It was just a joke

Neulich waren wir im Kino, haben gelacht, gelitten und waren peinlich berührt. Wir schauten uns Toni Erdmann an, was mich dazu veranlasste, mich tiefer mit dem Thema „Wir verstehen und nicht (mehr)“ zu beschäftigen.

Unterschiedliche Welten, unterschiedliche Regeln

Wir leben in unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Regeln. Diese Welten gleichen einem Spielfeld und dem dazugehörigen Spiel. So wie ein Fußballspiel nur durch die Begrenzung des Spielfelds und klare Regeln funktioniert, läuft das Kommunizieren in diesen Welten auch nur mit bewussten und unbewussten Regeln reibungsfrei ab, sofern die Regeln von allen geachtet werden.

Ein Prinzip jeden Spiels ist die Reduzierung möglicher Handlungsakte. Dies scheint auf den ersten Blick ein Interagieren komplizierter zu machen, erhöht jedoch auf den zweiten Blick den Reiz am Spiel ansich. Man stelle ich vor, wir würden Packman spielen, ohne Gegner, ohne Pillen, die einen schneller rennen lassen, ohne Labyrinthe. Man stelle sich vor, Pacman bestünde aus einem Männchen, dass auf einer geraden Linie Punkte einsammelt, ohne jemals einem Gegner zu begegnen. Wie spannend!

Neben der Ermöglichung einer Interaktion überhaupt, machen Regeln Spiele prickelnder, indem sie die Spreu vom Weizen trennen: Wer es schafft, sich an die Regeln zu halten und dennoch gewinnt, ist ein toller Hecht – eine Variante des Handicap-Prinzips.

Nebenbei: In einem Spiel zu betrügen – auch zu lügen – ist letztlich ein Zeichen, die Regeln des Spiels anzuerkennen. Dabei stellt sich die Frage, wer oder was schwerer zu akzeptieren ist:

  • Jemand, der die Regeln anerkennt, sich jedoch machtvoll darüber hinweg setzt, als gelten sie für alle anderen, nicht jedoch für sie oder ihn?

  • Oder ein Spielverderber, der sich gar nicht erst auf die Regeln einlässt? Karneval ist ja auch eine saublöde, kindische Veranstaltung!

Vor Gericht wird deutlich: Ein Betrüger, der seine Fehler reuevoll eingesteht, kommt in einem Geschworenengericht deutlich besser weg, als ein uneinsichtiger Betrüger.Zu betrügen ist in Ordnung, wenn du dennoch an die Regeln des gemeinsamen Spiels glaubst.

Die Mühen eines Schmetterlings

Übertragen auf unsere Welten stelle man sich vor, wir würden morgens aufstehen, Cafe und Toast würden stets perfekt gelingen – die Industrie arbeitet daran – Chefin und Kolleginnen wären immer gut gelaunt, es gäbe keine Gerüchte, keine Probleme, keine Kämpfe. Huxley würde sagen: Eine schöne neue Welt!

Ein Bild: Wer den Cocon eines späteren Schmetterlings findet, mag in die Versuchung kommen, dem sich abmühenden eingepuppten Ding zu helfen, sich vor-zeitig aus seinem natürlichen Gefängnis zu befreien. Wer dies jedoch tut, verurteilt den Schmetterling zum Tode. Er beraubt ihn der Fähigkeit, sich Muskeln für später anzutrainieren. Der Cocon fungiert wie ein muskelbepackter Türwächter vor einer In-Diskothek in Schwabing: „Du kommst hier nicht rein! Solange, bis die Frisur stimmt.“

Der Übergang von der einen in die andere Welt ist bisweilen schmerzhaft, zumindest verbunden mit Mühen und Strapazen.

Kinder- und Erwachsenenwelten

Die Kinderwelt gibt vor, nicht voraus denken zu müssen – auch nicht zurück – da sie sonst stetig an die Konsequenzen des eigenen Handelns denken müsste, was ein Tätig Werden und Ausprobieren neuen Repertoires erschweren, gar unmöglich machen würde. Damit geht jedoch auch einher, dass Kinder zu Beginn wenig bis keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen dürfen. Denn Verantwortung hieße im schlimmsten aller Fälle ein schlechtes Gewissen für eine Tat inklusive negativer Konsequenzen für andere, letztlich auch für sich selbst. Die Welt der Eltern jedoch ist gerade geprägt durch die Erfahrung, Verantwortung für das eigene Tun und und das Tun anderer zu übernehmen: Eltern haften für ihre Kinder!

Werden Kinder älter, übernehmen sie Erfahrung für Erfahrung die Sichtweise von Ältern. Sie lernen, dass alles, was wir tun Konsequenzen hat. Tapfen sie in den Fußstapfen ihrer Eltern, übernehmen sie deren Sichtweisen auf die Welt. Sie übernehmen die bewussten und v.a. unbewussten Regeln des Spiels auf dessen Spielfeld die Eltern sich bewegen.

Suchen Kinder sich andere Spielfelder, um sich abzugrenzen, spielen sie folglich nach anderen Regeln. Die Regeln können sich jedoch so stark unterscheiden, dass eine Kommunikation kaum noch möglich erscheint, da diese Regeln alles durchdringen:

Die Sprache, persönliche Ziele, Werte, Wahrnehmungen, Handlungen.

Der Culture-Clash in Toni Erdmann

Der Film Toni Erdmann macht dies deutlich. Vater und Tochter leben in unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Zielen und Werten. Er, ein Lehrer und Sozialromantiker, wie gut, dass 68-Klischees immer noch greifen, versucht die kleine Welt um ihn herum mit Witzen am Leben zu halten. Bei aller Peinlichkeit hat dieser Umgang mit seinem (Rest-) Leben auch etwas Spielerisch-Kämpferisches. Wie eine Figur aus einem Fassbinder-Film lehnt er sich auf gegen die Tristesse eines kleinstädtischen Alltags. Das Lehrerdasein, die Besuche bei der Mutter, der Hund geht seinem Ende entgegen, ein unmotivierter Klavierschüler und ab und an ein Kaffeekränzchen mit Verwandten. 1970 ließen Fengler und Fassbinder ihren namenlosen Helden im Film „Warum Herr R. Amok läuft“ die aggressive Variante der Auflehnung gegen bürgerliche Kaffeekränzchen ausführen. Er jedoch flüchtet in Witze, als hätte er nichts aus Kunderas „Der Witz“ gelernt. Große Ziele? Fehlanzeige. Die Witze halten ihn am Leben und verhindern gleichzeitig echte Interaktionen mit seinem Umfeld und damit eine Chance auf Nähe und Veränderungen.

Seine Tochter, als komplexe Gegenblaupause, ist so ernst wie man nur sein kann. Als Unternehmensberaterin für McKinsey und Konsorten sucht sie einen anderen Weg, sich gegen ihre bürgerliche Herkunft aufzulehnen. Oberflächlich betrachtet scheint ihr ihr Erfolg recht zu geben: „Toll, wo die überall herum kommt, Bukarest, Shanghai. Und mit wem die alles am Tisch sitzt! Mit den ganz Großen von Siemens und … wie heißen die noch?“

Kein Wunder, dass sie sich geschmeichelt fühlt. Kein Wunder, dass es ihr zu eng wurde in der kleinstädtischen Ungreifbarkeit des Lebens zwischen fassbinderscher Tristesse und den hilflosen Versuchen ihres Vaters aus „War ja nur ein Scherz“-Momenten Hoffnung zu ziehen. In der Tat versucht der Vater im Verlauf des Films mit seiner Strategie des Scherzens auch in der fremden Welt der Business-Menschen Fuß zu fassen. Man müsste zählen, wie häufig der Satz „It was just a joke“ im Verlauf des Films fällt.

Was jedoch in seiner kleinen Welt als Schrulle gerade so akzeptiert wird, wird in der ernsten Welt des Big Business nicht verstanden. An vielen Stellen weiß der Zuschauer nicht, ob er lachen, weinen oder peinlich berührt sein soll, wenn der Vater wieder einmal einen „Joke“ macht und anschließend zurückrudert.

Was ist Glück?

Dass die Regeln der verschiedenen Spielplätze nicht auf Sprache reduziert sind, sondern viel viel mehr enthalten, zeigt sich in der Szene, in der er seine Tochter fragt: Bist du glücklich? Eine Frage, die sich der Zuschauer von der ersten Minute ab stellt. Kann so jemand glücklich sein? Jemand, der die ganze Zeit am Handy hängt, sich konktrolliert, kaum lächelt. Fakt ist: In Szenen, in der sich die Tochter in der kleinbürgerlichen Welt der Eltern befindet, ist sie mit Sicherheit nicht glücklich. Wie auch? Es ist nicht ihre Welt. Dort wird nach anderen Regeln gespielt. Dort werden Kuchen in Tupperware für den nächsten Tag mit nach Hause genommen. Dort wird auf Canapes allenfalls gesessen, gegessen werden Häppchen.

Soll sie sagen: „Ja, aber das verstehst du nicht.“ Ein „Nein“ würde auch nicht passen. Und vielleicht ist da wirklich ein Stückchen „Nein“. Das sorglose Schmettern eines Whitney Houston-Songs auf einer Party lässt vermuten. Ganz glücklich zu sein sieht anders aus. Sich fallen lassen, sich gehen lassen, als ganzer Mensch im Tun aufgehen, wie es nur Musik oder Theater als Spielwiesen erwachsener Kindheitswelten schaffen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Ohne überhaupt an irgendetwas zu denken, einfach nur tun. Wie in Kindheitstagen. So wie es der Vater vorlebt, und damit ebenso scheitert, zumindest nicht viel weiter kommt im Leben, da auch in seiner Welt die Regeln anders lauten.

„Nein“ zu sagen hieße, sich auf die Spielregeln des Vaters einzulassen. Spielregeln, die er selbst immer wieder durch seine Witze durchbricht und dennoch stillschweigend akzeptiert. Dies kann sie nicht tun. Sie spielt ein anderes Spiel mit anderen Regeln. Auf ihrer Spielwiese heißt glücklich sein, heraus zu kommen aus der familiär-bürgerlichen Tristesse, zu koksen, Erfolg zu haben, schnellen Sex zu konsumieren, mit Millionen von Euro zu jonglieren, machtvoll über andere Menschen zu bestimmen, in einem Satz das Motto „work hard, party hard“ zu leben. Und dazu noch, sich in einer testosteronverseuchten Männerwelt zu behaupten. Wenn ihr Chef sagt „Du bist ein Biest!“ gibt es kaum eine höhere Anerkennung in dieser Welt.

Ist sie glücklich? Nach ihren Maßstäben natürlich. Vielleicht oberflächlich? Vielleicht wirklich? Das lässt sich wohl nur erfassen, wenn wir nach den Regeln dieser Welt spielen. Eine Beurteilung von außen wäre arrogant.

Kann sie das ihrem sozialromantischen Vater vermitteln? Wohl kaum. Sie trägt Verantwortung, während sich ihr Vater um jede Verantwortung drückt. Verkehrte Welt. Er freilich sieht dies anders: Ihre Verantwortung ist die Ausbeutung anderer.

Was bleibt ihr übrig, als ihn zu fragen, ob er denn selbst glücklich sei, worauf auch er keine Antwort weiß. So stehen sie da, in fremden Welten, mit fremden Werten und wissen beide mindestens unbewusst, dass sie nicht zueinander kommen. Die Witze der Vaters sind ein Symbol der Unfähigkeit, echten Kontakt zu anderen aufzunehmen und wenigstens in der Interaktion mit anderen Echtheit und Nähe zu erfahren. Die Abneigung vor der Unfähigkeit des Vaters zu Nähe führte bei ihr zu einer Flucht in die Welt der großen Hebel. Verantwortung übernehmen. Etwas bewegen im Leben.

In derselben Szene sagt sie: „Ich kenne Männer in deinem Alter, die haben noch größere Ziele, als anderen ein Furzkissen unterzuschieben.“

Er: „Ich habe gar kein Furzkissen.“

Die Erkenntnis, dass er tatsächlich nichts mehr will im Leben außer zu verstehen, was in der Tochter-Vater-Beziehung schief lief, ist allzu schmerzhaft.

Was also ist Glück? Vielleicht die Erkenntnis, die aus der letzten Szene herausschreit: Glück lässt sich nur in einzelnen Momenten finden. Auch wenn wir uns nicht verstehen, auch wenn wir unterschiedliche Werte verfolgen, gibt es dennoch einzelne Momente der Nähe und Begegnung. In diesen Momenten ist alles andere egal, als würden sich ein Fußball- und ein Basketballspieler treffen und sich über Ballgefühl unterhalten.