Die Notwendigkeit der Zerstörung

Ist Zerstörung notwendig?

Als ich vor etwa 15 Jahren zum ersten mal die Wasserbilder von Emoto sah, war ich zugleich fasziniert, bestätigt und verwirrt. Die kristallenen Strukturen waren umso symmetrisch-schöner, je harmonischer die Musik war, mit der das Wasser bespielt wurde. Werden auf eine Flasche Wasser unterschiedliche Begriffe geschrieben, ergibt sich der gleiche Effekt. Liebe führt zu wundervollen Kristallen. Hass zerstört die Strukturen. (Anmerkung: Die Untersuchungen von Emoto sind sehr umstritten. Jeder möge sich hier selbst ein Bild machen.)

Ich war fasziniert davon, wie offensichtlich direkt unsere Wirkung auf Wasser ist. Ich wurde in meiner Sichtweise bestätigt, dass wir gut miteinander umgehen sollten, immerhin besteht wir je nach Alter und Geschlecht zu 50-70% aus Wasser. Ich war aber auch verwirrt, weil ich schon immer ein Faible für aufrührerische Rockmusik, bombastische Sinfonien und atonalen Freejazz hatte. Was war da los mit mir?

Der Sinn von Kultur

Nach einigem hin und her einigte sich Friedrich Nietzsche mit sich selbst auf einen Konsens: Kultur sollte gleichermaßen entspannen und aufrührerisch sein. Es stellt sich nur die Frage, wann was zum Zuge kommen sollte?

Wir sollten endlich damit beginnen, über den Tellerrand zu blicken. Besser noch: Wir sollten damit beginnen, unser Erbe zu reflektieren. Seit jeher galt Zerstörung nicht als das, als was wir es ansehen, sondern als eine kreative Kraft, notwendig, um Veränderungen anzustoßen. Manche Geschichten aus der Bibel verstören uns aus unserem heutigen harmonieverwöhnten Blickwinkel. Ein jähzorniger Gott, der andere Kulturen dem Erdboden gleichmacht und seinen eigenen Sohn opfert. Shiva ist für die Hindus der Gott der Zerstörung und des Erhalts, für manche auch der Gott der Liebe. Und die Griechen lagerten ihre eigenen Obsessionen und Aggressionen in ihre Götter aus. Der Olymp liest sich wie eine ausgelagerte Psychiatrie: Zeus war ein notorischer Schwerenöter, Venus die Götting der Extase, Artemis die Göttin der Sühne und Nemesis die Götting der Rache. Die Römer machten daraus gleich eine ganze Schar Furien. Wenn Amphitrite sich nicht beherrschen konnte, ließ sie furchterregende Meeresstürme aufkommen. Athene brachte Krieg. Und Hermes war ein hinterlistiger Gauner. Deshalb war er nicht nur der Gott der Diebe sondern auch des Handels. Natürlich hatten all diese Götter auch Sonnenseiten. Sie waren für Gerechtigkeit, Liebe und Ordnung zuständig. Gleichzeitig hatten sie zerstörerische Züge an sich. Das Prinzip der Zerstörung schien in den guten alten Zeiten noch zentral im Denken der Menschen verankert zu sein. Manchmal gewann eben der durchgeknallte Dionysios gegen den wohl reflektierten Apollo.

Ich denke, also bin ich gut (frei nach René Descartes)

Spätestens seit der Aufklärung gewann fast nur noch Apollo. Die Christen hatten allerdings den Boden dafür kongenial in beinahe weiser Voraussicht vorbereitet: Gott war gut. Alles Teuflische musste verbannt werden. Und lauerte doch überall: No one expects the spanish inquisition (Monty Python).

Die Wissenschaft mussste nur noch aus gut wahr und aus böse falsch machen. Das Durchgeknallte und Verrückte hatte nun keinen Platz mehr in unserer Welt. Was nicht rational begründbar war, wurde aus unserem Bewusstsein verbannt. Manche dieser Verrückten landeten in Psychiatrien, andere wurden zu Clowns, die sich nach und nach in unseren Medienwelt wiederfanden. Nennen wir sie Kulturschaffende. Dort bekamen sie einen festen Raum, der jedoch bitteschön von der restlichen Welt getrennt sein sollte.

Seitdem mühen sich die modernen Clowns mit dem Versuch ab, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Dieter Bohlen führt einen lebenslangen Selbstversuch durch zum Thema „Bin ich schon Unterhaltung? Und wenn ja: Wie peinlich darf ich sein?“. Böhmermann lotet aus, was Satire alles darf. Und Verstehen Sie Spaß schafft es, sich im Zeitalter von Youtube-Videos selbst zu überleben. Es scheint, als würden die modernen Clowns an den gesellschaftlichen Mauern kratzen, beißen und scharren, um letztlich zu merken, dass sie doch nicht reingelassen werden. Oder rausgelassen. Der Name der Anstalt ist perfekt gewählt. Es werden immer wieder neue Insassen aufgenommen, die von den Besuchern wie in einer modernen Freakshow staunend angeglotzt werden. Die Insassen dürfen immer mal wieder auf Freigang. Ihre verrückten Ideen jedoch bleiben lieber unter Verschluss. Ist das noch Ironie oder bereits Galgenhumor?

Kultur ist nicht mehr aufrührerisch. Sie dient nur noch der Selbstvergewisserung, dem guten Gewissen, dem stellvertretenden Denken und der Ablenkung. Mehr nicht. Sind die Kulturschaffenden selbst schuld daran? Wie immer lautet die Antwort ja und nein. Ja, weil sie zu oft ihre systemerhaltende Rolle unreflektiert mitspielen und viel zu selten genau dies ansprechen. Aber wer will schon an dem Ast sägen, der ihn trägt?

Nein, weil ihre zerstörischen Hilfeschreie niemand wirklich hören will. Niemand will wirklich zerstört werden. Wie schmerzhaft wäre es, tatsächlich sein Leben zu verändern? Wie anstrengend wäre es, selber rauszugehen, Politik mitzugestalten, Artikel zu schreiben und sich nicht nur einseitig weiterzubilden. Haben wir dazu überhaupt die Zeit? Die Politik verwaltet uns. Sie sorgt mit Gesetzen dafür, dass wir uns um nichts kümmern müssen. Sie fechtet, wenn es sein muss sogar unsere Kriege für uns aus. Die Wirtschaft sorgt für unseren gedeckten Tisch. Und wenn wir Glück haben, bekommen wir sogar einen Job, der uns Spaß macht und machen am Ende noch Karriere und werden reich. Medien und Kultur mahnen Missstände in den beiden anderen Bereichen an, die jedoch mehr Rauch als Feuer sind. Eine wirklich Einmischung, echte Veränderungen wollen wir doch gar nicht. Dafür geht es uns viel zu gut.

Kreative Zerstörung

Dabei sind die Beispiele für kreative Zerstörungen so immens und so sehr Teil unseres Lebens, dass es mich wundert, dass kaum jemand sie bemerkt. Eine Geburt kommt nicht ohne Blut, Schweiß und Tränen aus. Die Erde ist nach einem Vulkanausbruch am fruchtbarsten. Viele Paare behaupten, dass die Versöhnung und der anschließende Sex nach einem Streit am intensivsten ist. Und Kinder bekommen häufig nach einer Krankheit einen Wachstumsschub. Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Wir jedoch halten an unserem Prinzip von gut und wahr so krampfhaft fest, dass wir den Blick für die andere Seite verloren haben. Warum haben wir soviel Angst vor der Zerstörung? Vor einem Neuanfang? Davor, alte Muster in Partnerschaften oder im Beruf in Frage zu stellen und einem Neuanfang eine Chance zu geben?

Solange wir das Prinzip der kreativen Zerstörung nicht in unser Leben integrieren, solange wir das Scheitern nicht als Möglichkeit der Weiterentwicklung akzeptieren, sondern alles abseits der Norm verteufeln(!), bleiben kulturelle Sticheleien unfruchtbare Appelle an das kosmische Wechselspiel zwischen Zerstörung und Entwicklung. Die Kultur kann uns nicht helfen. Sie kann uns höchstens einen Hinweis geben. Den Rest müssen wir schon selbst tun.

Emotos Rätsel löst sich damit auf. Es gibt Momente, in denen es nicht anders geht, als ein Glas Wasser solange mit Heavy Metal zu beschallen, bis keine Strukturen mehr erkennbar sind. Erst dann kann ich wieder damit beginnen, diese Strukturen mit Erik Satie zu sich selbst finden zu lassen. Vielleicht jedoch zu einem Selbst, das ich mir zuvor ganz anders vorgestellt hatte.

2 Gedanken zu „Die Notwendigkeit der Zerstörung“

  1. Spannend… ich denke, dass dieses Zerstörerische selbst schon „von unten“ kommt. Es ist zugleich das Frische, das Leidenschaftliche, das, was vorwärts will. Aus Sicht des alten Systems wirkt es zerstörerisch, aus Sicht seiner Selbst ist es einfach nur das Leben, das sich seine Wege sucht. Wie der Löwenzahn, der die Straße durchbricht.

    https://www.youtube.com/watch?v=VOjEKNuc4Ok

    1. Hallo Tony, ein klasse Vergleich, der Löwenzahn. Die Veränderung, die du ansprichst kann ja immer von unten oder oben kommen. Das Zerstörerische kommt von unserer Wahrnehmung von unten. Andere Philosophen, ebenso die Religionen sahen und sehen die Veränderung von oben kommend. Nach meinem Empfinden lässt sich das „Alles Gute kommt von Oben“-Prinzip jedoch leichter ignorieren.

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