Archiv der Kategorie: Geschichten

Geschichten transportieren Weisheiten. Sie transportieren Emotionen. Auch wenn die Orte und Bilder variieren, bleiben die Handlungen dieselben. Es geht immer um Menschen, die vor einer Herausforderung stehen. Der Herausforderung des (Berufs-) Alltags. Der Flut an Informationen. Dem Umgang mit unangenehmen Kollegen. Und immer der Weiterentwicklung eines Helden.

Freud revisited, oder: Über eine gelingende Integration

Freud meinte, wir bestünden aus unterschiedlichen Antrieben. Vor allem zwei sich widerstrebende Aspekte machte er aus: Den Lebens- und den Todestrieb. Was auf den ersten Blick seltsam erscheint, wird auf den zweiten ersichtlich: Der Lebenstrieb ist das, was Nietzsche als dyonisisch bezeichnete: Große Abenteuer erleben anstatt zuhause vor dem Fernseher zu sitzen. Dieses Er-Leben kann jedoch schnell umkippen. Wir erfuhren dieses Kippphänomen Anfang des letzten Jahrhunderts, als die des langweiligen Bürgertums müde gewordene erlebnispädagogische Wandervogelbewegung in den 1. Weltkrieg zog. Und wir erlebten es Jahre später, als Hitler die Massen mit der Lebendigkeit des totalen Krieges infizierte. Für die „richtige“ Sache zu kämpfen und zu sterben erschien vielen Menschen in Anbetracht von Weltwirtschaftskrisen und Alltagstristess ein probates Mittel, sich endlich wieder lebendig zu fühlen.

Um nicht zu destruktiv zu wirken, so Freud, müssen diese Triebe, von der Kultur umgewandelt werden. Natürlich gibt es eine Schattenwelt, in der egoistische Triebe ausgelebt werden. Ob Menschen dabei Sado-Maso-Spiele betreiben oder sich heimlich ihre Gewaltphantasien von der Seele schreiben. Solange niemand zu schaden kommt, was freilich nicht immer leicht zu bemessen ist, sollte es diese Nischen auch weiterhin geben.

Ein anderer Teil freilich wird öffentlich subliminiert: Die aus dem Kontext gerissenen Fratzen von Fußballspielern können furchterregend sein und wären auch in kriegerischen Kontexten nicht fehl am Platz. Von Kampfsportarten ganz zu schweigen. Bei manchem Wirtschafts-, Polit- oder Forschungprojekt scheint es bisweilen um Leben und Tod zu gehen. Und kulturelle Phänomene jeglicher Couleur, aus Theater, Film, Musik, Malerei oder Literatur, würden uns wahrlich blutleer vorkommen ohne Emotionen wie Begeisterung, Wut, Hass, Enttäuschung, Angst, Ekel oder Trauer. So leiden die Helden aus unseren Lieblingsfilmen und -romanen stellvertretend für uns. Und ab und an verspüren wir selbst einen letzten Funken Lebendigkeit, wenn wir uns selbst an ein Gedicht wagen, im Urlaub mit der Digitalkamera auf Großwildjagd gehen, auf Volksfesten uns solange im Kreis drehen lassen, bis sich der Magen entleert, im Karneval der Frau gegenüber aus Versehen an die Titten fassen, in Erlebnisparks dem All-You-can-do fröhnen oder die berühmten Warholschen 5 Minuten auf einer Bühne auskosten. Immerhin. Dass dabei so mancher über die Strenge schlägt, verwundert kaum. Ist doch die Grenze zwischen Spaß und Destruktion oftmals hauchdünn. Ein wenig „purge“, wie die erfolgreiche Filmreihe zeigt, braucht es anscheinend doch. Taxidriver lässt grüßen. Zumindest lassen die Zuschauerzahlen eine gewisse Sehnsucht vermuten.

Der Rest der Emotionen wird durch Regelwerke, Verbote und Hierarchien eingedämmt, damit wir uns nicht doch noch die Köpfe einschlagen. Diese heilige Dreifaltigkeit aus Verboten, dem heimlichen oder offen ausgelebten echten Erleben und der kulturellen und damit erlaubten Umwandlung erscheint mir wie ein unbewusster Gesellschaftsvertrag.

Was jedoch passiert, wenn einem Teil der Gesellschaft die beiden ersten Säulenheiligen versagt bleiben? Was passiert, wenn Teilen der Gesellschaft der Zugang zur kulturellen Umwandlung nicht möglich erscheint oder sie diese Umwandlung als für sich nicht nutzbringend ansieht? Wenn diesem Teil zudem der Zugang zu Wirtschaft, Sport, Wissenschaft oder Politik verwehrt ist und er somit seine Aggressionen auch hier nicht produktiv umwandelt? Wenn auch das Geld nicht für eine Safari-Tour in Afrika oder den Funpark um die Ecke reicht? Dann bleiben wohl nur noch Verbote und Gebote übrig: Rauchverbot, Anschnallpflicht und Fleisch ist sowieso ungesund. Wenn dann noch Fremde kommen, die ihre Energien integrieren, in den örtlichen Fußballverein gehen oder kirchliche Träger unterstützen, perfektes Deutsch sprechen oder gar beginnen, Theaterstücke aufzuführen? Dann kracht es gewaltig!

Vielleicht sollten wir endlich begreifen, dass es nicht um die Fremden geht. Die sind lediglich ein Auslöser für ein viel tiefer liegendes Problem. Wir befinden uns mitten in einem Kulturkampf und sprechen immer noch über Migranten als Mutter aller Probleme? Wie sagte ein Pegida-Demonstrant so treffend: Wir fühlen uns denen (den Fremden) oftmals näher als denen da oben (den abgehobenen Politikern, Medien und Kulturschaffenden).

Pro und Kontra Achtsamkeitswahn

Heute mache ich mir ein paar Feinde. Aber es geht nicht anders. Yoga, Qigong, Taichi, die ganze Schiene. Wer jemals in einem solchen Kurs war, weiß wahrscheinlich, wie sinnvoll das dort Gelehrte sein kann. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit ich das Gelernte auch umsetze, wenn mich der Alltags-ICE überrollt. Streicheln wir dann schnell den Bart des Weisen, um wieder runterzukommen? Oder versetzen Luftbäume, um uns zu erden? Ich jedenfalls hab sowas noch nie gemacht. Die Vorstellung ist amüsant, inmitten eines Streitgesprächs die Geistesgegenwart zu besitzen und mein Gegenüber zu bitten, gemeinsam den Atem des Universums zu praktizieren. Es würde mit Sicherheit helfen. Und wenn nicht, weiß mein Gesprächspartner wenigstens, dass er mein kleinstes Problem ist. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch den Fliegenden Kranich machen.

Im Ernst: Ich hatte mal einen Feldenkraistrainer, der jede, wirklich jede Übung mit den Worten abschloss:“Und wenn du nicht mehr kannst, dann lass das alles sein. Lass einfach los.“ Und ich ließ los. Aber hallo. War ja auch anstrengend, dieses Zeitlupengedehne. Und zwar nicht nur im, sondern auch außerhalb des Kurses. Das fühlte sich richtig gut an. Der erhobene Mittelfinger sozusagen in kommunikationsfreundlicher Formulierung. Hier hat es funktioniert. Wenn mich ein unangenehmer Zeitgenosse nervt, ist es nunmal leichter mir innerlich zu überlegen, ob ich ihm die Nase brechen sollte bzw. wie ich mit meinen 1,70 da überhaupt rankomme oder ob ich doch lieber lächle, mit tief verinnerlichter Bassstimme omme und mir zuflüstere:“Lass das alles sein.“ Jetzt bloß nicht laut denken. Natürlich könnte ich ihm auch sagen: Ich muss erst mein Chi wecken. Wecke du auch deines. Blödsinn. Obwohl? Warum nicht?

Also gut: Wer es ausprobieren will. Ab jetzt innerlich mitbildern. In den Bärenstand, Arme und Hände nach unten geöffnet leicht nach vorne strecken und nun mit dem Körper langsam auf und ab pumpen. Empfehlen kann ich es nicht. Vielleicht den Sonnengruß? Wie ein Regenbogen schwingen? Die Wolken teilen? Den Affen abwehren? Ein Boot rudern? Nein, auch das nicht. Den Mond anblicken? Mit der Handkante das Chi schieben? Definitiv nicht!

Ist der Gesundheitswahn explodiert? Bei all den Angeboten? Der Zeitdruck im Arbeitsleben nimmt ja auch stetig zu. Was bleibt uns übrig, als sich nach einem stressigen Arbeitstag mit ASMR-Videos das große Kribbeln erst auf die Ohren und dann durch den Körper zu ziehen. Autonomous Sensory Meridian Response. Während Up-to-date-Gestresste sich andere Menschen über Kopfhörer das Rauschen des Kämmens, Bügelns und Zusammenfaltens von Hemden reinziehen, gehe ich Stehengebliebener in den Wald und höre mir das Zwitschern von Vögeln an. Wie uncool und weit jenseits der Nice-Grenze.

Business-Pilates wäre noch eine Alternative? Power-, Lach- oder Kinderyoga. Wahrscheinlich kennen sich manche Westler so gut mit Yoga aus, dass sie extra nach Indien reisen, um den Eingeborenen dort, das darf man glaube ich wieder sagen, zu erklären, wie man das richtig macht. Nicht nur so aus dem Bauch heraus.

Was war eigentlich zuerst da? Der Stress? Oder der Yogakurs?

Ich persönlich kenne mich mehr mit Atmen aus. Und ich weiß, dass ich jedesmal beim Andante einer Sinfonie spürbar aufatme. Wenn du keine Lust mehr hast, lass einfach los.

Ich weiß auch, dass ich mit einer tiefenverspannten Körperhaltung keine großen Sprünge hinbekomme. Von geistigen Höhenflügen ganz zu schweigen. Und ich weiß, dass es unfair ist, anderen Leuten ihre Probleme wegzunehmen. Lass einfach los, erst recht wenn es schwer fällt. Rauchern zum Beispiel. Ist das mein Problem, dass die früher sterben? Sind doch ansonsten nette Menschen, mit Problemen halt. Aber die haben andere auch. Alleinerziehende. Eltern sowieso. Greise. Die gestresste Generation Y. Am Ende noch verwöhntes Einzelkind. Informationsjunkies. Bulimie-Studies. Die Bundeswehr. Die katholische Kirche. Ökofaschisten. Wenn jetzt jemand auf Rechtsradikale wartet: Nein, Nazis sprengen diese Liste. Da bin ich doch froh, als leistungsverweigernder Zweitgeborener, Nähephobiker und Freiheitsfanatiker meine ganz eigenen Probleme zu haben. Die gehen schließlich nur mich was an. Da trifft es sich gut, dass ich gelernt habe, wie man richtig atmet. Atmen ist mein Power-Yoga. Atmen funktioniert auch im Umgang mit Idioten.

Das letzte Gefecht

Der Kampf der Kulturen

Ich komme mir vor wie in einem zweitklassigen Stephen King Film. Die Mächte des absolut Bösen kämpfen gegen das absolut Gute. Der hübsche und rhetorisch begabte Jüngling Macron kämpft gegen das mit allen alternativen Wassern gewaschene Schlachtroß Le Pen. Entkernt von moderaten Kräften treffen zwei Antipoden, wie so oft in letzter Zeit, aufeinander und wollen beide auf ihre Weise die Welt retten. Steuern wir mit großen Schritten auf das Armageddon zu? Auf das letzte Gefecht?

Die Urprinzipien des Lebens

Dahinter stehen tatsächlich die Urkräfte des menschlichen Lebens. Das urmännliche Streben nach Freiheit und das urweibliche Prinzip der Begrenzung derselben:“Heute kommst du früher nach Hause! Es war gestern schon so spät! Und trink nicht so viel!“ Mann wird nicht jünger. Die Erde auch nicht. Und bevor jemand die Genderkeule schwingt: In den USA hat der Rollentausch sauber funktioniert. Trump spielt die weibliche Mama des „Genug ist genug!“ mehr als perfekt. Als narzistische Diva bereitet ihm dies offensichtlich keine Probleme. Vielleicht erreicht er damit ungewollt mehr für die Frauenbewegung als wir alle glauben.

Politik ist wie Erziehung

Könnte es sein, dass viele Wähler tatsächlich denken, sie würden als Statisten in einem B-Streifen mitspielen? Wen sollte es kümmern, wenn die Politik kaum Veränderung verspricht, da die Strippen ohnehin andere ziehen? Am Beispiel Trump zeigt sich allerdings, dass Politik dem zentralen Prinzip der Erziehung folgt: Gute Erziehung ist unsichtbar. Wenn du alles richtig machst, bemerkt das keine Sau. Die Franken sagen: Bassd scho! Mehr Lob wird es nicht geben. Fehler jedoch können schnell drastische Folgen haben. Goodbye Statistenrolle!

Das letzte Gefecht

Wo also soll es hingehen nach dem letzten Gefecht? Wollen wir zurück in eine Welt der Herzogtümer, in der jeder Herrscher „L’etat c’est moi!“ ruft und jedes Land seine eigenen Gesetze erlässt? Eine Welt der Sicherheit, solange die eigenen Grenzen nicht verlassen werden. Der Austausch zwischen den Ländern und Menschen verschiedenen Nationen sowieso ist unerwünscht. Es sei denn zwischen guten Ausländern. Nur: Wer beurteilt das? Und woran macht er das fest? Oder wollen wir eine Welt der Freiheit, des Freihandels und der Umweltzerstörung? Frei für all jene, die gebildet genug sind und es sich leisten können.

Im Guten glitzerte immer schon das Böse sowie im Bösen das Gute. Solange wir jedoch das Gute im anderen nicht sehen (wollen), wird sich der Kampf der Kulturen fortsetzen, bis hin zu einem Armageddon, dass sich wenig heroisch und filmreif, sondern ganz banal als Spaltung unserer Gesellschaft zwischen uns schleicht.

Die Furcht vor der Freiheit und die Angst vor dem Anhalten

Erich Fromm beschrieb 1941 die Furcht vor der Freiheit als Urgrund des Nationalsozialismus: Warum in der Ferne schweifen, wenn die Heimat liegt so nah? Nur blöd, wenn einem die Heimat dann doch zu eng wird. 76 Jahre später pflanzt sich der Virus der Furcht medial wie ein Lauffeuer fort und wird kongenial ergänzt durch seinen Bruder, die Furcht vor dem Anhalten, dem Begrenzen, dem Einfachen.

Wenn wir nicht endlich beginnen, die propagierten Freiismen zu begrenzen und uns selbst von den Zwängen des „Immer mehr“ durch die Freiheit der Selbstbeschränkung befreien, wird uns unsere Diversität alsbald politisch um die Ohren fetzen. Die Revolution fängt niemals bei denen da oben an, sondern immer bei uns da unten. Die Revolution fängt damit an, sich selbst die Frage zu stellen, wie viel Freiheit ich wirklich brauche: Reisen in ferne Länder? Um was zu tun? Etwas zu entdecken, dass ich auch vor Ort entdecken könnte? Am Ende sich selbst? Ach was! Erdbeeren im Winter? Aber die schmecken doch so gut! Den billigsten Stromanbieter? Ich muss schließlich auch schauen, wo ich bleibe.

Und wie viel Sicherheit brauche ich wirklich? Mein Helm, mein Gurt, mein Ersatz-Smartphone. Wie wäre es mit: Augen auf und ohne GPS durch den gefährlichen Großstadtdschungel! Wie wäre es damit, sich planlos, aber respektvoll auf das nächste Gespräch einzulassen?

Das Amfortas-Syndrom

Als Parzifal Amfortas am Krankenbett besuchte, kann ihm dieser sein Reich nicht überlassen, weil Parzifal sich nicht traut, die richtige Frage zu stellen. Das Reich muss somit unregiert vor sich hindümpeln. Erst ein Jahr später schafft er es und stellt die Frage: Was schmerzet dich.

Ich glaube, wie sind alle ein wenig krank, blind, sicherheits- und freiheitsvernarrt und trauen uns nicht, dorthin zu gehen, wo es wirklich schmerzhaft wäre. Wir trauen uns nicht, einzugestehen, wovor wir selber am meisten Angst haben und zu fragen, was unser Gegenüber wirklich bewegt. Doch wovor fürchten wir uns, wenn wir die wesentlichen Fragen stellen?

Vielleicht vor der eigenen, schmerzhaften Ehrlichkeit.

Does humor belong to business?

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Aber sicher! Vor allem, wenn bereits alle anderen Führungstechniken versagt haben!

Humor, Reife und Status

Humorvoll sein heißt, über sich selbst lachen zu können, über Feld und Flur als Selbstironie bekannt. Ein Mensch, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, steht über den Dingen. Deshalb wirken humorvolle Führungskräfte selbstbewusster. Sie halten Kritik besser aus, weil die Kritik ihr Verhalten trifft und nicht den verengten Blick auf die eigene Persönlichkeit, ein idealer Weg, mit eigenen und fremden Schwächen umzugehen. Nebenbei bietet ein humorvoller Umgang mit Kritik einen Ausweg aus der Statusfalle: Wenn ich die Kritik annehme, begebe ich mich in einen tieferen Status und riskiere es, Respekt einzubüßen. Wenn ich sie ablehne, bleibe ich im höheren Status, riskiere damit allerdings einen Konflikt. Mit Humor kann ich die Kritik aufnehmen und dennoch im höheren Status bleiben.

Da Humor folglich als Machtinstrument eingesetzt werden kann, ist es wichtig, sich an klare Regeln zu halten. Ironie ist eben nicht gleichzusetzen mit Sarkasmus und Zynismus, genauso wie sexistische oder rassistische Witze selbstredend tabu sein müssen.

Humor in der Mitarbeiterführung

Mitarbeiter mit Humor zu führen heißt, die Gemeinschaft des Teams zu fördern. Wenn sich Menschen durch ihre Spiegelneuronen mit schlechter Stimmung anstecken, so gilt dies genauso im positiven Sinne für Humor. Damit leistet Humor einen wichtigen Beitrag zur Psychohygiene und Atmosphäre im Team und zur Konfliktprävention.

Seminarbeschreibung Humor als Führungskompetenz und Einfall statt Überfall, das etwas andere Schlagfertigkeitstraining.

Sozialphobie

Auf der Beliebtheitsskala der meisten Menschen steht der Montagmorgen nicht unbedingt ganz oben. Außer man hat Kinder, schnappt sich seine „Endlich Montag“-Tasse und freut sich, hinter seinem Computer verschwinden zu dürfen, dem Soziophobiker-Instrument schlechthin. Die Welt des Internets ist wie geschaffen für Misanthropen.

Doch womit hat das zu tun? Ist es die mangelnde Selbstbestimmung? Am Wochenende kann ich tun und lassen, was ich will. Diese Freiheit ist am Montagmorgen vorbei. Jetzt werde ich wieder gezwungen, mich auf das Fremde, Unbestimmte einzulassen?

Wenn ich als alter Sozialphobiker in meinem Beruf viel unter Menschen bin, fällt es mir leichter, dem am Abend noch eins obenauf zu setzen. Die Maschine ist geschmiert und läuft. Zwischendrin genieße ich meine Schreib-Tage zur Erholung von unwägbarem Menschenaustausch. Bücher, Artikel, Rechnungen, Skripte. Der Modus, in dem geschrieben wird, zeichnet sich durch ein gewisses Maß an Sozialphobie aus. Die Geschehnisse der Welt sind inspirierend. Wenn ich mich jedoch zuviel ablenken lasse, kommt kein neues Buch zustande. Ereignisse wollen reflektiert, fokussiert und konzentriert werden. Am liebsten, aaaah, mit Hilfe klassischer Klavierkonzerte von Beethoven oder Liszt.

Wie fühlt sich wohl ein Arbeitsloser? Keine Arbeit und wenig Geld heisst wenig Kontakte zu anderen Menschen. Kon-Takte jedoch lassen nicht planen. Hier können wir nur Mit-Schwingen. Wer sein Leben zu 100% durchplanen möchte, sollte zuhause bleiben, am besten im Bett. Sobald ich nach draußen gehe, bleibt das Wagnis, jemandem zu begegnen. Ich könnte mir Scheuklappen anziehen. Das würde helfen. Kontakte bleiben wackelig.

Schon der vermeintlich einfache Kontakt mit der Bäckersfrau ist komplex: Wird sie verstehen, was ich will? Was soll ich sagen, wenn Sie mir einen guten Tag wünscht? Was will sie von mir? Soll ich ehrlich antworten? Oder höflich? Diplomatisch?

Auszug aus einer meiner Lesungen

Aufgrund meiner Unsicherheit in der Kommunikation fing ich an, mir Sprüche anzueignen, die … meistens passen. Ich wusste nie, was ich entgegnen soll, wenn die Bäckersfrau sagte: Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Früher überlegte ich … 21, 22: Was sagst du jetzt darauf?

„Einen schönen Tag noch.“

„Was wollen Sie von mir hören?“

Ich hab es ausprobiert. Schlechte Idee. Nicht machen.

Seitdem ich darüber nachdenke, verstehe ich diesen Ghetto-Slang viel besser: Ey, was willst du von mir? heisst in Wirklichkeit: Ich bin unsicher und weiß nicht, was du von mir erwartest. Bitte hilf mir.

Es ist unfair. Die Verkäuferinnen besitzen einen Feldvorteil. Ich befinde mich auf ihrem Kampfgebiet. Ein Herumgestottere war das früher. Bis ich auf die Idee kam von „Ebenso“. Früher hatte ich oft solche Ja-Momente. Ich kaufte ein, der Mann an der Scannerkasse wünschte mir ein schönes Wochenende. Und ich sagte: Ja, Ja Ja, Ja Ja Ja. Als ich „Ebenso“ für mich entdeckte, ging ein Raunen durch meinen Körper. „Ebenso“ machte mich zu einem soziablen Element der Gesellschaft. „Ebenso“ passt fast immer …

Neulich im Hotel. Der Portier laberte mich in Trance: Telefon, Internetzugang, Minibar, Öffnungszeiten der Sauna, Frühstückszeiten, Masseusen, Pros…tituierte? Im Fichtelgebirge? 3. Stock, Gang runter, dann links, digitaler Schlüssel. Ich nicke, nicke, nicke. Der Pfortenmann kam zum Ende: Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt bei uns. Ich: Ebenso … Verlegenes kleinkindliches Lächeln. Jetzt aber flugs aufs Zimmer! Am besten nur noch telefonieren.

Dieser digitale Schlüssel. Die digitale Revolution vergaß mich mitzunehmen. Als ich eine Minute später die Tür ins Schloß fallen ließ, befand ich mich in einem Raum, der nach Licht hungerte. Wenigstens war ich auf der richtigen Seite der Tür, ich stand auch schon ohne Schlüssel auf der falschen Seite, in Unterhosen, während der einzige Weg zu einem Schlüsselmeister durch die Gaststätte des Hotels führte, das war allerdings am Bodensee. Anderes Hotel, andere Geschichte. Verzweifelt suchte ich nach einem Lichtschalter. Als ich diesen nach zweieinhalb gefühlten Schienbeinbrüchen fand, funktionierte der Schalter nicht. Können die nicht dafür sorgen, dass der Strom funktioniert? Ich rief die Pforte an. Wenigstens funktionierte das Telefon.

Obacht! Wie ein kleines HB-Männchen durch das Telefonkabel zu explodieren, wenn die Antwort lautet: Sie müssen Ihre Karte neben der Zimmertür in eine Wandtasche stecken, damit das Licht angeht, ist ziemlich peinlich. Dass ich das Telefon benutzte, ersparte mir wenigstens die Schmach, die mit recht verdrehten Augen des Pförtners zu sehen: Was für ein Idiot! Erst ‚ebenso‘ und jetzt das!

Ich steckte die Karte in die vorgesehene Vorrichtung und ein Gefühl von Weihnachten mit eingebautem Fernsehaquarium breitete sich aus. Ein vollverglaster Badetempel in grünem Lichtlametta fraß sich in die Zimmerlandschaft. Könnte ich mich klonen, hätte ich Spass daran gehabt, mir von der Toilette aus zuzuwinken.

Nach dieser digitalen Lektion erinnerte ich mich wieder an meinen Faux-pas von vorhin:

Ich brauchte dringend eine Erweiterung meines Sprachrepertoires. Was soll ich erwidern, wenn es persönlicher wird? Wenn jemand zu mir sagt: Grüße an die Frau Gemahlin. Ich kam auf die Idee, mir ein „Du auch“ anzueignen, den emotionaleren Verwandten von Ebenso. Das Dumme ist, dass sich mit einer wiederholten Nutzung Muster in meinem Gehirn einfurchen, die später auch in ungeeigneten Situationen abgerufen werden. Es gibt Szenen, in denen „Du auch“ im Bereich des Suboptimalen anzusiedeln ist. Du kaufst dir eine Fahrkarte an einem Bahnschalter und der Mann hinter dem Schalter sagt: Gute Fahrt. Ihnen auch! Ebenso!

Du kaufst dir ein Kinoticket und die Dame hinter dem Tresen sagt: Viel Spaß! Ihnen auch! Du bestellst einen Schweinebraten im Restaurant. Die Bedienung sagt: Guten Appetit! Ebenso! Suboptimal. Neulich war im Krankhaus. Auch bei Nachtschwestern als Reaktion auf „Schlafen Sie gut“, lieber stöhnen und einen totkranken Mann markieren, kurz vor dem Exitus. Das sollte uns Männern nicht besonders schwer fallen.

Nach langem Grübeln bin ich darauf gekommen, zusätzlich zu „Ja“, „Du auch“, „Sie auch“ und „Ebenso“ ein „Danke“ hinzuzunehmen. Damit komme ich fast reibungslos durch die verbale Welt. Ich darf meine Kommunikationsretter nur nicht verwechseln.

Auszug Ende

Globalisierung ist nicht mehr als die Potentierung eines Zustandes, den wir alle kennen. An manchen Tagen hast du einfach keine Lust auf das Fremde. Zum Glück sind es nur manche Tage. Und zum Glück werden im Umgang mit dem Fremden unsere schlimmen Vorsehungen meistens enttäuscht.

Nachtrag: Ein guter Freund von mir behauptet, ich wäre gar kein Sozialphobiker, sondern nur ein Sozialfastidiker. Ein schöner Begriff, der leider aufgrund seiner präfaktischen Existenz von keiner Suchmaschine gefunden wird.