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It was just a joke

Neulich waren wir im Kino, haben gelacht, gelitten und waren peinlich berührt. Wir schauten uns Toni Erdmann an, was mich dazu veranlasste, mich tiefer mit dem Thema „Wir verstehen und nicht (mehr)“ zu beschäftigen.

Unterschiedliche Welten, unterschiedliche Regeln

Wir leben in unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Regeln. Diese Welten gleichen einem Spielfeld und dem dazugehörigen Spiel. So wie ein Fußballspiel nur durch die Begrenzung des Spielfelds und klare Regeln funktioniert, läuft das Kommunizieren in diesen Welten auch nur mit bewussten und unbewussten Regeln reibungsfrei ab, sofern die Regeln von allen geachtet werden.

Ein Prinzip jeden Spiels ist die Reduzierung möglicher Handlungsakte. Dies scheint auf den ersten Blick ein Interagieren komplizierter zu machen, erhöht jedoch auf den zweiten Blick den Reiz am Spiel ansich. Man stelle ich vor, wir würden Packman spielen, ohne Gegner, ohne Pillen, die einen schneller rennen lassen, ohne Labyrinthe. Man stelle sich vor, Pacman bestünde aus einem Männchen, dass auf einer geraden Linie Punkte einsammelt, ohne jemals einem Gegner zu begegnen. Wie spannend!

Neben der Ermöglichung einer Interaktion überhaupt, machen Regeln Spiele prickelnder, indem sie die Spreu vom Weizen trennen: Wer es schafft, sich an die Regeln zu halten und dennoch gewinnt, ist ein toller Hecht – eine Variante des Handicap-Prinzips.

Nebenbei: In einem Spiel zu betrügen – auch zu lügen – ist letztlich ein Zeichen, die Regeln des Spiels anzuerkennen. Dabei stellt sich die Frage, wer oder was schwerer zu akzeptieren ist:

  • Jemand, der die Regeln anerkennt, sich jedoch machtvoll darüber hinweg setzt, als gelten sie für alle anderen, nicht jedoch für sie oder ihn?

  • Oder ein Spielverderber, der sich gar nicht erst auf die Regeln einlässt? Karneval ist ja auch eine saublöde, kindische Veranstaltung!

Vor Gericht wird deutlich: Ein Betrüger, der seine Fehler reuevoll eingesteht, kommt in einem Geschworenengericht deutlich besser weg, als ein uneinsichtiger Betrüger.Zu betrügen ist in Ordnung, wenn du dennoch an die Regeln des gemeinsamen Spiels glaubst.

Die Mühen eines Schmetterlings

Übertragen auf unsere Welten stelle man sich vor, wir würden morgens aufstehen, Cafe und Toast würden stets perfekt gelingen – die Industrie arbeitet daran – Chefin und Kolleginnen wären immer gut gelaunt, es gäbe keine Gerüchte, keine Probleme, keine Kämpfe. Huxley würde sagen: Eine schöne neue Welt!

Ein Bild: Wer den Cocon eines späteren Schmetterlings findet, mag in die Versuchung kommen, dem sich abmühenden eingepuppten Ding zu helfen, sich vor-zeitig aus seinem natürlichen Gefängnis zu befreien. Wer dies jedoch tut, verurteilt den Schmetterling zum Tode. Er beraubt ihn der Fähigkeit, sich Muskeln für später anzutrainieren. Der Cocon fungiert wie ein muskelbepackter Türwächter vor einer In-Diskothek in Schwabing: „Du kommst hier nicht rein! Solange, bis die Frisur stimmt.“

Der Übergang von der einen in die andere Welt ist bisweilen schmerzhaft, zumindest verbunden mit Mühen und Strapazen.

Kinder- und Erwachsenenwelten

Die Kinderwelt gibt vor, nicht voraus denken zu müssen – auch nicht zurück – da sie sonst stetig an die Konsequenzen des eigenen Handelns denken müsste, was ein Tätig Werden und Ausprobieren neuen Repertoires erschweren, gar unmöglich machen würde. Damit geht jedoch auch einher, dass Kinder zu Beginn wenig bis keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen dürfen. Denn Verantwortung hieße im schlimmsten aller Fälle ein schlechtes Gewissen für eine Tat inklusive negativer Konsequenzen für andere, letztlich auch für sich selbst. Die Welt der Eltern jedoch ist gerade geprägt durch die Erfahrung, Verantwortung für das eigene Tun und und das Tun anderer zu übernehmen: Eltern haften für ihre Kinder!

Werden Kinder älter, übernehmen sie Erfahrung für Erfahrung die Sichtweise von Ältern. Sie lernen, dass alles, was wir tun Konsequenzen hat. Tapfen sie in den Fußstapfen ihrer Eltern, übernehmen sie deren Sichtweisen auf die Welt. Sie übernehmen die bewussten und v.a. unbewussten Regeln des Spiels auf dessen Spielfeld die Eltern sich bewegen.

Suchen Kinder sich andere Spielfelder, um sich abzugrenzen, spielen sie folglich nach anderen Regeln. Die Regeln können sich jedoch so stark unterscheiden, dass eine Kommunikation kaum noch möglich erscheint, da diese Regeln alles durchdringen:

Die Sprache, persönliche Ziele, Werte, Wahrnehmungen, Handlungen.

Der Culture-Clash in Toni Erdmann

Der Film Toni Erdmann macht dies deutlich. Vater und Tochter leben in unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Zielen und Werten. Er, ein Lehrer und Sozialromantiker, wie gut, dass 68-Klischees immer noch greifen, versucht die kleine Welt um ihn herum mit Witzen am Leben zu halten. Bei aller Peinlichkeit hat dieser Umgang mit seinem (Rest-) Leben auch etwas Spielerisch-Kämpferisches. Wie eine Figur aus einem Fassbinder-Film lehnt er sich auf gegen die Tristesse eines kleinstädtischen Alltags. Das Lehrerdasein, die Besuche bei der Mutter, der Hund geht seinem Ende entgegen, ein unmotivierter Klavierschüler und ab und an ein Kaffeekränzchen mit Verwandten. 1970 ließen Fengler und Fassbinder ihren namenlosen Helden im Film „Warum Herr R. Amok läuft“ die aggressive Variante der Auflehnung gegen bürgerliche Kaffeekränzchen ausführen. Er jedoch flüchtet in Witze, als hätte er nichts aus Kunderas „Der Witz“ gelernt. Große Ziele? Fehlanzeige. Die Witze halten ihn am Leben und verhindern gleichzeitig echte Interaktionen mit seinem Umfeld und damit eine Chance auf Nähe und Veränderungen.

Seine Tochter, als komplexe Gegenblaupause, ist so ernst wie man nur sein kann. Als Unternehmensberaterin für McKinsey und Konsorten sucht sie einen anderen Weg, sich gegen ihre bürgerliche Herkunft aufzulehnen. Oberflächlich betrachtet scheint ihr ihr Erfolg recht zu geben: „Toll, wo die überall herum kommt, Bukarest, Shanghai. Und mit wem die alles am Tisch sitzt! Mit den ganz Großen von Siemens und … wie heißen die noch?“

Kein Wunder, dass sie sich geschmeichelt fühlt. Kein Wunder, dass es ihr zu eng wurde in der kleinstädtischen Ungreifbarkeit des Lebens zwischen fassbinderscher Tristesse und den hilflosen Versuchen ihres Vaters aus „War ja nur ein Scherz“-Momenten Hoffnung zu ziehen. In der Tat versucht der Vater im Verlauf des Films mit seiner Strategie des Scherzens auch in der fremden Welt der Business-Menschen Fuß zu fassen. Man müsste zählen, wie häufig der Satz „It was just a joke“ im Verlauf des Films fällt.

Was jedoch in seiner kleinen Welt als Schrulle gerade so akzeptiert wird, wird in der ernsten Welt des Big Business nicht verstanden. An vielen Stellen weiß der Zuschauer nicht, ob er lachen, weinen oder peinlich berührt sein soll, wenn der Vater wieder einmal einen „Joke“ macht und anschließend zurückrudert.

Was ist Glück?

Dass die Regeln der verschiedenen Spielplätze nicht auf Sprache reduziert sind, sondern viel viel mehr enthalten, zeigt sich in der Szene, in der er seine Tochter fragt: Bist du glücklich? Eine Frage, die sich der Zuschauer von der ersten Minute ab stellt. Kann so jemand glücklich sein? Jemand, der die ganze Zeit am Handy hängt, sich konktrolliert, kaum lächelt. Fakt ist: In Szenen, in der sich die Tochter in der kleinbürgerlichen Welt der Eltern befindet, ist sie mit Sicherheit nicht glücklich. Wie auch? Es ist nicht ihre Welt. Dort wird nach anderen Regeln gespielt. Dort werden Kuchen in Tupperware für den nächsten Tag mit nach Hause genommen. Dort wird auf Canapes allenfalls gesessen, gegessen werden Häppchen.

Soll sie sagen: „Ja, aber das verstehst du nicht.“ Ein „Nein“ würde auch nicht passen. Und vielleicht ist da wirklich ein Stückchen „Nein“. Das sorglose Schmettern eines Whitney Houston-Songs auf einer Party lässt vermuten. Ganz glücklich zu sein sieht anders aus. Sich fallen lassen, sich gehen lassen, als ganzer Mensch im Tun aufgehen, wie es nur Musik oder Theater als Spielwiesen erwachsener Kindheitswelten schaffen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Ohne überhaupt an irgendetwas zu denken, einfach nur tun. Wie in Kindheitstagen. So wie es der Vater vorlebt, und damit ebenso scheitert, zumindest nicht viel weiter kommt im Leben, da auch in seiner Welt die Regeln anders lauten.

„Nein“ zu sagen hieße, sich auf die Spielregeln des Vaters einzulassen. Spielregeln, die er selbst immer wieder durch seine Witze durchbricht und dennoch stillschweigend akzeptiert. Dies kann sie nicht tun. Sie spielt ein anderes Spiel mit anderen Regeln. Auf ihrer Spielwiese heißt glücklich sein, heraus zu kommen aus der familiär-bürgerlichen Tristesse, zu koksen, Erfolg zu haben, schnellen Sex zu konsumieren, mit Millionen von Euro zu jonglieren, machtvoll über andere Menschen zu bestimmen, in einem Satz das Motto „work hard, party hard“ zu leben. Und dazu noch, sich in einer testosteronverseuchten Männerwelt zu behaupten. Wenn ihr Chef sagt „Du bist ein Biest!“ gibt es kaum eine höhere Anerkennung in dieser Welt.

Ist sie glücklich? Nach ihren Maßstäben natürlich. Vielleicht oberflächlich? Vielleicht wirklich? Das lässt sich wohl nur erfassen, wenn wir nach den Regeln dieser Welt spielen. Eine Beurteilung von außen wäre arrogant.

Kann sie das ihrem sozialromantischen Vater vermitteln? Wohl kaum. Sie trägt Verantwortung, während sich ihr Vater um jede Verantwortung drückt. Verkehrte Welt. Er freilich sieht dies anders: Ihre Verantwortung ist die Ausbeutung anderer.

Was bleibt ihr übrig, als ihn zu fragen, ob er denn selbst glücklich sei, worauf auch er keine Antwort weiß. So stehen sie da, in fremden Welten, mit fremden Werten und wissen beide mindestens unbewusst, dass sie nicht zueinander kommen. Die Witze der Vaters sind ein Symbol der Unfähigkeit, echten Kontakt zu anderen aufzunehmen und wenigstens in der Interaktion mit anderen Echtheit und Nähe zu erfahren. Die Abneigung vor der Unfähigkeit des Vaters zu Nähe führte bei ihr zu einer Flucht in die Welt der großen Hebel. Verantwortung übernehmen. Etwas bewegen im Leben.

In derselben Szene sagt sie: „Ich kenne Männer in deinem Alter, die haben noch größere Ziele, als anderen ein Furzkissen unterzuschieben.“

Er: „Ich habe gar kein Furzkissen.“

Die Erkenntnis, dass er tatsächlich nichts mehr will im Leben außer zu verstehen, was in der Tochter-Vater-Beziehung schief lief, ist allzu schmerzhaft.

Was also ist Glück? Vielleicht die Erkenntnis, die aus der letzten Szene herausschreit: Glück lässt sich nur in einzelnen Momenten finden. Auch wenn wir uns nicht verstehen, auch wenn wir unterschiedliche Werte verfolgen, gibt es dennoch einzelne Momente der Nähe und Begegnung. In diesen Momenten ist alles andere egal, als würden sich ein Fußball- und ein Basketballspieler treffen und sich über Ballgefühl unterhalten.

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Einkaufsterror

Wie gerne würde ich einfach so in einen Laden spazieren und eine Hose kaufen. Oder einen Pullover. Oder Shampoo. Und dann stehe ich vor einem Regal und frage mich: Was macht das Koffein in diesem Shampoo? Trinken wollte ich das Zeug nicht. Oder macht das mein Haar … wacher? Ich habe selber jeden Morgen so was von wachen Haaren. Ich frage mich jedesmal wie die das in Filmen hinbekommen? Ein Paar wacht gemeinsam auf, die Haare sind elegant frisiert. Und sie küssen sich. Wenn ich morgens aufwache, habe ich wache Haare, auch wenn es auch das einzig wache an mir ist, und rieche aus dem Mund, dass es mir selbst schlecht wird. Küssen? Mund zu. Fenster auf.

Und was haben Meeresalgenextrakte in meinem Duschgel verloren? Im Sommer stinkt das Zeug an der Ostsee zum Himmel und wir schmieren uns das freiwillig auf die Haut? Oder Chili. In meinem Duschgel ist Chili. Das mag für Mexikaner OK sein. Ich gebe jedoch zu bedenken: Es gibt Stellen in den Niederungen meines Körpers … Wäre da wirklich Chili drin … Warum sollte ich mir das antun?

Die Konsumindustrie ist durch und durch weiblich. Und dann kommst du nach Hause und hast wieder das falsche Teil gekauft. Oder gar nicht erst entdeckt. Jenseits von Aldi und Lidl bekomme ich epileptische Anfälle.

Frauen finden alles. Wie machen die das? Wie funktionieren weibliche Gehirne? Wenn ein normales Männergehirn alles um sich herum wahrnähme, würde ihm die Gehirnflüssigkeit aus den Ohren spritzen. Information Overflow. Und Mehr noch. Frauen erfinden sogar Namen für all das. Wer jemals einen Blick in einen Lands‘ End Katalog warf, weiß was ich meine? Da gibt es Slipper in Admiral Khaki. Und Mokassins aus Hell Toffee. Trekkingsandalen in Sanddorn oder Zartgrau Achat oder in Tiefsee.

Ich weiß nicht, ob die Berater im Baumarkt wissen, welche Assoziationen sie lostreten, wenn sie einen Küchenfußboden mit einer Farbe namens Secupira-Escura verkaufen? Ich weiß, dass wir in Deutschland zu wenig Kinder zeugen. Aber auf solche Tricks zurückzugreifen … Pfui, ihr Lobbyisten.

Wahrscheinlich ist es ratsam, seine Frau in den Baumarkt mitzunehmen, um spätere Assoziationsdiskrepanzen zu vermeiden. Kaufe keine wirklich wichtigen Dinge ohne deine Frau. Möbelstücke, Autos … Brot, Wurst, Käse. Überall vermintes Gebiet.

Gab es das nicht auch in einer … anderen Farbe?“

Wieviel Prozent Fett ist da drin?“

Du weißt schon, dass ich den Aufstrich mit Schnittlauch wollte.“

Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich das Gefühl habe, mit NULL Anspruch durch die Gegend zu laufen. Und ich bin immer wieder erstaunt, welche Aspekte des Alltags aus weiblicher Sicht noch ein klein wenig optimierbarer sind.

Sie: Du auch.

Er: Was auch?

Sie: Optimierbar. Du bist ebenfalls optimierbar.

Er: Ich dachte tatsächlich, ich wäre perfekt.

Sie: Haha.

Neulich im Drogeriemarkt. Auf meinem Zettel stand: Schulhefte, 5. Klasse, liniert, mit Rand, kariert mit ohne Rand, 7. Klasse, kariert mit liniertem Rand und ohne alles, der Rest darf gerne dabei sein. Allein diese Schulhefte bringen mich an den Rand eines mittelschweren Nervenzusammenbruchs. Dazu empfinde ich mich als Mann gegenüber den Frauen mit ihrem Schulhefteröntgenblick wie Calamitas Brennerhausen gegen den FC Bayern. Sollte ich tatsächlich den Mum aufbringen, die Pille bis an die Spitze zu dribbeln, ernte ich doch nur mitleidige Blicke. Der Ball empfindet daraufhin eine solche Scham vor meinem Fuß, dass ein weiteres Bemühen zwecklos erscheint. Ich spüre bei jedem Schritt das hämische Lächeln der kompletten Schreibwarenabteilung in meinem Nacken. Vereinzelt entdecke ich verstreute Fans meines eigenen Vereins ebenso hilf- und ziellos umherstolpern. Ein Wunder, sollten sie jemals wieder nach Hause finden. Und warum gibt es für solche Fälle keine Auffangstation mit psychologischer Betreuung?

Selbst die Regale richten ihre Augen auf mich und warten, bis ich einen Fehler mache. Deshalb zeige auch niemandem meinen Laufzettel. Sobald ich mich umdrehe, weicht das Lächeln einem gönnerhaften „Kann ich Ihnen helfen?“. Mein Reststolz verneint stets. Ich muss die Hefte alleine finden. Dafür dauert es Stunden, bis ich wieder an eine Dosis frischen Sauerstoff komme. Zuhause wird es heißen: Wo hast du dich herumgetrieben? Und ich brauche einmal mehr eine männliche Ausrede, um den Schein zu wahren: Ich war plötzlich zu Tode betrübt und ging einsam und allein zur Nachmittagszeit in eine Spielothek, um ein paar Kugeln auf dem Billardtisch einzulochen und an einem einarmigen Banditen mein Geld zu verprassen. Ich werde es nicht wieder tun. Versprochen. Zum Beweis trinke ich 1-2 Biere und einen Korn. Dabei fröhne ich der alkholischen Entspannung für gewöhnlich erst in den Abendstunden. Wir alle müssen Opfer bringen. Die Wahrheit wäre jedoch viel zu schmerzhaft.

Habe ich endlich gefühlt alle Schulhefte beisammen, stelle ich jedesmal fest, dass auf meinem Zettel ein weiteres steht, das nirgendwo zu finden ist und erst nächste Woche wieder geliefert wird. Mir ist, als würden mich die Regale höhnisch angrinsen.

Zusätzlich galt es, Fineliner, nur die dunkelfarbigen, und Deo, ohne Aluminium zu besorgen. Nachdem ich die Finelinersuche schnell abhakte, oh Wunder, konnte ich mich endlich um mein Deo kümmern. Mein Stolz hatte seine Talsohle erreicht. Zeit, sich den Rat einer weiblichen Fachkraft einzuholen.

Ich: Das Deo hier, ist das ohne Aluminium?

Ich liebe es, kluge, ökologisch korrekte Fragen zu stellen.

Verkäuferin: Sie sind in der Schreibwarenabteilung. Das, mein Herr, ist ein Klebestift. Aber probieren Sie ihn aus. Den gibt es seit Neuestem in Minz- und Himbeer-Geschmack.

Sie sagte Geschmack. Nicht Duft oder Duftnote. Nein, sie sagte tatsächlich Geschmack. Die schrecken heutzutage vor nichts mehr zurück. Da gehst du ein Jahr lang nicht aus dem Haus, um an einem Buch zu schreiben, das vermutlich nie verlegt wird und mit einem mal wuchs dir die Welt über den Kopf.

Nicht genug damit, dass ich mich als Mann in der Frauenwelt bewehren muss. Früher gab es wenigstens Ecken, in denen ein Mann sich verstecken konnte. Erholungsgebiete. Ich meine nicht die Männerparkplätze in textilen Shopping-Paradiesen. Ich denke an Zonen, die früher ausnahmslos Männern vorbehalten waren. Wo sind diese Jagdreviere heute?

Wie die Schöne auf dem alten 100-Francs-Schein erstürmen Frauen mit halbbedeckten Brüsten Baumärkte, diese letzten Bastionen der Männlichkeit, und befreien Holz, Hämmer und Schrauben aus den Händen plumper männlicher Hinterwäldler: Scheiß auf die Brüderlichkeit. Die galt ohnehin nur für Männer. Wir wollen Liberté und Egalité!

Der archaische Mann kommt da nicht mehr mit. Wir sind abhängig. Abhängig von Frauen.

Stichwort Jeans einkaufen.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich hätte gerne eine Jeans.“

„Sehr gerne, der Herr.“

Alleine dieses „Sehr gerne“ … das macht mich so aggressiv.

Möchten Sie eine Slim fit, Easy fit, Relaxed fit, Baggy, Extra Baggy, Stonewashed oder im Used-Look? Verblichen oder normal? Mit Knöpfen oder Reißverschluss?“

„Ich hätte gerne eine normale Jeans. Wie sie früher die einzige war.“

Bei Männern stürzt bei einer solchen Auswahl die Festplatte ab. Bei Frauen scheint dies essentielle Bedürfnisse zu stillen. Je mehr Wahlmöglichkeiten desto besser.

Langsam steigt Panik in mir hoch. Ich brauche Hilfe! Ohne eine Frau, die mir zeigt, in welcher Farbe ich meine Wanderstiefel kaufen soll, bin ich verloren. Lost in Translation. In Silberfrost, Kackbraun, grauem Schiefer oder Federgrau-Meliert?

Wir Männer haben es nicht so mit der Unterscheidung von Farben, jenseits von braun, schwarz und … dieser anderen Farbe. Vor allem nicht, wenn es keinen Sinn macht. Wen interessiert die Unterscheidung zwischen braun und ein wenig dunklerem braun?

Tatort: Abwasch. 19 Uhr. Irgendwo in Deutschland.

Sie: Da ist noch ein Fleck auf dem Teller.

Er: Wo?

Sie: Na da?

Er: Seh‘ ich nicht.

Sie, mit Nachdruck: Na da! Siehst du ihn nicht, den muhubu-farbenen Fleck? Er könnte sogar ins secupira-escura-artige gehen?

Mann: Häh?

Sie: Vielleicht besteht er auch aus einer Melange aus Kambala und Jatoba.

Er: War das nicht so ein neumodisches Getränk? Was willst du von mir? Brauner Fleck auf braunem Teller? Ich seh den Flecken nicht!

Sie, insistierend: Hier! Sieh hin!

Er: Ah, jetzt spür ich ihn. Du meinst den alten, gammligen, braun-grauen Saucenfleck? Der ist schon ewig eingetrocknet. Spülmaschinenresistent. Selbst das stärkste Antibiotikum könnte gegen den nichts mehr ausrichten.

Sie: Du … bist auch eingetrocknet.

 

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Geheime Spielregeln

… im (männlich dominierten) Berufsalltag

Aus meinen Schlagfertigkeitstrainings (nicht nur für Frauen) habe ich 10 zentrale Punkte zusammengestellt. Dabei geht es mir nicht darum, das i.d.R. männlich dominierte Spiel um Macht und Status mitzuspielen, sondern primär zu verstehen. Im Anschluss kann jede/r selbst entscheiden, ob und wie er oder sie nach diesen Spielregeln mitspielen will. Immerhin gibt es Möglichkeiten, die Spielregeln zu durchbrechen. Das ist jedoch Stoff für ein andermal.

  1. Rangordnung vor Inhalt! Männer kommunizieren innerhalb einer klaren Rangordnung. Nur wer dieses Spiel mitspielt, wird auch ernst genommen. Es geht hier nicht darum, jemandem auf die Füße zu treten, sondern primär um die Klarheit, wo jemand steht. Wenn die Gruppe ihre Hierarchie noch nicht ausgekämpft hat, ist sie auch nicht arbeitsfähig.

  2. Rangordnung achten: Wenn Sie etwas sagen, sprechen Sie nicht in die Runde, sondern wenden sich an die ranghöchste Person. Wenn Ihnen die Nummer 1 zuhört, haben Sie gewonnen. Andernfalls gilt: Wer Vorgesetzte übergeht, wird gerügt. Dies gilt auch für Vorab-Absprachen. Es gibt kaum Schlimmeres, als wenn Meinungsführer erst in der Besprechung von Ihren Plänen erfahren.

  3. Raum einnehmen: Machen Sie sich in Meetings und Besprechungen mit Beiträgen bemerkbar. Gleiches gilt für mehr Redeanteile, wenn auch kurze und knappe Ansagen ebenso ihren Reiz haben. Oder die Körpersprache: Nehmen Sie sich mit Gesten Raum und treten so souverän wie möglich auf.

  4. Wettkampf: Jungs lernen, dass Gewinnen Spaß macht. Diese Erfahrung prägt auch das spätere Verhalten im Beruf. Männer sehen den Beruf als Spielplatz des Wettkampfs. Alles andere gehört zumindest nicht in den offiziellen Arbeitsbereich.

  5. Dienstbesprechung vs. Smalltalk: Männern wird oft vorgeworfen, zu sachlich zu sein. Dabei trennen sie nur strikt zwischen sachlichen Dienstbesprechungen und dem persönlicheren Smalltalk am Rande, der dazu genutzt wird, Kollegen von einer menschlicheren Seite kennenzulernen.

  6. Lächelreflex vs. Pokerface: Lächeln macht zur Kommunikationsaufnahme Sinn. Nicht jedoch, wenn es darum geht, etwas auszukämpfen oder Nein zu sagen, da Freundlichkeit als Signal für „Alles ist gut“ gilt.

  7. Nähe und Distanz: Berührungen sind ein Zeichen von Dominanz. Rangniedere dürfen Ranghöhere niemals berühren, vor allem nicht von oben oder im oberen Körperbereich (Kopf, Schultern). Wer Nähe und Distanz bestimmt oder unangemessene Nähe und Berührungen zurückweist, zeigt Stärke.

  8. Geben und Begrenzen: Informationen und Hilfe sind Macht! Wenn Sie es sich leisten können, jemanden uneigennützig zu unterstützen, ihm zum Beispiel Informationen zu geben, demonstrieren Sie Stärke. Das gleiche gilt für die Übernahme von Verantwortung. Nur wer kompetent ist, kann auch Aufgaben übernehmen, allerdings am besten solche, die mit Prestige verbunden sind. Auf Dauer sollten Sie jedoch darauf achten, wer Ihre Hilfe ausnutzt und wer nicht. Dann gilt: Teilen Sie Informationen nur mit den Menschen, die Sie achten. Damit verschaffen Sie sich einen dauerhaft tragfähigen Unterbau. Beim Geben geht es allerdings nicht um Beliebtheit, sondern um Respekt für Ihre Leistungen.

  9. Statussymbole: Viele Männer sehen in Statussymbolen den angemessenen Anspruch auf das Beste für die Besten. Für den, der das Spiel mitspielen will, gilt: Anzug, Krawatte, Dienstwagen, Parkplatz in der 1. Reihe, Gehaltsvergleiche, Ledermappen, elegante Büroausstattung.

  10. Emotionale und Soziale Kompetenz: Bei all der Rangordnung und Sachlichkeit wird oft vergessen, dass Emotionale und Soziale Kompetenzen immer dann zum tragen, wenn Konflikte auftauchen. Denn dann drängt es sich auf, die sachliche Ebene zu verlassen und eine Balance-Funktion im Team einzunehmen. Nicht umsonst sind gemischte Teams (Mann, Frau, Alt, Jung) am erfolgreichsten.

 

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Wie Sinnhaftigkeit die Leistung erhöht

In einer Studie von Dan Ariely (2008) wurde der Einfluss des Sinns auf die Motivation von Mitarbeiter/innen untersucht. Ariely bildete drei Gruppen, die eine vermeintlich sinnlose Aufgabe erfüllen sollten – business as usual eben ;-). Anschließend sollten sie ihr bearbeitetes Arbeitsblatt abgeben.

  • Bei Gruppe A las der Versuchsleiter genau durch, was sie gemacht hatten (Anerkennung).
  • Gruppe B sollte das Papier auf einen Stapel legen (Ignoranz).
  • Die Arbeitsblätter von Gruppe C wurden vor ihren Augen geschreddert (Demütigung).

Anschließend bekamen sie ein neues Blatt.

Alle Gruppen bekamen die gleiche Bezahlung für ihre Arbeit (55 Cent für das erste Papier, 50 Cent für das zweite usw.). Die Frage lautete nun: Wie lange werden die Gruppen es aushalten, diese sinnlose Arbeit zu machen?

Das Ergebnis:

  • In der Gruppe A hielten 49% alle 11 Runden durch.
  • In den Gruppen B und C hielten nur 17% durch.

In einer anderen Studie ließ Ariely verschiedene Gruppe Bionicles bauen. Gruppe A durfte die Bionicles auf dem Tisch behalten. Die Bionicles von Gruppe B wurden abgegeben und vor ihren Augen sofort wieder zerlegt.

Der Effekt: Die Produktivität der Gruppe A war um 47% höher.

Literatur:
Sebastian Purps-Pardigol: Führen mit Hirn

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Achtsamkeit

Das amerikanische Versicherungsunternehmen Aetna führte 2010 regelmäßige Achtsamkeitstrainings für seine Mitarbeiter/innen ein. Das Ergebnis: Mitarbeiter/innen, die regelmäßig Achtsamkeitsübungen absolvieren, erhöhen ihre Produktivität um 62 Minuten pro Tag und werden seltener krank mit einem Produktivitätsgewinn von 3000 Dollar pro Person und Jahr.
Die Psychologen Killingsworth und Gilbert führten 2010 ein Experiment durch, indem sie Probanden regelmäßig mittels einer App anfunkten, um sich nach ihrer aktuellen Tätigkeit zu erkundigen, ob sie während des Tuns an etwas anderes denken und für wie glücklich sie sich einschätzen.

Das Ergebnis:
In 47% der abgefragten Momente wich das Tun vom Denken ab. Je höher die persönliche Abweichung war, desto unglücklicher schätzten sich die Probanden ein. Je höher die Achtsamkeit, nach Kabat-Zinn „dem Augenblick bewusst Aufmerksamkeit zu schenken“, desto höher das persönliche Glücksempfinden.

In Untersuchungen an meditierenden Menschen (u.a. von Richard Davidson und Britta Hölzel) stellte sich heraus, dass regelmäßig meditierende Menschen, z.B. Mönche, eine 30 mal höhere Aktivität von Gammastrahlen im Gehirn besitzen. Dadurch nimmt die graue Masse zum Aufbau neuer Strukturen und Netzwerke im Hippocampus zu, die graue Masse in der Amygdala nimmt ab. Meditierende sind damit weniger schnell gestresst, kreativer und schneller im Denken und Erfassen komplexer Zusammenhänge.

Literatur:
Sebastian Purps-Pardigol: Führen mit Hirn
Jon Kabat-Zinn: Gesundheit durch Meditation

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