Kategorie-Archiv: Mediation

Entscheidungen und der Sinn des Lebens

Gäbe es einen Sinn, auf den alles Leben zuströmt, gäbe es auch keine freien Entscheidungen. Einen Endzweck wie Liebe, Frieden oder Gerechtigkeit kann es folglich nicht geben. Und dennoch streben wir danach, an etwas Höheres zu glauben.

Das Streben nach Schönheit

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet uns das Gesetz der Schönheit, das auf Johannes Kepler zurückgeht. Er meinte, wir alle besitzen eine Wahrnehmung für Schönes, für geometrische Muster ebenso wie für „angenehme“ Verhaltensweisen im Zusammenleben. Die einzelnen Muster selbst wiederum verweisen auf etwas Größeres, das große Ganze, so wie in einem einzelnen Apfelkern bereits der gesamte Apfel und im kleinsten Teil eines Eiskristalls der gesamte Kristall enthalten ist. Werner Heisenberg meinte dazu in einer Rede vor der Bayerischen Akademie der Schönen Künste von 1970: Einzelne geometrische Formen besitzen nicht nur eine Schönheit ansich, sondern weisen auch auf eine Gesamtschönheit hin, die in Kombination aus den Einzelteilen entsteht. Nur dadurch haben die einzelnen Bauarbeiter eine Vorstellung der Vollendung Kathedrale, an der sie soeben bauen. Ohne diese Vorstellung wären vermutlich wenig motiviert. Die Vorstellung jedoch verleiht ihrem Tun einen Sinn.

Was für den Bau einer Kathedrale oder die Entwicklung eines Apfels gilt, sollte folglich auch für uns Menschen gelten. Kommunikation zum Beispiel kann „schön“ sein oder „hässlich“. In einer „hässlichen“ Kommunikation, bestehend aus Verbal-Attacken, Vorwürfen und Manipulationen, ist das hässliche Ende bereits angelegt. Eine „schöne“ Kommunikation sollte analog dazu auch zu einem besseren Ende führen.

Damit haben wir die Wahl. Wir können uns für Schönheit oder Hässlichkeit entscheiden, für Gut oder Böse. Und wir können uns mitten auf dem Weg jederzeit umentscheiden. Der Sinn ist damit so oder so von Beginn an gegeben, wenn auch nicht vorbestimmt.

Der Sinn des Lebens besteht nun nicht mehr in einer Entscheidung für das Gute, sondern in der Freiheit von Beginn an. Der Zweck des Lebens ist es nicht, zu kämpfen oder anderen zu helfen, sondern – nach Baruch Spinoza – die Notwendigkeit freier Entscheidungen, weil nur die Freiheit sowohl Gottes als auch des Menschen eine Koexistenz beider zur Folge hat. Würde Gott allmächtig unser Leben vorbestimmen, hätten wir keine Wahl im Leben. Gott jedoch oder eine andere Sinnhaftigkeit brauchen wir, weil wir im Leben immer wieder auf Momente stoßen, die für uns unerklärlich sind. Das Göttliche als letzte Instanz hilft uns dabei, die Grenzen unserer Erklärungen hinzunehmen und auszuweiten. Die Wissenschaft schafft logische Verknüpfungen. Der Glaube beginnt da, wo die Logik aufhört. Da unser Leben aus mehr als Logik besteht, brauchen wir einen Glauben, um diese Lücke auszufüllen.

Das Streben nach Freiheit und Grenzen

Der Sinn des Lebens besteht demnach darin, sich im Sinne einer Selbstvervollkommnung so weiterzuentwickeln, eine möglichst hohe Anzahl an Wahlmöglichkeiten zu haben. Dies schafft in uns eine innere Weite. Die Beschränkung auf nur eine Entscheidungsmöglichkeit schafft Zwänge, innere Enge und Ängste. Weil uns zu viele Wahlmöglichkeiten jedoch überfordern, setzen wir uns Grenzen, indem wir diese künstlich beschränken. Diese Beschränkungen können von außen kommen, durch Gott, Gesetze und internalisierte Moralvorstellungen oder von innen. Der Vorteil eines Rückgriffs auf allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten besteht in der Entlastung des Menschen. Der Mensch bezieht sich damit auf etwas Äußeres, das er nicht rechtfertigen muss.

Innere Begrenzungen dagegen wurden schon immer mit Neid und Angst betrachtet. Lässt sich ein Mensch von eigenen ethischen Vorstellungen leiten, gar von einer autonomen Moral, ist er für die Gesellschaft nicht mehr einschätzbar und damit nicht mehr greifbar. Das Leben nach autonomen Moralvorstellungen wird dann toleriert, wenn es sich an den Rändern der Gesellschaft abspielt. Wenn der Chef der Formel-Eins Nazi-Spiele praktiziert, sich Musiker auf der Bühne betrinken und prügeln oder ein Künstler in die Ecke kackt, wird dies empört wahrgenommen, letztlich jedoch als unerheblich für den Weltengang eingestuft. Die sind so, das hat jedoch mit unserem Leben nichts zu tun. Haben autonome ethische Grundsätze eine spürbare Auswirkung auf unser Leben jenseits von Kunst und Kultur, hört die Toleranz auf. Die autonome Moral eines Colonel Kurtz aus dem Herzen der Finsternis von Joseph Conrad, besser bekannt aus dem Film Apokalypse Now von Francis Ford Coppola, als extreme Verkörperung des Übermenschen von Nietzsche, gerät in einen unlösbaren Konflikt mit den Moralvorstellungen des amerikanischen Generalstabs. Kurtz trifft brutale Entscheidungen, die innerhalb seines im Dschungel abgeschlossenen Systems, sogar innerhalb des us-amerikanischen Systems absolut stimmig sind. Er lässt unter anderem süd-vietnamesische Offiziere umbringen, weil er von ihrer Tätigkeit als Doppelagenten überzeugt ist. Anschließend nehmen die Feindaktivitäten rapide ab. Offensichtlich hatte er die richtigen erwischt. Das Problem seiner Entscheidungen besteht jedoch darin, dass die Offiziere keinen offiziellen Prozess bekamen. Kurtz traf seine Entscheidung losgelöst von den Gesetzmäßigkeiten des Generalstabs, weshalb er für verrückt erklärt wurde und beseitigt werden musste.

Stellen wir uns eine Gesellschaft als eigenes autonomes Gebilde vor, wird sie alles tun, um sich am Leben zu erhalten. Für Normalsterbliche wird die Gesellschaft deshalb freie Entscheidungen auf der Grundlage eigener ethischer Überzeugungen weitgehend verhindern, da ein autonomes Denken die Sinnhaftigkeit von Gesetzen, Arbeit und Konsum immer wieder in Frage stellt.

Wenn der Sinn des Lebens nun darin besteht, einen eigenen Weg zwischen Freiheit und Grenzen zu finden, besitzen wir auch die Freiheit, unsere eigenen Grenzen soweit zu beschränken, dass andere für uns Entscheidungen treffen. Wir haben also die Wahl, sollten uns jedoch jederzeit darüber im klaren sein, dass jede Entscheidung einen Preis hat und sei es der Neid anderer.

Lust auf weniger: Hier wird’s praktisch.

Nietzsche Revisited – Ein Beitrag zur Bundestagswahl 2017

Friedrich Nietzsche unterschied Apollinische von Dionysischen Gesellschaften. Zwar gibt es keine Gesellschaft, die ausschließlich das eine verfolgt. Dennoch sah er in der damaligen Gesellschaft eindeutig das Apollinische in der Oberhand. Die heutige Gesellschaft wäre aus seiner Sicht mit Sicherheit noch (bitte Steigerung einfügen) schlimmer.

Das Apollinische

Das Apollinische ist für Nietzsche die Sprache, der Intellekt, die Wissenschaft, die Industrie, der Fortschritt, der Staat, das Maskenhafte am Menschen, die Rollen, die er spielt, gesellschaftliche Regeln, letztlich alles, was echtes Leben unterdrückt. Man könnte sagen alles Bürgerliche, sogar oder v.a. die Religion, die zwar einen Zugang zum Dionysischen schaffen, diesen jedoch durch starre Regeln wieder einschränkt.

Das DionysischeWut

Das Dionysische ist für Nietzsche alles, was den Menschen lebendig macht: Liebe, Kampf, Wut, Trauer, Leiden, Aufopferung und Spannung. Das Dionysische macht das wahre Leben aus, ist jedoch oft so unerträglich intensiv, dass wir das Apollinische als Vermittler brauchen, um uns nicht darin zu verlieren. Die Sprache jedoch kann das Dionysische niemals zu 100% vermittelt. Darin besteht das Dilemma des Dionysischen: Wir streben es an, uns lebendig zu fühlen und gehen ohne eine Apollinische Vermittlung darin unter (siehe auch: Die 7 Todsünden). Aus Genuss wird Sucht und Völlerei. Aus Liebe wird Eifersucht. Aus Nervenkitzel wird Todesangst. Aus Kampf wird Krieg. Die Apollinische Vermittlung jedoch nimmt dem Leben seine Nähe und Lebendigkeit.

Kunst und Kultur

Das einzige, was dem Dionysischen in unserer Zeit nahe kommt, ist die Kunst, v.a. die Musik (Nietzsche war in jungen Jahren ein großer Anhänger von Wagner). Nur in der Musik findet ein unmittelbarer Kontakt zu den großen Gefühlen und Mythen den Menschen statt, findet er Einklang mit sich, allen anderen Menschen, Ralph Waldo Emmersons Weltenseele, dem Kosmos, Gott, mit seiner Vergangenheit und Zukunft. Kunst und Kultur als universale Weltensprache ist die einzige Sprache, die alle Menschen verstehen und daher die Macht hat, Menschen aller Herkunft, Hautfarbe und Sprache zu verbinden.

Nietzsche Revisited 2017

Diese Unterscheidung erscheint mir auch heute noch brennend aktuell. Was sind Hasskommentare anderes als der Wunsch nach Provokation, der Wunsch, in den Kampf zu ziehen, der Wunsch durch die Verletzung des Gegners eine echte Reaktion zu provozieren, dem ansonsten (vielleicht) tristen Leben etwas Würze zu verleihen? Die Provokationen, die wir auf Deutschlands Straßen als auch im Internet seit einigen Jahren miterleben, erscheinen wenig sinnvoll. Sicherlich, es werden neue Themen platziert, rechtes Gedankengut wird hoffähig. Doch ansonsten erscheint es seltsam, dass Menschen, die i.d.R. satt genug sein müssten dennoch demonstrieren. Oft sind es auch nicht die Ärmsten der Armen, die auf die Straße gehen. Im Gegenteil handelt es sich um bunt gemischte Gruppen in Dresden und anderswo. Gut situiert, studiert, jung, alt, arm, reich. Das Märchen vom rechten Lumpenproletariat können wir uns abschminken. Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was wollen diese Menschen? Wurden sie vergessen? Die fortschreitende Digitalisierung, Flexibilisierung, TTIP, Globalisierung und Flüchtlingskrise können die Auslöser einer tieferliegenden Frustration sein. Können Sie jedoch deren Hintergründe erklären? Warum reagieren Menschen mit Wut und Hass auf eine Frau, deren größtes Verbrechen es ist, nichts zu tun und ihr zweitgrößtes das zu tun, was gerade angesagt ist? Wenn Sie mich fragen: Frau Merkel langweilt mich. War da sonst noch was? Ich hab in mir nachgesehen und nichts gefunden.

Was jedoch, wenn die Volksseele nach etwas anderem dürstet (wer Nietzsche liest, verfällt bisweilen in diesen romantischen Duktus)? Was, wenn Ihnen die Mythen fehlen? Das Dionysische? Wenn Sie sich im Spiegel stets wiederkehrender Nachrichten einfach nur langweilen? Was ist, wenn Sie das Maskenhafte satt haben? Das Spiel der Politiker, die nur noch sagen, was sie sagen dürfen. Andernfalls würde man sie innerhalb von fünf Minuten medial lynchen. Das Spiel der Interviewer, von denen nur wenige bis an die Schmerzgrenze gehen. Die oft auch unsauber recherchieren. Der Konkurrenz- und Zeitdruck lässt es kaum noch zu. Das Spiel der Lehrer, die Angst vor den Eltern haben. Das Spiel der Führungskräfte, die Angst vor dem Betriebsrat haben. Eltern, die ihre Kinder sich selbst und den Medien überlassen: Laissez Faire 2.0. Haben die Eltern vor ihren Kindern Angst? Keine klaren Worte. Kein Reißen, Zerren, Beben oder Strecken für die gute Sache, was auch immer das sein mag. Das Leiden und Kämpfen spielt sich stattdessen stellvertretend im Kino und vor den heimischen Fernsehern ab. Wer braucht Auseinandersetzungen, wenn es Star Wars gibt und sich der Kabarettist in der Anstalt so herrlich aufregt? Das reicht doch für mich mit, oder etwa nicht?

Die Wahl der Waffen lässt sich kritisieren. Dennoch ist es meines Erachtens die Überlegung wert, worin die tieferen Gründe unserer aktuellen Lage bestehen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Schlüssel auf diese Frage Lebendigkeit heisst.

Das Amfortas-Syndrom besagt, dass wir uns oft nicht trauen, die richtigen Fragen zu stellen, weil wir vor den Antworten Angst haben. Was würde jedoch passieren, würden wir unser Gegenüber, gerne auch einen politischen Gegner, fragen: Wann fühlst du dich lebendig? Wofür lebst du? Wofür arbeitest du? Was willst du deinen Kindern beibringen? Was soll die Nachwelt über dich erzählen? Wofür schlägt dein Herz?

Zuvor sollten wir diese Fragen jedoch für uns selbst klären.

Vielleicht kommen wir damit der Wahrheit, die nicht irgendwo da draußen ist, sondern immer dazwischen liegt,  ein Stückchen näher als mit den üblichen Dafür-Dagegen-Spielchen.

Erlauber – Ausnahmen von der Regel

Für unseren Perfektionismus werden wir bewundert, für unsere Fehler geliebt. Leider vergaß mein Mitvierziger-Gehirn den Ursprung dieses Zitats. Dennoch könnte es uns in unserem Leistungscocon ein wenig zum Umdenken bewegen.

Diejenigen von uns, die ab und an am Limit sind – oder darüber hinaus – wissen ohnehin, schon aus egoistischen Gründen, dass es gut wäre, einen Gang herunter zu schalten, wenn es in den Ohren klingelt oder der Rücken knarzt. Anstatt sich von Sprüchen wie „Halte durch“ oder „Bloß keinen Fehler machen“ antreiben zu lassen, wäre es gut, sich eine kleine Lücke, ein wenig Luft zum Atmen zu erlauben.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ohne diese Antreiber würden Sie diesen Text nicht lesen. Denn Antreiber machen uns neugierig und bringen uns zu Höchstleistungen. Soweit so gut. Doch manchmal kippt die Verhältnismäßigkeit um. Manchmal verhindern Antreiber Kreativität oder verengen unser Denken und unseren Blick. Dann verlieren wir uns im perfektionistischen Detail und sind damit beschäftigt, Fehler zu verhindern anstatt Neues zu entdecken.

Der Kontext bestimmt die Erlaubnis

Sich etwas zu erlauben ist jedoch schwieriger als die meisten denken. Sich leichterdings zu sagen „Lass mal fünfe gerade sein“ funktioniert nicht. Nach unserem landläufigen Denken ist die Fünf nunmal nicht gerade. Sie könnte jedoch gerade sein in einem System, in dem mit dem Sprung von der vier auf die fünf etwas Entscheidendes passiert. Wenn wir von einem Ruderboot mit vier Personen sprechen, dass erst durch den fünften, vielleicht den Steuermann vollständig und damit ‚gerade‘ wird, können wir den Spruch akzeptieren. Wir brauchen also den passenden Kontext, der bestimmt, wann eine Erlaubnis für die Ausnahme von der Regel sinnvoll ist.

Ausnahmen von der Regel

Anstatt pauschaler Aussagen wie „Sei fehlertoleranter“ oder „Sag deine Meinung“ macht es folglich mehr Sinn, sich Erlauber im Detail anzusehen. Dazu einige Beispiele, die Sie gerne innerlich auf sich wirken lassen können, um zu testen, ob Sie sich diese Ausnahmen anstatt pauschaler Freibriefe eher erlauben könnten:

Ich erlaube mir, …

… aus Fehlern zu lernen und zu diesen zu stehen.

  • Fehler passieren ohnehin. Warum also nicht daraus lernen und vielleicht sogar als Lernbeispiele herzunehmen? Immerhin sind nicht wenige Erkenntnisse und Erfindungen aus Fehlern entstanden, u.a. Post-its, Weißwürste, die Brezel, Penicilin oder die Entdeckung der Spiegelneuronen.

… eine eigene Meinung zu haben.

  • Vielleicht brauchen Sie, wenn Sie anderen ungern auf die Füße treten, zuerst die Erlaubnis, eine eigene Meinung zu haben. Alles weitere wird sich zeigen.

… die eigene schlechte Laune wahrzunehmen und zuzulassen.

  • Für die Daueroptimisten unter uns: Wir müssen andere ja nicht gleich mit unserer Miesepetrigkeit ‚belasten‘. Vielleicht wäre es jedoch ein taktischer Zwischenschritt, die eigene schlechte Laune überhaupt wahrzunehmen und zu akzeptieren.

… etwas nicht zu verstehen.

  • Für Schnelldenker: Müssen wir alles verstehen? Müssen wir zu allem eine Meinung haben? Sie müssen nicht gleich ‚die Merkel geben‘. Aber sich ab und an zu erlauben, etwas nicht zu verstehen, siehe Columbo, kann sehr entspannend sein.

… andere Meinungen stehen zu lassen.

  • … und andere Meinungen eine begrenzte Zeit zuzulassen und darauf zu vertrauen, dass sich Konflikte leichter lösen lassen, alleine durch das Aushalten anderer Meinungen, ohne sie sofort zu bewerten, könnte vielen Diskussionen die aggressive Spitze nehmen.

Was könnten Sie sich erlauben, um ein wenig egoistischer, sympathischer, achtsamer oder was auch immer zu werden?

Die sieben Todsünden im Büroalltag

Hintergründe und Umgang mit unterschiedlichen Nervensägen (immer liebevoll, immer wertschätzend) beschrieb ich ausgiebig andernorts.

Um die Eigenheiten der Menschen zu verstehen, die uns nerven, ist es jedoch oft hilfreich, sich an bereits vorhandenen Systemen zu orientieren. Ein solches System zur Kategorisierung sind die sieben Todsünden, die sich erstaunlich leicht auf den Büroalltag übertragen lassen:

1. Die Eitelkeit: So gut wie ich kennt sich hier niemand aus

Herabgestiegen vom Elfenbeinturm wissender Einsamkeit sind Besserwisser stolz darauf, was sie anderen voraus haben und prahlen gerne mit ihrem Wissen – auch wenn es sich dabei im Informationen handelt, die niemand braucht.

Im Gegensatz zum Geiz gleicht das Teilen und Verwerten dieses Wissens jedoch dem Ritterschlag des Besserwissers.

2. Der Geiz: Von dem, was ich alles habe, weiß und kann, gebe ich niemandem etwas ab.

Angeber genießen es zu prahlen. Wie in einem Schaulaufen geht es jedoch nicht darum, einen Austausch anzuregen, sondern nur darum ‚Einzigartigkeit und Schönheit‘ zu präsentieren, um andere neidisch zu machen.

Was ist jedoch ein Gockel wert, wenn er seine Hennen nicht mehr bezirzen kann?

3. Die Genusssucht: Alles ist gut. Wir haben uns alle lieb.

Harmoniker ahlen sich in Beziehungen. Dabei stört der kleinste Funke an Komplikation. In einer watteweichen Beziehungsgestaltung darf es deshalb gar nicht erst zu Irritationen kommen. Ein Liter Sahne darüber und kräftig durchgezuckert. Passt doch alles, oder?

Echte Begegnungen sind jedoch keine unbenutzten, ungelesenen Bücher. Echte Begegnungen sind Bücher, die immer wieder aufgeschlagen und gelesen werden, mit Notizen am Rand, mit abgeschlagenen Kanten und Kaffeeflecken.

4. Der Neid: Das hast du nicht verdient. Das würde ich mir niemals gönnen.

Hinterlistige und Scheinheilige spielen gerne die Empörten und wedeln mit moralischen Bankrotterklärungen. Durchaus möglich, dass dies auf der politischen Bühne das ein oder andere mal schon beobachtet wurde.

Sobald sich der Neid die eigenen Schattenanteile, die inneren Wünsche, die wir uns nicht erlauben, bewusst macht, muss er sich nicht mehr gegenüber anderen als moralische Instanz aufspielen.

5. Die Maßlosigkeit: Ohne mich läuft hier gar nichts.

Helfer im Superman (-woman, -girl) -Kostüm fühlen sich erst richtig wohl, wenn sie anderen (maßlos) unter die Arme greifen können (v.a. in der Sommerzeit ein schlimmes Bild). Ob die Geholfenen das wollen (siehe Hancock), steht auf einem anderen Blatt.

Folglich gilt durch Rückmeldeprozesse zu klären, wo die Grenzen der maßlosen Hilfe liegen.

6. Die Trägheit: Das hab ich schon (alles!) versucht. Das klappt sowieso nicht.

Nörgler und Jammerer schieben systemische oder persönliche Unmöglichkeiten vor, um sich ja nicht verändern zu müssen. Jeder Schritt aus dem Komfortzonenkreis scheint mit einem „Autsch“ gekoppelt zu sein. Wie schön wäre unser Dasein, würden wir ein Leben lang „in den Grenzen“ bleiben dürfen! Doch als Gott damals (vor lauter Zorn!) auf die Idee kam, die Grenzen des Paradieses aufzulösen, wurden wir Menschen gezwungen, uns unseren eigenen Weg zu suchen.

Worin also besteht der eigenverantwortliche Weg?

7. Die Wut: Ihr habt alle keine Ahnung! Wir machen das so, wie ich will!

Der zornige Choleriker bestimmt gerne gottgleich, wo es langgeht. Wenigstens übernimmt der damit eine Verantwortung, die der Trägheit abgeht. Leider sind Diskussionen und Verhandlungen mit Cholerikern aufreibend bis zwecklos.

Das einzige, was zu helfen scheint, ist respektvoll in den Ring zu steigen, um dem Choleriker zu zeigen, dass andere ebenso Verantwortung übernehmen, oder darauf zu warten, bis sich der Rauch des Vulkans wieder verzogen hat.

Das letzte Gefecht

Der Kampf der Kulturen

Ich komme mir vor wie in einem zweitklassigen Stephen King Film. Die Mächte des absolut Bösen kämpfen gegen das absolut Gute. Der hübsche und rhetorisch begabte Jüngling Macron kämpft gegen das mit allen alternativen Wassern gewaschene Schlachtroß Le Pen. Entkernt von moderaten Kräften treffen zwei Antipoden, wie so oft in letzter Zeit, aufeinander und wollen beide auf ihre Weise die Welt retten. Steuern wir mit großen Schritten auf das Armageddon zu? Auf das letzte Gefecht?

Die Urprinzipien des Lebens

Dahinter stehen tatsächlich die Urkräfte des menschlichen Lebens. Das urmännliche Streben nach Freiheit und das urweibliche Prinzip der Begrenzung derselben:“Heute kommst du früher nach Hause! Es war gestern schon so spät! Und trink nicht so viel!“ Mann wird nicht jünger. Die Erde auch nicht. Und bevor jemand die Genderkeule schwingt: In den USA hat der Rollentausch sauber funktioniert. Trump spielt die weibliche Mama des „Genug ist genug!“ mehr als perfekt. Als narzistische Diva bereitet ihm dies offensichtlich keine Probleme. Vielleicht erreicht er damit ungewollt mehr für die Frauenbewegung als wir alle glauben.

Politik ist wie Erziehung

Könnte es sein, dass viele Wähler tatsächlich denken, sie würden als Statisten in einem B-Streifen mitspielen? Wen sollte es kümmern, wenn die Politik kaum Veränderung verspricht, da die Strippen ohnehin andere ziehen? Am Beispiel Trump zeigt sich allerdings, dass Politik dem zentralen Prinzip der Erziehung folgt: Gute Erziehung ist unsichtbar. Wenn du alles richtig machst, bemerkt das keine Sau. Die Franken sagen: Bassd scho! Mehr Lob wird es nicht geben. Fehler jedoch können schnell drastische Folgen haben. Goodbye Statistenrolle!

Das letzte Gefecht

Wo also soll es hingehen nach dem letzten Gefecht? Wollen wir zurück in eine Welt der Herzogtümer, in der jeder Herrscher „L’etat c’est moi!“ ruft und jedes Land seine eigenen Gesetze erlässt? Eine Welt der Sicherheit, solange die eigenen Grenzen nicht verlassen werden. Der Austausch zwischen den Ländern und Menschen verschiedenen Nationen sowieso ist unerwünscht. Es sei denn zwischen guten Ausländern. Nur: Wer beurteilt das? Und woran macht er das fest? Oder wollen wir eine Welt der Freiheit, des Freihandels und der Umweltzerstörung? Frei für all jene, die gebildet genug sind und es sich leisten können.

Im Guten glitzerte immer schon das Böse sowie im Bösen das Gute. Solange wir jedoch das Gute im anderen nicht sehen (wollen), wird sich der Kampf der Kulturen fortsetzen, bis hin zu einem Armageddon, dass sich wenig heroisch und filmreif, sondern ganz banal als Spaltung unserer Gesellschaft zwischen uns schleicht.

Die Furcht vor der Freiheit und die Angst vor dem Anhalten

Erich Fromm beschrieb 1941 die Furcht vor der Freiheit als Urgrund des Nationalsozialismus: Warum in der Ferne schweifen, wenn die Heimat liegt so nah? Nur blöd, wenn einem die Heimat dann doch zu eng wird. 76 Jahre später pflanzt sich der Virus der Furcht medial wie ein Lauffeuer fort und wird kongenial ergänzt durch seinen Bruder, die Furcht vor dem Anhalten, dem Begrenzen, dem Einfachen.

Wenn wir nicht endlich beginnen, die propagierten Freiismen zu begrenzen und uns selbst von den Zwängen des „Immer mehr“ durch die Freiheit der Selbstbeschränkung befreien, wird uns unsere Diversität alsbald politisch um die Ohren fetzen. Die Revolution fängt niemals bei denen da oben an, sondern immer bei uns da unten. Die Revolution fängt damit an, sich selbst die Frage zu stellen, wie viel Freiheit ich wirklich brauche: Reisen in ferne Länder? Um was zu tun? Etwas zu entdecken, dass ich auch vor Ort entdecken könnte? Am Ende sich selbst? Ach was! Erdbeeren im Winter? Aber die schmecken doch so gut! Den billigsten Stromanbieter? Ich muss schließlich auch schauen, wo ich bleibe.

Und wie viel Sicherheit brauche ich wirklich? Mein Helm, mein Gurt, mein Ersatz-Smartphone. Wie wäre es mit: Augen auf und ohne GPS durch den gefährlichen Großstadtdschungel! Wie wäre es damit, sich planlos, aber respektvoll auf das nächste Gespräch einzulassen?

Das Amfortas-Syndrom

Als Parzifal Amfortas am Krankenbett besuchte, kann ihm dieser sein Reich nicht überlassen, weil Parzifal sich nicht traut, die richtige Frage zu stellen. Das Reich muss somit unregiert vor sich hindümpeln. Erst ein Jahr später schafft er es und stellt die Frage: Was schmerzet dich.

Ich glaube, wie sind alle ein wenig krank, blind, sicherheits- und freiheitsvernarrt und trauen uns nicht, dorthin zu gehen, wo es wirklich schmerzhaft wäre. Wir trauen uns nicht, einzugestehen, wovor wir selber am meisten Angst haben und zu fragen, was unser Gegenüber wirklich bewegt. Doch wovor fürchten wir uns, wenn wir die wesentlichen Fragen stellen?

Vielleicht vor der eigenen, schmerzhaften Ehrlichkeit.