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Die Sehnsucht nach Frieden

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt uns, dass es auf der Welt noch nie eine erdumfassende Friedenszeit gab. Nach dem Kalten Krieg gab es wohl eine kurze Phase von 1-2 Jahren, in der wir einem umfassenden Frieden nahekamen. Dieser Traum wurde spätestens durch die Terrorakte von 9/11 jäh zerstört.

Im Zuge des Kampfes gegen das C wurde von einigen Nationen der Begriff des Krieges ins Spielfeld geworfen. Spannenderweise entwickelte sich dieser Krieg gegen ein unsichtbares Virus in rasender Geschwindigkeit zu einem Projekt, das weite Teile der Welt miteinander solidarisierte. Kubanische Ärzte halfen in Italien aus. Die Nato forderte eine Waffenruhe in Kriegen, zumal die gesamte Welt dank der Pandemie zum Krisengebiet erklärt wurde. Was braucht es da noch Schusswechsel? Und die Philanthropen aller Länder vereinigen sich zum gemeinsamen Kampf gegen das Böse. Die Bill und Melinda Gates Stiftung spendet wahnwitzige Summen zur Produktion eines Impfstoffes. Amazon übernimmt dankbarerweise die kulturelle Grundversorgung des Bürgers und der Bürgerin. Google unterstützt Faktenchecker auf der ganzen Welt mit 6,3 Millionen Euro. Youtube sortiert desinformierende Videos aus. Und Microsoft und Apple begraben ihr in die Jahre gekommenes Kriegsbeil, um gemeinsam an einer Tracking- oder Tracing-App zur Ortung von Erkrankten zu arbeiten. Geh‘ dahin, du alte Feindschaft.

Die WHO versucht es mit Koordinationsbotschaften aus der Ferne, was nicht in Gänze gelingt. Manche, wie die Schweden, scheren aus, werden zuerst verurteilt und später für ihren Sonderweg gelobt. Andere, wie die Bayern, werden ob ihrer übertriebenen Maßnahmen gerügt. Weder die Schließung der Grenzen noch die Masken in ihrer einfachen Baumwollform sind laut Pandemieplan der WHO empfohlen. Im Gegenteil: Wer eine Maske trägt, atmet sich in die Augen, diese jucken dann, worauf man sich mit den infizierten Händen in die Augen fassen muss. Aber sei’s drum. Vor Ort werden Gemeinschafts-Masken genäht, die sich nach und nach auf Bürgersteigen und Waldwegen wiederfinden. Überhaupt ist Solidarität das wichtigste im Kampf gegen den Feind. Mund zu, Augen zu und durch. Nur gemeinsam können wir es schaffen.

Wäre da nicht die verschrobene Seite der anderen? Die Rechten natürlich, die grundsätzlich gegen alles sind. Es ist erhellend, dass in manchen Ländern, beispielsweise Deutschland oder Österreich, rechtsgerichtete Parteien, gegen die Maßnahmen der Regierung sind, während eine Marine le Pen in Frankreich die Öffnung von Macron zu früh empfindet. Kann man das noch ernst nehmen?

Auch die Maßnahmen rechtsgerichteter Regierungen sind beileibe nicht einheitlich. Die einen geben den strengen Zuchtmeister, als hätten sie ein Land voller masochistischer Bürger. Den anderen kann es gar nicht schnell genug gehen mit Lockerungen.

Auf der Seite der Kritiker stehen jedoch auch Restaurantbesitzer, Kurzarbeiter, Existenzverlustige, Wissenschaftler, Ärzte, Familien, Rentner, Impfkritiker, usw. Bilder auf Demonstrationen zeigen einen Querschnitt der Gesellschaft, wie er natürlicher nicht sein könnte.

An dieser Stelle gilt die wichtige Trennung von Handlung und Motiv. Oder in einem Bild: Man sollte Ross und Reiter benennen. Der Reiter mag gegen die Maßnahmen schwadronieren. Es stellt sich jedoch die Frage, was ihn antreibt?

Es gibt Reiter, die diese bereits drohende oder vorhandene Spaltung der Gesellschaft noch voran treiben. Der Sinn eines „Draufhauens aus Prinzip“ ist offensichtlich das Chaos und die Revolution, um die Entfremdung vom Staat und den Vertrauensverlust in die Regierung zu nutzen und eine neue Ordnung herzustellen. Auch der Impuls, sich nichts von der EU, der WHO oder einer anderen internationalen Organisation sagen zu lassen, spielt sicherlich eine Rolle.

Es gibt jedoch auch Menschen, von denen wir es nicht gewohnt sind, dass sie auf die Straße gehen, zumindest nicht in Deutschland. Gegen Atomkraft vielleicht. Aber sonst? Wann haben zum letzten mal ganz normale Bürger demonstriert?

Aktuell wird viel von Egoismus und mangelnder Solidarität gesprochen. Ist es egoistisch, darüber zu trauern, dass alte Menschen in Pflegeheimen aus Einsamkeit sterben, weil sie nicht besucht werden dürfen? Darüber, dass 2,5 Millionen Menschen Herzprobleme, 7 Millionen Diabetes und 19 Millionen Probleme mit Bluthochdruck haben und aktuell nicht zum Arzt oder in die Klinik gehen? Oder darüber, dass auf den Hunger in der Welt oder unmenschliche Arbeitsbedingungen in Afrika, Südamerika oder Indien im Zuge des Cs nicht mehr geschaut wird?

So bunt wie die Gruppe an Kritikern ist, so vielfältig ist auch die Liste an Sorgen, Bedenken, Nöten und sicherlich auch ein paar egoistischen Wünschen. Beispielsweise dem egozentrischen Wunsch einer Mutter, die sich Sorgen darüber macht, dass ihre Kinder den Anschluss in der Schule verpassen und die Schwere der Bildungsungleichheit noch weiter auseinander geht. Genauso solidarisch und egoistisch sind auch die Wünsche der Gegenseite, basierend auf der Angst vor der ersten Welle.

Die Marginalisierung von Kritikern führte zu einer Extremisierung der Meinungen und einem Abdriften in Verschwörungstheorien. Wem nicht zugehört wird, der macht sich seinen eigenen Reim, mag er noch so verworren und krude sein. Hier wird oftmals behauptet, dass in unserem Land jeder das Recht hat, seine Meinung frei zu äußern. Dabei stellt sich jedoch die Frage, warum so viele Menschen, die bisher nicht als Quertreiber auffielen, dennoch der Meinung sind, dass deren Meinungsfreiheit beschränkt wird?

Wenn wir – je nach Umfragen, deren Ergebnisse schwanken und deren Validität oftmals fragwürdig ist – von einem Potential von mindestens 30% Kritikern ausgehen, sitzen wir aktuell auf einem gesellschaftlichen Pulverfass.

Während der Begriff des Krieges von Anfang an seltsam war, verwandelte er sich innerhalb weniger Wochen in eine Art friedlichen Bürger“krieg“, mit wenigen Ausnahmen. Hier sind Menschen, die den Weltfrieden nicht mitmachen wollen. Der „Krieg“ wurde damit zuerst in die heimischen Wohn-, Kinder- und Essenszimmer verlagert, und findet nun seinen Weg auf die Straße.

Es sind verschiedene Ansätze denkbar, mit diesem Pulverfass umzugehen. Was aktuell passiert, erinnert den Autor an die Dolchstoßlegende. Während die gesamte Welt in einer befremdlichen Einigkeit solidarisch gegen das Virus kämpft, stören die Querdenker das große Friedensprojekt. Dabei stellt sich die Frage, ob es sich eine Regierung leisten kann, eine Politik gegen 30% der Menschen im eigenen Land zu machen?

Was würde stattdessen passieren, wenn die Regierung Kritiker in die eigenen Reihen einladen würde, um damit die unzufriedenen Menschen aus der Schmuddelecke zu holen?

Was wäre, wenn diese bislang Unzufriedenen dann nicht mehr auf die Straße gehen müssten?

Vielleicht würden die Kritiker von ihrem Trotz ablassen und bereitwillig Masken aufsetzen – ob sinnvoll oder nicht – und damit anderen Menschen zeigen: „Ich sehe es anders, bin aber ein Teil von euch. Das ist kein Maulkorb, sondern ein echtes, kein erzwungenes Zeichen der Solidarität.“

Vielleicht hätten die Kritiker gute Ideen, um die Lockerungen sinnvoll durchzuführen.

Vielleicht würden Verschwörungstheorien im Nu an Zuspruch verlieren, weil es nicht mehr nötig ist, ihnen zu folgen, wenn die Menschen realisieren, dass ihnen zugehört wird.

Vielleicht könnte die Regierung damit Vertrauenspunkte bei den Menschen wieder gutmachen.

Vielleicht würden die Politiker daran wachsen, weil sie Schwäche in Stärke verwandeln, anstatt dem uralten Modell des Durchregierens in Krisenzeiten nachzueifern.

Vielleicht wäre jetzt die Zeit, sich gegenseitig zuzuhören. Weil wir alle recht haben, und gleichzeitig alle unrecht.

Mit Sicherheit gingen die Demonstrationen weiter, nur dieses mal mit den üblichen Verdächtigen, die niemand wirklich ernst nehmen muss.

Vielleicht würden wir damit die weltumspannende Einigkeit gefährden. Bald wäre Google wieder die alte Datenkrake, impfen darf, wer will und die WHO sagt, was wir tun sollen, woran sich ohnehin niemand hält. Wir hätten dann keinen Burgfrieden mehr, jedoch wenigstens einen Bürgerfrieden. Immerhin.

Um das zu erreichen, braucht es wohl ein Menschenbild, das ein wenig an die Zeit vor dem Sündenfall erinnert.

Im Kern geht es um das Vertrauen zueinander. Das Vertrauen in meine Mitmenschen. Das Vertrauen in den Staat. Und das Vertrauen des Staates in seine Bürger.

Wer da nicht sehnsüchtig wird …