Manifest für eine produktive Streitkultur

Wir leben in einer Zeit, in der es aufgrund der Distanz, Digitalisierung und Hektik zu immer mehr Lagerbildungen in der Gesellschaft kommt. Während es früher vor allem die Lager zwischen Links gegen Rechts, Oben gegen Unten, Mann gegen Frau, Alt gegen Jung oder zwischen verschiedenen Ethnien gab, wurde insbesondere durch die Corona-Krise deutlich, an welchen Grenzlinien sich weitere Lager befinden:

  • Eltern gegen Kinderlose,
  • Impfkritiker gegen -befürworter,
  • Technikaffine gegen -skeptiker,
  • Weltenbürger gegen Heimatorientierte,
  • Arme gegen Reiche oder komplex gegen „einfach“ Denkende.

Die Coronakrise ließ viele bisher verdeckte Konfliktlinien aufbrechen. So nimmt auch die Rassismus-, Sexismus-Debatte oder die Frage der Ausnutzung von ausländischer Arbeitskräfte in Deutschland wieder an Fahrt auf, was grundsätzlich eine wünschenswerte Sache ist.

Gleichzeitig führt eine „Philosophie der Reinheit“ dazu, mit sich selbst im Reinen zu sein, wenn ich einer reinen Lehre folge, die jedoch mit anderen Vorstellungen eines guten und richtigen Lebens unvereinbar erscheint. So streiten sich militante Raucher mit Nichtrauchern, Kinderlose mit Kinderreichen, Veganer mit Fleischliebhabern oder die „einfach“ denkende Alleinerziehende, die schauen muss, wie sie über die Runden kommt mit dem visionär-grünen Weltenretter, dem es nichts ausmacht, in der Krise zuhause zu bleiben, weil ohnehin ein Swimmingpool im Garten steht. All diese Positionen sind grundsätzlich legitim, führen jedoch in ihrer Reinheit zu einer sozialen Unvereinbarkeit.

Erhellend hierzu ist die Tatortreinigerfolge „Fleischfresser“, in der eine Veganerin ihrem Freund den Laufpass gibt, weil er Fleischfrsser ist. Hier ein kurzer Auszug.

Zwar treffen hier Einzelpersonen mit vermeintlich eigenen Interessen und Bedürfnissen aufeinander. Hinter diesen Einzelpersonen stehen jedoch unversöhnliche Lager. Offensichtlich führt die Moderne der Digitalisierung dazu, dass für uns einerseits in unserer Diversität und Facettenvielfalt immer weiter voneinander entfernen, uns jedoch andererseits einem Lager zugehörig fühlen wollen, um die Gewissheit zu haben, nicht alleine auf der Welt zu sein. Im Internet findet jeder Mensch einen Gleichgesinnten. Dafür jedoch gibt es immer mehr Lager der Vereinzelungen. Diese Lager bestätigen sich aufgrund ihrer Echokammer kontinuierlich selbst, was Konflikte weiter verschärft. Ein Zeugnis dieses Phänomens finden wir in der seit einigen Jahren gängigen Praxis, seinem Avatar in sozialen Medien eine Bauchbinde der Teamzugehörigkeit zu verpassen. War es vor einigen Jahren noch das Signal, dem Team „Je suis Charly“ zuzugehören, eröffnete die Corona-Krise vielfältige weitere Möglichkeiten der Zugehörigkeit. So entstanden das Team Schweden, Wissenschaft, Vernunft oder Kunst. Damit lässt sich einerseits die Distanz der digitalen Ferne aufheben, indem der Mensch sich einem Team wie früher einer Sippe zugehörig fühlt. Andererseits fördert dieses Sippen- und Teamdenken Konflikte, die sich gerade über die Distanz kaum lösen lassen.

Die einzelnen Lager finden sich schließlich in Großkonflikten wieder wie der Entscheidung für den Brexit, Stuttgart21, den unüberwindbaren Gräben zwischen Demokraten und Republikanern in den USA oder aktuell den Maßnahmenbefürwortern und -kritikern in der Coronakrise.

Zur sozialen Befriedung und Konfliktschlichtung gilt es, die große Lagerbildung in einem ersten Schritt auf individuelle Betroffenheiten zurückzuführen und in einem zweiten Schritt zu akzeptieren, dass wir alle aufgrund unserer unterschiedlichen Erfahrungen und Betroffenheiten zu unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt kommen. Ich selbst wurde als heterosexuell veranlagter, weißer Mittelschichtsmann in meinem gesamten Leben lediglich einmal auf einer Party von einem homosexuellen Mann angebaggert. Diese Erfahrung führt vor dem Hintergrund meiner Biographie zu einem geschichtlichen Schmunzeln. Eine Frau, die solche Erfahrungen regelmäßig macht, muss eine solche Szene gänzlich anders einordnen als ich.

Erst wenn wir realisieren und akzeptieren, dass eine Frau in einer anderen Welt lebt als ein Mann, dass People of Color andere Erfahrungen machen als Weiße oder dass Eltern andere Sorgen haben als Menschen mit einem sogenannten DINK-Hintergrund (double income no kids), ist es möglich, sich wertschätzend zu begegnen und die eigenen individuellen Bedürfnisse aufgrund der spezifischen Erfahrungshintergründe angemessen streitend einzubringen. Natürlich ist es legitim, für die eigenen Belange einzustehen. Genauso legitim ist es jedoch, dass andere Menschen mit anderen Erfahrungen andere Bedürfnisse einbringen.

Dazu müssten die Menschen zum einen in Kontakt mit ihren Bedürfnissen kommen und zum anderen für diese Bedürfnisse ehrlich und wertschätzend streitend eintreten. Dabei gilt es, von einer Denkweise der harmonischen Alternativlosigkeit abzukommen, hin zu einem hybriden Modell der Verständigung: In einem Streit einen Konsens anzustreben ist löblich. Würden wir einen friedlichen Konsens, in dem alle Interessen und Bedürfnisse erfüllt werden nicht als ultimatives soziales Ziel verfolgen, hätten wir nichts, wovon wir träumen könnten. Ist ein Konsens jedoch nicht erreichbar, sollte es möglich sein, mit einem Dissens der gegenseitigen Toleranz zu leben, ohne sich im Zorn zu trennen. Ohne Generalisierungen, Diffamierungen und Zynismus. Sich produktiv zu streiten bedeutet nicht, sich immer eins zu sein. Ein Streit kann auch das Ziel verfolgen, sich Klarheit von seinem Gegenüber zu verschaffen oder sich seine eigene Position zu verdeutlichen, diese zu schärfen oder zu hinterfragen. Schlimmer als ein Dissens ist die fehlende Bereitschaft, in eine klärende Auseinandersetzung zu gehen. Besteht kein Raum, in dem sich die Parteien offen und ehrlich gegenseitig zuhören und damit zueinander in Kontakt gehen, aufgrund der Angst vor einem Konflikt oder der Angst davor, persönlich Farbe bekennen zu müssen und damit in Kontakt mit sich selbst zu kommen, fühlt sich mindestens eine Person nicht ernst genommen. Meidet eine Person die Auseinandersetzung, zeigt sie damit der anderen Person, dass sie sie und ihre Belange nicht ernst nimmt. Sie verweigert damit den Kontakt mindestens mit ihrem Gegenüber, eventuell zusätzlich mit sich selbst.

Ein Konflikt ist jedoch immer als Prozess zu verstehen, in dem sich mindestens zwei Positionen gegenseitig umtanzen, sich voneinander entfernen, sich annähern, in einem Punkt verharren und bestenfalls zu einem gemeinsamen Konsens kommen. Klärung und Annäherung benötigen Geduld und den Respekt für die Entstehung der jeweils anderen Position. Sie benötigen den Willen und die Kompetenz zur Ehrlichkeit, die Toleranz, dass mein Gegenüber ebenso Recht haben könnte wie ich sowie die Neugier für mein Gegenüber und die Bereitschaft der persönlichen Bewegung.

Da der digitale Raum ein Herauspicken liebsamer Erfahrungen fördert und den Prozess der gemeinsamen Annäherung erschwert, sind Konflikte im Internet leider vorprogrammiert. Deshalb ist es wichtig, sich klar zu machen, wann und für welche Themen der Austausch in sozialen Foren sinnvoll ist und wann der Weg ins Analoge die bessere Wahl, vielleicht sogar alternativlos ist.