Schlagwort-Archiv: Neurodidaktik

Achtsamkeit

Das amerikanische Versicherungsunternehmen Aetna führte 2010 regelmäßige Achtsamkeitstrainings für seine Mitarbeiter/innen ein. Das Ergebnis: Mitarbeiter/innen, die regelmäßig Achtsamkeitsübungen absolvieren, erhöhen ihre Produktivität um 62 Minuten pro Tag und werden seltener krank mit einem Produktivitätsgewinn von 3000 Dollar pro Person und Jahr.
Die Psychologen Killingsworth und Gilbert führten 2010 ein Experiment durch, indem sie Probanden regelmäßig mittels einer App anfunkten, um sich nach ihrer aktuellen Tätigkeit zu erkundigen, ob sie während des Tuns an etwas anderes denken und für wie glücklich sie sich einschätzen.

Das Ergebnis:
In 47% der abgefragten Momente wich das Tun vom Denken ab. Je höher die persönliche Abweichung war, desto unglücklicher schätzten sich die Probanden ein. Je höher die Achtsamkeit, nach Kabat-Zinn „dem Augenblick bewusst Aufmerksamkeit zu schenken“, desto höher das persönliche Glücksempfinden.

In Untersuchungen an meditierenden Menschen (u.a. von Richard Davidson und Britta Hölzel) stellte sich heraus, dass regelmäßig meditierende Menschen, z.B. Mönche, eine 30 mal höhere Aktivität von Gammastrahlen im Gehirn besitzen. Dadurch nimmt die graue Masse zum Aufbau neuer Strukturen und Netzwerke im Hippocampus zu, die graue Masse in der Amygdala nimmt ab. Meditierende sind damit weniger schnell gestresst, kreativer und schneller im Denken und Erfassen komplexer Zusammenhänge.

Literatur:
Sebastian Purps-Pardigol: Führen mit Hirn
Jon Kabat-Zinn: Gesundheit durch Meditation

Selbstdisziplin

Vor kurzem durfte ich einen unfreiwilligen Klinikaufenthalt hinter mich bringen. Verbunden damit war die Auflage kompletter Fremdernährung. Am Ende des ersten Tages explodierte ein solcher Hunger in meinem Magen, dass ich nur noch an Schweinhaxen mit Pommes, frittiert in arterienverklebendem Industriefett denken konnte. Doch nach und nach gewöhnte sich mein Magen an die flüssige Nahrung. Das Grummeln hörte auf.

Wieder Zuhause sollte ich Magen und Darm wieder langsam mit Schonkost versorgen. Auf der roten Liste standen Alkohol, Kaffee, Schwarztee, Käse über 50% Fett, faseriges Fleisch, Geräuchertes und vermutlich einiges andere mehr, das ich verdrängte, um es mir leichter zu machen. Nach und nach darf ich mir all diese Leckereien wieder zu Gemüte führen. Allerdings nicht mehr in der Masse wie zuvor.

Was sich auf den ersten Blick wie eine Hiobsbotschaft anhört, entpuppte sich beim zweiten Hinsehen als großartige Chance. Die vermeintliche Zwangsjacke führte zu einer Erweiterung meiner Wahlmöglichkeiten. Wer hätte gedacht, dass Porridge mit Kirschen oder Mangosauce so lecker schmeckt und dass vegane Aufstriche besser munden als sie aussehen? Und mit einer Johannisbeer-Schorle lassen sich ebenso erquickliche Partys feiern.

Ende der 60er Jahre: Der Psychologe Walter Mischel führt den berühmt gewordenen Marshmellow-Test durch: Kinder im Kindergartenalter werden für 15 Minuten mit einem Marshmallow alleine gelassen. Wenn sie widerstehen, bekommen sie im Anschluss einen weiteren. Die Ergebnisse: Es gibt drei Arten von Kindern:

  1. Die Selbstkontrollierten
  2. Die Impulsiven
  3. Die Schummler, die den Marshmellow aushöhlten und so taten, als hätten sie widerstanden.

Walter Mischel testete 13 Jahre nach dem ersten Test die jungen Erwachsenen erneut. Das Ergebnis: Kinder, die im Vorschulalter lange hatten warten können, waren als junge Erwachsene entschlossener, erfolgreicher in der Schule, waren resilienter und wurden sozial kompetenter beurteilt. Die Ungeduldigen hingegen waren emotional instabiler und schnitten in der Schule schlechter ab – obwohl sie nicht weniger intelligent waren.

Ein Trend, der sich fortsetzt. BJ Casey (2011) fand heraus, dass Ungeduldige Informationen schlechter filtern können und dadurch mehr Fehler machen.

Celeste Kidd (2012) variierte das Setting, indem sie eine Verlässlichkeitskomponente einbaute. Sie ließ die Kinder durch den Versuchsleiter verunsichern (er hielt Versprechungen nicht ein) oder eine Bindung aufbauen (er hielt ein Versprechen ein). Der Effekt: Die Verunsicherten hielten im Durchschnitt nur 3 Minuten durch, die Sicheren 12 Minuten.

Selbstdisziplin und Geduld sind folglich wichtige Faktoren für Karriere und Selbstzufriedenheit. Immerhin geht es nicht nur um den persönlichen Erfolg, sondern auch um die Impulskontrolle im Umgang mit Alkohol oder Essen. Selbstkontrolle befähigt in diesem Sinne zu mehr Wahlmöglichkeiten. Ich kann mich betrinken, weil’s Spaß macht, die Selbstkontrolle zu verlieren, muss ich aber nicht. Ich kann mir jeden Sonntag ein Schäufele reindrücken – schmeckt ja auch lecker! Muss ich aber nicht. Ich kann tagtäglich an meiner Karriere arbeiten, weil ich das Gefühl habe, mich damit selbst zu verwirklichen. Muss ich aber nicht. Ich kann auch an manchen Tagen meine Kinder fragen, ob ich etwas mit ihnen spielen soll oder ob wir spazieren gehen wollen – was ich im Anschluss an diesen Blogeintrag mache.

Da Einzelstudien über die Langzeitentwicklung der Marshmallow-Kinder auch zeigten, dass Selbstdiszipin in aller Regel erfolgreich, aber nicht unbedingt glücklich macht, übertriebene Selbstdiszipin macht so manchen Menschen einsam, ist es wichtig, sich genau diese Wahlmöglichkeit klar zu machen. Schließlich besitzt streng genommen ein Selbstdisziplin-Karriere-Junkie auch keine Selbstdisziplin mehr: Er oder sie kann sich einfach nicht mehr dagegen wehren, Tag um Tag an seinem ‚Höher, Schneller, Weiter‘ zu arbeiten.

Literatur:

Walter Mischel – Der Marshmallow-Test

 

Bindung und Lernen

In einer Studie von Roy Baumeister mussten drei Test-Gruppen einen Persönlichkeitstest absolvieren. Anschließend wurde Gruppe A gesagt, Sie würden in Zukunft stabile Beziehungen haben. Gruppe B wurden Krankheiten prognostiziert. Gruppe C wurden viele Trennungen prophezeit. In einem anschließenden Intelligenztest schnitten A und B gleich ab. C jedoch schnitt mit einer im Durchschnitt um 27% geringeren Intelligenz ab.

In einer anderen Studie von Carr & Walton (2012) wurde der Einfluss von Bindung auf Aufmerksamkeit, Merkleistung, Motivation und Ausdauer getestet. Zwei Test-Gruppen sollten jeweils die gleichen Aufgaben lösen (ein unlösbares Puzzle). Gruppe A bekam die Anweisung: Lösen Sie dieses Puzzle gemeinsam. Bei der Gruppe B fehlte lediglich das Wort ‚gemeinsam‘. Nach einigen Minuten bekamen die Teilnehmer einen Hinweiszettel vom Versuchsleiter. Der Hinweiszettel für die Gruppe A war im Stil eines Teilnehmers verfasst, der Zettel für Gruppe B im Stil des Versuchsleiters. Anschließend fanden Befragungen und ein Stroop-Test statt. Bei einem Stroop-Test erscheinen auf einem Bildschirm nacheinander vier verschiedene Farb-Worte in verschiedenen Farben, d.h. Blau in blau oder in grün, usw. Die Teilnehmer müssen jedesmal, wenn ein Wort auftaucht, auf den Knopf der Schriftfarbe drücken, d.h. bei „Blau“ muss der Knopf Rot gedrückt werden.

In einem weiteren Versuch gaben Carr und Walton zwei Gruppen die Aufgabe, sich aus einem komplexen Bild in 8 Minuten 18 Objekte zu merken. Auch hier wurde wieder mit Hinweisen in sachlicher oder gemeinschaftlicher Stimmung gearbeitet.

Die Erkenntnisse:

  • Gruppe B befasste sich durchschnittlich 11,5 Minuten mit dem Puzzle, bis sie die Lust verlor, Gruppe A 17 Minuten.
  • Gruppe A empfand die Aufgabe interessanter.
  • Gruppe A hatte im Stroop-Test eine um 38% schnellere Reaktionszeit.
  • Gruppe A hatte in dem Erinnerungstest eine um 12% höhere Trefferquote.

Das Fazit: Bindung fördert die Ausdauer, Merkleistung, Schnelligkeit und temporäre Intelligenz.

Serotonin im Kontext von Lernen

Serotonin im Kontext von Lernen und Kreativität

Schokolade essen, Sport treiben sowie allgemein ein Zustand der Freude, z.B. durch persönliche Erfolge steigern unsere Serotoninproduktion im Gehirn. Serotonin ist als Botenstoff für die Übertragung von Signalen zwischen Neuronen zuständig. Und wenn unsere Neuronenketten sich erweitern, bekommen wir Glücksgefühle, vice versa. Lernen und Kompetenzerweiterung ist folglich eng mit einem Glücksempfinden verbunden! Oder anders formuliert: Lernen macht glücklich. Das weiß jeder, der dieses Klicken im Kopf, diesen AHA-Effekt während einer Erkenntnis kennt. Und Glück und Freude fördern das Lernvermögen.

Serotonin im Essen

Serotonin wird nicht nur vom menschlichen Körper produziert, sondern kommt auch in Lebensmitteln wie Kiwis, Bananen, Ananas, Tomaten, Rohkost, Walnüssen oder Kakao vor. Viel Fleisch und sonstige Eiweiss-Produkte sind eher hinderlich für die Aufnahme von Serotonin. Dabei sollte die Nahrung ausgiebig gekaut werden, um die Aminosäure Tryptophan freizusetzen.

Schokolade soll ja bekanntlich glücklich machen – zumindest die erste Hälfte der Tafel. Dieses Glücksempfinden ist bestimmt noch mit Fairtrade-Schokis steigerbar, indem unser gutes Gewissen im Gehirn angetriggert wird. Das wäre auch mal eine Studie wert. Vielleicht würden Neurowissenschaftler dabei eine Art Weltenretter-Neuron entdecken. Wer weiß?

Das Glückmachende in der Schokolade ist jedoch weniger auf das enthaltene Serotonin (im Kakao) als auf den hohen Kohlenhydratgehalt zurückzuführen. Serotonin kann die Blut-Hirn-Schranke nämlich nicht überwinden – da wäre Crystal Meth zu bevorzugen 😉. Kohlenhydratreiche Nahrung stimuliert jedoch die Serotoninbildung im Gehirn.

Serotoninbildung durch Sport

Eine kalorienärmere Methode zur Hebung des Serotoninspiegels stellt sportliches Ausdauertraining dar, d.h. richtig mit Schwitzen und so. Denn durch körperliche Betätigung wird die Verfügbarkeit des bereits erwähnten Tryptophans im Gehirn erhöht, woraus der Körper wiederum Serotonin gewinnt. Regelmäßiger Ausdauersport erhöht somit dauerhaft den Serotoninspiegel. So trägt Serotonin indirekt nicht nur zu körperlicher, sondern auch zu psychischer Gesundheit bei.

Serotonin und Lernen

Und da wir wissen, dass Serotonin bei der Bildung von Neuronenketten notwendig ist, wirken sich eine gesunde Ernährung und Sport folglich auch auf das Lernvermögen und die Kreativität aus.

Ein Argument mehr für gute Ernährung und einen Fitnessraum im Keller in Unternehmen.

Da Freude, Stolz und Glück allerdings auch durch Erfolge bzw. die Rückmeldungen auf Erfolge entstehen, kann auch ein passendes Feedback den Serotoninspiegel stimulieren. Letztendlich ist eine gemeinsam gepflegte humorvolle Atmosphäre  sicherlich auch nicht schädlich.

Bausteine unseres Gehirns

Ich beschäftige mich schon seit etwa 10 Jahren mit Neurowissenschaften. Ein spannendes Thema. ‚Spannend‘ ist allerdings auch die Aufmachung der meisten neurowissenschaftlichen Bücher. Wenig Grafiken, Null Humor. Wenn da was im Gehirn hängen bleiben soll, bleibt i.d.R. nur der Weg über den Fleiß. Eigentlich Schade. Dabei bietet das Thema einiges an Potential. Wie wäre es zum Beispiel mit einer etwas anderen Präsentation der Bausteine unseres Gehirns:

In meinen Trainings verteile ich dazu Kärtchen mit Namen. Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Problem lösen. Dazu findet sich ein unschlagbares Team zusammen:

  • PFC denkt über das Ziel nach und stellt einen Plan auf.
  • Amy gibt ihre Bedenken kund.
  • Hippo behält den Überlick.
  • Hypo sorgt für emotionale Balance.
  • Der Balken (so langsam habe ich das Gefühl, eine Gang aus einem Tarantino-Film würde einen Coup aushecken) vermittelt zwischen den emotionalen und sachlichen Fronten.
  • Nucki (Erdbeer oder Nuß?) sucht den Dopamin-Kick.
  • Thali(a) setzt Prioritäten und untersucht Wahrgenommenes genauer.
  • Und Gyros (mit ohne) würde am liebsten gleich loslegen, sofern er eine Erhöhung seines Status‘ riecht.