Kategorie-Archiv: Führung und Kommunikation

Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung

Neben der Menschlichkeit kommen wir ebenso nicht umhin, unser Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung zu klären:

  • Was passiert, wenn meine Mitarbeiter weitgehend nur noch per mobilem Endgerät verfügbar sind?

  • Wieviel Vertrauen habe ich in Sie, wenn ich sie nur noch per Stimme oder Bildschirm sehe?

Wenn Führungskräfte auf die Digitalisierung ähnlich wie Eltern reagieren, stehen uns düstere Zeiten bevor. Um dies zu verhindern, brauchen wir dringend eine Diskussion über die Frage, wie viel Grundvertrauen in den Menschen, d.h. welches Menschenbild wir haben, was wir anderen zutrauen und welche Feedback- und Kontrollschleifen wir brauchen?

Um dieses Gefühl des Vertrauens aufzubauen, ist die Nähe zum Mitarbeiter, wenn er (oder sie) schon mal greifbar ist, unabdingbar. Die digitale Ferne des agilen Führungszeitalters braucht als Gegenpol die menschliche Nähe eines ernsthaften Beziehungsmanagements, ein modernes Management by Walking around 2.0, in meiner Vision eine provokante, humorvolle, authentische Führung mit klaren Führungsprinzipien für einen ehrlichen Erwartungsaustausch und auch über die Ferne tragende Beziehungen.

Mehr dazu unter: https://www.metropolitan.de/buch/provokant-authentisch-agil

Menschlichkeit in Zeiten der Digitalisierung

Je näher uns die Digitalisierung auf die Pelle rückt, desto lauter wird der Ruf nach Menschlichkeit. Um das zu verstehen, muss uns klar sein (oder werden), was Digitalisierung bedeutet. Digitalisierung ist eben nicht dasselbe wie Technologisierung. Digitalisierung ist nicht der 1:1-Austausch vom Analogen zur Technik, vom frontalen Kundengespräch zur Dunkelverarbeitung im Hintergrund oder von der menschlichen Entscheidung zum Algorithmus.

Die Digitalisierung von Unternehmensabläufen zwingt uns, Prozesse komplett neu zu überdenken, um zu klären, was in Zukunft digital ablaufen soll und was nicht. Wir brauchen daher dringend eine Diskussion über das Verhältnis Menschlichkeit vs. Technik. Natürlich könnten wir nun sagen: Ist doch ganz einfach. Der Computer bereitet Entscheidungen vor. Der Mensch bekommt die Informationen, trifft seine Entscheidung und verkauft diese dem Kunden.

Ist es so einfach? Was passiert, wenn Menschen entgegen den Informationen des Algorithmus entscheiden? Wie können sie so eine Entscheidung rechtfertigen? Seien wir ehrlich: Letztlich hat der Computer die Entscheidung getroffen. Die meisten Menschen sind Herdentiere. Und warum sollte der Computer falsch liegen, nur weil ich ein gegenteiliges Bauchgefühl habe?

Und was passiert, wenn Algorithmen im Zuge der künstlichen Intelligenzentwicklung dazulernen? Sind wir dann nur noch dazu da, die Entscheidungen des Computers einem ungläubigen Versicherungsnehmer zu erklären, obwohl wir sie vielleicht selber nicht verstehen?

Wie viel Menschlichkeit in Zeiten der Digitalisierung wollen wir uns bewahren?

Nietzsche Revisited – Ein Beitrag zur Bundestagswahl 2017

Friedrich Nietzsche unterschied Apollinische von Dionysischen Gesellschaften. Zwar gibt es keine Gesellschaft, die ausschließlich das eine verfolgt. Dennoch sah er in der damaligen Gesellschaft eindeutig das Apollinische in der Oberhand. Die heutige Gesellschaft wäre aus seiner Sicht mit Sicherheit noch (bitte Steigerung einfügen) schlimmer.

Das Apollinische

Das Apollinische ist für Nietzsche die Sprache, der Intellekt, die Wissenschaft, die Industrie, der Fortschritt, der Staat, das Maskenhafte am Menschen, die Rollen, die er spielt, gesellschaftliche Regeln, letztlich alles, was echtes Leben unterdrückt. Man könnte sagen alles Bürgerliche, sogar oder v.a. die Religion, die zwar einen Zugang zum Dionysischen schaffen, diesen jedoch durch starre Regeln wieder einschränkt.

Das DionysischeWut

Das Dionysische ist für Nietzsche alles, was den Menschen lebendig macht: Liebe, Kampf, Wut, Trauer, Leiden, Aufopferung und Spannung. Das Dionysische macht das wahre Leben aus, ist jedoch oft so unerträglich intensiv, dass wir das Apollinische als Vermittler brauchen, um uns nicht darin zu verlieren. Die Sprache jedoch kann das Dionysische niemals zu 100% vermittelt. Darin besteht das Dilemma des Dionysischen: Wir streben es an, uns lebendig zu fühlen und gehen ohne eine Apollinische Vermittlung darin unter (siehe auch: Die 7 Todsünden). Aus Genuss wird Sucht und Völlerei. Aus Liebe wird Eifersucht. Aus Nervenkitzel wird Todesangst. Aus Kampf wird Krieg. Die Apollinische Vermittlung jedoch nimmt dem Leben seine Nähe und Lebendigkeit.

Kunst und Kultur

Das einzige, was dem Dionysischen in unserer Zeit nahe kommt, ist die Kunst, v.a. die Musik (Nietzsche war in jungen Jahren ein großer Anhänger von Wagner). Nur in der Musik findet ein unmittelbarer Kontakt zu den großen Gefühlen und Mythen den Menschen statt, findet er Einklang mit sich, allen anderen Menschen, Ralph Waldo Emmersons Weltenseele, dem Kosmos, Gott, mit seiner Vergangenheit und Zukunft. Kunst und Kultur als universale Weltensprache ist die einzige Sprache, die alle Menschen verstehen und daher die Macht hat, Menschen aller Herkunft, Hautfarbe und Sprache zu verbinden.

Nietzsche Revisited 2017

Diese Unterscheidung erscheint mir auch heute noch brennend aktuell. Was sind Hasskommentare anderes als der Wunsch nach Provokation, der Wunsch, in den Kampf zu ziehen, der Wunsch durch die Verletzung des Gegners eine echte Reaktion zu provozieren, dem ansonsten (vielleicht) tristen Leben etwas Würze zu verleihen? Die Provokationen, die wir auf Deutschlands Straßen als auch im Internet seit einigen Jahren miterleben, erscheinen wenig sinnvoll. Sicherlich, es werden neue Themen platziert, rechtes Gedankengut wird hoffähig. Doch ansonsten erscheint es seltsam, dass Menschen, die i.d.R. satt genug sein müssten dennoch demonstrieren. Oft sind es auch nicht die Ärmsten der Armen, die auf die Straße gehen. Im Gegenteil handelt es sich um bunt gemischte Gruppen in Dresden und anderswo. Gut situiert, studiert, jung, alt, arm, reich. Das Märchen vom rechten Lumpenproletariat können wir uns abschminken. Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was wollen diese Menschen? Wurden sie vergessen? Die fortschreitende Digitalisierung, Flexibilisierung, TTIP, Globalisierung und Flüchtlingskrise können die Auslöser einer tieferliegenden Frustration sein. Können Sie jedoch deren Hintergründe erklären? Warum reagieren Menschen mit Wut und Hass auf eine Frau, deren größtes Verbrechen es ist, nichts zu tun und ihr zweitgrößtes das zu tun, was gerade angesagt ist? Wenn Sie mich fragen: Frau Merkel langweilt mich. War da sonst noch was? Ich hab in mir nachgesehen und nichts gefunden.

Was jedoch, wenn die Volksseele nach etwas anderem dürstet (wer Nietzsche liest, verfällt bisweilen in diesen romantischen Duktus)? Was, wenn Ihnen die Mythen fehlen? Das Dionysische? Wenn Sie sich im Spiegel stets wiederkehrender Nachrichten einfach nur langweilen? Was ist, wenn Sie das Maskenhafte satt haben? Das Spiel der Politiker, die nur noch sagen, was sie sagen dürfen. Andernfalls würde man sie innerhalb von fünf Minuten medial lynchen. Das Spiel der Interviewer, von denen nur wenige bis an die Schmerzgrenze gehen. Die oft auch unsauber recherchieren. Der Konkurrenz- und Zeitdruck lässt es kaum noch zu. Das Spiel der Lehrer, die Angst vor den Eltern haben. Das Spiel der Führungskräfte, die Angst vor dem Betriebsrat haben. Eltern, die ihre Kinder sich selbst und den Medien überlassen: Laissez Faire 2.0. Haben die Eltern vor ihren Kindern Angst? Keine klaren Worte. Kein Reißen, Zerren, Beben oder Strecken für die gute Sache, was auch immer das sein mag. Das Leiden und Kämpfen spielt sich stattdessen stellvertretend im Kino und vor den heimischen Fernsehern ab. Wer braucht Auseinandersetzungen, wenn es Star Wars gibt und sich der Kabarettist in der Anstalt so herrlich aufregt? Das reicht doch für mich mit, oder etwa nicht?

Die Wahl der Waffen lässt sich kritisieren. Dennoch ist es meines Erachtens die Überlegung wert, worin die tieferen Gründe unserer aktuellen Lage bestehen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Schlüssel auf diese Frage Lebendigkeit heisst.

Das Amfortas-Syndrom besagt, dass wir uns oft nicht trauen, die richtigen Fragen zu stellen, weil wir vor den Antworten Angst haben. Was würde jedoch passieren, würden wir unser Gegenüber, gerne auch einen politischen Gegner, fragen: Wann fühlst du dich lebendig? Wofür lebst du? Wofür arbeitest du? Was willst du deinen Kindern beibringen? Was soll die Nachwelt über dich erzählen? Wofür schlägt dein Herz?

Zuvor sollten wir diese Fragen jedoch für uns selbst klären.

Vielleicht kommen wir damit der Wahrheit, die nicht irgendwo da draußen ist, sondern immer dazwischen liegt,  ein Stückchen näher als mit den üblichen Dafür-Dagegen-Spielchen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Führung

Management vs. Führung

Worum kümmert sich Management? Ein Manager sichtet, bewertet und delegiert Aufgaben. Ein Manager plant, strukturiert und organisiert. Ein Manager ‚verwaltet‘ Aufgaben, Prozesse, Projekte und organisiert diese möglichst deckungsgleich mit den Zeitbudgets seiner Mitarbeiter. Manager gehen sachorientiert an Aufgaben. Manager fragen sich, was in welcher Zeit zu tun ist.

Eine Führungskraft führt. Sie geht als Leitfigur voran, gibt Orientierung im alltäglichen Chaos, agiert werteorientiert, ist standhaft, visioniert, motiviert, treibt an, gibt Feedback, zieht Grenzen, schlichtet Konflikte, betreibt Bindungsarbeit und hilft in Identitäts- und Loyalitäts-Krisen. Führungskräfte gehen beziehungsorientiert an Aufgaben. Führungskräfte fragen sich, wie und warum Aufgaben erledigt werden sollen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Führung

Digitalisierungsmaßnahmen werden in Zukunft einen Großteil der Managementaufgaben übernehmen. Der Computer bestimmt dann, was in welcher Zeit zu erledigen ist, welche Ressourcen dafür erforderlich sind oder an wen ich mich im Fall X wenden kann. Jüngere Generationen starten ohnehin mit der Haltung in den Beruf: Ich weiß, was ich tun muss. Ich weiß, wo ich nachsehen muss. Ich habe alles im Griff und führe (eigentlich manage) mich selbst. Damit fällt ein Großteil klassischer Managementaufgaben weg. Übrig bleiben Führungsaufgaben, für die bisher so wenig Zeit war. Führungsaufgaben, die nötig sind, weil unter der Schwelle hoher Medienkompetenz nach wie vor Unsicherheiten lauern.

Führungsvakuum oder Führungsfreiraum?

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Digitalisierung, Flexibilisierung und Individualisierung

Dadurch entsteht ein Führungsvakuum. Führungskräfte müssen Ihre neue Rolle erst finden. Es besteht aber auch die Chance zu einem Führungsfreiraum zur Entwicklung von Visionen, Ideen und der Ausübung von Beziehungsarbeit.

Führungskräfte sollten sich mit folgenden Fragen auseinander setzen:

  • Was ist wirklich wichtig? Wie vermittle ich Prioritäten?

  • Wie motiviere ich und vermittle den Sinn unserer Arbeit?

  • Wie helfe ich meinen Mitarbeitern bei Konflikten und Stress?

  • Wie vermittle ich v.a. jungen Mitarbeitern Orientierung, die vor lauter Selbststeuerung, -organisation und Eigenkontrolle vergessen, sich selbst zu regulieren und sich übernehmen?

  • Wie helfe ich Mitarbeitern bei ihrer Balance zwischen Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit, Projektarbeit und Freizeit?

  • Wie begrenze sich individuelle Spielräume von Mitarbeitern, die ihre Leistung schlecht selbst einschätzen können und sich überfordern?

  • Welche Feedbacksysteme zur Wertschätzung der Arbeit etabliere ich?

Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Besser wir machen das Beste daraus!

Wuerstchen oder Wetterprognose

In der Prioritätensetzung heißt es oft: Mach, was wichtig ist und nicht nur, was dringend erscheint. Lass dir nicht alles von außen diktieren, vor allem nicht die Dringlichkeit einer hektischen Welt und eines hektischen Chefs, wo wir doch insgeheim wissen, dass sich manche Aufgabe auf den zweiten Blick leichter lösen ließe, als mit heißen Nadeln zu stricken. Sie kennen ja die Unterscheidung zwischen dem frühen Vogel und der zweiten Maus, die den Speck kriegt.

Also wichtig statt dringend! Doch was genau ist wichtig?

Sehen wir uns die Kategorie wichtig genauer an, wird deutlich, dass alles Wichtige früher oder später Konsequenzen nach sich zieht. Unterteilen wir den Begriff der Konsequenzen, kommen wir auf drei wesentliche Unterscheidungen:

  1. Konsequenzen für eine Vielzahl von Beteiligten, die dazu noch

  2. langfristig wirken, sind

  3. meist gravierend und schwer aushaltbar.

Damit unterteilen wir Konsequenzen in eine quantitative, zeitliche und qualitative Dimension.

Würstchen- oder Wetterfrage?

Warum diese Unterscheidung so wichtig ist, zeigt sich spätestens bei Menschen mit Entscheidungsschwäche. Zur Verdeutlichung stelle ich das Würstchen- dem Wetterparadigma gegenüber: Stellen Sie sich vor, Sie müssen bei einem Tag der offenen Tür entscheiden, was es zu Essen gibt. Konkret haben Sie die Auswahl zwischen groben und feinen Bratwürsten. Klingt banal. Manche von uns machen sich darüber allerdings umfangreiche Gedanken. Lassen Sie uns die Konsequenzen durchgehen:

  1. Wird es viele Personen betreffen? Ein paar sicherlich. Die meisten werden jedoch so oder so zufrieden sein. Der Erfolg der Veranstaltung hängt jedoch sicherlich von anderen Faktoren ab.

  2. Wird es langfristige Konsequenzen haben? Nicht wirklich. Ich würde sagen: Bis zum nächsten Stuhlgang. Die Wahrscheinlichkeit, dass noch Jahre später vom Frevel des falschen Würstchens gesprochen wird, hält sich in Grenzen.

  3. Manche Gäste werden meckern. Die tun das immer. Wir tun ihnen sogar einen Gefallen, wenn nicht alles perfekt ist. Ist das Gemecker auszuhalten? Unbedingt!

Schauen wir uns stattdessen die Entscheidung an, bei einer Regenwahrscheinlichkeit im schönen Sommermonat Juni von 30% draußen zu feiern:

  1. Es wird alle Personen betreffen! Vielleicht sogar die Technik oder das durchweichte Essen. Darauf müssen wir uns einstellen bzw. Schutzmaßnahmen überlegen.

  2. Wird es langfristige Konsequenzen nach sich ziehen? Natürlich! Immerhin geht es nicht nur darum, dass Gäste eventuell früher gehen, sondern insgesamt um den Ruf der Organisation.

  3. Wenn es regnet, gehen die Gäste früher. Scheint die Sonne, schwitzen sie in den Innenräumen und gehen ebenso früher. Die Unlösbarkeit dieses inneren Dilemmas lässt sich nur auf einer anderen Ebene lösen: Welches Bild wollen Sie vermitteln? Welche Werte wollen Sie transportieren? Wollen Sie mutig sein, und dem Regen trotzen? Oder gehen Sie auf Nummer Sicher? Was ist leichter auszuhalten? Der Spruch: Ihr Luschen! Beim kleinsten Tropfen geht ihr nach drinnen! Oder: Ihr seid ganz schön wagemutig, vielleicht sogar verrückt!

Was lernen wir aus all dem?
  1. Vertauschen wir die Würstchen mit Beamer oder Digitalkamera, stoßen wir auf eine Menge alltäglicher Entscheidungen, deren Konsequenzen wir maßlos überschätzen. Nach spätestens drei Monaten kommt wieder ein neues Gerät auf den Markt und wir können mit unserer Recherche von neuem beginnen. Letztlich kommt es nicht darauf an, das perfekte Gerät zu kaufen, sondern aus dem was wir haben, das beste zu machen. Nach einem halben Jahr haben wir uns schließlich so an das ehemals Neue gewöhnt, dass wir ganr nicht mehr verstehen können, warum wir uns zuvor nicht entscheiden konnten.

  2. Vertauschen wir Wetter mit Urlaub, Mitarbeitergespräch oder Seminar ergibt sich eine Vielzahl an Situationen, die wir niemals vollständig vorausdenken können. Planung erscheint wichtig, wird aber immer nur einen Teil des Erfolgs eines Gesprächs oder einer Veranstaltung ausmachen. Was also ist das Wesentliche, das wir vermitteln oder erreichen wollen?