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Die Offene Gesellschaft

In der aktuellen Krise prallen die gegenteiligen Meinungen immer stärker aufeinander. Arztpraxen opponieren gegen Virologen und das RKI. Auf letzteres scheinen einige aufgrund manch kostspieliger Vorgaben bei der Führung ihrer Praxen ohnehin schlecht zu sprechen zu sein. Ältere Menschen verbieten sich Eingriffe in ihre Freiheitsrechte. Kinder bekommen einen festen Platz auf dem Schulhof zugewiesen, von dem sie sich nicht entfernen dürfen, was deren Freiheitsrechte beschränkt und damit Kinderschutzgruppierungen auf den Plan ruft.

Es vergeht kein Tag ohne ein neues Detail im Tanz um die Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft.

Auf der Suche nach Lösungen aus diesem gesamtgesellschaftlichen Drama stieß ich auf zwei Artikel im Deutschlandfunk (Eins und Zwei), worauf ich auf den Begriff der Offenen Gesellschaft aufmerksam wurde. Als bis dato eher unpolitischer Mensch (mit Meinung, aber inaktiv) hatte ich mich damit bisher nur am Rande beschäftigt. Letztlich werden dabei jedoch genau die Prinzipien, die in progressiven, demo-, holo- oder soziokratischen, agilen und schwarmintelligenten Unternehmen eingesetzt werden auf die gesamte Gesellschaft übertragen.

Die Offene Gesellschaft galt dem Sozialphilosophen Karl Popper nach 1945 als ideales Modell einer kritischen Gesellschaft, die auf dem Boden einer funktionierenden Demokratie stehend stetig dabei ist, gesellschaftliche Ziele und Wege offen auszudiskutieren. Streitbar, ohne jedoch anderen Parteien das Recht zur Meinungsäußerung abzusprechen. Dies wird in einem gewichtigen Ausspruch einer Offenen Gesellschaft treffend auf den Punkt gebracht:

Auch wenn ich nicht deiner Meinung bin, tue ich alles dafür, dass du deine Meinung äußern kannst.

Die Grundbedingung einer Offenen Gesellschaft ist der mündige Bürger beziehungsweise der Glaube an ein humanistisches Menschenbild, in dem jeder Mensch grundsätzlich danach strebt, sich weiterzuentwickeln und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten positiv an der Gesellschaft zu beteiligen. Es ist kein Wunder, dass in diesen turbulenten Zeiten auch das Grundeinkommen wieder einen neuen Schwung bekommt, zumal es auf demselben Gedanken fußt beziehungsweise aufgrund eines negativen Menschenbildes noch nicht in Deutschland eingeführt wurde.

Der Autor Stefan Brunnhuber überträgt in seinem Buch „Die Offene Gesellschaft“ die Ideen und Prinzipien von Karl Popper in das 21. Jahrhundert und postuliert 22 Merkmale einer Offenen Gesellschaft, die ich hier in sechs Prinzipien zusammenfasse:

  1. Eine Offene Gesellschaft orientiert sich an einer nachhaltigen Zukunft und nicht an Machbarkeiten und Prinzipien der Vergangenheit.
  2. Eine Offene Gesllschaft ist stetig im Wandel, auf der Suche nach einem tragfähigen gesellschaftlichen Konsens.
  3. Eine Offene Gesellschaft, in der die Bürger offen um und über die Zukunft streiten ist der beste Garant dafür, möglichst wenige Fehler zu machen und Irrtümer nicht zu wiederholen. Kritik wird in diesem Sinne nicht negativ betrachtet, sondern ist wichtig, um die beste aller Welten anzustreben.
  4. Gesellschaftliche Probleme lassen sich nur durch mehr Wissen und nicht durch die Fokussierung auf weniger Wissen lösen. Deshalb sind öffentliche wissenschaftliche Diskurse als freundschaftlicher Wettbewerb essentieller Bestandteil einer Offenen Gesellschaft.
  5. Die Offene Gesellschaft wird nicht von einer Weltregierung geführt, sondern entsteht durch das Binnenverhältnis souveräner Staaten zueinander. Damit wird gewährleistet, dass Staaten beispielsweise im Umgang mit einer Krise voneinander lernen können. Abweichler in einer Krise werden daher nicht als schlecht kritisiert, sondern bieten stattdessen ein Gegenmodell, über das diskutiert werden sollte.
  6. Feinden der Offenen Gesellschaft wie Verschwörungsmystikern, Autokraten, Reduktionisten oder totalitären Denkern wird entschieden entgegen getreten.

Ob Deutschland dazu bereit ist, weiß ich nicht. Wer seinen Blick nach Schweden richtet, das von der WHO für seinen Sonderweg des Vertrauens in die Gemein- und Gesellschaft gelobt wurde, weiß jedoch, dass ein solcher Weg möglich ist. Eine Utopie ist es allemal. In diesem Sinne ist wieder einmal der viel zitierte Spruch von Willi Brandt angebracht: Mehr Demokratie wagen.

Auch wenn Kompromisse niemals perfekt sein werden, sodass jeder Bürger zu 100% zufrieden sein wird, zumal dies in der aktuellen Krise ohnehin ausgeschlossen werden kann, alleine wenn wir an die Diskrepanz zwischen Nähe und Distanz denken, bietet die aktuelle Krise eine Chance, es mit Hilfe einer Offenen Gesellschaft dennoch zu versuchen und anhand der aktuellen Situation an sich zu wachsen und für sich nach der Krise ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis zu entwickeln.

Ein Dilemma für die zukünftigen Lehrbücher

Die Regierung steht vor einem Dilemma, dass in seiner Paradoxie und Brutalität kaum zu überbieten ist. Stellen wir uns dazu die Zukunft mittels zweier Extrem-Szenarien vor:

  1. Das Virus ist tatsächlich so gefährlich, wie behauptet wird. Es wütet so schlimm wie in Italien, Spanien oder Frankreich. Dann hätte die Regierung alles richtig gemacht. Die restriktiven und teils infantilisierenden Ausgangsbeschränkungen hätten ihre Berechtigung gehabt. Die Bürger würden sagen: Gut habt ihr gehandelt. Streng und gut. Und recht hattet ihr, die Ungehorsamen und Unbelehrbaren hart zu bestrafen. Ihr habt unser aller Leben beschützt. Die Verschwörungstheoretiker hätten unrecht gehabt. Das Paradoxe daran lautet: So brutal es klingt, aber eigentlich wünschen wir uns insgeheim so ein Szenario. Wir wünschen uns volle Krankenhäuser. Wir wünschen uns ein volles BVB-Stadion. Wir wünschen uns Tote, um in unser aller Glauben bestätigt zu werden. In seiner ganzen Brutalität würde uns dies paradoxerweise erleichtern. Die ganzen Verzichte und Leiden waren nicht umsonst. Die Kindeswohlgefährdungen, der Suizid des hessischen Finanzministers, die bankrotten Unternehmen und Soloselbständigen, das Sterben der kleinen Einzelhändler. All das war nicht umsonst.
  2. Was jedoch passiert, wenn das Virus weniger wütet als gedacht? Medizinisch eine erleichternde Vorstellung, aber sozialwissenschaftlich betrachtet eine Horrorvision. Der Shutdown lässt sich mit einem konjunktivischen Narrativ erklären: Wenn wir nicht gehandelt hätten, wäre es noch viel schlimmer gekommen. Doch was ist mit den Bußgeldern? Und viel schlimmer noch: Was ist mit der Wahrheit, die sich dann nicht mehr beweisen lässt? Werden Verschwörungstheoretiker einen neuen Zulauf bekommen? Was passiert mit all jenen, die aktuell sagen: Wir sehen es anders? Wird es eine neue Welle an Protestwählern geben? Das „Was wäre passiert, wenn wir nicht …?“ lässt sich nicht beweisen. Für ein „Was wäre passiert, wenn wir nicht …?“ gibt es keinen Fakten-Check.

Wie also könnte ein Ausgang aus diesem Dilemma aussehen? Für mich als Befürworter von Schwarmintelligenz und einer agilen Vorgehensweise gibt es nur einen Weg: Kritiker so schnell wie möglich mit ins Boot holen, um die Versöhnung nicht auf die Zeit nach der Krise zu schieben, sondern bereits jetzt an für die gesamte Gesellschaft sinnvollen Lösungen zu arbeiten. Das würde jedoch bedeuten, in Expertenteams nicht nur Virologen, Mediziner und Epidemiologen einzuladen, sondern auch Juristen, Soziologen, Psychologen, Philosophen, Ethiker oder Kirchenvertreter. Wir stehen vor der größten Herausforderung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Können wir angesichts dieser Krise wirklich auf die Expertise vieler kluger Köpfe dieses Landes verzichten? Die Krise werden wir so oder so meistern. Auch mit einschneidenden Restriktionen. Doch wie wird die soziale Welt danach aussehen?