Alle Beiträge von Michael Hübler

Humor als Handicap

Fünf Personen stehen um ihren Chef. Vier davon lachen. Daraufhin wird die fünfte Person gefragt: „Warum lachen Sie nicht?“ Die Antwort: „Ich muss nicht mehr. Ich habe gekündigt.“

Mit diesem Witz beginne ich Führungstrainings, wenn ich besonders wagemutig bin. Meist jedoch bringe ich ihn nach etwa einer Stunde, wenn meine Teilnehmer wissen, mit wem sie es zu tun haben und eine erste Bindung entstanden ist. In den ersten Minuten erzählt wirkt er oft verunsichernd. Später ist der Lacherfolg größer. Humor ist ein Handicap, das ich mir leisten können muss. Zahlte ich zuvor einiges auf das Beziehungskonto ein, kann ich ein Wagnis eingehen und etwas abheben. Bin ich kompetent genug und strahle genügend Ernsthaftigkeit aus, kann ich mir ab und an einen Scherz erlauben.

Humor anzuwenden erfordert den Mut, die üblichen Kommunikationsmuster zu durchbrechen. Als Alexander der Große fragte, was er Diogenes bieten könne, entgegnete dieser nicht das plumpe „Geh mir aus der Sonne“, sondern den um Meilen lyrischeren Spruch: „Du kannst mir nicht bieten, was die Sonne mir bietet.“ Diogenes kam mit einer minimalen Anzahl an Gütern aus. Er lebte von der Hand in den Mund. Warum diese Erkenntnis wichtig ist? Der assoziative Trickser Diogenes hatte nichts zu verlieren. Und wer derart frei ist, kann sich den Mut leisten, humorvoll auszuteilen. Als Platon ihn herausforderte: „Würdest du dich mehr anpassen, müsstest du nicht jeden Tag Linsensuppe essen“, entgegnete Diogenes: „Würde es dir nichts ausmachen, Linsensuppe zu essen, müsstest du dich nicht anpassen.“ Treffer, versenkt. Da die meisten von uns ein wenig mehr zu verlieren haben als Diogenes, gilt: Humor ist wie Champagner: Als Aperitif oder edler Abschluss eines Essens wunderbar geeignet, doch als Hauptgang nicht zu empfehlen.

Humor gilt laut Duden als die Fähigkeit, mit Widrigkeiten des Alltags gelassen umzugehen. Der Dichter Jean Paul sagte: „Humor ist der Gegensatz zwischen Natur und Geist“ und meinte damit den Gegensatz zwischen dem, was ist, wovon wir abhängig sind und dem, was sein könnte.

Soziale Theorien betrachten Humor als verbindend oder separierend: Wer lacht mit wem? Wer hat wessen Humor? Wer lacht über Mario Barth und wer über Hagen Rether? Beide arbeiten mit Humor. Doch dazwischen liegen Welten. Unser Individuum, mehr noch, unsere Gruppenzugehörigkeit, definiert sich über Humor. Wenn Harald Schmidt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Minute lang nichts anderes macht, als auf die Uhr zu blicken und dem Zuschauer damit vor Augen führt, wie GEZ-Gebühren verschleudert werden, ist dies für die einen ein ironisch-zynischer, revolutionärer Akt, für die anderen ein Affront, ein Schlag ins Gesicht. Erst durch diese Zweiteilung funktioniert Humor. Erst wenn sich die bisweilen Intellektuellen vom Bild-Zeitungs-Publikum distanzieren, wird dieser Akt der „Stillen Minute“ zu einem spannenden humorvollen Experiment.

Die Inkongruenz-Theorie besagt: Stimmt die Wirklichkeit nicht mit den eigenen Gedanken oder Gefühlen überein, erfolgt eine Anspannung. Als zweites folgt die Auflösung und mit ihr das Lachen als Entspannungsreaktion: Ah! So ist das! Gute Werbungen arbeiten mit solchen Aha-Effekten: Ein Mann verursacht einen Unfall. Aus dem anderen Wagen steigt ein brutal aussehender Typ wie ein Schrank, der unseren Helden zwingen will, ebenfalls aus seinem Wagen zu steigen. Dieser drückt auf einen Knopf mit der Aufschrift „Trunk Monkey“. Unser Gehirn fragt sich: Ein Affe im Kofferraum? Was soll das? Der Kofferraum öffnet sich. Heraus steigt ein kleiner Schimpanse mit einem Baseballschläger. Den Rest malen Sie sich bitte selbst aus. Nicht nur der Schimpanse, auch Humor an sich kann eine Waffe sein. Wer als Kind ausgelacht wurde, weiß, wie sich boshafter Humor anfühlt. Selbst etwas harmloses wie gemeinsames Lachen wirkt aggressiv, wenn sich die Gesprächspartner dabei ansehen. Beobachten Sie einmal, wie Menschen miteinander lachen: Im Moment der Gesichtsmuskelexplosion blicken sie zur Seite oder auf den Boden. Das gegenseitige Anblicken wäre zu herausfordernd. Daher ist es wichtig, Humor achtsam einzusetzen. Achtsamkeit, die mit dem Gegenpol der Ehrlichkeit, Offenheit, Berechenbarkeit, Wertschätzung, Ernsthaftigkeit und grundlegender Akzeptanz beginnt.

Auszug aus meinem Buch „Provokant, authentisch, agil. Die neue Art des Führens. Wie Sie Mitarbeiter humorvoll aus der Reserve locken.

Oder direkt über Metropolitan: https://www.walhalla.de/wirtschaft-&-management/provokant—authentisch—agil.produkt.html

Agil-demokratische Teamentwicklung

Bedenken gegen Agilität und Demokratie

Der Agilität wird oftmals vorgeworfen, dass sie ins Chaos führe. Jeder pickt sich nur noch die Rosinen heraus, machen nur das Nötigste, Qualität und Leistung leiden, missliebige Aufgaben werden nicht mehr übernommen und am Ende weiß niemand, wer was zu tun hat.

Würden wir eine hierarchische Organisation von heute auf morgen in eine selbstorganisierte überführen, bräche Chaos aus. Selbstorganisation will gelernt sein. Tatsächlich ist es wichtig, Autonomie und Kreativität bei einer großen Zahl der Mitarbeiter erst wieder anzulernen.

Um Teams zu mehr Selbstorganisation anzuleiten, braucht es deshalb Regeln und Strukturen zur Überleitung von hierarchischen Abläufen hin zu mehr Demokratie. Offensichtlich gilt es, Autonomie und Kreativität wieder zu erlernen, nachdem unser Schul- und Universitätssystem uns diese Fähigkeiten aberzog.

Agil-demokratische Teamentwicklung mit der 4R-Methode

Für einen raschen Einstieg in die agile Teambildung entwickelte der Autor die 4R-Methode. Die 4R bieten einem Team eine Orientierung, um Überforderungen auf dem Weg zu mehr Autonomie und Demokratie zu vermeiden:

4R

Wir beginnen mit den Rollen und folgen dem Uhrzeigersinn:

  • Die strikten Rollen von Teamleiter und Gefolge lösen sich auf. Dafür bilden sich neue Rollen aus wie Visionär, Entwickler, Planer, Organisator, Beziehungsförderer, Promotor und Kontrolleur.

  • Richtlinien sind keine konkreten, fixen Regeln, grobe Orientierungen im Sinne eines Wertegerüsts. Bei Netflix gibt es beispielsweise die Richtlinie: Entscheidungen werden so autonom getroffen wie möglich und so vernetzt wie nötig.

  • Während Richtlinien einem Team ein gemeinsames Wertegerüst verleihen, bieten uns Regeln ein engeres Korsett. Verstöße gegen Regeln werden strenger gehandhabt als gegen Richtlinien. Mögliche Teamregeln lauten:

    • Angriffe sollten immer sachlich und niemals persönlich sein.  Im Zweifel nachfragen.

    • Jeder hat recht, aus seiner Perspektive.

    • Und besonders für Teamleiter: Erst zuhören, dann reden.

  • Rituale schließlich sind verbindliche, regelmäßige Strukturen, die einem Team einen festen Rahmen verleihen. In vielen Teams gibt es Freitagnachmittags die wöchentliche Dosis Lessions learned:

    • Was lief diese Woche gut? Was lief schlecht? Was können und wollen wir verändern und verbessern?

    Ansich könnte dieses Ritual einem Team eine Struktur verleihen, glichen die meisten Feedbackrunden nicht einem Nichtangriffspakt, bevor sich jeder so schnell wie möglich ins Wochenende verabschiedet.

    Und vielleicht führen zu Sie zusätzlich zu echten Feedbackrunden das Ritual ein, dass Teamleiter jedesmal beim Delegieren „Aua“ sagen, wenn ihnen das loslassen schwer fällt.

Anmerkung: Den vollständigen Artikel finden Sie hierDie 4R-Methode dürfen Sie gerne benutzen. Ich würde mich allerdings über meine Nennung als Autor freuen. Ansonsten bin ich selbstredend als Moderator, Mediator, Facilitator und Teamentwickler buchbar, mit dieser und einigen anderen Methoden: info@m-huebler.de, Stichwort: Teamentwicklung

Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung

Neben der Menschlichkeit kommen wir ebenso nicht umhin, unser Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle in Zeiten der Digitalisierung zu klären:

  • Was passiert, wenn meine Mitarbeiter weitgehend nur noch per mobilem Endgerät verfügbar sind?

  • Wieviel Vertrauen habe ich in Sie, wenn ich sie nur noch per Stimme oder Bildschirm sehe?

Wenn Führungskräfte auf die Digitalisierung ähnlich wie Eltern reagieren, stehen uns düstere Zeiten bevor. Um dies zu verhindern, brauchen wir dringend eine Diskussion über die Frage, wie viel Grundvertrauen in den Menschen, d.h. welches Menschenbild wir haben, was wir anderen zutrauen und welche Feedback- und Kontrollschleifen wir brauchen?

Um dieses Gefühl des Vertrauens aufzubauen, ist die Nähe zum Mitarbeiter, wenn er (oder sie) schon mal greifbar ist, unabdingbar. Die digitale Ferne des agilen Führungszeitalters braucht als Gegenpol die menschliche Nähe eines ernsthaften Beziehungsmanagements, ein modernes Management by Walking around 2.0, in meiner Vision eine provokante, humorvolle, authentische Führung mit klaren Führungsprinzipien für einen ehrlichen Erwartungsaustausch und auch über die Ferne tragende Beziehungen.

Mehr dazu unter: https://www.metropolitan.de/buch/provokant-authentisch-agil

Menschlichkeit in Zeiten der Digitalisierung

Je näher uns die Digitalisierung auf die Pelle rückt, desto lauter wird der Ruf nach Menschlichkeit. Um das zu verstehen, muss uns klar sein (oder werden), was Digitalisierung bedeutet. Digitalisierung ist eben nicht dasselbe wie Technologisierung. Digitalisierung ist nicht der 1:1-Austausch vom Analogen zur Technik, vom frontalen Kundengespräch zur Dunkelverarbeitung im Hintergrund oder von der menschlichen Entscheidung zum Algorithmus.

Die Digitalisierung von Unternehmensabläufen zwingt uns, Prozesse komplett neu zu überdenken, um zu klären, was in Zukunft digital ablaufen soll und was nicht. Wir brauchen daher dringend eine Diskussion über das Verhältnis Menschlichkeit vs. Technik. Natürlich könnten wir nun sagen: Ist doch ganz einfach. Der Computer bereitet Entscheidungen vor. Der Mensch bekommt die Informationen, trifft seine Entscheidung und verkauft diese dem Kunden.

Ist es so einfach? Was passiert, wenn Menschen entgegen den Informationen des Algorithmus entscheiden? Wie können sie so eine Entscheidung rechtfertigen? Seien wir ehrlich: Letztlich hat der Computer die Entscheidung getroffen. Die meisten Menschen sind Herdentiere. Und warum sollte der Computer falsch liegen, nur weil ich ein gegenteiliges Bauchgefühl habe?

Und was passiert, wenn Algorithmen im Zuge der künstlichen Intelligenzentwicklung dazulernen? Sind wir dann nur noch dazu da, die Entscheidungen des Computers einem ungläubigen Versicherungsnehmer zu erklären, obwohl wir sie vielleicht selber nicht verstehen?

Wie viel Menschlichkeit in Zeiten der Digitalisierung wollen wir uns bewahren?

Jenseits von metoo

Was macht einen guten Film, ein gutes Buch oder in diesem Fall eine gute Serie aus? Sie lässt uns hinter eine Fassade blicken. Sie transportiert mehr als nur eine Geschichte. Sie lässt uns teilhaben an etwas, das wir nicht kennen.

Parfum von Patrick Süßkind ist so ein Buch. Ein Buch, das wir nicht nur lesen, sondern auch riechen können. Six Feet Under ist so eine Serie, die uns die Themen Tod und Selbstmord so nahe bringt, dass es schmerzt und nebenbei das Thema Homosexualität für Nicht-Homosexuelle ohne ironische Brechungen so greifbar werden lässt wie keine mir bekannte andere Serie.

Top of the Lake von Jane Campion

Und jetzt Top of the Lake (https://www.arte.tv/de/videos/RC-015339/top-of-the-lake) von Jane Campion. Nie war es für mich als Mann so spürbar, wie das Leben als Frau oft sein muss. Vordergründig geht es um die Lösung eines Kriminalfalls in einer neuseeländischen Kleinstadt. Ein paar Stichworte: Missbrauch, insbesondere Kindesmissbrauch, Mord, Drogen, gescheiterte Biographien, eheliche Dramen und ein wenig weibliche Esoterik. Harter Tobak und nichts für schwache Nerven. Definitiv eine Triggerwarnung!

Der Hintergrund der Gefühle ist noch um einiges dramatischer. Gibt es in diesem Drama nur einen Mann, dem frau vertrauen kann? In jeder Sekunde habe ich das Gefühl: Gleich passiert wieder etwas. Und zwar nicht irgend etwas, sondern etwas existentiell Böses. Dieses Empfinden, eingerahmt von Machosprüchen und Machtgefälle, ist so bedrückend, wie ich es noch selten auf der Leinwand erlebte.

Was bleibt übrig jenseits von metoo?

Nach und nach wird die metoo-Diskussion abebben. Dann stellt sich die Frage, was bleibt? Wie nachhaltig war es, seine Geschichte zu erzählen? Wird es Machos künftig schwerer fallen, mit dummen Anmachen um sich zu werfen, weil sie Angst haben, sich später dafür verantworten zu müssen? Werden manche von ihnen vielleicht sogar verstehen, dass guter Sex nicht nur mit Macht, sondern mit Vertrauen zu tun hat, einem spielerischen Umgang mit Macht, der nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens funktioniert? Oder werden diese Männer (und manche Frau ebenso) reihenweise Trump und Konsorten wählen?

Hoffentlich bleibt etwas  übrig und hoffentlich finden wir ein gutes Maß im Umgang miteinander. Die Serie von Jane Campion trägt mit Sicherheit zu einem gegenseitigen Verständnis bei. Vielleicht sind die Darstellungen übertrieben? Aber wer bin ich, das beurteilen zu können?