gier, die Sucht, die Lust) ist immer noch da. Offensichtlich ist es OK, den Hammer zu haben. Also kann ich damit nicht allzu viel Schaden anrichten, oder?

Auf der anderen Seite sind Wahlen nicht mehr die Wahlen, mit denen ich aufgewachsen bin. Es gibt sie noch, die Wähler, die mit einer oder zwei Parteien identifiziert sind. Eine große Anzahl an Wählern ist dies nicht mehr. Die Wahlforscher versuchen am Wahlabend krampfhaft zu erklären, wer von wo zu wem warum wechselte. Blödsinn! Niemand von denen wechselte, weil sie zu keiner Partei mehr gehören. Sie wählen nicht mehr, sie gehen einkaufen. Mit dem Unterschied, dass auf dem Wahlzettel kein schlichter analoger Wecker, batteriebetrieben oder mit Stromkabel, digital oder hightec ausgewählt wird, sondern schwarz-rot-grün-blau-geld-braun. Diese ‚Wähler‘ wählen keine Parteien oder gar langfristige Parteiprogramme. Sie entscheiden sich für kurzfristige Marktschreier, die einfache Parolen verkaufen. Sie entscheiden sich für ein IKEA-Regal, das in vier Jahren auf dem Sperrmüll landet.

Sollten diese Marktschreier-Parteien, und damit meine ich nicht nur die AfD, eines Tages die Mehrheit auf Landes- oder Bundesebene übernehmen, wird sich zeigen, inwieweit Parolen dazu dienen, langfristige Politik zu gestalten.

Wer in der Dusche heißes Wasser will, sollte jedenfalls den Hebel nicht bis zum Anschlag nach links drehen, um sich Sekunden später zu verbrühen, worauf er den Hebel stark nach rechts dreht, weshalb das Wasser zu kalt wird, usw. usf. Vielleicht heißen die Duschhebel des modernen Menschen Twitter und Facebook. Empfehlenswerter wären diplomatische Stupser mit einem einzelnen Finger nach links oder rechts, solange, bis die gewünschte Temperatur erreicht ist.

Vielleicht würde es gar nichts ausmachen, wenn Parolen an der Macht wären. Manchmal habe ich das Gefühl, unsere Politiker erfüllen mehr repräsentative Zwecke. Wirklich gelenkt werden wir von Exxon Mobile, JP Morgan, General Electric, BP, Apple, Gazprom, Microsoft, Nestle, usw.

Oder wir werden nicht einmal von diesen Firmen gelenkt, sondern der Markt oder das Kapital tut alles, um sich entsprechend der Mem-Theorie (https://de.wikipedia.org/wiki/Mem) selbst zu vermehren. Der Markt als Hobbscher Leviathan, der sich solange selbst füttert, bis er explodiert, weil die Ressourcen aufgebraucht sind. Nicht „der Mensch ist des Menschen Wolf“, sondern der Wolf hat sich als unkontrollierbares Monster verselbständigt. Als Zeichen der Verselbständigung können wir den Overshoot-Day betrachten (http://www.overshootday.org/newsroom/press-release-german). Der fiel 2016 auf den 08. August. An diesem Tag wurden die jährlichen Ressourcen den Erde aufgebraucht. 2011 waren wir noch im September. Könnte die Politik dem Leviathan Ketten anlegen? Oder wir alle? Mit bürgerschaftlichem Engagement? Demonstrationen?

Bleiben die Marktschreier unter 20%, sollte das für eine funktionierende vielgestaltige Demokratie keine Problem sein. Deutschland verkraftete auch Möllemanns und Westerwelles rechtpopulistisch angehauchtes Projekt 18.

2016 war das Jahr der Panik. Aber was soll man von einem Mars-Jahr auch anderes erwarten? Am 21. März 2017 beginnt das Sonnen-Jahr. Haltet aus, liebe Leser und Leserinnen.

Für 2017 wünsche ich mir eine konservativere CDU, eine mutigere SPD, besonnene Grüne und auf jeden Fall die FDP zurück. Die hatte ich 2016 definitiv vermisst.

Ansonsten empfehle ich ein gelassenes „Willkommen liebe Protestwähler, Populisten und Demagogen in unserem glücklichen Deutschland!“ Auch ihr seid ein Teil der gesellschaftlichen Vielfalt!

Toleranz ist auch keine Loesung

Tolerant zu sein kann eine Identität ausmachen. Intoleranz ebenso. Wenn wir Diversity ernst nehmen, müssten multiidentitäre Tolerante die Intoleranten akzeptieren, während die identitären Intoleranten alles hassen, was sie nicht selbst sind. Doch wie sieht es mit Respekt aus?

Respekt speist sich daraus, zu jemandem aufsehen zu können. Es respektabel finden, was jemand leistet. Meist hat dies mit Dominanz zu tun. Und Dominanz lässt sich auf dreifache Weise zeigen:

  1. Humor: Das ist ja lachhaft!
  2. Gelassenheit: Aufgrund meines Wissens und Könnens bin ich da ganz entspannt.

Zusammengefasst bietet eine Heitere-Gelassenheits-Einstellung den Vorteil, Angriffe abprallen zu lassen, ohne sich damit auseinandersetzen zu müssen.

Ein tiefenentspannter Aikidomeister lässt die Aggression seines Gegenübers ins Leere laufen. Das bringt ihm den Respekt seines Gegners ein. Wer jedoch mit voller Wucht in der Hoffnung auf Widerstand gegen eine Nebelwand rennt, fällt auf die Nase. Das ist schmerzhaft. Gibt es Zuschauer, erntet er zusätzlich Spott und Häme, was seine Wut noch potenziert.

In diesem Moment darf er Respekt, selbst wenn er ihn hätte, nicht mehr zeigen. Zum Erhalt seines Selbstwerts muss er den Gegner diffamieren. Er wird ihm unlautere Mittel vorwerfen. Lug und Trug.

Vielleicht wollte der Aikidomeister seinen Gegner sogar schützen. Doch da die Nachricht einer Botschaft immer der Empfänger bestimmt, ist die Absicht irrelevant. Wird Heitere Gelassenheit als Arroganz wahrgenommen, kann ich es noch so gut gemeint haben.

Die 3. Möglichkeit, sich Respekt zu verschaffen, ist der ‚ehrliche‘ Kampf. Ohne Tricks und doppelten Boden. Wer Reibung erwartet und Reibung bekommt, wird zufrieden sein.

Man könnte sich entspannt zurücklehnen, wenn die Trumps, Höfers, Petrys, Höckes, LePens, Putins und Erdogans der Welt ehrliche Kämpfer wären. Die seeligen Jahre für Privilegierte würden zuneige gehen. Die Stunde des kleinen Mannes und der kleinen Frau würden nun schlagen. Nur fair. Doch wer postfaktische Fake News (für die Google-Suchmaschine: Fake News Fake News Fakes News postfaktisch postfaktisch postfaktisch) einsetzt, geht kaum als ehrlicher Kämpfer durch. So mancher Populist erinnert eher an den freundlichen, charmanten und wortgewandten Parteifunktionär O’Brien aus 1984 von George Orwell. Das Ministerium für Wahrheit kreierte ebenso seine eigenen Fakten.

Um dem etwas entgegen zu setzen, reicht kluge Gelassenheit nicht mehr aus. Es braucht ehrliche Kämpfer, einen Gysi, Brandt oder Schlingensief. Streitbare Menschen ohne Zeigefinger, mit Macken, Fehlern und Humor. Helden, die ohne eisiges Kalkül aus der Reihe tanzen. Trinker, Raucher, Charmeure. Echte zerrissene Helden, die dennoch den Mut haben, für Ihre Ziele zu streiten. Ob die Gesellschaft solch streitbare Helden noch aushält, ohne sie sofort medial in der Luft zu zerpflücken? Vielleicht ist es nicht die politische Korrektheit, die uns schadet, sondern deren Folge, dass sich niemand mehr traut, unpopulär in seinem Denken zu sein. Als Selbsttest gegen Langeweile empfehle ich, auf facebook einen der folgenden Posts zu erstellen:

Beginnen wir mit einem harmlosen Tabu:

  • Ich mag Beamte.

Spannender wird es damit:

  • Ich habe meine Kinder nicht impfen lassen. Steigerung: Stattdessen behandle ich sie mit homöopathischen Mitteln.
  • Ich bin gegen Abtreibungen. Steigerung: Ich finde es super, wenn Frauen 5 Kinder oder mehr in die Welt setzen.
  • Gentrifizierung hat auch seine guten Seiten. Steigerung: Ich mag Banker.

… bis zum Highlight:

  • Ich rauche vor meinen Kindern. Steigerung: Am Küchentisch.

Zur weiteren Vertiefung:

  • Reinhard Kreissl – Feinde
  • Matthias Horx: Anleitung zum Zukunftsoptimismus.

Wollen Sie den anschließenden Shitstorm wieder beenden, suchen Sie sich zwei Quellen im Internet heraus: Eine, die ihre Meinung stützt und eine, die sie widerlegt. Wenn Ihr Schlusskommentar auf mindestens 10 Zeilen die komplexe Dualität des Themas darlegt, hat niemand mehr Lust, weiterzufeuern. Das Leben ist kompliziert und wir stecken irgendwo dazwischen.

Auch wenn sich Populisten damit brüsten, unpopuläre Meinungen zu äußern, liegt der Fall doch anders. Würden sie diese Meinungen auch äußern, stünde der Zeitgeist nicht auf ihrer Seite? Sind Populisten wirklich mutig? Ist es mutig, eine Stimme für die schweigende Mehrheit darzustellen?

Populisten sind sich immer zu 100% sicher. Immer! Zu 100%! Doch wer ganz und gar weiß, was in der Zukunft passieren wird, lügt. Ich selbst habe keine Ahnung. Ich war noch nicht da. Man möge ihm zurufen: Wir haben beide keine Ahnung! Es geht aber auch weniger darum, die Welt zu erklären, sondern mehr darum, zu lernen mit der Ahnungslosigkeit umzugehen.

Eine Strategie, damit umzugehen, ist eine Heitere Gelassenheit. Der Zweifel und das Unwegbare gehören zum Leben wie das Salz in die Suppe. Zweifeln macht uns menschlich. Doch über sich selbst, seine Fehler und Zweifel zu lachen, geht jedem Populisten ab. Oder kennen Sie einen humorvollen Populisten? Trotz aller Streitbarkeit ist Gysi ist ein amüsanter Redner. Brandt sagte: Die besten Reden sind die, die nicht gehalten werden. Die zweitbesten sind die scharfen, die drittbesten die kurzen. Und Schlingensief notierte sich selbst Schulnoten und amüsante Kommentare zu den oft sehr kritischen Kritiken zu seinen Filmen.

Wer der Unsicherheit über komplexe Zusammenhänge mit einfachen Lösungen begegnet, gibt vor, die Zukunft zu kennen, ohne Zweifel, ohne Wenn, ohne Aber. Doch wer die Zukunft kennt, könnte in der Wirtschaft mehr Geld verdienen als in der Politik. Außer natürlich, er will die Welt zu einem besseren, menschenfreundlicheren Ort machen.

Eine weitere Möglichkeit, mit Unwägbarkeiten umzugehen, ist die Berufung auf Werte: Respekt, Menschenfreundlichkeit, Toleranz, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Optimismus, Vertrauen, Freiheit, Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens, Verantwortung, Frieden, Nachhaltigkeit, Demut, Ehrlichkeit, Achtsamkeit.

Vielleicht sind gemeinsame Werte der einzig wahre Grund zu kämpfen.

Über moderne Familien und Populisten

Es war einmal eine moderne Bären-Familie. Mama-Bär arbeitete in ihrem Traumberuf als Baumpflegerin und kümmerte sich nebenher so gut es ging um ihre Kinder. Sie fühlte sich verantwortlich für deren Bildung, genauso wie für ihre Gesundheit. Papa-Bär ging auch arbeiten. Da er aber als Mann mehr verdiente und das Reiheneckenhaus noch abbezahlt werden musste, schuftete er noch viel mehr als seine Frau. Am Wochenende gehörte Papa-Bär jedoch ganz seinen Kindern. Meistens jedenfalls.

Dann kam ein Wochenende, an dem Mama-Bär auf eine Fortbildung fuhr. Als es um die Essensfrage ging, sprach der Vater schmunzelnd: Die Mama immer mit ihrem gesunden Essen. Kinder, was haltet ihr von McDonalds? Dort gibt es fette Honig-Burger. Viel zu süß und schmeckt wie Gummi. Ist aber wenigstens verboten! Die Kinder schrien „Hurra! Papa ist der Beste!“ Papa-Bär jedoch flüsterte: Aber nichts der Mama erzählen.

Die Kinder erzählten der Mama auch nichts. Doch sie posteten es auf facebook. Und vergaßen dabei, dass Mama-Bär auch bei facebook ist. Es kam, wie es kommen musste zu einem riesigen Streit. Bisher hatte Mama-Bär immer recht. Sie hatte sozusagen die gesammelten Fakten der Wissenschaft und des gesamten Gesundheitsministeriums auf ihrer Seite. Doch jetzt mischte sich Papa-Bär ein, der als Baumfäller von Gesundheit nicht wirklich Ahnung hatte:

Ab und zu mal was Ungesundes kann doch nicht so schlimm sein, oder?

Ist auch billiger, als die Kinder später zum Therapeuten-Bär zu schicken.

Mama-Bär blieb hart und zog alle Register: In Honig-Burgern ist schließlich Analog-Honig! Das weiß doch jeder! Doch die Bären-Kinder hatten im Internet erfahren, dass Kinder in Familien auf der ganzen Welt das gleiche Problem haben. Sie hatten damit nicht nur ihren Vater auf ihrer Seite, sondern zusätzlich zumindest gefühlt die halbe Kinderwelt. Und außerdem hieß analog jetzt nicht mehr analog, sondern vegan.

Soweit die kleine Bärengeschichte. Wir tauschen in dieser Geschichte die Kinder gegen kleine, marginalisierte BürgerInnen aus. Papa-Bär gegen Trump, Höcke, Petry oder einen Populisten ihrer Wahl. Und Mama-Bär gegen Merkel, Clinton und die Medien. Das Internet hat sich noch nicht entschieden, auf welcher Seite es steht.

In den letzten Jahrzehnten gaben die Eliten und die Medien als strenge Eltern vor, was wir zu denken haben. Ein Teil der Gesellschaft machte das gerne mit. Man nennt sie Gutmenschen oder Demokraten oder Liberale. Menschen, die das Gefühl haben, dass der Wandel normal ist und dass es besser ist, sich anzupassen. Als unsere Vorvorvorfahren von Süden nach Norden pilgerten, kamen sie nicht umhin, Nadel und Faden, Hütten und Werkzeuge zu entwickeln, um der Kälte zu trotzen. So tummeln wir uns heute in Jobs, für die es vor 20 Jahren noch nicht mal einen Namen gab und führen Kulturveranstaltungen durch, für die man vor 50 Jahren in die Psychiatrie gekommen wäre. Die Sesshaftigkeit führte auch dazu, dass ein Schussel einen Früchtebrei zu lange stehen ließ, bis dieser gärte. Danke dafür: Ohne Wandel keinen Alkohol! Und ohne Fehler müssten wir auf so manche Erfindung verzichten.

Vielleicht aber hat diese Anpassung ihren Preis. Wir alle werden ungern mit unseren Schwächen konfrontiert. Ganz ehrlich: Mein kindliches Ego tendiert nicht dazu, einer Frau im Vorbeigehen zwischen die Beine zu greifen. Doch ab und an die politische Korrektheit beiseite zu lassen, zum Beispiel im Improtheater auf behindert zu machen und anderen in der Nase zu bohren, das hat was. Solche Ausrutscher bestätigen jedoch die Regeln, nach denen wir leben. Nennen wir es nicht politische Korrektheit. Nennen wir es einen Gesellschaftsvertrag auf der Basis humanistischer Werte: Sich umeinander kümmern, Mitmenschlichkeit, Bindung zueinander. Zwischen Alt und Jung, Mann und Frau, Arm und Reich. Mit der Möglichkeit, ab und an, und sei es im Karneval, Dampf abzulassen. Wenn ich mir manche politische Agitatoren ansehe, habe ich das Gefühl, dass sie zu wenig lachen, der Druck im Druckkessel bleibt und sie zu sehr von ihrer Moral gesteuert sind. Als Menschen macht sie das unnahbar. Elite eben!

Der andere Teil der Gesellschaft fremdelt mit dem Wandel. Aus welchen Gründen auch immer. Sein Ich will so bleiben, wie es ist, sei es aus Angst oder Bockigkeit. Leider log uns eine bekannte Werbung aus den 90ern schamlos an: Gerade du darfst eben nicht!

Jedenfalls ging diesem Teil schon seit Jahrzehnten der permantente Wandel auf die Eier(stöcke). Genauso lange war es jedoch nicht erlaubt, seinen Emotionen nachzugehen. Die strenge Mama war im Haus und kontrollierte den Zugang zum Internet. Jetzt kam es zu einem Befreiungsschlag: Der fürsorgliche Vater sorgte sich um seine Kinder und sprach: Schaut her! Auch ich beiße von diesem Burger ab! Und gerade weil das Zeug so ungesund ist, bestelle ich mir noch einen! Und was ich mir erlaube, solltet ihr euch auch erlauben! Du darfst! Just do it!

Auftritt Mama-Bär: Aber Kinder! Bedenkt doch die Fakten!

Die gefühls-emanzipierten Kinder jedoch bildeten sich im Internet weiter und rufen: Bleib mir mit deinen Fakten vom Leib! Früher hatten die Menschen im Alter auch keine Krankheiten! Gesundheitsvorsorge ist doch nur eine Verschwörung!

Die Verbindung zu dieser übergroßen Moral wurde durchbrochen. Endlich kann der kleine Mensch von der Straße tun, was er will.

Das Problem lautet allerdings: Mama-Bär machte die Kinder zu unterwürfigen Ja-Sagern. Papa-Bär erzieht seine Kinder zu trotzigen Nein-Sagern. Beide machen sie jedoch abhängig von sich. Bei beiden lernen sie nicht, selbstverantwortlich ihr Leben zu gestalten. Doch wer sein Leben nicht selbst in die Hand nimmt, sondern sich von anderen an die Hand nehmen lässt, bleibt auf Dauer unglücklich.