Kategorie-Archiv: Zeit- und Stressmanagement

Auswirkungen der Digitalisierung auf Führung

Management vs. Führung

Worum kümmert sich Management? Ein Manager sichtet, bewertet und delegiert Aufgaben. Ein Manager plant, strukturiert und organisiert. Ein Manager ‚verwaltet‘ Aufgaben, Prozesse, Projekte und organisiert diese möglichst deckungsgleich mit den Zeitbudgets seiner Mitarbeiter. Manager gehen sachorientiert an Aufgaben. Manager fragen sich, was in welcher Zeit zu tun ist.

Eine Führungskraft führt. Sie geht als Leitfigur voran, gibt Orientierung im alltäglichen Chaos, agiert werteorientiert, ist standhaft, visioniert, motiviert, treibt an, gibt Feedback, zieht Grenzen, schlichtet Konflikte, betreibt Bindungsarbeit und hilft in Identitäts- und Loyalitäts-Krisen. Führungskräfte gehen beziehungsorientiert an Aufgaben. Führungskräfte fragen sich, wie und warum Aufgaben erledigt werden sollen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Führung

Digitalisierungsmaßnahmen werden in Zukunft einen Großteil der Managementaufgaben übernehmen. Der Computer bestimmt dann, was in welcher Zeit zu erledigen ist, welche Ressourcen dafür erforderlich sind oder an wen ich mich im Fall X wenden kann. Jüngere Generationen starten ohnehin mit der Haltung in den Beruf: Ich weiß, was ich tun muss. Ich weiß, wo ich nachsehen muss. Ich habe alles im Griff und führe (eigentlich manage) mich selbst. Damit fällt ein Großteil klassischer Managementaufgaben weg. Übrig bleiben Führungsaufgaben, für die bisher so wenig Zeit war. Führungsaufgaben, die nötig sind, weil unter der Schwelle hoher Medienkompetenz nach wie vor Unsicherheiten lauern.

Führungsvakuum oder Führungsfreiraum?

Flex_Ind_Dig
Digitalisierung, Flexibilisierung und Individualisierung

Dadurch entsteht ein Führungsvakuum. Führungskräfte müssen Ihre neue Rolle erst finden. Es besteht aber auch die Chance zu einem Führungsfreiraum zur Entwicklung von Visionen, Ideen und der Ausübung von Beziehungsarbeit.

Führungskräfte sollten sich mit folgenden Fragen auseinander setzen:

  • Was ist wirklich wichtig? Wie vermittle ich Prioritäten?

  • Wie motiviere ich und vermittle den Sinn unserer Arbeit?

  • Wie helfe ich meinen Mitarbeitern bei Konflikten und Stress?

  • Wie vermittle ich v.a. jungen Mitarbeitern Orientierung, die vor lauter Selbststeuerung, -organisation und Eigenkontrolle vergessen, sich selbst zu regulieren und sich übernehmen?

  • Wie helfe ich Mitarbeitern bei ihrer Balance zwischen Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit, Projektarbeit und Freizeit?

  • Wie begrenze sich individuelle Spielräume von Mitarbeitern, die ihre Leistung schlecht selbst einschätzen können und sich überfordern?

  • Welche Feedbacksysteme zur Wertschätzung der Arbeit etabliere ich?

Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Besser wir machen das Beste daraus!

Wuerstchen oder Wetterprognose

In der Prioritätensetzung heißt es oft: Mach, was wichtig ist und nicht nur, was dringend erscheint. Lass dir nicht alles von außen diktieren, vor allem nicht die Dringlichkeit einer hektischen Welt und eines hektischen Chefs, wo wir doch insgeheim wissen, dass sich manche Aufgabe auf den zweiten Blick leichter lösen ließe, als mit heißen Nadeln zu stricken. Sie kennen ja die Unterscheidung zwischen dem frühen Vogel und der zweiten Maus, die den Speck kriegt.

Also wichtig statt dringend! Doch was genau ist wichtig?

Sehen wir uns die Kategorie wichtig genauer an, wird deutlich, dass alles Wichtige früher oder später Konsequenzen nach sich zieht. Unterteilen wir den Begriff der Konsequenzen, kommen wir auf drei wesentliche Unterscheidungen:

  1. Konsequenzen für eine Vielzahl von Beteiligten, die dazu noch

  2. langfristig wirken, sind

  3. meist gravierend und schwer aushaltbar.

Damit unterteilen wir Konsequenzen in eine quantitative, zeitliche und qualitative Dimension.

Würstchen- oder Wetterfrage?

Warum diese Unterscheidung so wichtig ist, zeigt sich spätestens bei Menschen mit Entscheidungsschwäche. Zur Verdeutlichung stelle ich das Würstchen- dem Wetterparadigma gegenüber: Stellen Sie sich vor, Sie müssen bei einem Tag der offenen Tür entscheiden, was es zu Essen gibt. Konkret haben Sie die Auswahl zwischen groben und feinen Bratwürsten. Klingt banal. Manche von uns machen sich darüber allerdings umfangreiche Gedanken. Lassen Sie uns die Konsequenzen durchgehen:

  1. Wird es viele Personen betreffen? Ein paar sicherlich. Die meisten werden jedoch so oder so zufrieden sein. Der Erfolg der Veranstaltung hängt jedoch sicherlich von anderen Faktoren ab.

  2. Wird es langfristige Konsequenzen haben? Nicht wirklich. Ich würde sagen: Bis zum nächsten Stuhlgang. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch Jahre später vom Frevel des falschen Würstchens gesprochen wird, hält sich in Grenzen.

  3. Manche Gäste werden meckern. Die tun das immer. Wir tun ihnen sogar einen Gefallen, wenn nicht alles perfekt ist. Ist das Gemecker auszuhalten? Unbedingt!

Schauen wir uns stattdessen die Entscheidung an, bei einer Regenwahrscheinlichkeit im schönen Sommermonat Juni von 30% draußen zu feiern:

  1. Es wird alle Personen betreffen! Vielleicht sogar die Technik oder das durchweichte Essen. Darauf müssen wir uns einstellen bzw. Schutzmaßnahmen überlegen.

  2. Wird es langfristige Konsequenzen nach sich ziehen? Natürlich! Immerhin geht es nicht nur darum, dass Gäste eventuell früher gehen, sondern insgesamt um den Ruf der Organisation.

  3. Wenn es regnet, gehen die Gäste früher. Scheint die Sonne, schwitzen sie in den Innenräumen und gehen ebenso früher. Die Unlösbarkeit dieses inneren Dilemmas lässt sich nur auf einer anderen Ebene lösen: Welches Bild wollen Sie vermitteln? Welche Werte wollen Sie transportieren? Wollen Sie mutig sein, und dem Regen trotzen? Oder gehen Sie auf Nummer Sicher? Was ist leichter auszuhalten? Der Spruch: Ihr Luschen! Beim kleinsten Tropfen geht ihr nach drinnen! Oder: Ihr seid ganz schön wagemutig, vielleicht sogar verrückt!

Was lernen wir aus all dem?
  1. Vertauschen wir die Würstchen mit Beamer oder Digitalkamera, stoßen wir auf eine Menge alltäglicher Entscheidungen, deren Konsequenzen wir maßlos überschätzen. Nach spätestens drei Monaten kommt wieder ein neues Gerät auf den Markt und wir können mit unserer Recherche von neuem beginnen. Letztlich kommt es nicht darauf an, das perfekte Gerät zu kaufen, sondern aus dem was wir haben, das beste zu machen. Nach einem halben Jahr haben wir uns schließlich so an das ehemals Neue gewöhnt, dass wir ganr nicht mehr verstehen können, warum wir uns zuvor nicht entscheiden konnten.

  2. Vertauschen wir Wetter mit Urlaub, Mitarbeitergespräch oder Seminar ergibt sich eine Vielzahl an Situationen, die wir niemals vollständig vorausdenken können. Planung erscheint wichtig, wird aber immer nur einen Teil des Erfolgs eines Gesprächs oder einer Veranstaltung ausmachen. Was also ist das Wesentliche, das wir vermitteln oder erreichen wollen?

Erlauber – Ausnahmen von der Regel

Für unseren Perfektionismus werden wir bewundert, für unsere Fehler geliebt. Leider vergaß mein Mitvierziger-Gehirn den Ursprung dieses Zitats. Dennoch könnte es uns in unserem Leistungscocon ein wenig zum Umdenken bewegen.

Diejenigen von uns, die ab und an am Limit sind – oder darüber hinaus – wissen ohnehin, schon aus egoistischen Gründen, dass es gut wäre, einen Gang herunter zu schalten, wenn es in den Ohren klingelt oder der Rücken knarzt. Anstatt sich von Sprüchen wie „Halte durch“ oder „Bloß keinen Fehler machen“ antreiben zu lassen, wäre es gut, sich eine kleine Lücke, ein wenig Luft zum Atmen zu erlauben.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ohne diese Antreiber würden Sie diesen Text nicht lesen. Denn Antreiber machen uns neugierig und bringen uns zu Höchstleistungen. Soweit so gut. Doch manchmal kippt die Verhältnismäßigkeit um. Manchmal verhindern Antreiber Kreativität oder verengen unser Denken und unseren Blick. Dann verlieren wir uns im perfektionistischen Detail und sind damit beschäftigt, Fehler zu verhindern anstatt Neues zu entdecken.

Der Kontext bestimmt die Erlaubnis

Sich etwas zu erlauben ist jedoch schwieriger als die meisten denken. Sich leichterdings zu sagen „Lass mal fünfe gerade sein“ funktioniert nicht. Nach unserem landläufigen Denken ist die Fünf nunmal nicht gerade. Sie könnte jedoch gerade sein in einem System, in dem mit dem Sprung von der vier auf die fünf etwas Entscheidendes passiert. Wenn wir von einem Ruderboot mit vier Personen sprechen, dass erst durch den fünften, vielleicht den Steuermann vollständig und damit ‚gerade‘ wird, können wir den Spruch akzeptieren. Wir brauchen also den passenden Kontext, der bestimmt, wann eine Erlaubnis für die Ausnahme von der Regel sinnvoll ist.

Ausnahmen von der Regel

Anstatt pauschaler Aussagen wie „Sei fehlertoleranter“ oder „Sag deine Meinung“ macht es folglich mehr Sinn, sich Erlauber im Detail anzusehen. Dazu einige Beispiele, die Sie gerne innerlich auf sich wirken lassen können, um zu testen, ob Sie sich diese Ausnahmen anstatt pauschaler Freibriefe eher erlauben könnten:

Ich erlaube mir, …

… aus Fehlern zu lernen und zu diesen zu stehen.

  • Fehler passieren ohnehin. Warum also nicht daraus lernen und vielleicht sogar als Lernbeispiele herzunehmen? Immerhin sind nicht wenige Erkenntnisse und Erfindungen aus Fehlern entstanden, u.a. Post-its, Weißwürste, die Brezel, Penicilin oder die Entdeckung der Spiegelneuronen.

… eine eigene Meinung zu haben.

  • Vielleicht brauchen Sie, wenn Sie anderen ungern auf die Füße treten, zuerst die Erlaubnis, eine eigene Meinung zu haben. Alles weitere wird sich zeigen.

… die eigene schlechte Laune wahrzunehmen und zuzulassen.

  • Für die Daueroptimisten unter uns: Wir müssen andere ja nicht gleich mit unserer Miesepetrigkeit ‚belasten‘. Vielleicht wäre es jedoch ein taktischer Zwischenschritt, die eigene schlechte Laune überhaupt wahrzunehmen und zu akzeptieren.

… etwas nicht zu verstehen.

  • Für Schnelldenker: Müssen wir alles verstehen? Müssen wir zu allem eine Meinung haben? Sie müssen nicht gleich ‚die Merkel geben‘. Aber sich ab und an zu erlauben, etwas nicht zu verstehen, siehe Columbo, kann sehr entspannend sein.

… andere Meinungen stehen zu lassen.

  • … und andere Meinungen eine begrenzte Zeit zuzulassen und darauf zu vertrauen, dass sich Konflikte leichter lösen lassen, alleine durch das Aushalten anderer Meinungen, ohne sie sofort zu bewerten, könnte vielen Diskussionen die aggressive Spitze nehmen.

Was könnten Sie sich erlauben, um ein wenig egoistischer, sympathischer, achtsamer oder was auch immer zu werden?

Fake News Test

Um seriöse Informationen von Fake News oder Alternativen Fakten zu unterscheiden, entwickelte ich eine Heuristik, mit der sich Schritt für Schritt den Wahrheitsgehalt einer Information testen lässt:

Fake News Heuristik

Zur Vertiefung der Kriterien Erfahrungen, Nutzen, Quelle, Qualität und Persönliche Wahrnehmung sind die folgenden Fragen hilfreich:

Sachliche Testfragen: Erfahrungen, Zweck, Quelle und Qualität der Information

1. Bisherige Erfahrungen

  • Deckt sich die Information mit meinen Erfahrungen?
  • Wie sicher sind meine bisherigen Informationen?

2. Zweck der Information

  • Wem nützt die Information?
  • Wofür dient die Information?
  • Kratzt die Information an einem Tabu?
  • Was daran ist tabuisiert?
  • Bedient die Information ein Sensationsbedürfnis?
  • Polarisiert die Information?
  • Wofür brauche ich die Information?

3. Informationsquelle

  • Wer lancierte die Information?
  • Ist die Quelle vertrauenswürdig?
  • Welche Kriterien gibt es für vertrauenswürdige Quellen?
  • Auf welche weiteren Quellen verweist die Quelle?

4. Qualität der Information

  • Wie wahrscheinlich ist es, dass die Information wahr ist?
  • Welche Kriterien gibt es für Wahrheit?
  • Welche objektiven Kriterien gibt es (Durchführung, Auswertung, Interpretation)?
  • Welche Kriterien der Reliabilität (Mess-Wiederholbarkeit) wurden erfüllt?
  • Welche Tiefe besitzt die Information?
  • Was benötigt eine Information, um Tiefe zu besitzen?

Persönliche Testfragen: 

5. Aufwand

  • Mache ich es mir zu leicht?
  • Bin ich leichtgläubig?
  • Warum will ich die Information glauben / nicht glauben?
  • Fühle ich mich (zu leicht) bestätigt?

Da es in diesem Bereich selten die reine Wahrheit, sondern nur Grautöne gibt, dienen die Heuristik und die dazugehörigen Testfragen als Orientierung. Ergänzungen nimmt der Redakteur gerne in Empfang.

Achtsamkeit

Das amerikanische Versicherungsunternehmen Aetna führte 2010 regelmäßige Achtsamkeitstrainings für seine Mitarbeiter/innen ein. Das Ergebnis: Mitarbeiter/innen, die regelmäßig Achtsamkeitsübungen absolvieren, erhöhen ihre Produktivität um 62 Minuten pro Tag und werden seltener krank mit einem Produktivitätsgewinn von 3000 Dollar pro Person und Jahr.
Die Psychologen Killingsworth und Gilbert führten 2010 ein Experiment durch, indem sie Probanden regelmäßig mittels einer App anfunkten, um sich nach ihrer aktuellen Tätigkeit zu erkundigen, ob sie während des Tuns an etwas anderes denken und für wie glücklich sie sich einschätzen.

Das Ergebnis:
In 47% der abgefragten Momente wich das Tun vom Denken ab. Je höher die persönliche Abweichung war, desto unglücklicher schätzten sich die Probanden ein. Je höher die Achtsamkeit, nach Kabat-Zinn „dem Augenblick bewusst Aufmerksamkeit zu schenken“, desto höher das persönliche Glücksempfinden.

In Untersuchungen an meditierenden Menschen (u.a. von Richard Davidson und Britta Hölzel) stellte sich heraus, dass regelmäßig meditierende Menschen, z.B. Mönche, eine 30 mal höhere Aktivität von Gammastrahlen im Gehirn besitzen. Dadurch nimmt die graue Masse zum Aufbau neuer Strukturen und Netzwerke im Hippocampus zu, die graue Masse in der Amygdala nimmt ab. Meditierende sind damit weniger schnell gestresst, kreativer und schneller im Denken und Erfassen komplexer Zusammenhänge.

Literatur:
Sebastian Purps-Pardigol: Führen mit Hirn
Jon Kabat-Zinn: Gesundheit durch Meditation