Kategorie-Archiv: Geschichten

Geschichten transportieren Weisheiten. Sie transportieren Emotionen. Auch wenn die Orte und Bilder variieren, bleiben die Handlungen dieselben. Es geht immer um Menschen, die vor einer Herausforderung stehen. Der Herausforderung des (Berufs-) Alltags. Der Flut an Informationen. Dem Umgang mit unangenehmen Kollegen. Und immer der Weiterentwicklung eines Helden.

Pro und Kontra Achtsamkeitswahn

Heute mache ich mir ein paar Feinde. Aber es geht nicht anders. Yoga, Qigong, Taichi, die ganze Schiene. Wer jemals in einem solchen Kurs war, weiß wahrscheinlich, wie sinnvoll das dort Gelehrte sein kann. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit ich das Gelernte auch umsetze, wenn mich der Alltags-ICE überrollt. Streicheln wir dann schnell den Bart des Weisen, um wieder runterzukommen? Oder versetzen Luftbäume, um uns zu erden? Ich jedenfalls hab sowas noch nie gemacht. Die Vorstellung ist amüsant, inmitten eines Streitgesprächs die Geistesgegenwart zu besitzen und mein Gegenüber zu bitten, gemeinsam den Atem des Universums zu praktizieren. Es würde mit Sicherheit helfen. Und wenn nicht, weiß mein Gesprächspartner wenigstens, dass er mein kleinstes Problem ist. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch den Fliegenden Kranich machen.

Im Ernst: Ich hatte mal einen Feldenkraistrainer, der jede, wirklich jede Übung mit den Worten abschloss:“Und wenn du nicht mehr kannst, dann lass das alles sein. Lass einfach los.“ Und ich ließ los. Aber hallo. War ja auch anstrengend, dieses Zeitlupengedehne. Und zwar nicht nur im, sondern auch außerhalb des Kurses. Das fühlte sich richtig gut an. Der erhobene Mittelfinger sozusagen in kommunikationsfreundlicher Formulierung. Hier hat es funktioniert. Wenn mich ein unangenehmer Zeitgenosse nervt, ist es nunmal leichter mir innerlich zu überlegen, ob ich ihm die Nase brechen sollte bzw. wie ich mit meinen 1,70 da überhaupt rankomme oder ob ich doch lieber lächle, mit tief verinnerlichter Bassstimme omme und mir zuflüstere:“Lass das alles sein.“ Jetzt bloß nicht laut denken. Natürlich könnte ich ihm auch sagen: Ich muss erst mein Chi wecken. Wecke du auch deines. Blödsinn. Obwohl? Warum nicht?

Also gut: Wer es ausprobieren will. Ab jetzt innerlich mitbildern. In den Bärenstand, Arme und Hände nach unten geöffnet leicht nach vorne strecken und nun mit dem Körper langsam auf und ab pumpen. Empfehlen kann ich es nicht. Vielleicht den Sonnengruß? Wie ein Regenbogen schwingen? Die Wolken teilen? Den Affen abwehren? Ein Boot rudern? Nein, auch das nicht. Den Mond anblicken? Mit der Handkante das Chi schieben? Definitiv nicht!

Ist der Gesundheitswahn explodiert? Bei all den Angeboten? Der Zeitdruck im Arbeitsleben nimmt ja auch stetig zu. Was bleibt uns übrig, als sich nach einem stressigen Arbeitstag mit ASMR-Videos das große Kribbeln erst auf die Ohren und dann durch den Körper zu ziehen. Autonomous Sensory Meridian Response. Während Up-to-date-Gestresste sich andere Menschen über Kopfhörer das Rauschen des Kämmens, Bügelns und Zusammenfaltens von Hemden reinziehen, gehe ich Stehengebliebener in den Wald und höre mir das Zwitschern von Vögeln an. Wie uncool und weit jenseits der Nice-Grenze.

Business-Pilates wäre noch eine Alternative? Power-, Lach- oder Kinderyoga. Wahrscheinlich kennen sich manche Westler so gut mit Yoga aus, dass sie extra nach Indien reisen, um den Eingeborenen dort, das darf man glaube ich wieder sagen, zu erklären, wie man das richtig macht. Nicht nur so aus dem Bauch heraus.

Was war eigentlich zuerst da? Der Stress? Oder der Yogakurs?

Ich persönlich kenne mich mehr mit Atmen aus. Und ich weiß, dass ich jedesmal beim Andante einer Sinfonie spürbar aufatme. Wenn du keine Lust mehr hast, lass einfach los.

Ich weiß auch, dass ich mit einer tiefenverspannten Körperhaltung keine großen Sprünge hinbekomme. Von geistigen Höhenflügen ganz zu schweigen. Und ich weiß, dass es unfair ist, anderen Leuten ihre Probleme wegzunehmen. Lass einfach los, erst recht wenn es schwer fällt. Rauchern zum Beispiel. Ist das mein Problem, dass die früher sterben? Sind doch ansonsten nette Menschen, mit Problemen halt. Aber die haben andere auch. Alleinerziehende. Eltern sowieso. Greise. Die gestresste Generation Y. Am Ende noch verwöhntes Einzelkind. Informationsjunkies. Bulimie-Studies. Die Bundeswehr. Die katholische Kirche. Ökofaschisten. Wenn jetzt jemand auf Rechtsradikale wartet: Nein, Nazis sprengen diese Liste. Da bin ich doch froh, als leistungsverweigernder Zweitgeborener, Nähephobiker und Freiheitsfanatiker meine ganz eigenen Probleme zu haben. Die gehen schließlich nur mich was an. Da trifft es sich gut, dass ich gelernt habe, wie man richtig atmet. Atmen ist mein Power-Yoga. Atmen funktioniert auch im Umgang mit Idioten.

Das letzte Gefecht

Der Kampf der Kulturen

Ich komme mir vor wie in einem zweitklassigen Stephen King Film. Die Mächte des absolut Bösen kämpfen gegen das absolut Gute. Der hübsche und rhetorisch begabte Jüngling Macron kämpft gegen das mit allen alternativen Wassern gewaschene Schlachtroß Le Pen. Entkernt von moderaten Kräften treffen zwei Antipoden, wie so oft in letzter Zeit, aufeinander und wollen beide auf ihre Weise die Welt retten. Steuern wir mit großen Schritten auf das Armageddon zu? Auf das letzte Gefecht?

Die Urprinzipien des Lebens

Dahinter stehen tatsächlich die Urkräfte des menschlichen Lebens. Das urmännliche Streben nach Freiheit und das urweibliche Prinzip der Begrenzung derselben:“Heute kommst du früher nach Hause! Es war gestern schon so spät! Und trink nicht so viel!“ Mann wird nicht jünger. Die Erde auch nicht. Und bevor jemand die Genderkeule schwingt: In den USA hat der Rollentausch sauber funktioniert. Trump spielt die weibliche Mama des „Genug ist genug!“ mehr als perfekt. Als narzistische Diva bereitet ihm dies offensichtlich keine Probleme. Vielleicht erreicht er damit ungewollt mehr für die Frauenbewegung als wir alle glauben.

Politik ist wie Erziehung

Könnte es sein, dass viele Wähler tatsächlich denken, sie würden als Statisten in einem B-Streifen mitspielen? Wen sollte es kümmern, wenn die Politik kaum Veränderung verspricht, da die Strippen ohnehin andere ziehen? Am Beispiel Trump zeigt sich allerdings, dass Politik dem zentralen Prinzip der Erziehung folgt: Gute Erziehung ist unsichtbar. Wenn du alles richtig machst, bemerkt das keine Sau. Die Franken sagen: Bassd scho! Mehr Lob wird es nicht geben. Fehler jedoch können schnell drastische Folgen haben. Goodbye Statistenrolle!

Das letzte Gefecht

Wo also soll es hingehen nach dem letzten Gefecht? Wollen wir zurück in eine Welt der Herzogtümer, in der jeder Herrscher „L’etat c’est moi!“ ruft und jedes Land seine eigenen Gesetze erlässt? Eine Welt der Sicherheit, solange die eigenen Grenzen nicht verlassen werden. Der Austausch zwischen den Ländern und Menschen verschiedenen Nationen sowieso ist unerwünscht. Es sei denn zwischen guten Ausländern. Nur: Wer beurteilt das? Und woran macht er das fest? Oder wollen wir eine Welt der Freiheit, des Freihandels und der Umweltzerstörung? Frei für all jene, die gebildet genug sind und es sich leisten können.

Im Guten glitzerte immer schon das Böse sowie im Bösen das Gute. Solange wir jedoch das Gute im anderen nicht sehen (wollen), wird sich der Kampf der Kulturen fortsetzen, bis hin zu einem Armageddon, dass sich wenig heroisch und filmreif, sondern ganz banal als Spaltung unserer Gesellschaft zwischen uns schleicht.

Die Furcht vor der Freiheit und die Angst vor dem Anhalten

Erich Fromm beschrieb 1941 die Furcht vor der Freiheit als Urgrund des Nationalsozialismus: Warum in der Ferne schweifen, wenn die Heimat liegt so nah? Nur blöd, wenn einem die Heimat dann doch zu eng wird. 76 Jahre später pflanzt sich der Virus der Furcht medial wie ein Lauffeuer fort und wird kongenial ergänzt durch seinen Bruder, die Furcht vor dem Anhalten, dem Begrenzen, dem Einfachen.

Wenn wir nicht endlich beginnen, die propagierten Freiismen zu begrenzen und uns selbst von den Zwängen des „Immer mehr“ durch die Freiheit der Selbstbeschränkung befreien, wird uns unsere Diversität alsbald politisch um die Ohren fetzen. Die Revolution fängt niemals bei denen da oben an, sondern immer bei uns da unten. Die Revolution fängt damit an, sich selbst die Frage zu stellen, wie viel Freiheit ich wirklich brauche: Reisen in ferne Länder? Um was zu tun? Etwas zu entdecken, dass ich auch vor Ort entdecken könnte? Am Ende sich selbst? Ach was! Erdbeeren im Winter? Aber die schmecken doch so gut! Den billigsten Stromanbieter? Ich muss schließlich auch schauen, wo ich bleibe.

Und wie viel Sicherheit brauche ich wirklich? Mein Helm, mein Gurt, mein Ersatz-Smartphone. Wie wäre es mit: Augen auf und ohne GPS durch den gefährlichen Großstadtdschungel! Wie wäre es damit, sich planlos, aber respektvoll auf das nächste Gespräch einzulassen?

Das Amfortas-Syndrom

Als Parzifal Amfortas am Krankenbett besuchte, kann ihm dieser sein Reich nicht überlassen, weil Parzifal sich nicht traut, die richtige Frage zu stellen. Das Reich muss somit unregiert vor sich hindümpeln. Erst ein Jahr später schafft er es und stellt die Frage: Was schmerzet dich.

Ich glaube, wie sind alle ein wenig krank, blind, sicherheits- und freiheitsvernarrt und trauen uns nicht, dorthin zu gehen, wo es wirklich schmerzhaft wäre. Wir trauen uns nicht, einzugestehen, wovor wir selber am meisten Angst haben und zu fragen, was unser Gegenüber wirklich bewegt. Doch wovor fürchten wir uns, wenn wir die wesentlichen Fragen stellen?

Vielleicht vor der eigenen, schmerzhaften Ehrlichkeit.

Does humor belong to business?

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Aber sicher! Vor allem, wenn bereits alle anderen Führungstechniken versagt haben!

Humor, Reife und Status

Humorvoll sein heißt, über sich selbst lachen zu können, über Feld und Flur als Selbstironie bekannt. Ein Mensch, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt, steht über den Dingen. Deshalb wirken humorvolle Führungskräfte selbstbewusster. Sie halten Kritik besser aus, weil die Kritik ihr Verhalten trifft und nicht den verengten Blick auf die eigene Persönlichkeit, ein idealer Weg, mit eigenen und fremden Schwächen umzugehen. Nebenbei bietet ein humorvoller Umgang mit Kritik einen Ausweg aus der Statusfalle: Wenn ich die Kritik annehme, begebe ich mich in einen tieferen Status und riskiere es, Respekt einzubüßen. Wenn ich sie ablehne, bleibe ich im höheren Status, riskiere damit allerdings einen Konflikt. Mit Humor kann ich die Kritik aufnehmen und dennoch im höheren Status bleiben.

Da Humor folglich als Machtinstrument eingesetzt werden kann, ist es wichtig, sich an klare Regeln zu halten. Ironie ist eben nicht gleichzusetzen mit Sarkasmus und Zynismus, genauso wie sexistische oder rassistische Witze selbstredend tabu sein müssen.

Humor in der Mitarbeiterführung

Mitarbeiter mit Humor zu führen heißt, die Gemeinschaft des Teams zu fördern. Wenn sich Menschen durch ihre Spiegelneuronen mit schlechter Stimmung anstecken, so gilt dies genauso im positiven Sinne für Humor. Damit leistet Humor einen wichtigen Beitrag zur Psychohygiene und Atmosphäre im Team und zur Konfliktprävention.

Seminarbeschreibung Humor als Führungskompetenz und Einfall statt Überfall, das etwas andere Schlagfertigkeitstraining.

Sozialphobie

Auf der Beliebtheitsskala der meisten Menschen steht der Montagmorgen nicht unbedingt ganz oben. Außer man hat Kinder, schnappt sich seine „Endlich Montag“-Tasse und freut sich, hinter seinem Computer verschwinden zu dürfen, dem Soziophobiker-Instrument schlechthin. Die Welt des Internets ist wie geschaffen für Misanthropen.

Doch womit hat das zu tun? Ist es die mangelnde Selbstbestimmung? Am Wochenende kann ich tun und lassen, was ich will. Diese Freiheit ist am Montagmorgen vorbei. Jetzt werde ich wieder gezwungen, mich auf das Fremde, Unbestimmte einzulassen?

Wenn ich als alter Sozialphobiker in meinem Beruf viel unter Menschen bin, fällt es mir leichter, dem am Abend noch eins obenauf zu setzen. Die Maschine ist geschmiert und läuft. Zwischendrin genieße ich meine Schreib-Tage zur Erholung von unwägbarem Menschenaustausch. Bücher, Artikel, Rechnungen, Skripte. Der Modus, in dem geschrieben wird, zeichnet sich durch ein gewisses Maß an Sozialphobie aus. Die Geschehnisse der Welt sind inspirierend. Wenn ich mich jedoch zuviel ablenken lasse, kommt kein neues Buch zustande. Ereignisse wollen reflektiert, fokussiert und konzentriert werden. Am liebsten, aaaah, mit Hilfe klassischer Klavierkonzerte von Beethoven oder Liszt.

Wie fühlt sich wohl ein Arbeitsloser? Keine Arbeit und wenig Geld heisst wenig Kontakte zu anderen Menschen. Kon-Takte jedoch lassen nicht planen. Hier können wir nur Mit-Schwingen. Wer sein Leben zu 100% durchplanen möchte, sollte zuhause bleiben, am besten im Bett. Sobald ich nach draußen gehe, bleibt das Wagnis, jemandem zu begegnen. Ich könnte mir Scheuklappen anziehen. Das würde helfen. Kontakte bleiben wackelig.

Schon der vermeintlich einfache Kontakt mit der Bäckersfrau ist komplex: Wird sie verstehen, was ich will? Was soll ich sagen, wenn Sie mir einen guten Tag wünscht? Was will sie von mir? Soll ich ehrlich antworten? Oder höflich? Diplomatisch?

Auszug aus einer meiner Lesungen

Aufgrund meiner Unsicherheit in der Kommunikation fing ich an, mir Sprüche anzueignen, die … meistens passen. Ich wusste nie, was ich entgegnen soll, wenn die Bäckersfrau sagte: Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Früher überlegte ich … 21, 22: Was sagst du jetzt darauf?

„Einen schönen Tag noch.“

„Was wollen Sie von mir hören?“

Ich hab es ausprobiert. Schlechte Idee. Nicht machen.

Seitdem ich darüber nachdenke, verstehe ich diesen Ghetto-Slang viel besser: Ey, was willst du von mir? heisst in Wirklichkeit: Ich bin unsicher und weiß nicht, was du von mir erwartest. Bitte hilf mir.

Es ist unfair. Die Verkäuferinnen besitzen einen Feldvorteil. Ich befinde mich auf ihrem Kampfgebiet. Ein Herumgestottere war das früher. Bis ich auf die Idee kam von „Ebenso“. Früher hatte ich oft solche Ja-Momente. Ich kaufte ein, der Mann an der Scannerkasse wünschte mir ein schönes Wochenende. Und ich sagte: Ja, Ja Ja, Ja Ja Ja. Als ich „Ebenso“ für mich entdeckte, ging ein Raunen durch meinen Körper. „Ebenso“ machte mich zu einem soziablen Element der Gesellschaft. „Ebenso“ passt fast immer …

Neulich im Hotel. Der Portier laberte mich in Trance: Telefon, Internetzugang, Minibar, Öffnungszeiten der Sauna, Frühstückszeiten, Masseusen, Pros…tituierte? Im Fichtelgebirge? 3. Stock, Gang runter, dann links, digitaler Schlüssel. Ich nicke, nicke, nicke. Der Pfortenmann kam zum Ende: Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt bei uns. Ich: Ebenso … Verlegenes kleinkindliches Lächeln. Jetzt aber flugs aufs Zimmer! Am besten nur noch telefonieren.

Dieser digitale Schlüssel. Die digitale Revolution vergaß mich mitzunehmen. Als ich eine Minute später die Tür ins Schloß fallen ließ, befand ich mich in einem Raum, der nach Licht hungerte. Wenigstens war ich auf der richtigen Seite der Tür, ich stand auch schon ohne Schlüssel auf der falschen Seite, in Unterhosen, während der einzige Weg zu einem Schlüsselmeister durch die Gaststätte des Hotels führte, das war allerdings am Bodensee. Anderes Hotel, andere Geschichte. Verzweifelt suchte ich nach einem Lichtschalter. Als ich diesen nach zweieinhalb gefühlten Schienbeinbrüchen fand, funktionierte der Schalter nicht. Können die nicht dafür sorgen, dass der Strom funktioniert? Ich rief die Pforte an. Wenigstens funktionierte das Telefon.

Obacht! Wie ein kleines HB-Männchen durch das Telefonkabel zu explodieren, wenn die Antwort lautet: Sie müssen Ihre Karte neben der Zimmertür in eine Wandtasche stecken, damit das Licht angeht, ist ziemlich peinlich. Dass ich das Telefon benutzte, ersparte mir wenigstens die Schmach, die mit recht verdrehten Augen des Pförtners zu sehen: Was für ein Idiot! Erst ‚ebenso‘ und jetzt das!

Ich steckte die Karte in die vorgesehene Vorrichtung und ein Gefühl von Weihnachten mit eingebautem Fernsehaquarium breitete sich aus. Ein vollverglaster Badetempel in grünem Lichtlametta fraß sich in die Zimmerlandschaft. Könnte ich mich klonen, hätte ich Spass daran gehabt, mir von der Toilette aus zuzuwinken.

Nach dieser digitalen Lektion erinnerte ich mich wieder an meinen Faux-pas von vorhin:

Ich brauchte dringend eine Erweiterung meines Sprachrepertoires. Was soll ich erwidern, wenn es persönlicher wird? Wenn jemand zu mir sagt: Grüße an die Frau Gemahlin. Ich kam auf die Idee, mir ein „Du auch“ anzueignen, den emotionaleren Verwandten von Ebenso. Das Dumme ist, dass sich mit einer wiederholten Nutzung Muster in meinem Gehirn einfurchen, die später auch in ungeeigneten Situationen abgerufen werden. Es gibt Szenen, in denen „Du auch“ im Bereich des Suboptimalen anzusiedeln ist. Du kaufst dir eine Fahrkarte an einem Bahnschalter und der Mann hinter dem Schalter sagt: Gute Fahrt. Ihnen auch! Ebenso!

Du kaufst dir ein Kinoticket und die Dame hinter dem Tresen sagt: Viel Spaß! Ihnen auch! Du bestellst einen Schweinebraten im Restaurant. Die Bedienung sagt: Guten Appetit! Ebenso! Suboptimal. Neulich war im Krankhaus. Auch bei Nachtschwestern als Reaktion auf „Schlafen Sie gut“, lieber stöhnen und einen totkranken Mann markieren, kurz vor dem Exitus. Das sollte uns Männern nicht besonders schwer fallen.

Nach langem Grübeln bin ich darauf gekommen, zusätzlich zu „Ja“, „Du auch“, „Sie auch“ und „Ebenso“ ein „Danke“ hinzuzunehmen. Damit komme ich fast reibungslos durch die verbale Welt. Ich darf meine Kommunikationsretter nur nicht verwechseln.

Auszug Ende

Globalisierung ist nicht mehr als die Potentierung eines Zustandes, den wir alle kennen. An manchen Tagen hast du einfach keine Lust auf das Fremde. Zum Glück sind es nur manche Tage. Und zum Glück werden im Umgang mit dem Fremden unsere schlimmen Vorsehungen meistens enttäuscht.

Nachtrag: Ein guter Freund von mir behauptet, ich wäre gar kein Sozialphobiker, sondern nur ein Sozialfastidiker. Ein schöner Begriff, der leider aufgrund seiner präfaktischen Existenz von keiner Suchmaschine gefunden wird.

 

Über moderne Familien und Populisten

Es war einmal eine moderne Bären-Familie. Mama-Bär arbeitete in ihrem Traumberuf als Baumpflegerin und kümmerte sich nebenher so gut es ging um ihre Kinder. Sie fühlte sich verantwortlich für deren Bildung, genauso wie für ihre Gesundheit. Papa-Bär ging auch arbeiten. Da er aber als Mann mehr verdiente und das Reiheneckenhaus noch abbezahlt werden musste, schuftete er noch viel mehr als seine Frau. Am Wochenende gehörte Papa-Bär jedoch ganz seinen Kindern. Meistens jedenfalls.

Dann kam ein Wochenende, an dem Mama-Bär auf eine Fortbildung fuhr. Als es um die Essensfrage ging, sprach der Vater schmunzelnd: Die Mama immer mit ihrem gesunden Essen. Kinder, was haltet ihr von McDonalds? Dort gibt es fette Honig-Burger. Viel zu süß und schmeckt wie Gummi. Ist aber wenigstens verboten! Die Kinder schrien „Hurra! Papa ist der Beste!“ Papa-Bär jedoch flüsterte: Aber nichts der Mama erzählen.

Die Kinder erzählten der Mama auch nichts. Doch sie posteten es auf facebook. Und vergaßen dabei, dass Mama-Bär auch bei facebook ist. Es kam, wie es kommen musste zu einem riesigen Streit. Bisher hatte Mama-Bär immer recht. Sie hatte sozusagen die gesammelten Fakten der Wissenschaft und des gesamten Gesundheitsministeriums auf ihrer Seite. Doch jetzt mischte sich Papa-Bär ein, der als Baumfäller von Gesundheit nicht wirklich Ahnung hatte:

Ab und zu mal was Ungesundes kann doch nicht so schlimm sein, oder?

Ist auch billiger, als die Kinder später zum Therapeuten-Bär zu schicken.

Mama-Bär blieb hart und zog alle Register: In Honig-Burgern ist schließlich Analog-Honig! Das weiß doch jeder! Doch die Bären-Kinder hatten im Internet erfahren, dass Kinder in Familien auf der ganzen Welt das gleiche Problem haben. Sie hatten damit nicht nur ihren Vater auf ihrer Seite, sondern zusätzlich zumindest gefühlt die halbe Kinderwelt. Und außerdem hieß analog jetzt nicht mehr analog, sondern vegan.

Soweit die kleine Bärengeschichte. Wir tauschen in dieser Geschichte die Kinder gegen kleine, marginalisierte BürgerInnen aus. Papa-Bär gegen Trump, Höcke, Petry oder einen Populisten ihrer Wahl. Und Mama-Bär gegen Merkel, Clinton und die Medien. Das Internet hat sich noch nicht entschieden, auf welcher Seite es steht.

In den letzten Jahrzehnten gaben die Eliten und die Medien als strenge Eltern vor, was wir zu denken haben. Ein Teil der Gesellschaft machte das gerne mit. Man nennt sie Gutmenschen oder Demokraten oder Liberale. Menschen, die das Gefühl haben, dass der Wandel normal ist und dass es besser ist, sich anzupassen. Als unsere Vorvorvorfahren von Süden nach Norden pilgerten, kamen sie nicht umhin, Nadel und Faden, Hütten und Werkzeuge zu entwickeln, um der Kälte zu trotzen. So tummeln wir uns heute in Jobs, für die es vor 20 Jahren noch nicht mal einen Namen gab und führen Kulturveranstaltungen durch, für die man vor 50 Jahren in die Psychiatrie gekommen wäre. Die Sesshaftigkeit führte auch dazu, dass ein Schussel einen Früchtebrei zu lange stehen ließ, bis dieser gärte. Danke dafür: Ohne Wandel keinen Alkohol! Und ohne Fehler müssten wir auf so manche Erfindung verzichten.

Vielleicht aber hat diese Anpassung ihren Preis. Wir alle werden ungern mit unseren Schwächen konfrontiert. Ganz ehrlich: Mein kindliches Ego tendiert nicht dazu, einer Frau im Vorbeigehen zwischen die Beine zu greifen. Doch ab und an die politische Korrektheit beiseite zu lassen, zum Beispiel im Improtheater auf behindert zu machen und anderen in der Nase zu bohren, das hat was. Solche Ausrutscher bestätigen jedoch die Regeln, nach denen wir leben. Nennen wir es nicht politische Korrektheit. Nennen wir es einen Gesellschaftsvertrag auf der Basis humanistischer Werte: Sich umeinander kümmern, Mitmenschlichkeit, Bindung zueinander. Zwischen Alt und Jung, Mann und Frau, Arm und Reich. Mit der Möglichkeit, ab und an, und sei es im Karneval, Dampf abzulassen. Wenn ich mir manche politische Agitatoren ansehe, habe ich das Gefühl, dass sie zu wenig lachen, der Druck im Druckkessel bleibt und sie zu sehr von ihrer Moral gesteuert sind. Als Menschen macht sie das unnahbar. Elite eben!

Der andere Teil der Gesellschaft fremdelt mit dem Wandel. Aus welchen Gründen auch immer. Sein Ich will so bleiben, wie es ist, sei es aus Angst oder Bockigkeit. Leider log uns eine bekannte Werbung aus den 90ern schamlos an: Gerade du darfst eben nicht!

Jedenfalls ging diesem Teil schon seit Jahrzehnten der permantente Wandel auf die Eier(stöcke). Genauso lange war es jedoch nicht erlaubt, seinen Emotionen nachzugehen. Die strenge Mama war im Haus und kontrollierte den Zugang zum Internet. Jetzt kam es zu einem Befreiungsschlag: Der fürsorgliche Vater sorgte sich um seine Kinder und sprach: Schaut her! Auch ich beiße von diesem Burger ab! Und gerade weil das Zeug so ungesund ist, bestelle ich mir noch einen! Und was ich mir erlaube, solltet ihr euch auch erlauben! Du darfst! Just do it!

Auftritt Mama-Bär: Aber Kinder! Bedenkt doch die Fakten!

Die gefühls-emanzipierten Kinder jedoch bildeten sich im Internet weiter und rufen: Bleib mir mit deinen Fakten vom Leib! Früher hatten die Menschen im Alter auch keine Krankheiten! Gesundheitsvorsorge ist doch nur eine Verschwörung!

Die Verbindung zu dieser übergroßen Moral wurde durchbrochen. Endlich kann der kleine Mensch von der Straße tun, was er will.

Das Problem lautet allerdings: Mama-Bär machte die Kinder zu unterwürfigen Ja-Sagern. Papa-Bär erzieht seine Kinder zu trotzigen Nein-Sagern. Beide machen sie jedoch abhängig von sich. Bei beiden lernen sie nicht, selbstverantwortlich ihr Leben zu gestalten. Doch wer sein Leben nicht selbst in die Hand nimmt, sondern sich von anderen an die Hand nehmen lässt, bleibt auf Dauer unglücklich.